Wie viele Hände schaffen ein Kunstwerk?
Links kniet ein Mann vor einer großen Gipsfigur. Sein Rücken ist uns zugewandt, sein Gesicht wird vom Hut verdeckt. Weiter oben steht ein anderer Mitarbeiter auf einer Leiter oder einem Arbeitsgerüst. Um ihn herum verschränken sich helle Körper, unfertige Formen, Stützen und Werkzeuge zu einer schwer überschaubaren Gruppe.
Rechts steht Auguste Rodin. Sein dunkler Anzug und die glänzenden Schuhe unterscheiden ihn deutlich von den hellen Arbeitskitteln der übrigen Männer. Er berührt die Skulptur nicht. Leicht nach vorn gebeugt schaut er aufmerksam auf das entstehende Werk.
Der überlieferte Titel der Fotografie lautet schlicht Rodin in his Paris Studio – Rodin in seinem Pariser Atelier. Die Mitarbeiter werden nicht genannt, obwohl sie gerade jene körperliche Arbeit ausführen, die das Bild festhält. Genau darin liegt die besondere Aussagekraft der Aufnahme.
Wer schafft hier die Skulptur? Der Künstler, der den Entwurf entwickelt und Entscheidungen trifft? Die Männer, die Gips auftragen, Formen vergrößern und Oberflächen bearbeiten? Oder entsteht das Werk erst aus dem Zusammenspiel ihrer unterschiedlichen Tätigkeiten?
Frances Benjamin Johnstons Fotografie liefert darauf keine einfache Antwort. Sie zeigt jedoch, dass der moderne Künstler nicht zwangsläufig allein arbeitet. Hinter dem Namen Rodin steht ein Atelier, in dem Idee, Materialkenntnis, Leitung und handwerkliche Ausführung auf mehrere Menschen verteilt sind.
Das Bild auf einen Blick
- Fotografin: Frances Benjamin Johnston (1864–1952)
- Originaltitel: Rodin in his Paris Studio
- Deutscher Titel: Auguste Rodin in seinem Pariser Atelier
- Entstehung: 1905
- Technik: fotografischer Schwarzweißabzug
- Dargestellter Künstler: Auguste Rodin (1840–1917)
- Dargestellte Mitarbeiter: nicht namentlich bezeichnet
- Sammlung: Frances Benjamin Johnston Collection
- Institution: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C.
- Katalognummer: LCCN 2001704047
- Digitale Kennung: cph.3b17942
- Nutzung der verlinkten Reproduktion: Public Domain
Die Werkangaben folgen dem Katalogeintrag der Library of Congress und der daraus übernommenen Dateibeschreibung bei Wikimedia Commons.
Der ursprüngliche Katalogtitel nennt die bearbeitete Skulptur nicht. Wikimedia Commons ordnet die Aufnahme dem Zusammenhang von Rodins Denkmal für Victor Hugo zu. Diese Zuordnung ist angesichts der sichtbaren mehrfigurigen Gipsgruppe plausibel, sollte aber nicht mit einer ausdrücklichen Identifizierung durch die Library of Congress verwechselt werden.
Ein Atelier zwischen Arbeit und Beobachtung
Die Fotografie wirkt auf den ersten Blick wie ein beiläufig festgehaltener Arbeitsmoment. Werkzeuge liegen bereit, eine Leiter führt zwischen die Figuren, Kisten dienen als Unterlagen und große Tücher verdecken Wände oder weitere Gegenstände. Das Atelier erscheint nicht als feierlicher Ausstellungsraum, sondern als Ort, an dem etwas noch verändert werden kann.
Dennoch ist das Bild sorgfältig gegliedert. Die helle Gipsgruppe und die Männer in ihren Arbeitskitteln füllen die linke Seite. Rodins dunkle Gestalt steht davon getrennt auf einer freien Bodenfläche. Hinter ihm bildet ein helles Tuch einen ruhigen Hintergrund, vor dem sich seine Silhouette deutlich abzeichnet.
Rodin arbeitet mit den Augen
Rodin hält weder Hammer noch Modellierholz in der Hand. Seine Tätigkeit besteht im Augenblick der Aufnahme im Betrachten. Der leicht vorgeneigte Oberkörper und der zur Skulptur gerichtete Kopf vermitteln Aufmerksamkeit. Er scheint einen Arbeitsstand zu prüfen.
Daraus lässt sich jedoch nicht sicher ablesen, was er denkt oder welche Anweisung er als Nächstes geben wird. Sichtbar ist lediglich, dass die Männer links am Material arbeiten, während Rodin ihre Arbeit beobachtet.
Gerade diese Trennung besitzt Bedeutung. Die Fotografie stellt zwei Arten des Arbeitens nebeneinander: das körperliche Bearbeiten einer Form und das prüfende Sehen. Im späteren Verständnis künstlerischer Autorschaft wurde häufig der geistige Entwurf stärker gewichtet als seine handwerkliche Umsetzung. Johnstons Aufnahme macht sichtbar, wie diese Unterscheidung im Atelier tatsächlich aussehen konnte.
Die Mitarbeiter verschwinden beinahe im Material
Der Mann links unten ist nur teilweise zu sehen. Sein Rücken verschmilzt beinahe mit den hellen Gipsformen. Auch der Mitarbeiter auf der Leiter hebt sich weniger deutlich vom unruhigen Hintergrund ab als Rodin.
Diese Wirkung entsteht durch Kleidung, Licht und Bildaufbau. Die hellen Arbeitskittel ähneln im Schwarzweißfoto dem Tonwert des Gipses. Rodins schwarzer Anzug dagegen bildet den stärksten Kontrast des gesamten Bildes.
Man könnte darin eine bildliche Hierarchie erkennen: Die Mitarbeiter gehören scheinbar zur materiellen Herstellung, während Rodin als klar umrissene Persönlichkeit hervortritt. Diese Deutung sollte der Fotografin jedoch nicht vorschnell als bewusste Absicht zugeschrieben werden. Arbeitskleidung und vorgefundene räumliche Bedingungen können denselben Effekt hervorgerufen haben.
Unabhängig von der Absicht prägt die Verteilung unseren Blick. Rodin ist sofort identifizierbar. Die übrigen Männer müssen erst gesucht werden – und bleiben auch dann ohne Namen.
Eine Skulptur im Zustand des Werdens
Die Gipsgruppe lässt sich nicht auf einen einzigen Blick erfassen. Körper überlagern sich, einzelne Gliedmaßen ragen weit in den Raum und manche Partien werden von Arbeitern oder Gerüsten verdeckt. Hinzu kommen weitere plastische Formen an den Bildrändern.
Diese Unübersichtlichkeit unterscheidet das Atelier von einem Museum. Dort wird eine Skulptur gewöhnlich freigestellt, beleuchtet und von mehreren Seiten zugänglich präsentiert. Hier ist sie von den Bedingungen ihrer Herstellung umgeben.
Kisten, Leitern, Stützen und verhüllte Objekte sind keine störenden Nebensachen. Sie zeigen, dass Skulpturen Gewicht besitzen, Platz benötigen und während ihrer Entstehung getragen, stabilisiert und erreichbar gemacht werden müssen. Monumentale Kunst ist nicht nur eine Idee. Sie ist auch ein logistisches und körperliches Unternehmen.
Drei Urheberrollen in einem Bild
Mindestens drei verschiedene Beiträge treffen in der Aufnahme aufeinander:
- Die Mitarbeiter bearbeiten die plastische Form.
- Rodin betrachtet und beurteilt den Arbeitsstand.
- Frances Benjamin Johnston entscheidet, aus welcher Entfernung und aus welchem Blickwinkel wir diese Situation sehen.
Die Fotografin steht nicht im Bild. Dennoch verdanken wir ihr die Auswahl des Augenblicks, die Begrenzung des Ausschnitts und die sichtbare Beziehung zwischen Rodin und den Arbeitenden. Wer nur fragt, was Rodin in seinem Atelier tut, übersieht daher eine weitere Urheberin: die Frau hinter der Kamera.
Wie eine Skulptur in Rodins Atelier entstand
Eine große Skulptur wurde nicht in einem einzigen Arbeitsgang aus einem Material geschaffen. Zwischen erster Beobachtung, kleinem Modell und monumentaler Ausführung lagen mehrere technische Stufen. An ihnen konnten Modelle, Former, Gipsgießer, Vergrößerungsspezialisten, Steinbildhauer, Bronzegießer und weitere Mitarbeiter beteiligt sein.
Das Victoria and Albert Museum beschreibt Rodins Skulpturen ausdrücklich als Ergebnisse eines gemeinschaftlichen Prozesses. Rodin beschäftigte ausgebildete Spezialisten, die seine Modelle in andere Größen und Materialien übertrugen. Diese Arbeitsteilung war in Bildhauerateliers des 19. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich. Rodin nutzte ihre Möglichkeiten jedoch besonders umfassend.
Am Anfang stand häufig ein Modell aus Ton
Rodin arbeitete bevorzugt mit Ton. Das weiche Material reagiert unmittelbar auf den Druck der Hände und Werkzeuge. Formen lassen sich hinzufügen, abtragen oder verschieben. Ein Körper kann zunächst rasch angelegt und anschließend weiter ausgearbeitet werden.
Dabei musste nicht von Beginn an feststehen, wie groß die spätere Skulptur werden oder ob sie in Gips, Marmor oder Bronze ausgeführt werden sollte. Ein kleiner Entwurf erlaubte es, Haltung, Bewegung und Verhältnis der Körper zu erproben, ohne bereits die technischen Schwierigkeiten eines Denkmals bewältigen zu müssen.
Rodins persönliche Arbeit am Tonmodell war für sein Selbstverständnis entscheidend. Dort entstanden Form, Ausdruck und Oberfläche. Die späteren Übertragungen sollten diese Entscheidungen bewahren – auch wenn andere Hände daran beteiligt waren.
Gips war mehr als eine vorläufige Kopie
Von einem Tonmodell konnte mithilfe einer Form ein Gipsabguss hergestellt werden. Dadurch wurde eine vergängliche Gestalt dauerhaft festgehalten. Ton muss feucht gehalten oder gebrannt werden; ein Gipsmodell ließ sich dagegen lagern, bearbeiten, vervielfältigen und als Vorlage für weitere Ausführungen verwenden.
Rodin behandelte Gips nicht lediglich als bedeutungsloses Zwischenmaterial. Er ließ mehrere Abgüsse anfertigen, trennte Figuren und Körperteile voneinander und verband vorhandene Formen zu neuen Gruppen. Sein Atelier wurde dadurch zu einem umfangreichen Bestand plastischer Möglichkeiten.
Das Musée Rodin erläutert diese Arbeit mit Abgüssen, Fragmenten und Assemblagen. Dieselbe Figur konnte in unterschiedlichen Zusammenhängen auftreten, vergrößert werden oder als eigenständige Skulptur eine neue Bedeutung erhalten.
Die große helle Gruppe in Johnstons Fotografie steht damit nicht zwangsläufig kurz vor einem endgültigen Abschluss. Ein Gipsmodell konnte fertige Vorlage, Versuchsanordnung, Arbeitszustand oder Ausgangspunkt einer weiteren Veränderung sein.
Vergrößern war keine einfache mechanische Wiederholung
Sollte ein kleines Modell monumentale Maße erhalten, mussten seine Proportionen zuverlässig übertragen werden. Dafür standen technische Hilfsmittel zur Verfügung, die nach dem Prinzip eines Pantografen beziehungsweise eines mechanischen Punktierverfahrens arbeiteten.
Bestimmte Messpunkte des kleineren Modells wurden in einem festgelegten Verhältnis auf die größere Fassung übertragen. Zwischen diesen Punkten musste der ausführende Bildhauer die Formen neu aufbauen und Oberflächen ausarbeiten. Das Verfahren erleichterte die Übertragung, ersetzte aber nicht die Erfahrung des Mitarbeiters.
Rodin arbeitete seit 1894 besonders mit Henri Lebossé zusammen, der auf Vergrößerungen und Verkleinerungen spezialisiert war. Das Musée Rodin nennt unter anderem Figuren für die Denkmäler von Calais, Victor Hugo und Balzac sowie spätere monumentale Fassungen des Denkers und des Schreitenden Mannes.
Die Leiter und die erhöhten Arbeitspositionen auf Johnstons Fotografie führen die praktische Folge einer solchen Vergrößerung vor Augen. Sobald eine Skulptur über die menschliche Körperhöhe hinauswächst, kann sie nicht mehr bequem von einem festen Standpunkt aus bearbeitet werden. Die Arbeitenden müssen sich um das Werk bewegen und seine einzelnen Bereiche nacheinander erreichen.
Marmor und Bronze erweiterten die Arbeitskette
Eine Gipsfassung konnte anschließend als Vorlage für eine Marmorskulptur oder einen Bronzeguss dienen. Für Marmor waren spezialisierte Steinbildhauer erforderlich. Sie übertrugen Messpunkte auf den Stein und arbeiteten sich schrittweise von der groben Form zur Oberfläche vor.
Rodin hatte selbst Erfahrung im Bearbeiten von Stein. In seinem erfolgreichen Atelier übernahm er die Ausführung großer Marmorfassungen jedoch wahrscheinlich nicht vollständig. Nach Darstellung des Victoria and Albert Museum beaufsichtigte er die Arbeit und konnte mit Kreide oder Bleistift markieren, wo Veränderungen vorgenommen werden sollten.
Auch ein Bronzeguss verlangte zahlreiche Arbeitsschritte. Formen mussten hergestellt, Kerne aufgebaut, Metall gegossen, einzelne Teile verbunden und Oberflächen nachbearbeitet werden. Die Patinierung bestimmte schließlich Farbe und Lichtwirkung des Metalls. Rodin arbeitete dafür mit spezialisierten Gießereien und Bronzegießern wie Alexis Rudier zusammen.
Das fertige Werk konnte also Rodins Namen und Signatur tragen, obwohl zwischen seinem Tonmodell und der ausgestellten Bronze viele weitere Hände tätig gewesen waren.
Arbeiten die Männer am Victor-Hugo-Denkmal?
Die Library of Congress nennt die dargestellte Gipsgruppe im Titel der Fotografie nicht. Wikimedia Commons ordnet die Aufnahme jedoch den Arbeiten an Rodins Denkmal für Victor Hugo zu. Auch die mehrfigurige Anlage mit einer großen ausgreifenden Form passt zu diesem Zusammenhang.
Der französische Staat hatte Rodin 1889 mit einem Denkmal für den 1885 verstorbenen Schriftsteller beauftragt. Nach mehreren verworfenen Entwürfen entwickelte er eine Gruppe, in der der gealterte Victor Hugo von allegorischen weiblichen Figuren begleitet wird. Das Musée Rodin beschreibt das erhaltene Gipsmodell mit den Figuren der Meditation beziehungsweise Inneren Stimme und der Tragischen Muse.
Es ist daher wahrscheinlich, dass Johnstons Foto Arbeiten an einer Fassung oder Weiterentwicklung dieses Projekts zeigt. Vollkommen sicher lässt sich das allein aus der Aufnahme und ihrem ursprünglichen Katalogtitel jedoch nicht ableiten.
Diese Einschränkung ist für eine Bildinterpretation wichtig. Eine plausible Identifizierung darf ausgesprochen werden, sollte aber als solche erkennbar bleiben. Das Bild zeigt sicher ein monumentales Gipsensemble in Rodins Atelier. Die genaue Bezeichnung des Arbeitszustandes erfordert zusätzliche Quellen.
Wer hat einen „Rodin“ geschaffen?
Der Name eines Künstlers erfüllt mehrere Aufgaben. Er bezeichnet nicht nur die Person, die ein Werk eigenhändig bearbeitet hat. Er kann ebenso für Entwurf, Auswahl, Leitung, Qualitätskontrolle und öffentliche Verantwortung stehen.
Bei Rodin kam die persönliche Modellierung hinzu. Er entwickelte die Ausgangsformen, entschied über Kompositionen und Veränderungen und beurteilte die Übertragung in andere Materialien. Ohne diese Entscheidungen gäbe es das jeweilige Werk nicht in seiner bekannten Gestalt.
Doch auch die umgekehrte Feststellung ist richtig: Ohne die Kenntnisse der Former, Gipsgießer, Vergrößerungsspezialisten, Steinbildhauer und Bronzegießer hätten viele seiner monumentalen Skulpturen ihre sichtbare Form ebenfalls nicht erhalten.
Leitung ist Arbeit – aber nicht die einzige Arbeit
Johnstons Fotografie könnte zunächst den Eindruck erwecken, Rodin arbeite nicht. Seine Tätigkeit ist weniger körperlich sichtbar als die der Männer an der Gipsgruppe. Beobachten, vergleichen, entscheiden und korrigieren können jedoch wesentliche Teile eines künstlerischen Prozesses sein.
Das bedeutet nicht, dass die ausführende Arbeit bloß mechanisch wäre. Wer eine kleine, bewegte Tonform in monumentale Größe überträgt, muss räumliche Zusammenhänge verstehen. Übergänge, Spannungen und Oberflächen dürfen nicht schematisch aufgefüllt werden. Material verhält sich unterschiedlich, und jede Veränderung kann die Wirkung des ganzen Körpers beeinflussen.
Die übliche Trennung zwischen einem schöpferischen Künstler und ausführenden Handwerkern greift deshalb zu kurz. Die Rollen besitzen unterschiedliche Verantwortung und gesellschaftliches Ansehen, beruhen aber jeweils auf Können und Entscheidungen.
Die unbekannten Männer sind nicht nebensächlich
Der Katalogtitel nennt Rodin und den Ort. Die Männer, die auf der Fotografie arbeiten, bleiben unbestimmt. Wir erfahren weder ihre Namen noch ihre genaue berufliche Stellung.
Vielleicht gehörten sie dauerhaft zu Rodins Atelier. Vielleicht waren sie Spezialisten, die für ein bestimmtes Verfahren oder Projekt herangezogen wurden. Die Kleidung zeigt eine Arbeitssituation, erklärt aber weder Ausbildung noch Bezahlung oder Verhältnis zum Künstler.
Diese Wissenslücke sollte nicht mit Vermutungen gefüllt werden. Sie ist selbst ein historischer Befund. Die Arbeit der Männer war wichtig genug, um fotografiert zu werden, doch nicht wichtig genug, um im Bildtitel namentlich festgehalten zu werden.
Henri Lebossé bildet eine Ausnahme, weil seine Zusammenarbeit mit Rodin durch Briefe, Verträge und Forschungen genauer dokumentiert ist. Viele andere Beteiligte blieben dagegen hinter dem Namen des berühmten Atelierleiters verborgen.
Ein Werk wird unter einem Namen öffentlich
Kunstwerke benötigen eine verständliche Zuordnung. Auftraggeber, Ausstellungen, Händler, Sammler und Museen wollen wissen, wessen Werk ihnen begegnet. Der Name Rodin bündelt einen langen Herstellungsprozess zu einer leicht vermittelbaren Autorschaft.
Diese Bündelung war auch wirtschaftlich bedeutsam. Rodins Bekanntheit erhöhte die Nachfrage nach seinen Skulpturen. Gipsmodelle konnten in verschiedenen Größen ausgeführt, in Bronze gegossen oder in Marmor übertragen werden. Der wiedererkennbare Künstlername verband diese unterschiedlichen Objekte miteinander.
Die Fotografie beteiligt sich an derselben Konzentration. Ihr Titel macht aus einer mehrteiligen Arbeitssituation einen Augenblick aus „Rodins Atelier“. Der Name ordnet, erklärt und verspricht Bedeutung. Gleichzeitig rückt er die übrigen Beteiligten in den Hintergrund.
Die alte Werkstatt lebt im modernen Atelier fort
Zu Beginn des Ausgangsartikels zeigte der Kupferstich Die Erfindung der Ölmalerei eine frühneuzeitliche Malerwerkstatt. Meister, Gehilfen und Lernende arbeiteten dort an verschiedenen Aufgaben. Wissen wurde durch Beobachten, Wiederholen und gemeinsame Produktion weitergegeben.
Mehr als drei Jahrhunderte später zeigt Johnstons Fotografie erneut einen bekannten Künstler, umgeben von arbeitenden Mitarbeitern. Die Materialien und beruflichen Bedingungen haben sich verändert, die Verbindung von Leitung und Zusammenarbeit ist jedoch geblieben.
Der Unterschied liegt vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung. Rodin erscheint als individuell gefeierter moderner Künstler. Fotografien, Ausstellungen, Presseberichte und internationale Sammler verbreiten seinen Namen. Das Atelier arbeitet weiterhin gemeinschaftlich, während die Öffentlichkeit das Ergebnis stärker mit einer einzelnen Persönlichkeit verbindet.
Der Weg vom Handwerk zur freien Kunst ist daher keine Geschichte, in der Zusammenarbeit durch einsame Schöpfung ersetzt wird. Es verändern sich vielmehr die Bewertung der Tätigkeiten, die Verteilung von Entscheidungen und die Sichtbarkeit der Beteiligten.
Genau diesen Zusammenhang vertieft der Ausgangsartikel „Handwerk und freie Kunst: Wie sich der Künstlerberuf verändert“.
Die Fotografie zwischen Dokument und Künstlerbild
Frances Benjamin Johnston zeigt uns einen wirklichen Raum, wirkliche Menschen und eine konkrete Arbeitssituation. Trotzdem ist die Aufnahme kein neutrales Fenster in die Vergangenheit.
Die Fotografin wählte ihren Standort, richtete die Kamera aus und entschied, wann sie den Verschluss auslöste. Möglicherweise arbeiteten die Männer unbeeinflusst weiter; möglicherweise hielten sie für die Aufnahme bestimmte Positionen ein. Der erhaltene Katalogeintrag gibt darüber keine Auskunft.
Das Foto dokumentiert deshalb etwas und gestaltet es zugleich. Diese doppelte Eigenschaft macht es für die Bildinterpretation besonders interessant.
Frances Benjamin Johnston steht unsichtbar im Raum
Johnston gehörte zu den ersten amerikanischen Frauen, die als Fotografin größere berufliche Bekanntheit erlangten. Sie arbeitete als Porträtfotografin, Bildjournalistin und später als Dokumentarin von Architektur und Gartenanlagen. Ihre Ausbildung hatte sie unter anderem an der Académie Julian in Paris erhalten.
Die Library of Congress bewahrt eine umfangreiche Sammlung ihrer Aufnahmen. Zu einem Bestand ihrer europäischen und nahöstlichen Reisen gehören Fotografien aus mehreren Ländern sowie Aufnahmen, auf denen unter anderem Auguste Rodin erscheint. Das Atelierfoto entstand während einer Europareise im Jahr 1905.
Dass eine professionelle Fotografin den berühmten Bildhauer und seine männlichen Mitarbeiter aufnimmt, erweitert die Frage nach sichtbarer und unsichtbarer Arbeit. Johnston erscheint nicht vor der Kamera, ist aber die Urheberin des Bildes, durch das wir die Szene heute kennen.
Der Bildtitel „Rodin in seinem Pariser Atelier“ kann deshalb leicht irreführen. Er bezeichnet den berühmtesten dargestellten Menschen, nicht den Urheber der Fotografie. Ein sorgfältiger Bildnachweis sollte Johnstons Namen folglich ebenso deutlich nennen wie den Rodins.
Dunkel und hell erzeugen eine Rangordnung
Rodins Kleidung macht ihn zum dunkelsten und klarsten Körper im Bild. Die Mitarbeiter und Skulpturen bilden dagegen eine helle, ineinandergreifende Masse. Hinzu kommt der freie Boden zwischen Rodin und der Gipsgruppe.
Diese Gestaltung lässt ihn zugleich anwesend und abgesondert erscheinen. Er gehört zum Atelier, ohne optisch in dessen materielle Arbeit einzutauchen. Sein Blick verbindet ihn mit dem Werk, sein Anzug trennt ihn von den Arbeitenden.
Das kann als Darstellung einer leitenden Autorität gelesen werden. Rodin muss die Skulptur nicht berühren, um als ihr Künstler erkannt zu werden. Seine Anwesenheit und sein prüfender Blick reichen aus, um die Szene unter seinem Namen zu versammeln.
Gleichzeitig widersetzt sich das Foto einer vollständigen Künstlerverehrung. Die Mitarbeiter lassen sich nicht wegdenken. Ihre Körper, Werkzeuge und erhöhten Arbeitsplätze nehmen mehr Raum ein als Rodin selbst. Wer aufmerksam hinsieht, erkennt hinter dem berühmten Namen eine gemeinschaftliche Produktion.
Rodin nutzte Fotografien für Arbeit und Öffentlichkeit
Rodin ließ seine Skulpturen seit den 1870er-Jahren regelmäßig fotografieren. Die Aufnahmen dienten seinem Archiv, der Information von Auftraggebern und Käufern sowie der Veröffentlichung in Kunstzeitschriften. Sie halfen ihm außerdem, verschiedene Arbeitszustände zu vergleichen.
Das Musée Rodin beschreibt die enge Verbindung zwischen dem Bildhauer und der Fotografie. Rodin beschäftigte spezialisierte Fotografen, sammelte Tausende von Abzügen und griff teilweise mit Stift, Tinte oder Farbe in Fotografien seiner Skulpturen ein. Auf diese Weise konnte er mögliche Veränderungen erproben, bevor er den Gips erneut bearbeiten ließ.
Fotografie war damit nicht nur ein nachträglicher Bericht über fertige Kunst. Sie wurde Bestandteil des Arbeitsprozesses und ein Mittel, Rodins Werke über das Atelier hinaus sichtbar zu machen.
Ob Johnstons Aufnahme auf Rodins ausdrücklichen Wunsch entstand oder welche spätere Verwendung vorgesehen war, lässt sich aus dem Katalogeintrag nicht bestimmen. Sicher ist jedoch, dass sie Teil jener fotografischen Öffentlichkeit wurde, durch die das Bild des modernen Künstlers bewahrt und verbreitet werden konnte.
Das Foto zeigt mehr, als sein Titel verspricht
Wer nur nach Rodin sucht, findet ihn sofort. Wer nach der Herstellung einer Skulptur fragt, entdeckt dagegen die anderen Männer, den Gips, die Leiter, die Kisten und die verhüllten Formen.
Das Bild besitzt daher zwei mögliche Geschichten. Die erste handelt von einem berühmten Künstler, der sein Werk prüft. Die zweite handelt von einer Gruppe arbeitender Menschen, deren Namen nicht überliefert wurden.
Beide Geschichten sind im Foto enthalten. Keine macht die andere vollständig falsch. Problematisch würde es erst, wenn eine von ihnen als das ganze Bild ausgegeben würde.
Die Aufnahme lehrt damit eine grundlegende Regel der Bildinterpretation: Bedeutung entsteht nicht nur durch das auffälligste Motiv. Sie entsteht ebenso durch Beziehungen, Abstände, Tätigkeiten und durch die Frage, was ein überlieferter Titel hervorhebt oder verschweigt.
Selbst schauen: Wer steht wirklich im Mittelpunkt?
Betrachten Sie zunächst nur die rechte Bildhälfte. Rodin steht dunkel und deutlich vor einem hellen Hintergrund. Welche Vorstellung eines Künstlers vermittelt diese einzelne Figur? Wirkt er prüfend, nachdenklich, leitend oder distanziert?
Decken Sie anschließend Rodin gedanklich ab und betrachten Sie nur die linke Seite. Nun bleibt eine Werkstattszene mit mehreren Männern, Gerüsten und einer monumentalen Gipsgruppe. Wie verändert sich das Bild, wenn der berühmte Name fehlt?
Achten Sie danach auf Hände und Blicke. Die Hände der Mitarbeiter sind auf das Material gerichtet. Rodins Verbindung zur Skulptur entsteht vor allem durch seine Augen und Körperhaltung. Welche unterschiedlichen Formen von Arbeit werden dadurch sichtbar?
Ordnen Sie Ihre Beobachtungen schließlich in vier Schritten:
- Beobachten: Mehrere Männer in Arbeitskleidung bearbeiten eine große helle Gipsgruppe. Rodin steht rechts in einem dunklen Anzug und schaut zu.
- Wirkung beschreiben: Der starke Hell-Dunkel-Kontrast hebt Rodin als einzelne Persönlichkeit hervor. Die Mitarbeiter erscheinen stärker mit dem Material und miteinander verbunden.
- Deuten: Das Foto kann als Bild arbeitsteiliger Autorschaft gelesen werden. Körperliche Ausführung, technische Erfahrung, künstlerische Entscheidung und fotografische Darstellung verteilen sich auf verschiedene Personen.
- Deutung begrenzen: Die Aufnahme erklärt weder die genaue Aufgabenverteilung noch die Gedanken der Beteiligten. Auch wissen wir nicht sicher, ob die Situation unbeeinflusst beobachtet oder für die Kamera eingerichtet wurde.
Fragen Sie sich zum Abschluss, unter welchem Titel Sie das Foto selbst veröffentlichen würden: Rodin in seinem Atelier, Mitarbeiter bei der Arbeit an einer Gipsgruppe oder Der Künstler und seine Werkstatt? Schon die Wahl des Titels verändert, welche Geschichte das Bild erzählt.
Johnstons Fotografie schmälert Rodins künstlerische Leistung nicht. Sie macht diese Leistung genauer verständlich. Der persönliche Entwurf, das prüfende Urteil und die öffentliche Verantwortung des Künstlers stehen neben dem Können jener Menschen, die seine Formen vergrößerten, abgossen und in andere Materialien übertrugen.
„Freie Kunst“ bedeutet daher nicht das Ende des Handwerks. Sie verändert vielmehr das Verhältnis zwischen Idee und Ausführung, zwischen berühmtem Namen und gemeinsamer Arbeit. Gerade deshalb bildet dieses Foto den passenden Abschluss der Bebilderung des Artikels.
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