Vorwort
Als die vier Lukasbrüder Johann Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger 1810 nach Rom kamen, waren sie noch keine anerkannten Künstler. Sie besaßen weder bedeutende Auftraggeber noch eine gesicherte berufliche Zukunft. Was sie miteinander verband, war eine Vorstellung davon, wie Kunst entstehen sollte: aus genauer Arbeit, gegenseitiger Unterstützung, religiöser Überzeugung und einer Lebensführung, die zu den eigenen Bildern passte.
Im zeitweise leer stehenden Kloster Sant’Isidoro fanden sie einen Ort, an dem sie dieses Ideal erproben konnten. Sie lebten zurückgezogen, zeichneten gemeinsam, studierten ältere Kunst und versuchten, ihren Alltag nach selbst gewählten Regeln zu gestalten.
Sant’Isidoro war deshalb mehr als eine Unterkunft. Das Kloster wurde zum Schauplatz eines Experiments: Konnten Künstler nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern auch ihre Freundschaft, ihre Überzeugungen und ihre Kunst zu einem gemeinsamen Lebensentwurf verbinden?
Das erfährst du in diesem Artikel
- weshalb die Lukasbrüder in das Kloster Sant’Isidoro einzogen,
- wie sie dort lebten und arbeiteten,
- welche Bedeutung Gemeinschaft und Freundschaft für ihre Kunst hatten,
- warum ihre Lebensweise an ein Kloster erinnerte, ohne dass sie Mönche waren,
- welche Spannungen innerhalb der Gemeinschaft entstanden,
- und weshalb Sant’Isidoro für spätere Künstlergruppen bedeutsam wurde.
Kurz erklärt
Sant’Isidoro a Capo le Case ist ein Kirchen- und Klosterkomplex auf dem Pincio in Rom. Während der napoleonischen Herrschaft war das Franziskanerkloster zeitweise aufgehoben worden. Dadurch standen Räume leer, die ab 1810 von jungen Künstlern des Lukasbundes genutzt werden konnten.
Die Lukasbrüder wollten dort nicht einfach preiswert wohnen. Sie verbanden mit dem klösterlichen Ort die Hoffnung auf ein ruhiges, konzentriertes und moralisch gefestigtes Künstlerleben. Arbeit, Freundschaft und Religion sollten keine voneinander getrennten Bereiche sein.
Dieses Ideal hielt jedoch nicht dauerhaft in seiner ursprünglichen Form. Krankheiten, unterschiedliche Charaktere und persönliche Lebenswege veränderten die Gemeinschaft schon nach kurzer Zeit. Dennoch wurde Sant’Isidoro zum Sinnbild einer Künstlergruppe, die ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen selbst bestimmen wollte.
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Lalupa: Kloster Sant’Isidoro in Rom, 2004, digitale Fotografie. Hinter der modernen Straße erheben sich die Konventsgebäude, in denen Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger ab 1810 lebten und arbeiteten.
Lalupa: Convento di Sant’Isidoro, aufgenommen am 7. Januar 2004, eigenes Werk, über Wikimedia Commons. Vom Urheber weltweit als gemeinfrei veröffentlicht, Public Domain.
Ein Kloster wird zum Zuhause der Lukasbrüder
Rom war für die jungen Künstler ein lange ersehntes Ziel. Dort konnten sie Werke von Raffael, Fra Angelico, Michelangelo und anderen Meistern der italienischen Renaissance im Original betrachten. Besonders wichtig waren ihnen Kirchen, Klöster und Fresken, in denen Kunst noch mit einem religiösen Raum verbunden war.
Im Unterschied zu vielen klassizistischen Künstlern suchten die Lukasbrüder in Rom nicht in erster Linie nach den Vorbildern der Antike. Sie begeisterten sich stärker für die christliche Kunst des Mittelalters und der Frührenaissance. In ihr glaubten sie eine Aufrichtigkeit zu erkennen, die der zeitgenössischen akademischen Kunst ihrer Meinung nach fehlte.
Das ehemalige Franziskanerkloster Sant’Isidoro passte zu dieser Vorstellung. Es lag zwar nicht weit von der belebten Innenstadt entfernt, bot aber eine abgeschlossene Umgebung mit einfachen Räumen, Kreuzgängen und einer Kirche. Die Architektur unterstützte das Gefühl, sich von der gewöhnlichen Kunstwelt zurückziehen zu können.
Im Kloster bezogen Overbeck, Pforr, Vogel und Hottinger eigene Räume. Sie waren dort jedoch keine Angehörigen eines Ordens. Sie legten keine kirchlichen Gelübde ab und unterstanden keiner gemeinsamen Ordensregel. Sant’Isidoro war für sie Wohnort, Arbeitsraum und symbolische Umgebung zugleich.
Die klösterliche Atmosphäre half ihnen, sich als Bruderschaft zu verstehen. Der selbst gewählte Name „Lukasbrüder“ erinnerte an den Evangelisten Lukas, der seit dem Mittelalter als Schutzpatron der Maler galt. Auch ihre Gemeinschaft orientierte sich eher an der Vorstellung einer alten Malerbruderschaft als an einer modernen Berufsvereinigung.
Das Freie Deutsche Hochstift beschreibt den Lukasbund deshalb nicht nur als Künstlergruppe, sondern als ästhetischen Lebensentwurf, der sich in Briefen, Erzählungen, Lebensregeln und gemeinsamen Arbeitsplänen ausdrückte.
Kein romantischer Rückzugsort außerhalb der Wirklichkeit
Sant’Isidoro wird im Rückblick leicht zu einer idyllischen Künstlerkommune verklärt. Das Leben der jungen Männer war jedoch von Unsicherheit geprägt. Sie verfügten nur über begrenzte finanzielle Mittel, mussten sich in einer fremden Stadt zurechtfinden und wussten nicht, ob ihre Kunst jemals Auftraggeber finden würde.
Auch über ihren täglichen Ablauf sind nicht alle Einzelheiten bekannt. Die erhaltenen Briefe, Zeichnungen und Arbeitspläne geben Hinweise auf ihre Ziele, erlauben aber keine lückenlose Rekonstruktion jedes Tages. Sicher ist vor allem, dass sie konzentriert arbeiten und sich bewusst von der üblichen römischen Künstlergesellschaft abgrenzen wollten.
Sant’Isidoro war deshalb weder ein dauerhaftes Paradies noch ein vollständig durchorganisiertes Klosterleben. Es war ein Versuch, unter unsicheren Bedingungen eine alternative Form des Künstlerdaseins zu entwickeln.
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Erwin Speckter: Bernhard Neher und Erwin Speckter in ihrem Atelier in Rom, 1831, Aquarell über Graphitvorzeichnung, 19,2 × 24,9 cm, Privatsammlung. Das Blatt zeigt gemeinsames künstlerisches Arbeiten als eine Form des Lernens außerhalb des traditionellen Akademiebetriebs.
Gemeinsam arbeiten statt nach Akademieregeln lernen
Mit ihrem Fortgang aus Wien hatten sich die Lukasbrüder von der Kunstakademie gelöst. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie Ausbildung, handwerkliche Genauigkeit oder diszipliniertes Üben ablehnten.
Im Gegenteil: In Sant’Isidoro arbeiteten sie intensiv an ihren zeichnerischen Fähigkeiten. Sie fertigten Figuren-, Gewand- und Aktstudien an, besprachen Entwürfe und verglichen ihre Arbeiten miteinander. Auch größere Kompositionen wurden innerhalb der Gemeinschaft vorbereitet und kritisch betrachtet.
Der Unterschied zur Akademie lag vor allem darin, wer über Inhalte, Vorbilder und Arbeitsweisen entschied. In Wien hatten Lehrer den Lehrplan und die maßgeblichen Vorbilder vorgegeben. In Rom bestimmten die jungen Künstler selbst, welche Werke sie studierten und welche Ziele sie verfolgten.
Der Kunsthistoriker Matthias Thimann hebt hervor, dass das kollektive Arbeiten in Sant’Isidoro zunächst eine zentrale Rolle spielte. Besonders das gemeinsame Zeichnen und die gegenseitige Auseinandersetzung mit Entwürfen ersetzten teilweise die Anleitung durch einen akademischen Lehrer. ART-Dok
Rom als selbst gewählte Schule
Die Stadt selbst wurde zu einem wichtigen Teil ihrer Ausbildung. Die Lukasbrüder besuchten Kirchen und Sammlungen, studierten Fresken und suchten nach Werken jener Meister, die sie schon aus Büchern, Kupferstichen und Erzählungen kannten.
Das Betrachten der Originale war für sie entscheidend. Eine gedruckte Reproduktion konnte den Aufbau eines Bildes vermitteln, aber nicht dessen tatsächliche Größe, Farbwirkung oder Verbindung mit dem architektonischen Raum.
Dabei kopierten die Künstler ihre Vorbilder nicht einfach. Sie versuchten herauszufinden, welche Haltung hinter den alten Werken stehen könnte. Besonders interessierte sie die vermeintliche Einheit von handwerklicher Sorgfalt, religiösem Glauben und persönlicher Bescheidenheit.
Ihre Vorstellung von den alten Meistern war allerdings idealisiert. Auch Künstler der Renaissance arbeiteten für Geld, konkurrierten um Aufträge und bewegten sich in gesellschaftlichen Abhängigkeiten. Die Lukasbrüder wählten aus der Vergangenheit jene Eigenschaften aus, die zu ihren eigenen Hoffnungen passten.
Freundschaft als Teil der Ausbildung
In Sant’Isidoro sollte nicht ein einzelner Lehrer über die anderen bestimmen. Die Freunde wollten voneinander lernen. Sie zeigten sich Entwürfe, tauschten Gedanken aus und versuchten, sich gegenseitig zur sorgfältigen Arbeit anzuhalten.
Damit wurde Freundschaft zu einem Bestandteil des künstlerischen Lernens. Anerkennung und Kritik kamen nicht von einer übergeordneten Institution, sondern aus der Gruppe selbst.
Diese Freiheit brachte jedoch auch einen starken sozialen Druck mit sich. Wer zu den Lukasbrüdern gehören wollte, sollte nicht nur bestimmte künstlerische Ziele teilen. Auch die persönliche Lebensführung wurde zum Gegenstand gemeinsamer Erwartungen.
Die Akademie war damit nicht einfach verschwunden. Ein Teil ihrer kontrollierenden Funktion verlagerte sich in die Gemeinschaft.
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Franz Pforr: Sulamith und Maria, 1811, Öl auf Holz, 34,5 × 32 cm, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. In dem für Friedrich Overbeck geschaffenen Freundschaftsbild verbindet Pforr religiöse Sinnbilder mit Vorstellungen von Freundschaft, Kunst und einem idealen Leben.
Kunst und Lebensführung sollen eine Einheit bilden
Für die Lukasbrüder war ein gutes Kunstwerk nicht allein das Ergebnis technischer Fähigkeiten. Sie glaubten, dass auch die innere Haltung des Künstlers im Werk sichtbar werde.
Ein Maler, der religiöse Bilder schaffen wollte, sollte nach ihrer Vorstellung selbst ernsthaft, aufrichtig und moralisch leben. Kunst war für sie kein Beruf, den man am Ende des Arbeitstages hinter sich ließ. Sie verstanden sie als Berufung, die den ganzen Menschen beanspruchte.
Aus diesem Grund erhielt das gemeinsame Leben in Sant’Isidoro eine besondere Bedeutung. Schlichtes Wohnen, regelmäßiges Arbeiten, religiöse Gespräche und gegenseitige Unterstützung sollten jene Haltung fördern, aus der eine erneuerte Kunst hervorgehen konnte.
Die Gemeinschaft entwickelte dafür eigene Formen:
- Die Mitglieder bezeichneten sich als Brüder.
- Sie verwendeten ein gemeinsames Zeichen des Lukasbundes.
- Sie formulierten Regeln und Arbeitspläne.
- Sie schrieben einander ausführliche Briefe.
- Sie verbanden künstlerische Vorhaben mit Erzählungen und religiösen Vorstellungen.
- Sie schufen Bilder, die Freundschaft und Zusammengehörigkeit zum Thema machten.
Damit unterschied sich der Lukasbund von einem gewöhnlichen Freundeskreis. Die Mitglieder wollten ihre Verbindung dauerhaft festhalten und ihr eine sichtbare Form geben.
Bilder der Freundschaft
Besonders deutlich zeigt sich dieses Ideal in den Werken von Franz Pforr und Friedrich Overbeck. Die beiden Künstler entwickelten miteinander verbundene Darstellungen, in denen weibliche Figuren unterschiedliche Kunst- und Lebensideale verkörpern.
Pforrs Sulamith und Maria und Overbecks später als Italia und Germania bekannt gewordenes Bild verbinden Freundschaft, Religion und Kunstgeschichte. Italienische Renaissance und altdeutsche Kunst erscheinen darin nicht als unvereinbare Gegensätze, sondern als Teile eines gemeinsamen Ideals.
Diese Werke waren ursprünglich persönliche Gaben. Sie richteten sich nicht an einen anonymen Kunstmarkt, sondern an den befreundeten Künstler. Das Bild wurde zum Zeichen einer Beziehung und eines gemeinsam entwickelten Programms.
Das Freie Deutsche Hochstift bezeichnet diese Darstellungen deshalb als Programmbilder der Lukasbrüder: In ihnen werden ihre Vorstellungen von Freundschaft, Italien, Deutschland, Mittelalter und Renaissance miteinander verbunden.
Waren die Lukasbrüder Mönche?
Die klösterliche Umgebung und ihre strenge Sprache können diesen Eindruck erwecken. Tatsächlich blieben die Lukasbrüder jedoch Künstler und Laien.
Bei ihrer Ankunft gehörten sie auch nicht alle der katholischen Kirche an. Friedrich Overbeck trat beispielsweise erst 1813 zum Katholizismus über. Die Hinwendung zu religiöser Kunst begann somit schon vor den späteren Konversionen einzelner Mitglieder.
Das Klosterleben war für sie vor allem ein Vorbild. Sie übernahmen daraus die Ideen von Sammlung, Gemeinschaft, Disziplin und innerer Verpflichtung. Eine vollständige Ordensgemeinschaft mit Gelübden und kirchlicher Leitung entstand daraus nicht.
Ein Lebensentwurf mit Grenzen
Die Brüderlichkeit des Lukasbundes war anspruchsvoll, aber nicht für jeden gleichermaßen lebbar. Die Gruppe verband künstlerische Zugehörigkeit mit moralischen Erwartungen. Persönliche Unterschiede konnten dadurch schnell zu grundsätzlichen Konflikten werden.
Hinzu kommt, dass diese Gemeinschaft fast ausschließlich von jungen Männern gedacht und getragen wurde. Frauen erscheinen in ihren Werken häufig als religiöse Gestalten, Musen oder Sinnbilder von Nationen und Kunsttraditionen. Als gleichberechtigte Mitglieder der Künstlergemeinschaft waren sie jedoch nicht vorgesehen.
Der gemeinsame Lebensentwurf war deshalb zugleich verbindend und ausschließend. Er bot den beteiligten Künstlern Halt, beruhte aber auf einem engen Ideal davon, wie ein Künstler leben und denken sollte.
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Eduard Bendemann, Theodor Hildebrandt, Julius Hübner, Wilhelm von Schadow und Karl Ferdinand Sohn: Der Schadow-Kreis – Die Familie Bendemann und ihre Freunde, 1830/31. Das Gemälde zeigt, wie das Ideal einer engen Künstlergemeinschaft nach Sant’Isidoro in neuen gesellschaftlichen und institutionellen Formen weiterlebte.
Warum der gemeinsame Lebensentwurf nicht dauerhaft bestehen konnte
Die erste Gemeinschaft in Sant’Isidoro bestand in ihrer ursprünglichen Form nur kurze Zeit. Die vier jungen Künstler entwickelten unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenswege.
Johann Konrad Hottinger entfernte sich von den strengen Erwartungen des Bundes. Ludwig Vogel kehrte 1812 aus familiären Gründen in die Schweiz zurück. Franz Pforr war schwer an Tuberkulose erkrankt und hielt sich zeitweise im südlich von Rom gelegenen Albano auf. Dort starb er 1812 im Alter von nur 24 Jahren. Städel Museum
Besonders Pforrs früher Tod traf Friedrich Overbeck schwer. Mit ihm verlor er nicht nur einen engen Freund, sondern auch den wichtigsten Partner bei der Entwicklung der ursprünglichen Ideen des Lukasbundes.
Damit endete das Projekt jedoch nicht einfach. Weitere Künstler kamen nach Rom und schlossen sich dem Kreis an oder arbeiteten zeitweise mit ihm zusammen. Zu ihnen gehörten unter anderem Peter Cornelius, Philipp Veit, Wilhelm von Schadow und später Julius Schnorr von Carolsfeld.
Aus der kleinen Lebensgemeinschaft wurde allmählich ein größeres Netzwerk. Nicht alle Künstler wohnten gemeinsam, und nicht jeder teilte Overbecks religiöse Strenge. Der Begriff „Nazarener“ bezeichnete daher bald keine klar abgegrenzte Wohngemeinschaft mehr, sondern eine breitere künstlerische Bewegung.
Zwischen Gemeinschaft und persönlicher Freiheit
Das Beispiel Sant’Isidoro zeigt ein Grundproblem vieler Künstlergemeinschaften: Gemeinsame Ziele können Kräfte freisetzen, doch die Mitglieder bleiben unterschiedliche Persönlichkeiten.
Ein Lebensentwurf, der Kunst, Religion, Freundschaft und Moral eng miteinander verbindet, schafft Nähe. Gleichzeitig kann er für den Einzelnen zur Belastung werden. Wer andere Vorstellungen entwickelt, stellt damit schnell nicht nur eine Arbeitsweise, sondern die gesamte Gemeinschaft infrage.
Gerade deshalb ist die kurze Phase in Sant’Isidoro so aufschlussreich. Sie zeigt den Lukasbund nicht als vollkommen geschlossene Gruppe, sondern als lebendiges Experiment mit Hoffnungen, Konflikten und Veränderungen.
Ein rückwärtsgewandtes und zugleich modernes Modell
Die Lukasbrüder verehrten das Mittelalter und die Renaissance. Ihre Kleidung, ihre Themen und ihre religiöse Sprache wirkten bereits auf viele Zeitgenossen ungewöhnlich und rückwärtsgewandt.
Ihre Form der Selbstorganisation weist jedoch auf eine Entwicklung voraus, die für die moderne Kunst wichtig werden sollte. Künstler schlossen sich zusammen, weil sie mit der etablierten Ausbildung und dem bestehenden Kunstbetrieb unzufrieden waren. Sie wählten eigene Vorbilder, entwickelten gemeinsame Regeln und schufen sich einen alternativen Lebens- und Arbeitsraum.
Spätere Künstlergemeinschaften verfolgten andere Ziele und lebten unter anderen Bedingungen. Dennoch tauchte die in Sant’Isidoro erprobte Grundidee immer wieder auf: Kunst sollte nicht nur in einzelnen Werken bestehen, sondern mit einer veränderten Lebensweise verbunden werden.
Das eigentlich Moderne am Lukasbund lag deshalb weniger in seinem Malstil als in seiner Selbstbestimmung. Die Künstler wollten nicht länger allein von einer Akademie erfahren, was gute Kunst sei und wie ein Künstler zu leben habe. Sie versuchten, diese Fragen gemeinsam selbst zu beantworten.
Nachbereitung
Kurz zusammengefasst
- Vier Lukasbrüder bezogen 1810 Räume im zeitweise leer stehenden Kloster Sant’Isidoro in Rom.
- Sie waren keine Mönche, orientierten sich aber an Vorstellungen von klösterlicher Ruhe, Gemeinschaft und Disziplin.
- Rom diente ihnen als selbst gewählte Schule für das Studium älterer christlicher Kunst.
- Gemeinsames Zeichnen, gegenseitige Kritik und Freundschaft sollten den akademischen Unterricht ersetzen.
- Kunst und persönliche Lebensführung bildeten für sie eine Einheit.
- Die strengen Erwartungen der Gemeinschaft führten auch zu Spannungen und Ausschlüssen.
- Durch Abreisen und den frühen Tod Franz Pforrs löste sich die ursprüngliche Gemeinschaft rasch auf.
- Aus dem kleinen Lukasbund entwickelte sich dennoch das größere Netzwerk der Nazarener.
- Sant’Isidoro wurde zum frühen Beispiel eines selbst organisierten künstlerischen Lebensentwurfs.
Kurz gefragt
Weshalb konnten die Künstler in einem Kloster wohnen?
Das Franziskanerkloster Sant’Isidoro war infolge der napoleonischen Herrschaft zeitweise aufgehoben worden. Dadurch standen Räume leer, die von den jungen Künstlern genutzt werden konnten.
Welche Lukasbrüder lebten zunächst dort?
Zur ersten römischen Gemeinschaft gehörten Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger. Später kamen weitere Künstler nach Rom, doch nicht alle wohnten dauerhaft in Sant’Isidoro.
Lebten sie tatsächlich wie Mönche?
Nur in einem übertragenen Sinn. Sie strebten nach Einfachheit, Konzentration, religiöser Vertiefung und einem geregelten Arbeitsleben. Kirchliche Gelübde legten sie jedoch nicht ab.
Arbeiteten die Künstler an gemeinsamen Bildern?
In Sant’Isidoro standen zunächst gemeinsames Zeichnen, Studien und die gegenseitige Besprechung von Entwürfen im Vordergrund. Große gemeinschaftliche Freskenprojekte entstanden erst später, insbesondere in der Casa Bartholdy.
Weshalb wurden sie Nazarener genannt?
Der Name bezog sich auf ihre religiöse Haltung und ihr äußeres Erscheinungsbild, besonders auf das lange, in der Mitte gescheitelte Haar. Die Bezeichnung war zunächst ein Spottname, wurde später aber zum kunsthistorischen Namen der Bewegung.
Was war an Sant’Isidoro modern?
Modern war weniger der an älteren Vorbildern orientierte Stil als die selbst gewählte Form des Zusammenlebens. Die Künstler lösten sich von der Akademie, organisierten ihre Ausbildung selbst und verbanden Kunst mit einem gemeinschaftlichen Lebensentwurf.
Weiterlesen
Vom Lukasbund nach Rom: Wie die Gemeinschaft der Nazarener entstand
Der vorherige Artikel erzählt von der Freundschaft zwischen Overbeck und Pforr, der Gründung des Lukasbundes und den Gründen für den gemeinsamen Aufbruch nach Italien.
Die Nazarener: Gemeinschaft, religiöse Erneuerung und Wirkung
Der Einführungsartikel gibt dir einen Überblick über die wichtigsten Künstler, Ziele, Merkmale und die spätere Wirkung der Nazarener.
Lukasbrüder und Nazarener
Das Deutsche Romantik-Museum zeigt, wie sich der gemeinsame Lebensentwurf in Briefen, Regeln, Arbeitsplänen und Bildern der Freundschaft ausdrückte.
Franz Pforr
In der digitalen Sammlung des Städel Museums findest du zahlreiche Zeichnungen und Gemälde Pforrs. Sie vermitteln einen Eindruck davon, mit welchen historischen, religiösen und persönlichen Themen er sich während seiner kurzen Schaffenszeit beschäftigte.



