Gustave Caillebotte: Straße in Paris an einem regnerischen Tag – Ein neuer Blick auf die Großstadt

Ein Paar kommt uns auf dem Gehweg entgegen. Am rechten Bildrand geht ein anderer Mann in die entgegengesetzte Richtung. Dahinter öffnen sich Straßen zwischen hohen Häusern. Überall sind Regenschirme, auf dem Pflaster schimmert das Licht. Es geschieht nichts Außergewöhnliches. Und doch erhält dieser kurze Augenblick in Gustave Caillebottes Gemälde eine erstaunliche Größe und Gegenwart.

Das Bild zeigt mehr als das Aussehen einer Pariser Straße. Es lässt uns erfahren, wie wir uns zwischen anderen Menschen durch eine Stadt bewegen: Wir sehen Einzelne aus nächster Nähe, verlieren andere in der Entfernung und nehmen immer nur einen Ausschnitt des Geschehens wahr. Wie macht Caillebotte daraus ein Gemälde? Und was ist daran modern?

Das Werk auf einen Blick

  • Künstler: Gustave Caillebotte (1848–1894)
  • Titel: Straße in Paris an einem regnerischen Tag; auch: Straße in Paris, Regenwetter
  • Französischer Titel: Rue de Paris, temps de pluie
  • Englischer Sammlungstitel: Paris Street; Rainy Day
  • Entstehungsjahr: 1877
  • Technik und Maße: Öl auf Leinwand, 212,2 × 276,2 cm
  • Sammlung: Art Institute of Chicago, Inventarnummer 1964.336

Werkangaben: Art Institute of Chicago.

Ein Regentag im neuen Paris

Zunächst fällt das Paar im Vordergrund auf. Der Mann trägt einen Zylinder und einen geöffneten Mantel, die Frau ein dunkles, körpernah geschnittenes Kleid. Beide gehen unter einem gemeinsamen Schirm und blicken nach links. Hinter ihnen verteilen sich weitere Passanten über die Kreuzung. Manche sind allein unterwegs, andere zu zweit. Zwischen den Figuren bleiben größere Flächen des nassen Straßenpflasters sichtbar.

Die Stadt erscheint weitläufig und geordnet. Fensterreihen und Gesimse gliedern die Fassaden. Links der Bildmitte schiebt sich ein Häuserblock wie ein Keil zwischen zwei Straßen. Eine grüne Laterne steht beinahe in der Mitte des Bildes. Ihre senkrechte Achse bildet einen deutlichen Gegensatz zu den schräg in die Tiefe führenden Straßen- und Häuserkanten.

Diese Umgebung war für Caillebotte keine historische Kulisse. Sie gehörte zum veränderten Paris seiner Gegenwart. Seit den 1850er-Jahren hatte der von Georges-Eugène Haussmann geleitete Stadtumbau breite Straßen, großzügige Gehwege und regelmäßig gestaltete Häuserfronten hervorgebracht. Caillebottes Straßenbilder greifen diese neuen Stadträume auf. Was uns heute als vertrautes Bild des alten Paris begegnet, war damals Ausdruck einer umfassenden Modernisierung. Historischer Zusammenhang: National Gallery of Art, Ausstellungsbroschüre „The Painter’s Eye“, S. 5.

Am Gemälde lässt sich nachvollziehen, was dieser Wandel für die Wahrnehmung bedeutet: Der Blick kann weit in die Straßen vordringen. Zugleich treten Menschen unmittelbar vor uns und verdecken Teile der Aussicht. Die gebaute Ordnung und das wechselnde Geschehen auf dem Gehweg überlagern sich.

Wie wir selbst zu Passanten werden

Caillebotte zeigt die Stadt nicht aus sicherer Entfernung. Der gewählte Standort versetzt uns auf den Gehweg, mitten zwischen die Vorübergehenden. Für diese Wirkung arbeiten mehrere Gestaltungsmittel zusammen.

Weite Straßen, nahe Menschen

Vergleichen Sie das Paar im Vordergrund mit den kleinen Figuren an den entfernten Häusern. Der Größenunterschied lässt die Tiefe des Straßenraums spürbar werden. Auch die Pflastersteine verändern sich: Vorn sind einzelne Steine unterscheidbar, weiter hinten verdichten sie sich zu einer hellen Fläche.

Die dunkle Kleidung des Paares hebt sich deutlich von der blasseren Umgebung ab. So entsteht eine Spannung zwischen zwei Blickangeboten. Die Straßenlinien führen in die Ferne, die großen Vordergrundfiguren halten unsere Aufmerksamkeit in der Nähe. Wir können die Stadt überblicken und fühlen uns dennoch in eine unmittelbare Begegnung hineingezogen.

Die Laterne vermittelt zwischen diesen Bereichen. Links von ihr dominiert der offene Straßenraum, rechts drängen sich die großen Figuren und Schirme. Ihre senkrechte Linie gibt der ungleich verteilten Szene einen festen Bezugspunkt.

Ein Bildrand, an dem das Leben weitergeht

Besonders aufschlussreich ist der Mann ganz rechts. Wir sehen ihn von hinten, doch ein erheblicher Teil seiner Gestalt liegt außerhalb des Bildes. Auch sein Schirm wird vom Rand abgeschnitten.

Das ist keine nebensächliche Unvollständigkeit. Die Figur macht deutlich, dass die Straße jenseits des Rahmens weitergeht. Sie scheint gerade an uns vorbeizuziehen. Zugleich rücken die Schirme im Vordergrund so nahe zusammen, dass wir uns vorstellen können, wie die Passanten einander im nächsten Augenblick ausweichen müssen.

Auch die Füße des Paares bleiben außerhalb unseres Blickfeldes. Wir stehen den Menschen zu nahe, um sie bequem von Kopf bis Fuß zu überblicken. Der Bildausschnitt vermittelt damit eine Erfahrung, die vom Gehen durch belebte Straßen vertraut ist: Nähe ermöglicht keinen vollständigen Überblick.

Ein flüchtiger Eindruck, sorgfältig vorbereitet

Diese Wirkung kann an eine Straßenfotografie erinnern. Schon bei der Ausstellung von 1877 wurde das Gemälde mit Fotografien verglichen. Daraus folgt allerdings nicht, dass Caillebotte eine bestimmte Aufnahme abgemalt hätte. Ein fotografisch wirkender Ausschnitt und eine nachgewiesene fotografische Vorlage sind zwei verschiedene Dinge. Zur zeitgenössischen Wahrnehmung: National Gallery of Art, Ausstellungsbroschüre, S. 5.

Unabhängig von diesem Vergleich belegen erhaltene Studien und Vorarbeiten, dass Caillebotte an der Gestaltung des Bildes sorgfältig arbeitete. Die Alte Nationalgalerie zeigte solche Vorarbeiten 2019 zusammen mit dem Gemälde, um dessen Entstehung nachvollziehbar zu machen. Zum Werkprozess: Staatliche Museen zu Berlin.

Der Eindruck eines zufällig erfassten Augenblicks ist also selbst eine künstlerische Leistung. Ein Gemälde muss nicht spontan entstanden sein, um Spontaneität erfahrbar zu machen.

Was dieser Straßenblick über die Moderne erzählt

Ein Regentag, zeitgenössische Kleidung, Menschen unterwegs: Caillebotte benötigt kein außergewöhnliches Ereignis, um seinem Motiv Gewicht zu geben. Mit einer Leinwand von mehr als zwei Metern Höhe und nahezu lebensgroßen Vordergrundfiguren tritt uns der Alltag ausgesprochen nachdrücklich gegenüber. Das Werk wurde 1877 auf der dritten Impressionisten-Ausstellung präsentiert. Formatwirkung und Ausstellungsgeschichte: Staatliche Museen zu Berlin.

Das Moderne liegt dabei nicht allein darin, dass eine Großstadt dargestellt wird. Entscheidend ist auch, welche Erfahrung des städtischen Lebens das Bild ermöglicht. Menschen kommen uns nahe und bleiben doch nur kurz in unserem Blickfeld. Straßen versprechen Übersicht, während Schirme und Körper sie wieder unterbrechen. Caillebotte macht aus diesen alltäglichen Wahrnehmungen den eigentlichen Gegenstand seiner Malerei.

Nähe ist noch keine Vertrautheit

Die Passanten bilden keine geschlossene Gemeinschaft. Ihre Wege führen in verschiedene Richtungen, und zwischen vielen Figuren entsteht kein sichtbarer Blickkontakt. Das kann den Eindruck von Fremdheit oder Vereinzelung hervorrufen.

Doch das Bild erlaubt keine sichere Auskunft über ihre Gefühle. Das Paar im Vordergrund ist gemeinsam unterwegs; auch weiter hinten gehen Menschen zu zweit. Wer alle Figuren als einsam bezeichnet, übersieht solche Verbindungen. Ebenso denkbar ist eine ruhigere Lesart: Menschen teilen einen öffentlichen Raum, ohne miteinander bekannt sein zu müssen.

Für eine Bildinterpretation lohnt sich diese Unterscheidung. Sichtbar sind Abstände, Blickrichtungen und Gruppierungen. Einsamkeit oder Vertrautheit sind mögliche Bedeutungen, die wir daraus entwickeln – und an weiteren Beobachtungen überprüfen sollten.

Modern heißt nicht unbedingt skizzenhaft

Wer Impressionismus vor allem mit lockeren Pinselstrichen und leuchtenden Farbflecken verbindet, mag über dieses Gemälde staunen. Viele Formen sind deutlich begrenzt, die Farben überwiegend zurückgenommen. Caillebottes vergleichsweise kontrollierte Malweise unterscheidet sich hier von der betont offenen Ausführung vieler Werke seiner impressionistischen Kollegen. Zur malerischen Einordnung: National Gallery of Art, Ausstellungsbroschüre, S. 4–5.

Gerade deshalb ist das Bild für den Weg in die Moderne aufschlussreich. Eine veränderte Gegenwart kann auf unterschiedliche Weise in die Kunst gelangen. Bei Caillebotte geschieht das durch das Zusammenspiel von zeitgenössischem Stadtleben, klar gebautem Raum und einem Ausschnitt, der uns selbst zu Vorübergehenden macht.

Selbst schauen: Was verändert der Bildausschnitt?

Stellen Sie sich das Gemälde ohne den angeschnittenen Mann am rechten Rand vor. Würde das Paar dadurch stärker wie eine für sich stehende Hauptgruppe wirken? Würde Ihnen der Gehweg weniger eng erscheinen, obwohl an seiner gemalten Breite nichts verändert wäre?

Schauen Sie anschließend wieder auf das vollständige Bild. Die kleine Gegenprobe hilft, die Aufgabe einer scheinbaren Nebenfigur zu erkennen. Sie müssen dafür kein verborgenes Symbol entschlüsseln. Es genügt, zu untersuchen, wie die sichtbaren Teile des Bildes zusammenwirken. Weitere Anregungen bietet der Artikel „Komposition im Gemälde erkennen“.

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