Kunst als Gesellschaftskritik

Kunst ist ein Spiel, sie ist selbstreferenziell, ein abgeschlossenes System, das dem unwissenden Betrachter nur an einigen, ausgewählten Stellen Zutritt gewährt. Um sie verstehen zu können, braucht man Informationen, einen Einblick in die Kunstgeschichte und den Hintergrund des Künstlers. Kunst wehrt sich dagegen, als rein ästhetisch wahrgenommen zu werden. Sie wehrt sich jedoch auch dagegen, instrumentalisiert zu werden. Sie bildet einen eigenen Kosmos, hat eine eigene Sprache und eine eigene Ästhetik. So war (meist) es bis in die 1980er bzw. Anfang der 1990er-Jahre.

Kann Kunst die Welt verändern?

Zu dieser Zeit begannen sich Künstler vermehrt mit sozialen und gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen und diese auch in ihrer Kunst zu verarbeiten. Hintergrund ist eine Utopie, nämlich, dass Kunst die Welt verändern könnte. Sie entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und schlägt sich etwa in den Fotomontagen und Grafiken von John Heartfield nieder. In den 1960er und 1970er-Jahren entstanden neue Kunstmedien und Gattungen wie  Performance, Happening oder Videokunst. Sie boten verbesserte Möglichkeiten, sich kritisch mit gesellschaftlichen Belangen auseinandersetzen zu können. Themen waren etwa die Gleichberechtigung und Emanzipation von Frauen aber auch Kritik an den Institutionen des Kunstmarktes.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gewinnt die politische Dimension der Kunst immer mehr an Bedeutung. Die Gesellschaft wandelt sich von einer Industrie- zu einer postkolonialen Dienstleistungsgesellschaft, soziale Ungleichheiten verschärfen sich und die Globalisierung ändert das Antlitz der Erde. Eine Kunstform, welche die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen pointiert aufs Korn nimmt, ist das Kabarett oder auch die Comedy.

Die Kunstformen Kabarett oder Comedy sind unterhaltend und kritisch zugleich

Bevor wir einen Blick auf die Geschichte des Kabarett und seine Entwicklung werfen: Comedy ist heute wohl eine der beliebtesten und publikumsnächsten Kunstformen. Und eine Kunst ist es auf jeden Fall! Sie wirkt leichtfüßig, manchmal wie zufällig und erfordert doch den ganzen Einsatz des Redners und sehr viel Vorbereitung. Sie kann sogar auf ein ganz bestimmtes Publikum abgestimmt sein, was Auftragskomödianten bzw. -redner wie Dr. Jens Wegmann eindrücklich zeigen. Er bereitet seine Beiträge so vor, dass sie die Lebenswelt des Publikums perfekt spiegeln, und lässt dabei seinen Witz und Esprit spielen. Das muss nicht kritisch sein, kann aber solche Komponenten enthalten. Auf diese Weise sind die Vorträge unterhaltsam und amüsant, können aber auch zum Nachdenken anregen und „nachhallen“.  Diese Eigenschaft ist ganz typisch für das Kabarett, das gesellschaftskritisch, komisch-unterhaltend und/oder künstlerisch-ästhetisch sein kann, auch wenn man Comedy bzw. Stand-up-Comedy davon abgrenzen muss. Sie sind quasi aus dem Kabarett geboren, stellen aber die eigene Umwelt und Lebenswelt und nicht öffentliche Ereignisse oder Personen aus Politik und Gesellschaft in den Mittelpunkt.

Comedy kann ganz persönlich sein

Auftragscomedy ist sehr persönlich und individuell und sorgt besonders im geschäftlichen Umfeld für Begeisterung, da sie die jeweiligen Verhältnisse aufs Korn nimmt, was bei einer öffentlichen und eher allgemein gehaltenen Veranstaltung nie in dieser Form gelingen könnte. Organisatoren zeigen mit diesem Punkt bei ihrer Veranstaltung Humor und Aufgeschlossenheit und geben der Zusammenkunft eine zusätzliche Komponente.

Das Zusammensein hat im Kabarett schon immer eine große Rolle gespielt. Während viele Kunstformen auch dann sehr gut funktionieren, wenn man sich allein auf sie einlässt, lebt das Kabarett auch von seinem Publikum und der Interaktion zwischen Darsteller und Zuschauer. Ein Bild in einem leeren Raum lädt zum ruhigen Verweilen und Reflektieren ein, ein Kabarettist, Comedian oder Redner vor leeren Rängen entbehrt seiner Grundlage. Ganz ähnlich wie beim Theater, wobei die genannten Kunstformen noch viel mehr mit dem Wissen des Zuschauers spielen.

Stilformen des Kabarett

Kabarett ist immer eine Form des Schauspiels, auch wenn es so wirkt, als befände sich eine Privatperson auf der Bühne, die ganz privat und persönlich sprechen kann. Der Redner schlüpft in verschiedene Rollen, ganz nach Publikum, und kann durch Stilelemente wie Lyrik, Musik, Sarkasmus und Ironie seinen Vortrag noch besser pointieren. Es werden technische Hilfsmittel wie Beamer, Overheadprojektor oder Flipchart eingesetzt und mit schauspielerischen Elementen verbunden.

Der Beginn des Kabaretts

Bereits in den 1880er-Jahren wurde das erste Kabarett eröffnet, und zwar von Rodolphe Salis. Es hieß: cabaret artistique und erhielt im nächsten Jahr den Titel: Le chat noir. Hier wurde nicht nur das Publikum unterhalten, die Künstler führten sich gegenseitig ihre Nummern vor und und probierten sich aus.

20 Jahre später war das Kabarett in Deutschland angekommen. In Berlin eröffnete Ernst von Wolzogen am 18. Januar 19091 die Kleinkunstbühne „Überbrettl“, in München fanden sich die „Elf Scharfrichter“ zusammen. Im Kaiserreich durfte man jedoch keine Kritik öffnen, ein Maulkorb, den die Künstler ab 1919 erst einmal abnehmen konnten. Die Blütezeit begann und brachte Künstler wie Otto Reutter, Hans Deppe, Isa Vermehren und Karl Valentin hervor. Für das Kabarett schrieben angesehene Personen wie Tucholsky, Kästner und Mann.

Die Nazis hassten das Kabarett

Als die NSDAP an die Macht kam, war es erst einmal mit dem Kabarett vorbei, Kritik war nicht geduldet und viele Künstler starben, wurden inhaftiert oder nahmen sich das Leben. Wer konnte, ging ins Exil.  Das staatlich kontrollierte Kabarett war nur noch ein Schatten der einstigen Veranstaltungen, Kritik war ganz tabu.

Ab 1945 wurde diese Kunstform jedoch von Neuem belebt, und zwar nicht nur in der westlichen Besatzungszone, sondern auch unter den Sowjets, etwa das „Literarische Kabarett“ in Leipzig.

Das Stilmittel Satire wird entdeckt und begeistert verwendet, das Kabarett hielt seinen Einzug im jungen deutschen Fernsehen, während es in der DDR nur zensiert und ohne staatskritische Themen aufgeführt wurde.

Und heute – brauchen wir das Kabarett denn noch?

Das Kabarett wird seit den 1990er-Jahren durch seinen Verwandten Comedy verdrängt. Sendungen wie „nuhr im Ersten“ zeigen, dass es durchaus noch eine Daseinsberechtigung und ein Interesse gibt. Kritiker bemängeln, das deutsche Kabarett neige zum Belehren und der Spaß komme zu kurz. Sicherlich hängt der Rückgang des Interesses auch mit dem Fernsehen zusammen, das kurzweiligere Unterhaltungen bietet. Wenn man jedoch einmal einen Comedian oder Redner leibhaftig erlebt hat, spürt man den Unterschied deutlich. Wer nie dabei war, der hat etwas verpasst!

Vor allem sollte die Kunst nie aufhören, kritisch zu sein und der Welt einen Spiegel vorzuhalten. Sie muss das nicht tun, aber sie kann und darf. In dieser Funktion ist sie unverzichtbar.

Das könnte Sie auch interessieren: