Hilma af Klint, „De Fem – ohne Titel“, 1908. Die streng symmetrische Komposition lässt bereits jene geometrischen Formen und symbolischen Farbflächen erkennen, die aus den spirituellen Experimenten der fünf Frauen hervorgingen.
Im Jahr 1896 beginnt für Hilma af Klint eine Zusammenarbeit, die ihre Kunst grundlegend verändern wird. Gemeinsam mit vier anderen Frauen gründet sie die Gruppe „De Fem“ – „Die Fünf“. In regelmäßigen Zusammenkünften beschäftigen sich die Frauen mit Meditation, spiritistischen Sitzungen, religiösen Texten und der Frage, ob eine Verbindung zu einer geistigen Welt möglich ist.
Dabei entstehen Zeichnungen, die sich deutlich von Hilma af Klints akademisch geschulter Malerei unterscheiden. Spiralen, Pflanzenformen, geschwungene Linien und erste geometrische Zeichen treten an die Stelle naturgetreuer Darstellungen. Noch sind es keine großformatigen abstrakten Gemälde. Doch in den gemeinsamen Experimenten von „De Fem“ bildet sich nach und nach jene Bildsprache heraus, die Hilma af Klints späteres Werk prägen wird.
De Fem – fünf Frauen auf einem gemeinsamen Weg
Hilma af Klint kennt Anna Cassel bereits seit dem gemeinsamen Studium an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm. Aus der Freundschaft der beiden Künstlerinnen entwickelt sich eine langjährige Verbindung, die sowohl von künstlerischen als auch von spirituellen Interessen geprägt ist.
Zu ihnen kommen Cornelia Cederberg, Sigrid Hedman und Mathilda Nilsson. Einige der Frauen sind zuvor Mitglieder der Edelweiss-Gesellschaft gewesen, einer Stockholmer Vereinigung, in der sich christliche Vorstellungen mit spiritistischen und theosophischen Lehren verbinden.
Ab 1896 nennen sich die fünf Frauen „De Fem“. Sie treffen sich regelmäßig, um gemeinsam zu meditieren, spirituelle Schriften zu lesen und Sitzungen abzuhalten. Ihre Zusammenkünfte folgen wiederkehrenden Abläufen. Gebete und Texte aus dem Neuen Testament können ebenso dazugehören wie Phasen konzentrierter Stille und der Versuch, Botschaften aus einer geistigen Welt zu empfangen.
Botschaften von den „Hohen Meistern“
Die Frauen sind überzeugt, mit geistigen Wesen in Verbindung zu stehen, die sie als „Die Hohen“ oder „Hohe Meister“ bezeichnen. In ihren Aufzeichnungen erscheinen Namen wie Gregor, Clemens, Esther, Ananda und Amaliel. Diese Wesen verstehen sie als Vermittler einer höheren Erkenntnis.
Was während der Sitzungen gesprochen, geschrieben oder gezeichnet wird, halten die Frauen sorgfältig in Notizbüchern fest. Dadurch unterscheiden sich ihre Zusammenkünfte von flüchtigen Séancen, bei denen das Erlebte anschließend nur mündlich weitererzählt wird. „De Fem“ dokumentiert ihre Arbeit über Jahre hinweg und schafft ein umfangreiches gemeinsames Archiv.
Ob tatsächlich Botschaften aus einer anderen Wirklichkeit übermittelt werden, lässt sich weder kunsthistorisch beweisen noch widerlegen. Für das Verständnis von Hilma af Klints Entwicklung ist jedoch entscheidend, dass die fünf Frauen von der Bedeutung ihrer Erfahrungen überzeugt sind. Die Sitzungen sind für sie keine gesellschaftliche Unterhaltung, sondern eine ernsthafte Form gemeinsamer Forschung.
In ihren Aufzeichnungen erscheinen spirituelle Suche, religiöse Vorstellungen und ein beinahe wissenschaftlicher Drang zur Ordnung nebeneinander. Die Frauen sammeln, vergleichen, nummerieren und bewahren ihre Erfahrungen auf. Auch Hilma af Klints späteres Werk wird von dieser ungewöhnlichen Verbindung aus innerem Erleben und systematischer Dokumentation geprägt sein.
Symbolische Darstellung des automatischen Zeichnens: De Fem ließ die Hand möglichst frei über das Papier gleiten und deutete die entstehenden Linien und Formen als empfangene Zeichen.
Foto: Ron Lach / Pexels.
Zeichnen ohne bewussten Plan
Ein wichtiger Bestandteil der Zusammenkünfte ist das automatische Schreiben und Zeichnen. Dabei führt eine der Frauen den Stift über das Papier, ohne die Bewegung bewusst zu planen oder ein fertiges Motiv vor Augen zu haben.
Die Hand soll möglichst frei arbeiten können. Linien entstehen, kreuzen sich, verdichten sich oder entwickeln sich zu Formen. Manchmal werden daraus Buchstaben und Wörter, manchmal Pflanzen, Spiralen oder geometrische Gebilde.
Diese Arbeitsweise stellt Hilma af Klints akademische Ausbildung auf den Kopf. An der Kunstakademie hat sie gelernt, ein Motiv genau zu beobachten, eine Komposition vorzubereiten und jeden Schritt bewusst zu kontrollieren. Beim automatischen Zeichnen soll gerade diese Kontrolle in den Hintergrund treten.
Eine gemeinschaftliche Kunst ohne eindeutige Urheberschaft
Die Frauen wechseln sich beim Schreiben und Zeichnen ab. Wer jeweils den Stift führt, wird auf den Blättern häufig nicht vermerkt. Die persönliche Urheberschaft, die im traditionellen Kunstbetrieb eine so große Rolle spielt, ist für „De Fem“ zunächst nebensächlich.
Deshalb können die erhaltenen automatischen Zeichnungen nicht ohne Weiteres Hilma af Klint allein zugeschrieben werden. Sie sind Ergebnisse einer gemeinschaftlichen Praxis. Die Frauen verstehen sich weniger als individuelle Schöpferinnen denn als Beteiligte an einem Vorgang, der ihrer Ansicht nach von einer höheren Ebene geleitet wird.
Dennoch sind diese Arbeiten für Hilma af Klints weitere Entwicklung von großer Bedeutung. In ihnen tauchen bereits Spiralen, stilisierte Blüten, Kreise, gegenläufige Bewegungen und andere geometrische Formen auf, die später in ihren eigenen Gemälden wiederkehren.
Die Zeichnungen sind noch keine vollständig entwickelte abstrakte Kunst. Gegenständliche, symbolische und ungegenständliche Elemente gehen ineinander über. Gerade diese Offenheit macht sie zu einem Experimentierfeld, auf dem Hilma af Klint neue Möglichkeiten des Zeichnens und Denkens erprobt.
Eine Befreiung von der akademischen Malerei
Das automatische Zeichnen bedeutet nicht, dass Hilma af Klint ihre künstlerischen Fähigkeiten plötzlich ablegt. Auch wenn die erste Bewegung des Stiftes nicht bewusst gesteuert werden soll, bringt sie ihre Erfahrung als Zeichnerin, ihre Beobachtungsgabe und ihr Wissen über Formen in die Arbeit ein.
Vielmehr findet sie eine Methode, mit der sie die festen Regeln ihrer Ausbildung zeitweise außer Kraft setzen kann. Sie muss nun weder einen Menschen porträtieren noch eine Landschaft naturgetreu wiedergeben. Eine Zeichnung darf entstehen, ohne etwas Sichtbares abbilden zu müssen.
Damit erproben „De Fem“ eine Arbeitsweise, die erst Jahrzehnte später durch die Surrealisten bekannter werden wird. Für Hilma af Klint öffnet sich ein Raum zwischen bewusster Gestaltung und unbewusstem Entstehenlassen. Aus diesem Spannungsfeld wird sich ihre spätere Kunst entwickeln.
Hilma af Klint in einem spätestens 1901 veröffentlichten Porträt. Nach außen erschien sie als etablierte, akademisch ausgebildete Künstlerin – während im Verborgenen eine radikal andere Bildwelt entstand.
According to Moderna Museet the photographer is unknown, Hilma af Klint, portrait photograph published in 1901, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Zwei Leben nebeneinander
Während Hilma af Klint mit „De Fem“ nach einem Zugang zur unsichtbaren Welt sucht, setzt sie ihr öffentliches Leben als professionelle Künstlerin fort. Sie malt Landschaften und Porträts, fertigt botanische Studien an und beteiligt sich an Ausstellungen.
1898 stirbt ihr Vater Fredrik Victor af Klint. Ein Jahr später zieht Hilma gemeinsam mit ihrer Mutter in die Brahegatan 52 in Stockholm. Die Verbindung zur Mutter wird für ihr weiteres Leben wichtig. Hilma bleibt unverheiratet und übernimmt später einen großen Teil ihrer Betreuung.
Auch wirtschaftlich ist sie weiterhin auf ihre gegenständliche Kunst angewiesen. Gemeinsam mit Anna Cassel illustriert sie um 1900 ein Fachbuch über Pferdechirurgie. Die präzisen anatomischen Zeichnungen zeigen eine ganz andere Seite ihres Könnens als die freien Arbeiten von „De Fem“. Sie beweisen, wie genau und kontrolliert Hilma af Klint zeichnen kann, wenn es die Aufgabe verlangt.
Von 1902 an arbeitet sie wieder in einem Atelier in der Hamngatan. Sie reist, besucht Ausstellungen und bewegt sich im Stockholmer Kunstleben. Ihre spirituellen Zeichnungen zeigt sie dagegen nur einem kleinen Kreis.
Spiritualität, Wissenschaft und eine neue Wirklichkeit
Für Hilma af Klint sind Naturwissenschaft und Spiritualität keine unvereinbaren Gegensätze. Beide versprechen ihr einen Zugang zu Kräften, die zwar nicht unmittelbar sichtbar sind, aber dennoch auf die materielle Welt einwirken.
Die technischen und wissenschaftlichen Entdeckungen ihrer Zeit tragen zu dieser Vorstellung bei. Röntgenstrahlen machen das Innere eines Körpers sichtbar. Elektromagnetische Wellen ermöglichen eine Übertragung über große Entfernungen. Mikroskope eröffnen den Blick auf Strukturen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.
Wenn die Wissenschaft immer neue unsichtbare Bereiche der Wirklichkeit entdeckt, erscheint Hilma af Klint auch die Vorstellung einer geistigen Ebene nicht abwegig. Sie beschäftigt sich mit spiritistischen, theosophischen und religiösen Lehren und sucht nach einer umfassenden Ordnung, in der Materie und Geist miteinander verbunden sind.
Die Arbeit von „De Fem“ bietet ihr dafür ein eigenes Versuchsfeld. Die regelmäßigen Treffen verbinden innere Erfahrung mit gemeinsam festgelegten Abläufen und genauer Aufzeichnung. Darin liegt ein wichtiger Schlüssel zu Hilma af Klints späterer Kunst: Ihre Bilder entstehen aus spirituellen Überzeugungen, werden aber zugleich in umfangreichen Reihen, Gruppen und Systemen geordnet.
Hilma af Klint, „Urchaos, Nr. 16“, 1906–1907. Die schwingenden Spiralformen markieren den Übergang von den automatischen Zeichnungen der De-Fem-Jahre zu den monumentalen „Gemälden für den Tempel“.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267, Hilma af Klint, 1906-07, Primordial Chaos - No 16, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Die Vorbereitung auf den großen Auftrag
1904 findet Hilma af Klint in den Sitzungen erste Hinweise auf eine bevorstehende Aufgabe. Nach ihren Aufzeichnungen kündigt das geistige Wesen Ananda an, dass „astrale Bilder“ entstehen sollen. Sie sollen nicht die äußere Erscheinung eines Menschen zeigen, sondern seine unvergänglichen und geistigen Seiten sichtbar machen.
Im folgenden Jahr werden diese Mitteilungen konkreter. Hilma af Klint hält fest, dass sie sich für eine große Aufgabe vorbereiten und dem Wesen Amaliel zur Verfügung stellen soll. Zeitweise soll sie auf andere Malerei verzichten und sich inneren Prüfungen unterziehen.
Sie nimmt diese Botschaften ernst. Dennoch wäre es zu einfach, ihre kommenden Gemälde nur als Ergebnisse einer passiven Übermittlung zu betrachten. Hinter ihr liegen eine gründliche akademische Ausbildung, viele Jahre professioneller Malerei, intensive Naturstudien und beinahe ein Jahrzehnt gemeinschaftlicher Zeichenexperimente.
All diese Erfahrungen fließen in das ein, was nun beginnt. Hilma af Klint verfügt über die handwerklichen Fähigkeiten, Bilder in ungewöhnlichen Dimensionen auszuführen. Durch „De Fem“ hat sie zugleich eine freie Formensprache entwickelt und gelernt, ihrem inneren Erleben einen Platz im künstlerischen Prozess zu geben.
Anfang 1906 glaubt Hilma af Klint schließlich, von Amaliel einen unmittelbaren Auftrag zu erhalten. Sie nimmt ihn an. Im November beginnt sie mit den ersten Bildern eines gewaltigen Zyklus, der sie fast ein Jahrzehnt beschäftigen wird: den „Gemälden für den Tempel“.



