Käthe Kollwitz: Die Mütter – Schutz und Widerstand gegen den Krieg

Arme legen sich um Schultern, Hände halten fest, Köpfe rücken zusammen. Zwischen den dunklen Körpern werden Kindergesichter sichtbar. Die Menschen in Käthe Kollwitz’ Holzschnitt bilden eine beinahe geschlossene Gruppe. Sie halten einander fest und schirmen sich nach außen ab.

Kein Schlachtfeld ist zu sehen, kein bewaffneter Angreifer. Dennoch gehört dieses Bild zu einer Folge mit dem Titel Krieg. Gerade darin liegt seine besondere Kraft: Kollwitz zeigt die Bedrohung nicht unmittelbar. Sie macht sie durch das Bedürfnis nach Schutz erfahrbar. Wie gelingt ihr das – und warum ist dieser Zusammenschluss mehr als ein Bild mütterlicher Fürsorge?

Das Werk auf einen Blick

  • Künstlerin: Käthe Kollwitz (1867–1945)
  • Titel: Die Mütter
  • Werkzusammenhang: Blatt 6 der siebenblättrigen Folge Krieg
  • Entstehung: 1921/22; Veröffentlichung der Folge 1923
  • Technik: Holzschnitt in Schwarz auf Papier
  • Bildformat: rund 34 × 40 cm
  • Abgebildeter Abzug: Tate, Inventarnummer P82464

Werkangaben und Bildformat erläutert das Kollwitz Museum Köln; die Veröffentlichung der Folge dokumentiert das Museum of Modern Art. Die verwendete Reproduktion zeigt den Abzug aus der Tate-Sammlung.

Eine Gruppe, die sich nach außen abschirmt

Auf den ersten Blick erscheint die Darstellung wie eine einzige dunkle Form. Erst bei genauerem Hinsehen lassen sich einzelne Frauen, Kinder, Hände und Arme unterscheiden. Die Körper stehen nicht frei nebeneinander. Sie überschneiden sich, verdecken einander und schließen die Kinder zwischen sich ein.

Besonders auffällig sind die quer durch das Bild geführten Arme. Sie verbinden die Figuren und begrenzen zugleich den Zugang zu ihrem Inneren. Rechts unter einem solchen Arm schaut ein Kind hervor. Seine kleine Hand und sein Gesicht bleiben sichtbar, während der übrige Körper weitgehend im Zusammenschluss verborgen ist. Auch links lässt sich ein Kind zwischen den Erwachsenen entdecken.

Eine Landschaft oder ein Innenraum fehlen. Um die Gruppe liegt der weitgehend unbedruckte Papiergrund. Dadurch bietet das Bild kaum Ablenkung: Unser Blick kehrt immer wieder zu den Menschen und ihren Berührungen zurück.

Schutz und Bedrängnis zugleich

Die kompakte Außenform kann wie eine menschliche Schutzmauer wirken. Doch sie besteht nicht aus festem Baumaterial, sondern aus verletzlichen Körpern. Die Kinder sind geborgen, ohne dass das Bild Sicherheit versprechen würde. Die dicht aneinandergerückten Köpfe, die fest zugreifenden Hände und der geringe Raum zwischen den Figuren lassen auch Anspannung erkennen.

Diese Spannung verhindert, dass die Umarmung zu einer unbeschwerten Familienszene wird. Das Zusammenrücken wirkt notwendig. Die Frauen nehmen wenig Raum für sich allein in Anspruch; ihre Kraft entsteht aus der Verbindung miteinander. Schutz erscheint hier als gemeinsames Handeln.

Helle Gesichter in einer dunklen Form

Gesichter, Hände und einzelne Gewandpartien heben sich durch helle Flächen und Linien vom Schwarz ab. Die großflächige Dunkelheit verbindet die Körper, die hellen Spuren machen einzelne Menschen darin wieder erkennbar. So sehen wir zugleich eine Gemeinschaft und die Personen, aus denen sie besteht.

Dabei bedeutet Schwarz nicht einfach Trauer und Hell nicht automatisch Hoffnung. Die dunklen Flächen geben der Gruppe auch Gewicht und Festigkeit. Die hellen Partien zeigen neben den schützenden Händen gerade die empfindlichen Gesichter. Erst ihr Zusammenspiel erzeugt die besondere Verbindung von Widerstandskraft und Verletzlichkeit.

Der Krieg ist nicht zu sehen – und bestimmt doch das Bild

Kollwitz’ jüngerer Sohn Peter fiel im Oktober 1914 als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Die Künstlerin hatte den Krieg zunächst gefürchtet, ihn aber dennoch für gerecht gehalten. Im Verlauf der Kriegsjahre entwickelte sie sich zur Pazifistin. Die später entstandene Folge Krieg gehört zu ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit diesem Verlust und mit dem Leid der Hinterbliebenen. Das Kollwitz Museum Köln beschreibt diesen Wandel und die Entstehung des Zyklus.

Dieses Wissen verändert den Blick auf die umschließenden Arme. Sie lassen sich nun nicht nur als allgemeine Geste der Zuneigung verstehen. Im Zusammenhang des Krieges werden sie zur Abwehr einer Forderung: Die Kinder sollen nicht ebenfalls geopfert werden.

Bewahren statt opfern

Die Stellung innerhalb der Folge verstärkt diese Bedeutung. Frühere Blätter beschäftigen sich mit Opferbereitschaft und dem Aufbruch der Freiwilligen, weitere mit trauernden Eltern und Witwen. Gegen Ende stehen die Mütter, die ihre Kinder bei sich halten. Das Museum of Modern Art deutet dieses Blatt deshalb als Widerstand gegen eine Kultur, die militärische Opferbereitschaft verherrlicht. Zur Aussage innerhalb der Folge: Museum of Modern Art.

Die Frauen erscheinen dabei nicht allein als Leidtragende. Sie tun etwas: Sie umfassen, halten zurück und bilden gemeinsam eine Grenze. Der Widerstand erhält keine kämpferische Heldenpose. Er zeigt sich im Entschluss, gefährdetes Leben zu bewahren.

Die unsichtbare Bedrohung muss deshalb nicht durch einen erfundenen Angreifer ergänzt werden. Das Blatt stellt keine genau bestimmbare Kriegsszene dar. Seine Aussage entsteht aus dem Zusammenhang zwischen den sichtbaren Schutzgesten, dem Titel der Folge und dem historischen Hintergrund.

Wie Kollwitz ihrer Erfahrung eine Form gibt

Die geschlossene Gruppe war keineswegs von Anfang an gefunden. Kollwitz hatte das Motiv bereits 1918 als Radierung und 1919 als Lithografie bearbeitet. In diesen früheren Fassungen stehen die Mütter mit ihren Kindern stärker als einzelne Figuren nebeneinander. Im späteren Holzschnitt verbindet sie die Frauen zu einem gemeinsamen, nach außen abgeschirmten Körper. Die Vorarbeiten im Kollwitz Museum Köln machen diese Veränderung nachvollziehbar.

Damit verändert sich nicht nur die Anordnung. Aus mehreren einzelnen Schutzgesten wird eine gemeinsame Handlung. Die Komposition trägt die Bedeutung des Bildes: Was die Frauen tun, wird durch die Verbindung ihrer Körper unmittelbar sichtbar.

Warum der Holzschnitt zur Wirkung beiträgt

Beim Holzschnitt werden Teile einer Holzplatte herausgeschnitten. Die stehen gebliebenen Oberflächen nehmen Druckfarbe an und übertragen sie auf das Papier; die ausgeschnittenen Bereiche bleiben unbedruckt. Helle Linien entstehen hier also durch das Wegnehmen von Material. Eine Einführung in dieses Hochdruckverfahren bietet das Museum Escher in The Palace.

An Die Mütter lässt sich diese Arbeitsweise gut nachvollziehen. Helle Striche gliedern Finger, Stirnen und Wangen. Daneben bleiben große schwarze Bereiche stehen. Kollwitz nutzt beides: die zusammenfassende Kraft einer Fläche und die Genauigkeit weniger ausgewählter Linien. Sie muss nicht jede Gewandfalte oder jeden Körper vollständig beschreiben, um die Handlung verständlich zu machen.

Die Vereinfachung nimmt dem Bild deshalb nicht seine menschliche Nähe. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf das, worauf es hier ankommt: auf Gesichter, Berührungen und das Festhalten.

Eine persönliche Erfahrung soll viele erreichen

Die Folge war nicht allein als private Verarbeitung gedacht. In einem Brief an Romain Rolland schrieb Kollwitz im Oktober 1922: „Diese Blätter sollen in alle Welt wandern“. Sie wollte ihre Erfahrungen mitteilen und andere Menschen mit den Folgen des Krieges konfrontieren. Die Mappe erschien 1923 im Verlag Emil Richter in Dresden. Den Brief und die Veröffentlichung dokumentiert das Kollwitz Museum Köln.

Für den Weg in die Moderne ist das Werk damit ein wichtiger Gegenpol zu Bildern des technischen Aufbruchs. Es fragt danach, was Menschen erleiden und was bewahrt werden muss. Künstlerische Erneuerung bedeutet hier, für diese Erfahrung eine eindringliche Form zu finden. Kollwitz verbindet die persönliche Erschütterung mit einer öffentlichen Aussage – und nutzt dafür eine überlieferte Drucktechnik.

Selbst schauen: Wo entsteht der Eindruck von Schutz?

Betrachten Sie zunächst nur die Außenform der Gruppe. Wirkt sie für Sie eher fest, geschlossen oder bedrängt? Suchen Sie anschließend eine einzelne Hand und verfolgen Sie, welchen Körper sie berührt. Was verändert sich, wenn Sie statt auf das Ganze auf diese Berührung achten?

Versuchen Sie nun, Ihren Eindruck in einem Satz zu begründen: „Die Gruppe wirkt auf mich …, weil …“. Beziehen Sie sich dabei auf eine sichtbare Verbindung zwischen den Figuren. So wird aus dem allgemeinen Gedanken „Mütter schützen ihre Kinder“ eine Bildinterpretation, die erklärt, wie gerade dieses Werk Schutz gestaltet. Weitere Anregungen bietet der Artikel „Figuren und Körperhaltungen im Bild deuten“.

Erfahren Sie mehr

Figuren und Körperhaltungen im Bild deuten

Entdecken Sie, wie Gesten, Berührungen und die Stellung der Körper Beziehungen sichtbar machen – auch ohne eine ausführlich erzählte Handlung.

Kontraste im Bild: Spannung und Wirkung erkennen

Vertiefen Sie, wie Hell und Dunkel die Aufmerksamkeit lenken und unterschiedliche, manchmal gegensätzliche Wirkungen entfalten.

Timeline – von 1911 bis 1920

Ordnen Sie den Ersten Weltkrieg, die politischen Umbrüche und die künstlerischen Entwicklungen dieser Jahre in ihren zeitlichen Zusammenhang ein.

Der Weg in die Moderne

Erfahren Sie, warum zur Geschichte der Moderne neben Aufbruch und neuen Möglichkeiten auch Verlust, Widerspruch und Kritik gehören.