Jugendstil - Das Zeitgeschehen

In Europa setzt sich die Industrialisierung fort. Mehr und mehr Menschen verlassen ihre Dörfer um Geld durch Fabrikarbeit in den Großstädten zu verdienen. Durch den unaufhörlichen Anstieg an Massenproduktion der Industrie, geraten viele der traditionellen Handwerker in beruflich-existentielle Schwierigkeiten. Gegenüber den Preisen der maschinell hergestellten Produkte, z.B. bei Möbeln, können sie nicht mithalten und sind für viele Menschen dieser Zeit zu teuer.

Als Folge der Industrialisierung verliert der Mensch zunehmend an Wert in der wirtschaftlichen und alltäglichen Welt. Er ist Teil eines großen Prozesses, seine eignen Ideen und Sonderbarkeiten kann er schlecht ausdrücken. Der Handwerker, der nicht mehr seine eigenen Einzelstücke herstellen kann ist ein Beispiel hierfür. Für den Künstler dieser Zeit ist es gerade wichtig seine Individualität zu bewahren und Neues, Eigenes und Originelles zu schöpfen. Kein Wunder, dass der Jugendstil sich gegen den Historismus wendet, welcher sich mit der traditionellen und bekannten Kunst beschäftigt.

Verschiedene Arten des Historismus waren derzeit die prägenden Kunststile in großen Teilen Europas. Zu diesen Kunststilen des Historismus zählen der Neobarock und die Neugotik. Neben anderen Künstlern, empfanden die Künstler des Jugendstils diese für nicht zeitgemäß. Ihre neuen Ausdrucksformen entnehmen sie dem Naturalismus und Symbolismus.

Einheit von Schönheit und Funktionalität

Noch vor den Vertretern des Bauhauses empfinden die Künstler des Jugendstils den Wunsch der Einheit von Kunst und Handwerk. Eine Kunst, die im Leben des Menschen integriert ist. Der Mensch soll die Möglichkeit haben von Schönheit und Harmonie umgeben zu sein.

Jugendstil
Jugendstilarchitektur: Masia freixa
in Terrassa - 1907-1910

Der Schwerpunkt auf Ästhetik heißt nicht, dass der Funktionalität keine oder eine geringere Rolle zugebilligt wird. Die Philosophie des Jugendstils eröffnet Raum für eine neue Art des Schaffensprozesses. Funktion und Ästhetik werden zusammengefügt. Deutlich ist dies in der Architektur des Jugendstils zu sehen. Die Gebäude folgen nicht mehr den traditionellen Formen, sondern werden an neue Raumvorstellungen angepasst. Die Jugendstil-Architekten integrieren teilweise leicht gebogenen Wände oder Türme und anderen dekorative Aspekte in Ihre Werke.

Obwohl aus heutiger Sicht, der Jugendstil als Kunst-Bewegung eine vergleichsweise nur geringe Ausbreitung fand, ist er dennoch von kunstgeschichtlicher Bedeutung. Diese Bedeutung liegt in der Funktion als „Brücke“ zwischen dem traditionellen Historismus und der Moderne. Zeitgleich mit dem Ersten Weltkrieg findet der Jugendstil sein Ende.

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