Vorwort
Eine Dampflokomotive rast durch Regen und Dunst auf uns zu. Die Schienen ziehen den Blick in die Tiefe, während Landschaft, Brücke und Himmel beinahe ineinanderfließen. Joseph Mallord William Turners Gemälde Rain, Steam, and Speed – The Great Western Railway von 1844 zeigt nicht einfach nur einen Zug. Es macht Geschwindigkeit zu einer Erfahrung: Die Welt scheint in Bewegung geraten zu sein.
Turner malte eine technische Neuerung, ohne daraus eine nüchterne Darstellung der Eisenbahn zu machen. Die Lokomotive bleibt Teil eines flimmernden Zusammenspiels aus Licht, Wetter, Farbe und Bewegung. Zugleich griff er auf ältere Kenntnisse der Landschaftsmalerei und der Perspektive zurück. Gerade darin liegt ein erster Schlüssel zur Moderne: Neues entsteht selten aus dem Nichts. Es verändert Überliefertes, widerspricht ihm oder verwendet es für eine Gegenwart, die andere Bilder verlangt. Die National Gallery in London beschreibt Turners Gemälde deshalb nicht als Ablehnung der modernen Welt. Zug und Eisenbahnbrücke wurden für ihn vielmehr zu Motiven, die es wert waren, gemalt zu werden.
Aber was macht ein Kunstwerk eigentlich modern? Ist es das neue Motiv, eine ungewohnte Malweise oder der bewusste Bruch mit Regeln? Und wann beginnt diese Moderne: mit der Aufklärung, der Französischen Revolution, der Industrialisierung, dem Impressionismus oder erst mit der Abstraktion?
Eine einzige Antwort darauf gibt es nicht. Die Moderne besitzt weder ein allgemein gültiges Anfangsdatum noch einen einheitlichen Stil. Sie ist eine vielschichtige Veränderung des Lebens, Denkens und Wahrnehmens – und die Kunst ist ein wichtiger Ort, an dem diese Veränderung sichtbar wird.
Das erfahren Sie in diesem Artikel:
- weshalb Moderne mehr ist als die Bezeichnung einer Epoche,
- warum moderne Kunst nicht an einem bestimmten Tag begann,
- wie technische, gesellschaftliche und politische Veränderungen in die Kunst eingriffen,
- weshalb Aufbruch und Fortschritt immer auch Widersprüche hervorriefen,
- und warum es sinnvoller ist, von mehreren Wegen in die Moderne zu sprechen.
Kurz erklärt: Moderne bezeichnet hier keinen einzelnen Kunststil und kein Versprechen, dass alles Neue automatisch besser sei. Gemeint ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen – und die Vielfalt künstlerischer Antworten darauf.
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William Turner, „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“, 1844. Die Eisenbahn verändert nicht nur das Reisen: Turner verbindet das neue Verkehrsmittel mit einer malerischen Erfahrung von Wetter, Licht und Geschwindigkeit.
Moderne ist mehr als eine Epoche
Im Alltag bedeutet „modern“ häufig so viel wie neu, zeitgemäß oder fortschrittlich. In der Kunstgeschichte ist der Begriff komplizierter. Ein Gemälde aus dem Jahr 1880 kann zur modernen Kunst gehören, obwohl es für uns längst historisch ist. Ein heute geschaffenes Werk ist dagegen zeitgenössisch, aber nicht allein aufgrund seines Entstehungsjahres „modern“ im kunsthistorischen Sinn.
Hinzu kommt, dass verschiedene Fachgebiete und Institutionen die Begriffe unterschiedlich verwenden. Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Architektur- und Designgeschichte setzen andere Schwerpunkte und ziehen nicht immer dieselben zeitlichen Grenzen. Das Museum of Modern Art ordnet dem Begriff „moderne Kunst“ beispielsweise Werke von den 1880er- bis in die 1970er-Jahre zu. Diese Rubrik setzt früher an, weil sie auch die Voraussetzungen dieser Kunst erklären möchte. Die unterschiedlichen Zeitangaben widersprechen sich nicht zwangsläufig – sie beantworten verschiedene Fragen.
Vier Begriffe als Orientierung
Modernisierung bezeichnet Prozesse, durch die sich das Leben verändert: Industrialisierung, wachsende Städte, neue Verkehrsmittel, politische Umbrüche, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, Massenmedien oder neue Formen von Arbeit und Freizeit. Diese Entwicklungen vollzogen sich nicht überall gleichzeitig und hatten für unterschiedliche Menschen sehr verschiedene Folgen.
Moderne meint den größeren historischen und kulturellen Zusammenhang, der aus solchen Veränderungen entsteht. Dazu gehört auch das Bewusstsein, in einer Gegenwart zu leben, die sich beschleunigt und von der Vergangenheit zu entfernen scheint. Hoffnung auf Freiheit und Fortschritt trifft dabei auf Verlustängste, soziale Konflikte und neue Unsicherheiten.
Künstlerische Moderne fasst die vielen Antworten zusammen, die Kunstschaffende auf diese veränderte Welt fanden. Manche machten das moderne Leben zum Motiv. Andere untersuchten Farbe, Form, Material oder Wahrnehmung neu. Wieder andere stellten die Frage, was überhaupt ein Kunstwerk sein könne.
Modernismus wird häufig enger verwendet – etwa für künstlerische und gestalterische Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, die Kunst, Architektur und Alltag grundlegend erneuern wollten. Aber auch dabei handelt es sich nicht um einen einzigen Stil. Das Victoria and Albert Museum beschreibt Modernismus als lockere Verbindung unterschiedlicher Ideen und Bewegungen, die unter anderem Kunst, Architektur, Design und Literatur umfasste.
Diese Begriffe sind Orientierungshilfen, keine unveränderlichen Schubladen. Ihre Bedeutung hängt davon ab, welche Region, Kunstform oder Fragestellung betrachtet wird.
Kein Anfang auf den Tag genau
Je nachdem, welche Veränderung im Mittelpunkt steht, beginnt die Geschichte der Moderne an einem anderen Punkt. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts stärkte Vorstellungen von Vernunft, Kritik und menschlicher Selbstbestimmung. Politische Revolutionen erschütterten überlieferte Herrschaftsordnungen. Die Industrialisierung veränderte Arbeit, Landschaft und Zusammenleben. Im 19. Jahrhundert ließen Eisenbahn, Telegraf, Fotografie und wachsende Presseerzeugnisse Entfernungen und Nachrichtenwege schrumpfen. Großstädte wurden zu Orten neuer Freiheiten, aber auch von Enge, Armut und Anonymität.
In der Kunst führte keine dieser Entwicklungen zwangsläufig zu einer bestimmten Ausdrucksform. Eine Dampflok erzeugte nicht automatisch moderne Malerei, und die Erfindung der Fotografie zwang die Maler nicht zur Abstraktion. Technische und gesellschaftliche Veränderungen eröffneten Möglichkeiten und stellten neue Fragen. Was Künstlerinnen und Künstler daraus machten, blieb eine Entscheidung.
Deshalb beginnt kunst-zeiten.de die Spurensuche bereits ungefähr um 1750 und folgt ihr zunächst bis 1945. Dieser Zeitraum ist eine sinnvolle Arbeitsgrenze, aber keine Behauptung, die Moderne habe an diesen beiden Daten plötzlich begonnen und geendet. Die Timeline bis 1800 zeigt, wie wichtige Voraussetzungen schon vor dem 19. Jahrhundert entstanden. Spätere Entwicklungen nach 1945 setzen viele Fragen fort und verändern sie erneut.
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Gustave Caillebotte, „Straße in Paris an einem regnerischen Tag“, 1877. Die Großstadt wird zum Bildthema: Passanten, Straßenräume und ein flüchtiger Augenblick des Alltags rücken in den Mittelpunkt der Malerei.
Wie eine veränderte Welt in die Kunst gelangt
Die Moderne lässt sich nicht allein an ungewöhnlichen Formen erkennen. Sie verändert auch die Motive, die Arbeitsbedingungen der Kunstschaffenden, die Wege der Veröffentlichung und die Erwartungen des Publikums. Ein Bild kann in seiner Gegenwart verwurzelt sein und dennoch auf ältere Formen zurückgreifen. Umgekehrt ist nicht jedes neue Verfahren automatisch Ausdruck eines gesellschaftlichen Aufbruchs.
Die flüchtige Gegenwart wird bildwürdig
Der französische Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire bezeichnete die Modernität in seinem 1863 veröffentlichten Essay The Painter of Modern Life als „das Vorübergehende, das Flüchtige, das Zufällige“. Kunst sollte für ihn nicht nur nach dem Zeitlosen suchen, sondern auch Kleidung, Gesten, Vergnügungen und Erscheinungen der eigenen Gegenwart ernst nehmen. In der englischen Ausgabe des Essays wird zugleich deutlich, dass Baudelaire das Flüchtige und das Bleibende nicht als Gegensätze verstand: Beides sollte im Kunstwerk zusammenkommen.
Damit ließ sich eine Erfahrung beschreiben, die in vielen Werken des 19. Jahrhunderts sichtbar wurde. Bahnhöfe, Boulevards, Cafés, Theater, Ausflugsorte und Menschenmengen traten neben die überlieferten religiösen, mythologischen und historischen Bildthemen. Künstler richteten den Blick auf Arbeiter, Reisende, Spaziergängerinnen, Tänzerinnen oder Menschen bei alltäglichen Beschäftigungen. Auch scheinbar nebensächliche Augenblicke konnten nun zum Gegenstand eines großen Gemäldes werden.
Im Impressionismus verband sich diese Aufmerksamkeit für das gegenwärtige Leben mit einem Interesse am wechselnden Licht und am flüchtigen Seheindruck. Doch die Moderne bestand nicht darin, dass plötzlich alle Menschen impressionistisch malten. Realismus, Symbolismus, akademische Kunst, Historienmalerei und viele andere Ausdrucksformen bestanden gleichzeitig. Die Kunstgeschichte verlief nicht wie eine Leiter, auf der jede neue Stufe die vorherige überflüssig machte.
Neue Medien verändern das Sehen
Mit der Fotografie entstand im 19. Jahrhundert eine neue Möglichkeit, sichtbare Wirklichkeit festzuhalten und Bilder zu vervielfältigen. Später kamen Film und Rundfunk hinzu. Ausschnitte, ungewöhnliche Blickwinkel, Bewegungsstudien und rasch verbreitete Nachrichtenbilder erweiterten die visuelle Erfahrung. Malerei, Grafik und Fotografie standen dabei nicht nur in Konkurrenz. Sie beobachteten einander, übernahmen Anregungen und entwickelten ihre jeweils eigenen Möglichkeiten.
Auch neue Pigmente, industriell hergestellte Materialien und transportable Malutensilien beeinflussten die künstlerische Arbeit. Eisenbahn und Dampfschiff erleichterten Reisen, während internationale Ausstellungen und der Kunsthandel Werke über große Entfernungen bewegten. Keine dieser Neuerungen erklärt ein Kunstwerk für sich allein. Sie gehören zu den Bedingungen, unter denen andere Bilder möglich wurden.
Auch das Kunstsystem gerät in Bewegung
Moderne Kunst entstand innerhalb, neben und gegen bestehende Institutionen. Akademien blieben wichtige Ausbildungsorte und bestimmten lange mit, welche Gattungen und Arbeitsweisen Anerkennung fanden. Zugleich entwickelten Kunstschaffende eigene Ausstellungen und Vereinigungen. Galerien, Kunsthändler, Sammler und Kritiker gewannen an Einfluss. Illustrierte Zeitschriften, Plakate und Reproduktionen erreichten ein wachsendes Publikum.
Damit entstanden neue Freiräume, aber auch neue Abhängigkeiten. Wer nicht mehr ausschließlich für Kirche, Hof oder Staat arbeitete, war deshalb noch lange nicht vollkommen unabhängig. Verkäufe, öffentliche Aufmerksamkeit, Netzwerke und Urteile der Kritik konnten über den Lebensunterhalt entscheiden. Künstlerische Freiheit und wirtschaftliche Unsicherheit gehörten häufig zusammen.
Im frühen 20. Jahrhundert weitete sich die Frage nach der Kunst noch einmal aus. Architektur, Typografie, Fotografie, Bühne, Film, Möbel und Alltagsgegenstände wurden Teil umfassender Gestaltungsideen. Marcel Duchamps erstes Bicycle Wheel von 1913 verband ein Fahrradrad mit einem Hocker; später bezeichnete er ausgewählte, vorgefundene Gegenstände als Readymades. Entscheidend war nicht mehr allein, wie kunstvoll ein Gegenstand hergestellt worden war, sondern auch, wer ihn auswählte, in welchen Zusammenhang er gestellt wurde und welche Frage dadurch entstand. Das Museum of Modern Art erläutert, dass bei den späteren Fassungen des verlorenen Originals deshalb das übertragene Konzept wichtiger war als eine identische materielle Gestalt.
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Käthe Kollwitz, „Die Mütter“, 1921/22, aus der 1923 veröffentlichten Folge „Krieg“. Die eng geschlossene Gruppe stellt Schutz und Verletzlichkeit in den Mittelpunkt – eine künstlerische Antwort auf die Erfahrung des Krieges.
Aufbruch und Widerspruch gehören zusammen
Die Moderne wird oft als Befreiungsgeschichte erzählt: Menschen lösen sich aus überlieferten Bindungen, Künstler überwinden starre Regeln, und immer kühnere Experimente führen schließlich zur Abstraktion. Daran ist etwas richtig – aber nur, solange die Gegenseite nicht verschwindet.
Neue politische Rechte galten keineswegs sofort für alle. Der Zugang zu Bildung, Akademien, Ausstellungen und finanzieller Unabhängigkeit blieb von Herkunft, Vermögen, Geschlecht und gesellschaftlichen Zuschreibungen abhängig. Ein wachsender Kunstmarkt konnte neue Karrieren ermöglichen und zugleich diejenigen ausschließen, denen Geld, Kontakte oder öffentliche Anerkennung fehlten.
Industrialisierung brachte technische Möglichkeiten, steigende Produktion und eine neue Mobilität hervor. Sie bedeutete zugleich harte Arbeitsbedingungen, Armut, Umweltveränderungen und die Erfahrung, in wirtschaftlichen Abläufen austauschbar zu werden. Großstädte boten Begegnung und Freiheit, konnten aber ebenso Einsamkeit und soziale Gegensätze verstärken. Neue Medien verbreiteten Wissen und Kunst; sie konnten auch für Werbung, nationale Feindbilder und politische Propaganda eingesetzt werden.
Diese Spannungen finden sich nicht nur im Inhalt moderner Kunst. Sie prägen ihre Formen und ihre Wirkung. Manche Werke feiern Geschwindigkeit, Technik oder die Hoffnung auf eine neu gestaltete Gesellschaft. Andere reagieren mit Rückzug, Ironie, Anklage oder Trauer. Nach dem Ersten Weltkrieg schuf Käthe Kollwitz ihren Holzschnittzyklus Krieg. In Die Mütter von 1921/22 drängt sich eine Gruppe von Frauen und Kindern zu einer schützenden, beinahe geschlossenen Form zusammen. Das Werk zeigt keinen heroischen Kampf, sondern Verlust, Angst und Widerstand gegen weitere Opfer. Das Museum of Modern Art ordnet den Zyklus als Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem Kriegstod ihres Sohnes und ihrer Entwicklung von anfänglicher Zustimmung zum Pazifismus ein.
Moderne Kunst ist deshalb kein Gütesiegel für Fortschritt. Sie kann die neue Welt bejahen, bezweifeln, erleiden oder bekämpfen. Gerade weil dieselben Veränderungen sehr verschiedene Erfahrungen hervorbrachten, entstanden gegensätzliche künstlerische Antworten.
Neu sein heißt nicht, die Vergangenheit abzuschaffen
Selbst radikale Erneuerung lebt häufig von dem, wogegen oder woran sie arbeitet. Turner verband die Eisenbahn mit Kenntnissen, die er aus älterer Landschaftsmalerei und Perspektivlehre gewonnen hatte. Künstler der Avantgarden griffen auf Volkskunst, religiöse Bildwelten, außereuropäische Werke oder handwerkliche Verfahren zurück. Solche Bezugnahmen konnten Wertschätzung und ernsthafte Auseinandersetzung bedeuten. Sie konnten aber auch Zusammenhänge ausblenden und Werke aus kolonial beherrschten Gesellschaften zu frei verfügbarem Material erklären.
Tradition und Moderne sind daher nicht automatisch Gegensätze. Eine überlieferte Form kann der Bewahrung einer Ordnung dienen – oder in einer neuen Situation zum Mittel kultureller Selbstbehauptung werden. Entscheidend ist, wer sie verwendet, unter welchen Bedingungen dies geschieht und welche Bedeutung sie dabei erhält.
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Abanindranath Tagore, „Bharat Mata“, 1905. Die Personifikation Indiens verbindet religiöse Bildtraditionen mit dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung. Das Werk zeigt, dass moderne Kunst auch durch die neue Deutung überlieferter Formen entstehen konnte.
Eine Moderne – oder viele Modernen?
Der Singular „die Moderne“ ist praktisch, weil er gemeinsame Fragen bündelt. Er wird problematisch, sobald eine europäische Entwicklung als allgemeiner Maßstab für die ganze Welt erscheint. Industrialisierung, Kolonialherrschaft, politische Selbstbestimmung, Urbanisierung und neue Bildungseinrichtungen wirkten regional zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Verbindungen. Auch die Kunst reagierte deshalb nicht überall auf dieselben Aufgaben.
Unterschiedliche Wege sind keine verspäteten Kopien
Ein anschauliches Beispiel bietet Südasien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Künstler aus dem Umfeld der Bengalischen Schule, international als Bengal School bekannt, suchten nach einer modernen Kunst, die nicht einfach europäische Lehrmodelle übernehmen sollte. Hinduistische Themen und ältere künstlerische Formen wurden im Zusammenhang antikolonialer Selbstbestimmung neu bewertet. Der Überblick des Metropolitan Museum of Art verbindet diese Entwicklung mit der Swadeshi-Bewegung, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Eigenständigkeit anstrebte.
Hier bedeutete Moderne nicht, alle Traditionen hinter sich zu lassen. Gerade ihre bewusste Wiederaneignung konnte zu einer modernen Entscheidung werden. Ähnliche Fragen wurden unter jeweils anderen Bedingungen in Japan, in lateinamerikanischen Ländern, innerhalb der Schwarzen Moderne und in der Harlem Renaissance verhandelt. Dabei entstanden keine bloßen Nachahmungen einer zuvor abgeschlossenen europäischen Moderne, sondern eigene Antworten auf lokale Erfahrungen und internationale Verflechtungen.
Diese Wege verliefen jedoch nicht unabhängig voneinander. Reisen, Handel, Zeitschriften, Kunstschulen, Museen und Ausstellungen verbanden Menschen und Ideen. Koloniale Machtverhältnisse bestimmten zugleich, wer sammeln, ausstellen, benennen und über den Wert von Kunst urteilen konnte. Von „Austausch“ zu sprechen genügt deshalb nicht. Es muss ebenso gefragt werden, unter welchen Bedingungen dieser Austausch stattfand und wessen Stimme dabei sichtbar blieb.
Statt nur nach dem ersten modernen Künstler oder dem ersten vollständig modernen Werk zu suchen, führt eine andere Frage weiter: Auf welches Problem ihrer Gegenwart antworteten Kunstschaffende – und warum wählten sie gerade diese Form?
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Wassily Kandinsky, „Entwurf zu Improvisation 31 (Seeschlacht)“, 1913. Farbflächen und schwarze Linien lassen an Schiffe und Bewegung denken. Die Studie lädt dazu ein, zwischen erkennbaren Motiven und der eigenständigen Wirkung von Farbe und Form zu unterscheiden.
Moderne Kunst verstehen
Moderne Kunst wird leichter zugänglich, wenn sie weder als endlose Folge von Stilnamen noch als Geschichte immer größerer Freiheit betrachtet wird. Ein Werk gehört zu seiner Zeit, aber es ist nicht bloß deren Illustration. Es trifft eine Auswahl, setzt einen Akzent und gibt einer Erfahrung eine Form.
Fünf Fragen an ein modernes Kunstwerk
- Welche Gegenwart wird sichtbar? Zeigt das Werk neue Lebensräume, gesellschaftliche Gruppen, Konflikte, Hoffnungen oder Ängste?
- Was verändert sich am Sehen und Gestalten? Welche Rolle spielen Farbe, Form, Material, Ausschnitt, Bewegung oder ein neues Medium?
- Wie geht das Werk mit Traditionen um? Bewahrt, verändert, bestreitet oder erneuert es überlieferte Motive und Verfahren?
- Unter welchen Bedingungen entstand es? Wer konnte Kunst schaffen, ausstellen, erwerben und öffentlich beurteilen?
- Welcher Widerspruch bleibt bestehen? Wo treffen Freiheit und Abhängigkeit, Fortschritt und Verlust oder Austausch und Macht aufeinander?
Die Artikel dieser Rubrik folgen solchen Zusammenhängen. Künstlerbiografien erzählen die Lebenswege einzelner Menschen. Die Kunststile erläutern gemeinsame Ausdrucksformen und Ideen. Künstlergruppen zeigen Zusammenarbeit und Abgrenzung. Die Timeline ordnet Ereignisse zeitlich ein. „Der Weg in die Moderne“ fragt ergänzend danach, warum sich Leben, Denken und Kunst veränderten – und wie diese Veränderungen miteinander verbunden waren.
Nachbereitung
Kurz zusammengefasst
- Die Moderne hat weder einen einzigen Beginn noch einen einheitlichen Stil.
- Gesellschaftliche Modernisierung und künstlerische Moderne hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.
- Technik und neue Medien schufen Möglichkeiten; sie bestimmten nicht automatisch, wie Kunst aussehen musste.
- Moderne Kunst entstand im Austausch mit Traditionen sowie innerhalb und außerhalb bestehender Institutionen.
- Fortschritt brachte Freiräume und neue Formen der Teilhabe hervor, zugleich aber soziale Härten, Ausschlüsse, koloniale Gewalt und Krieg.
- Verschiedene Regionen entwickelten eigene, miteinander verflochtene Wege in die Moderne.
Häufige Fragen
Wann begann die moderne Kunst?
Ein allgemein gültiges Datum gibt es nicht. Manche Darstellungen setzen bei Aufklärung und Revolutionen des 18. Jahrhunderts an, andere bei den gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts oder bei den Avantgarden um 1900. Die jeweilige Datierung hängt davon ab, welche Entwicklung erklärt werden soll.
Ist moderne Kunst immer abstrakt?
Nein. Die Abstraktion ist ein bedeutender Weg der modernen Kunst, aber nicht ihr Endpunkt und nicht ihr einziges Kennzeichen. Realistische, gegenständliche und erzählerische Kunst blieb während der gesamten Moderne lebendig.
Sind moderne und zeitgenössische Kunst dasselbe?
Im kunsthistorischen Sprachgebrauch meist nicht. „Moderne Kunst“ bezeichnet gewöhnlich einen historischen Zusammenhang, dessen Grenzen je nach Darstellung variieren. „Zeitgenössische Kunst“ meint die Kunst unserer näheren Gegenwart. Zwischen beiden Begriffen kann es je nach Museum oder Forschungstradition Überschneidungen geben.
Mussten moderne Künstler mit allen Traditionen brechen?
Nein. Viele griffen bewusst auf ältere Kunst, religiöse Bildwelten oder handwerkliche Verfahren zurück. Modern konnte gerade die neue Auswahl, Deutung oder politische Bedeutung einer Tradition sein.
Woran erkennt man, ob ein Werk modern ist?
Nicht allein am Entstehungsjahr oder an einer ungewohnten Form. Entscheidend ist, wie ein Werk auf veränderte Erfahrungen, Vorstellungen, Medien und Arbeitsbedingungen reagiert. Manchmal liegt das Moderne im Motiv, manchmal im Verfahren, im Kunstbegriff oder in der Art, wie ein Werk sein Publikum anspricht.




