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Francisco de Goya, „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, Blatt 43 aus der Folge „Los Caprichos“, 1799. Die düstere Grafik verbindet aufklärerische Gesellschaftskritik mit Traum, Angst und Fantasie – und weist damit bereits auf die moderne Kunst voraus.
Die moderne Kunst beginnt nicht plötzlich mit einem bestimmten Gemälde oder an einem einzelnen Tag. Schon im 18. Jahrhundert verändern neue Ideen, wissenschaftliche Entdeckungen und politische Revolutionen den Blick auf den Menschen und die Welt. Vernunft, Freiheit und persönliche Erfahrung gewinnen an Bedeutung, während die überlieferte Ordnung von Kirche, Adel und absolutistischer Monarchie zunehmend infrage gestellt wird.
Auch die Kunst bleibt davon nicht unberührt. Ausstellungen machen Gemälde einem größeren Publikum zugänglich, Kunstkritiker beginnen öffentlich über Werke zu urteilen und archäologische Ausgrabungen wecken eine neue Begeisterung für die Antike. Künstler greifen nicht mehr ausschließlich religiöse, mythologische oder höfische Themen auf. Sie werden zu Beobachtern ihrer Gegenwart – und manchmal sogar zu politischen Akteuren.
Die Ereignisse bis 1800 bilden damit noch nicht die moderne Kunst im engeren Sinne. Sie schaffen jedoch viele Voraussetzungen für jene künstlerischen Umbrüche, die das 19. Jahrhundert prägen werden.
Neue Ideen, neue Vorbilder und eine neue Öffentlichkeit
1694 – Voltaire wird geboren
Am 21. November 1694 wird François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, in Paris geboren. Als Schriftsteller und Philosoph wird er zu einem der einflussreichsten Vertreter der europäischen Aufklärung.
Voltaire tritt für Vernunft, religiöse Toleranz und geistige Freiheit ein. Zugleich kritisiert er Machtmissbrauch, kirchlichen Dogmatismus und die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Seine Schriften tragen zu einem geistigen Klima bei, in dem bestehende Autoritäten nicht länger als unveränderlich gelten. Diese Haltung wirkt auch auf die Kunst: Künstler und Betrachter beginnen, überlieferte Regeln, Themen und Wertmaßstäbe zunehmend zu hinterfragen.
1715 – Vom Barock zum Rokoko
Nach dem Tod Ludwigs XIV. im Jahr 1715 verliert die streng geregelte Hofkultur von Versailles allmählich ihre uneingeschränkte Vorbildfunktion. In Frankreich entwickelt sich aus dem späten Barock das Rokoko. An die Stelle monumentaler Inszenierungen treten leichtere Farben, elegante Formen und intime Szenen.
Antoine Watteau, François Boucher und später Jean-Honoré Fragonard zeigen höfische Gesellschaften, Feste, Liebespaare und idealisierte Landschaften. Die Kunst bleibt eng mit Adel und wohlhabenden Auftraggebern verbunden, doch ihre Stimmung wird persönlicher und spielerischer.
1737 – Der Pariser Salon wird zur öffentlichen Bühne
Seit 1737 veranstaltet die französische Kunstakademie regelmäßig Ausstellungen im Salon Carré des Louvre. Daraus entwickelt sich der berühmte Pariser Salon. Er wird zu einem der wichtigsten Orte des europäischen Kunstlebens.
Nun können nicht mehr nur Könige, Adlige und kirchliche Auftraggeber neue Kunstwerke sehen. Auch ein breiteres städtisches Publikum besucht die Ausstellungen, diskutiert über die gezeigten Bilder und bildet sich ein eigenes Urteil. Erfolg hängt dadurch zunehmend von öffentlicher Aufmerksamkeit und Kritik ab. Ein Kunstpublikum entsteht, das im 19. Jahrhundert noch erheblich an Einfluss gewinnen wird. Metropolitan Museum of Art
1738 und 1748 – Herculaneum und Pompeji werden ausgegraben
1738 beginnen die ersten systematischen Ausgrabungen im verschütteten Herculaneum. Zehn Jahre später folgen Ausgrabungen in Pompeji. Fresken, Skulpturen, Gebäude und Alltagsgegenstände vermitteln ein zuvor unbekanntes Bild des antiken Lebens. Archäologischer Park Herculaneum, Archäologischer Park Pompeji
Die Entdeckungen lösen in ganz Europa eine neue Begeisterung für die griechische und römische Antike aus. Künstler, Architekten und Kunsthandwerker orientieren sich an deren klaren Formen und vermeintlich zeitlosen Schönheitsidealen. Damit wird der Boden für den Klassizismus bereitet, der sich bewusst von der verspielten Pracht des Rokoko abwendet.
1751 – Wissen soll für alle zugänglich werden
1751 erscheint der erste Band der von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebenen „Encyclopédie“. Das gewaltige Werk sammelt das Wissen seiner Zeit über Wissenschaften, Künste und Handwerk. Es folgt dem aufklärerischen Gedanken, dass Erkenntnis nicht das Vorrecht weniger Menschen sein dürfe.
Diderot beschäftigt sich auch intensiv mit Malerei und Skulptur. Von 1759 an verfasst er ausführliche Besprechungen der Pariser Kunstausstellungen. Seine Texte beschreiben nicht nur die Werke, sondern fragen nach ihrer Wirkung, ihrem moralischen Gehalt und ihrer künstlerischen Qualität. Damit gehört er zu den Wegbereitern der modernen Kunstkritik.
1757 – Das Erhabene erweitert den Blick auf die Natur
Der irisch-britische Schriftsteller und Philosoph Edmund Burke veröffentlicht 1757 seine Untersuchung über das Schöne und das Erhabene. Während das Schöne mit Harmonie und Wohlgefallen verbunden wird, bezeichnet das Erhabene Erfahrungen von überwältigender Größe, Macht, Dunkelheit oder Gefahr.
Diese Vorstellung beeinflusst später besonders die Romantik. Wilde Landschaften, Stürme, Berge, Ruinen und die unermessliche Weite der Natur werden zu Motiven, mit denen Künstler intensive Gefühle ausdrücken können. Tate
1764 – Winckelmann prägt den Blick auf die Antike
Johann Joachim Winckelmann veröffentlicht 1764 seine „Geschichte der Kunst des Altertums“. Darin versucht er, die Entwicklung der antiken Kunst systematisch zu beschreiben und ihre Werke nach Epochen und Stilen zu ordnen.
Seine Idealisierung der griechischen Kunst beeinflusst den europäischen Klassizismus nachhaltig. Die Antike gilt nun nicht mehr nur als Sammlung nachahmenswerter Motive, sondern als moralisches und ästhetisches Vorbild. Klare Kompositionen, beherrschte Gefühle und ernsthafte Themen treten der dekorativen Leichtigkeit des Rokoko entgegen. Getty Research Institute
1769 – James Watt verbessert die Dampfmaschine
Am 5. Januar 1769 erhält James Watt ein Patent auf seinen separaten Kondensator. Durch diese technische Verbesserung verbrauchen Dampfmaschinen deutlich weniger Brennstoff und können wirtschaftlicher eingesetzt werden. Science Museum
Die Industrialisierung verändert zunächst Produktion, Verkehr und Arbeitswelt. Ihre Folgen werden bald jedoch auch Städte, Landschaften und das gesellschaftliche Leben prägen. Im 19. Jahrhundert beschäftigen sich Künstler immer häufiger mit Fabriken, Maschinen, Eisenbahnen und den sozialen Auswirkungen dieser Entwicklung.
Revolutionen verändern Gesellschaft und Kunst
1776 und 1783 – Die Vereinigten Staaten entstehen
Am 4. Juli 1776 verabschiedet der Kontinentalkongress die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Darin berufen sich die dreizehn Kolonien auf grundlegende Rechte und erklären ihre Loslösung von Großbritannien.
Erst der Frieden von Paris beendet 1783 den Unabhängigkeitskrieg und bestätigt die Vereinigten Staaten als souveränen Staat. Die amerikanische Revolution zeigt, dass sich die politischen Ideen der Aufklärung in eine neue Staatsordnung übersetzen lassen. Sie wird damit auch zu einem wichtigen Vorbild für die Französische Revolution.
1783 – Frauen behaupten ihren Platz im Kunstbetrieb
Am 31. Mai 1783 werden Élisabeth Vigée-Lebrun und Adélaïde Labille-Guiard in die französische Académie Royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen. Das ist bemerkenswert, denn die Zahl weiblicher Mitglieder ist zu dieser Zeit auf höchstens vier begrenzt.
Beide Künstlerinnen feiern insbesondere als Porträtmalerinnen große Erfolge. Labille-Guiard setzt sich außerdem für die Ausbildung junger Frauen ein. Ihre Karrieren machen sichtbar, dass Frauen trotz erheblicher gesellschaftlicher und institutioneller Hindernisse im europäischen Kunstbetrieb präsent sind. Metropolitan Museum of Art
Im selben Jahr begeistern die ersten Ballonfahrten die europäische Öffentlichkeit. Wissenschaftlicher Fortschritt wird nun zu einem öffentlich bestaunten Ereignis, das sich rasch auch in Druckgrafiken, Karikaturen und dekorativen Gegenständen niederschlägt. Die Welt scheint im wahrsten Sinne des Wortes neue Perspektiven zu eröffnen. Smithsonian National Air and Space Museum
1784 bis 1787 – Jacques-Louis David erneuert die Historienmalerei
Jacques-Louis David malt 1784 den „Schwur der Horatier“. Das im folgenden Jahr im Pariser Salon ausgestellte Gemälde wird zu einem Hauptwerk des Klassizismus. Seine strenge Komposition, die klaren Konturen und das ernste Thema unterscheiden sich deutlich von der verspielten Kunst des Rokoko.
1787 folgt „Der Tod des Sokrates“. David zeigt den Philosophen in dem Augenblick, in dem er bereit ist, für seine Überzeugungen zu sterben. Obwohl beide Gemälde Begebenheiten aus der Antike darstellen, sprechen sie über Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Widerstand gegen ungerechte Herrschaft. Dadurch erhalten sie unmittelbar vor der Französischen Revolution eine besondere politische Wirkung. Metropolitan Museum of Art
1789 – Die Französische Revolution beginnt
Am 14. Juli 1789 stürmt die Pariser Bevölkerung die Bastille. Wenige Wochen später verabschiedet die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Sie verkündet Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, lässt Frauen und zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen politisch jedoch weiterhin außen vor. Élysée
Die Revolution verändert auch die Funktion der Kunst. Bilder, Druckgrafiken, Karikaturen, Feste und Denkmäler verbreiten politische Botschaften und schaffen neue Symbole. Künstler stellen nun nicht nur vergangene Helden dar, sondern greifen unmittelbar in das Geschehen ihrer eigenen Zeit ein.
1791 bis 1793 – Der Louvre wird zum öffentlichen Museum
1791 beschließt die französische Nationalversammlung, den Louvre in ein Kunstmuseum umzuwandeln. Am 10. August 1793 öffnet das „Muséum central des arts“ seine Türen für die Öffentlichkeit. Die frühere königliche Sammlung wird damit zumindest dem Anspruch nach zum Besitz der Nation. Louvre
Dieser Wandel ist von großer Bedeutung: Kunstwerke werden aus höfischen und privaten Zusammenhängen herausgelöst, gesammelt, geordnet und gemeinsam präsentiert. Das Museum entwickelt sich zu einem Ort öffentlicher Bildung – aber auch zu einer Institution, die darüber entscheidet, welche Werke als besonders bedeutend gelten.
1792 und 1793 – Jacques-Louis David wird zum Maler der Revolution
Am 21. September 1792 schafft der Nationalkonvent die Monarchie ab; die Erste Französische Republik entsteht. Jacques-Louis David gehört dem Konvent an und beteiligt sich aktiv an der Revolution.
1793 malt er „Der Tod des Marat“. Das Gemälde zeigt den ermordeten Journalisten und Revolutionär Jean-Paul Marat in seiner Badewanne. David verzichtet weitgehend auf erzählerische Einzelheiten und gestaltet den Toten wie einen Märtyrer. Damit verbindet er klassizistische Klarheit mit einem unmittelbar zeitgenössischen politischen Ereignis. Kunst wird hier zugleich Erinnerung, Verherrlichung und Propaganda.
Um 1796 – Die Lithografie wird erfunden
Alois Senefelder entwickelt in München um 1796 die Lithografie. Bei diesem Verfahren wird das Motiv mit fetthaltiger Farbe auf einen Kalkstein gezeichnet und anschließend gedruckt.
Im 19. Jahrhundert ermöglicht die Technik eine vergleichsweise schnelle und kostengünstige Verbreitung von Bildern. Künstler können direkter zeichnen als bei älteren Druckverfahren. Lithografien werden deshalb für Künstlergrafik, Buchillustrationen, politische Karikaturen und später auch für farbige Plakate außerordentlich wichtig. Deutsches Patent- und Markenamt
1798 und 1799 – Ägypten rückt in den europäischen Blick
1798 beginnt Napoleon Bonapartes militärische Expedition nach Ägypten. Mit den Truppen reisen auch Wissenschaftler, Zeichner und Ingenieure, die Landschaften, Bauwerke, Tiere und Pflanzen dokumentieren. Die Unternehmung ist Teil einer gewaltsamen Eroberung, trägt jedoch zugleich zu einem stark wachsenden europäischen Interesse an der altägyptischen Kultur bei.
Im Juli 1799 entdecken französische Soldaten den Stein von Rosetta. Seine Inschriften werden später zur entscheidenden Grundlage für die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen. Ägyptische Formen und Motive beeinflussen in den folgenden Jahrzehnten Architektur, Kunsthandwerk und Malerei.
1799 – Goya veröffentlicht die „Caprichos“
Francisco de Goya veröffentlicht 1799 seine Folge „Los Caprichos“. Die 80 Radierungen und Aquatinten richten sich gegen Aberglauben, gesellschaftliche Heuchelei, Unwissenheit und Machtmissbrauch.
Das bekannteste Blatt trägt den Titel „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Goya verbindet darin aufklärerische Gesellschaftskritik mit düsteren Traumwelten und persönlicher Vorstellungskraft. Gerade diese Mischung lässt ihn wie einen Vorläufer späterer moderner Kunst erscheinen. Metropolitan Museum of Art
Im November desselben Jahres übernimmt Napoleon durch den Staatsstreich des 18. Brumaire die Macht in Frankreich. Damit endet die revolutionäre Phase, während sich bereits eine neue politische Ordnung ankündigt.
Was die Kunst um 1800 verändert hat
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sind wesentliche Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der Kunst geschaffen. Die Aufklärung hat Vernunft, Kritik und individuelle Urteilskraft gestärkt. Salons, Kunstkritik und öffentliche Museen haben das Publikum erweitert. Revolutionen haben neue politische Themen und Symbole hervorgebracht, während technische Erfindungen die Herstellung und Verbreitung von Bildern verändern.
Zugleich stehen sich zwei künstlerische Grundhaltungen gegenüber: Der Klassizismus sucht Klarheit, Ordnung und moralische Größe in der Antike. Die entstehende Romantik wendet sich stärker dem Gefühl, der Vorstellungskraft, dem Unheimlichen und der überwältigenden Natur zu.
Die moderne Kunst ist damit noch nicht erreicht. Doch Künstler beginnen bereits, sich von ihrer traditionellen Rolle als Diener von Hof, Kirche und Akademie zu lösen. Sie werden zunehmend zu eigenständigen Beobachtern, Kritikern und Deutern ihrer Zeit.
