Die Insel Adelsö im Mälarsee, auf der Hilma af Klint einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Die von Wasser, Feldern und Wäldern geprägte Umgebung schärfte früh ihren Blick für die Natur.
Jan Norrman / Riksantikvarieämbetet, Adelsö - KMB - 16000700013479, CC BY 2.5
Bevor Hilma af Klint jene farbgewaltigen und rätselhaften Bilder erschafft, die sie viele Jahrzehnte später weltberühmt machen werden, führt sie das Leben einer anerkannten, akademisch ausgebildeten Malerin. Sie zeichnet Pflanzen, malt Landschaften und Porträts, nimmt an Ausstellungen teil und arbeitet in einem eigenen Atelier im Zentrum Stockholms.
Doch schon während ihrer Jugend entsteht neben diesem sichtbaren künstlerischen Weg noch ein zweiter. Hilma af Klint interessiert sich für Naturwissenschaften, religiöse Fragen und eine Wirklichkeit, die sich ihrer Überzeugung nach hinter der sichtbaren Welt verbirgt. Zunächst verlaufen diese beiden Wege nebeneinander. Später wird aus ihrer Verbindung eine Kunst entstehen, für die es zu ihrer Zeit kaum einen Vergleich gibt.
Kindheit zwischen Stockholm und der Insel Adelsö
Hilma af Klint wird am 26. Oktober 1862 im Schloss Karlberg bei Stockholm geboren. Ihre Eltern sind der Marineoffizier Fredrik Victor af Klint und Mathilda Sontag. Hilma ist das vierte von insgesamt fünf Kindern.
Die Familie ihres Vaters ist seit mehreren Generationen eng mit der schwedischen Marine verbunden. Fredrik Victor af Klint unterrichtet Kadetten an der Militärakademie in Karlberg. Er interessiert sich jedoch nicht nur für die Seefahrt, sondern ebenso für Mathematik und Naturbeobachtung. Diese Interessen gibt er an seine Tochter weiter.
Als Hilma sechs Jahre alt ist, zieht die Familie in die Norrtullsgatan nach Stockholm. Während des größten Teils des Jahres lebt sie nun in der Stadt. Die Sommer verbringt die Familie dagegen auf ihren Gütern Tofta und Hanmora auf der Insel Adelsö im Mälarsee.
Die Natur als frühe Lehrmeisterin
Adelsö bietet Hilma af Klint eine Umgebung, die sich deutlich vom städtischen Stockholm unterscheidet. Wasser, Pflanzen, Tiere und die wechselnden Erscheinungen der Landschaft gehören hier zu ihrem Alltag. Sie beobachtet die Natur aufmerksam und entwickelt schon früh ein besonderes Interesse an ihren Formen und Ordnungen.
Blüten, Samen, Muscheln und verzweigte Pflanzen sind für sie nicht nur schöne Motive. In ihnen entdeckt sie wiederkehrende Strukturen und Gesetzmäßigkeiten. Die genaue Naturbeobachtung begleitet Hilma af Klint durch ihr gesamtes Leben. Später werden organische Formen, Spiralen und pflanzenähnliche Gebilde auch in ihren abstrakten Gemälden erscheinen.
Ihr Interesse an Natur und Mathematik lässt bereits eine Denkweise erkennen, die für ihr späteres Werk entscheidend wird. Hilma af Klint betrachtet die Welt nicht als Ansammlung voneinander getrennter Dinge. Sie sucht nach Verbindungen und nach einer Ordnung, die sich hinter den sichtbaren Erscheinungen verbergen könnte.
Im Alter von zehn Jahren besucht sie die „Normalskola för flickor“, eine höhere Schule für Mädchen in Stockholm. Für die Tochter einer gebildeten Familie gehört eine gute schulische Erziehung zwar zum gesellschaftlichen Selbstverständnis. Dass Hilma daraus später einen eigenständigen Beruf als Künstlerin entwickelt, ist jedoch keineswegs selbstverständlich.
Die Suche nach einer unsichtbaren Welt
Schon als Jugendliche beginnt Hilma af Klint, sich mit religiösen und spirituellen Fragen zu beschäftigen. 1879 nimmt sie erstmals an spiritistischen Sitzungen teil, wahrscheinlich im Umfeld der Malerin, Fotografin und bekannten spiritistischen Vermittlerin Bertha Valerius.
Solche Zusammenkünfte sind im ausgehenden 19. Jahrhundert keine seltene Randerscheinung. In vielen europäischen Städten beschäftigen sich Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler mit der Möglichkeit einer geistigen Welt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse verändern zugleich die Vorstellung davon, was sichtbar und was unsichtbar ist. Kräfte wie Elektrizität und Magnetismus lassen sich nicht unmittelbar sehen, können aber dennoch nachgewiesen werden.
Für Hilma af Klint erhält die Frage nach einer unsichtbaren Wirklichkeit bald eine sehr persönliche Bedeutung. 1880 stirbt ihre zehnjährige Schwester Hermina. Hilma ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Der Verlust scheint ihr bereits vorhandenes Interesse an Religion, Spiritualismus und einem möglichen Weiterleben nach dem Tod zu vertiefen.
Wie stark dieses Ereignis ihre späteren Überzeugungen tatsächlich bestimmt, lässt sich nicht eindeutig sagen. Es wäre zu einfach, ihre spirituelle Suche allein aus dem Tod der Schwester erklären zu wollen. Dennoch gehört Herminas früher Tod zu den prägenden Erfahrungen ihrer Jugend.
Alfred Bergström, Blick auf die Kunstakademie in Stockholm, 1890. Hilma af Klint studierte dort von 1882 bis 1887 und erwarb das handwerkliche Fundament ihrer späteren Kunst.
Alfred Bergström artist QS:P170,Q5573251, Alfred Bergström, Utsikt över Konstakademien, 1890, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Der Weg zur professionellen Künstlerin
Im selben Jahr, in dem ihre Schwester stirbt, beginnt Hilma af Klint ihre künstlerische Ausbildung zu vertiefen. Sie besucht Zeichenkurse an der Technischen Schule in Stockholm und nimmt Unterricht in Porträtmalerei an der privaten Malschule von Kerstin Cardon.
Cardon gehört zu den angesehenen schwedischen Porträtmalerinnen ihrer Zeit und unterrichtet zahlreiche junge Frauen. In ihrer Schule erlernt Hilma af Klint wichtige Grundlagen: die genaue Beobachtung eines Menschen, den Aufbau eines Porträts und den kontrollierten Umgang mit Farbe und Licht.
Ihr Talent und ihre Beharrlichkeit führen sie bald an eine der wichtigsten Kunstinstitutionen Schwedens.
Das Studium an der Königlichen Kunstakademie
Von 1882 bis 1887 studiert Hilma af Klint an der Königlichen Akademie der freien Künste in Stockholm. Zu ihren Lehrern gehören die bekannten Historienmaler Georg von Rosen und August Malmström.
Das Studium ist von einer akademischen Kunstauffassung geprägt. Die Studierenden zeichnen nach Gipsmodellen und lebenden Personen, beschäftigen sich mit Anatomie, Perspektive und Komposition und erlernen den sorgfältigen Aufbau eines Gemäldes. Von einer freien, abstrakten Malerei ist Hilma af Klint zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt.
An der Akademie begegnet sie Anna Cassel. Zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt sich eine enge Freundschaft, die weit über ihre gemeinsame Studienzeit hinausreicht. Cassel wird später nicht nur Hilma af Klints spirituelle Suche begleiten, sondern auch an einem entscheidenden Wendepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung beteiligt sein.
Hilma af Klint schließt ihre Ausbildung mit Auszeichnung ab. Damit besitzt sie eine für Frauen ihrer Zeit noch immer ungewöhnlich umfassende künstlerische Ausbildung. Sie ist nun keine Hobbymalerin, sondern eine professionell geschulte Künstlerin, die ihren Platz im Stockholmer Kunstleben sucht.
Hilma af Klint, Ohne Titel, 1890er-Jahre. Die sorgfältig ausgeführte Mohnblumenstudie zeigt jene naturalistische Seite ihres Schaffens, mit der sie zunächst öffentlich in Erscheinung trat.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267, Hilma af Klint - 1890s - Untitled, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Eine anerkannte Malerin in Stockholm
Nach dem Abschluss stellt die Kunstakademie Hilma af Klint gemeinsam mit zwei weiteren Künstlerinnen ein Atelier in der Hamngatan 5 zur Verfügung. Das Atelier liegt in der Nähe des Kungsträdgården und damit mitten im kulturellen Zentrum Stockholms. Galerien, Ausstellungssäle und Treffpunkte der Kunstszene befinden sich in unmittelbarer Umgebung.
Hilma af Klint malt zu dieser Zeit vor allem Porträts und Landschaften in einem naturalistischen Stil. Ihre Bilder orientieren sich an der sichtbaren Wirklichkeit und zeigen die handwerkliche Sicherheit ihrer akademischen Ausbildung. Daneben entstehen präzise Pflanzenzeichnungen und Illustrationen.
Mit diesen gegenständlichen Arbeiten verdient sie einen Teil ihres Lebensunterhalts. Zwischen 1886 und 1914 werden ihre Gemälde in mehr als zwei Dutzend Ausstellungen gezeigt, viele davon organisiert vom Schwedischen Kunstverein. Hilma af Klint ist damit keineswegs eine völlig unbekannte oder von der Kunstwelt ausgeschlossene Malerin. Ihre öffentlich gezeigten Werke finden durchaus Anerkennung.
Zwei künstlerische Welten
Rückblickend kann der Eindruck entstehen, Hilma af Klints Landschaften und Porträts seien lediglich eine unbedeutende Vorstufe zu ihren späteren abstrakten Bildern gewesen. Das würde diesem Teil ihres Schaffens jedoch nicht gerecht.
Die gegenständliche Malerei schult ihren Blick und gibt ihr die technischen Fähigkeiten, mit denen sie später auch sehr große und komplexe Bilder bewältigen kann. Ihre Naturstudien fördern die genaue Wahrnehmung von Formen, Wachstumsprozessen und wiederkehrenden Strukturen. Auch die Gewohnheit, Beobachtungen sorgfältig zu dokumentieren, wird für ihr späteres Werk wichtig.
Gleichzeitig wächst in Hilma af Klint das Bedürfnis, über die sichtbare Oberfläche hinauszugehen. Die akademische Malerei kann ihr zeigen, wie ein Mensch, eine Pflanze oder eine Landschaft aussieht. Sie beantwortet aber nicht die Frage, welche Kräfte hinter dem Sichtbaren wirken und wie sich geistige Zusammenhänge in einem Bild darstellen lassen.
Noch hält Hilma af Klint ihre Tätigkeit als anerkannte Malerin und ihre spirituelle Suche weitgehend voneinander getrennt. Doch 1896 beginnt sie sich regelmäßig mit Anna Cassel und drei weiteren Frauen zu treffen. Gemeinsam nennen sie sich „De Fem“ – „Die Fünf“.
Mit diesen Zusammenkünften beginnt ein neues Kapitel in Hilma af Klints Leben. Zeichnen wird nun nicht mehr nur zu einer bewussten künstlerischen Tätigkeit, sondern zu einem möglichen Zugang in eine unsichtbare Welt.


