Vorwort

Wie aus einem Freundschaftsbund junger Künstler eine europaweit wirksame Bewegung entstand

Die Nazarener wirken auf den ersten Blick wie ein Widerspruch: Sie wollten die Kunst erneuern, suchten ihre Vorbilder aber nicht in der Zukunft, sondern im Mittelalter und in der frühen Renaissance. Statt möglichst neu und fortschrittlich zu erscheinen, bewunderten sie unter anderem Albrecht Dürer, Perugino und den jungen Raffael.

Trotzdem gehören sie zur Geschichte der modernen Kunst. Denn die jungen Künstler warteten nicht darauf, dass eine Akademie ihre Vorstellungen anerkannte. Sie schlossen sich zusammen, entwickelten ein gemeinsames Programm und versuchten, Kunst und Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten. Damit erprobten sie ein Modell, das später für viele Künstlergruppen wichtig wurde.

Aus einem kleinen Freundschaftsbund entstand ein weitreichendes Netzwerk. Einige Nazarener übernahmen später einflussreiche Ämter an Kunstakademien, andere wirkten durch Kirchenmalerei, Druckgrafik und Buchillustrationen. Ihre Kunst wurde bewundert, nachgeahmt und schließlich auch heftig kritisiert.

Das erfährst du in diesem Artikel

  • warum junge Kunststudenten 1809 den Lukasbund gründeten,
  • weshalb Rom zum Mittelpunkt der Gemeinschaft wurde,
  • woher die Bezeichnung „Nazarener“ stammt,
  • welche Künstler zum engeren und weiteren Kreis gehörten,
  • woran du nazarenische Kunst erkennen kannst,
  • und warum eine rückwärtsgewandte Kunstbewegung dennoch auf den Weg in die Moderne gehört.

Kurz erklärt

Die Nazarener waren eine im frühen 19. Jahrhundert entstandene Gemeinschaft deutschsprachiger Künstler. Ihre Keimzelle war der 1809 in Wien gegründete Lukasbund. Seit 1810 lebten und arbeiteten mehrere seiner Mitglieder in Rom. Sie wollten die Kunst aus christlichem Geist erneuern und orientierten sich an der Kunst des Mittelalters und der frühen Renaissance. „Nazarener“ war zunächst ein von außen vergebener Spottname, der später zur Bezeichnung einer ganzen Kunstrichtung wurde.

Die Nazarener auf einen Blick

Merkmal

Einordnung

Ursprünglicher Name

Lukasbund oder Lukasbruderschaft

Gründung

1809 in Wien; vorausgegangen war ein enger Freundeskreis an der Wiener Akademie

Wichtigster späterer Ort

Rom

Gemeinsamer Lebens- und Arbeitsort

Das ehemalige Kloster Sant’Isidoro

Form der Gemeinschaft

Zunächst Freundschaftsbund und Bruderschaft, später größeres Netzwerk und Kunstrichtung

Zentrale Persönlichkeiten

Friedrich Overbeck und Franz Pforr; später unter anderem Peter Cornelius, Wilhelm von Schadow, Philipp Veit und Julius Schnorr von Carolsfeld

Künstlerische Vorbilder

Albrecht Dürer, altdeutsche Kunst, italienische Frührenaissance, Perugino und der junge Raffael

Zentrale Ziele

Religiöse Erneuerung der Kunst, Verbindung von Kunst und Leben, Wiederbelebung der Freskomalerei

Bedeutende Gemeinschaftsprojekte

Fresken in der Casa Bartholdy und im Casino Massimo in Rom

Langfristige Wirkung

Religiöse Kunst des 19. Jahrhunderts, Akademien, Wandmalerei, Druckgrafik und Präraffaeliten

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Zwei eng nebeneinander sitzende Frauen halten sich an den Händen; neben ihnen sitzt ein Hund, während im Hintergrund das Abendmahl erscheint.

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Franz Pforr macht Freundschaft zum künstlerischen Programm: Verbundene Hände, der Hund und das Abendmahl verknüpfen persönliche Nähe, Treue und christliche Gemeinschaft.

Warum junge Künstler 1809 einen eigenen Bund gründeten

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestimmten Kunstakademien maßgeblich, wie angehende Künstler ausgebildet wurden. Sie legten fest, welche Vorbilder studiert, welche Themen als bedeutend angesehen und welche Regeln bei Zeichnung, Komposition und Figurenbildung beachtet werden sollten. Die Akademien boten eine gründliche Ausbildung und konnten den Weg zu Aufträgen und Anerkennung öffnen. Gleichzeitig empfanden manche Schüler den Unterricht als starr und routiniert.

Zu diesen unzufriedenen Studenten gehörten Friedrich Overbeck und Franz Pforr. Gemeinsam mit befreundeten Kommilitonen suchten sie nach einer Kunst, die nicht allein korrekt und virtuos, sondern innerlich wahr, moralisch ernst und religiös getragen sein sollte. Sie wandten sich gegen eine Ausbildung, die ihrer Wahrnehmung nach vor allem eingeübte Formen wiederholte.

Ihre Kritik bedeutete jedoch nicht, dass sie auf handwerkliches Können verzichten wollten. Im Gegenteil: Die jungen Künstler studierten ältere Werke aufmerksam und bemühten sich um sorgfältige Zeichnungen, klare Bildordnungen und kontrollierte Maltechniken. Sie lehnten also nicht das Lernen an Vorbildern ab. Sie wählten lediglich andere Vorbilder als viele ihrer akademischen Lehrer.

Besonders wichtig wurden ihnen die Kunst Albrecht Dürers, die sogenannte altdeutsche Malerei und italienische Künstler des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. In diesen Werken glaubten sie eine Verbindung von Einfachheit, handwerklicher Aufrichtigkeit und religiöser Überzeugung zu erkennen. Ihre Vorstellung von der Vergangenheit war dabei stark idealisiert: Das Mittelalter und die frühe Renaissance erschienen ihnen als Zeiten, in denen Kunst, Glaube und Gemeinschaft noch eine Einheit gebildet hätten.

1809 gab sich der Freundeskreis den Namen „Lukasbund“. Der Evangelist Lukas galt traditionell als Schutzpatron der Maler und hatte bereits mittelalterlichen Malergilden ihren Namen gegeben. Mit dieser Bezeichnung grenzten sich die Studenten von der modernen Akademie ab und bekannten sich zugleich zu ihrem Ideal einer brüderlich verbundenen Künstlergemeinschaft.

Der Bund gab ihnen einen eigenen sozialen und geistigen Rahmen. Freundschaft, Gespräche, Briefe, gemeinsame Studien, Lebensregeln und symbolische Bilder gehörten ebenso dazu wie die praktische Arbeit. Kunst sollte nicht nur ein Beruf sein, sondern Ausdruck einer gemeinsam gewählten Haltung zum Leben. Das Freie Deutsche Hochstift beschreibt deshalb den Lukasbund ausdrücklich als einen ästhetischen Lebensentwurf, der sich in Korrespondenzen, Erzählungen, einem Bundesbrief, Regeln und Arbeitsplänen zeigte. Freies Deutsches Hochstift

Begriff erklärt: Kunstakademie

Eine Kunstakademie ist eine staatliche oder private Hochschule für die Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern. Im 18. und 19. Jahrhundert vermittelten Akademien nicht nur Techniken. Sie prägten auch, welche Kunst als vorbildlich galt und welche Themen besonderes Ansehen genossen. Wer sich gegen akademische Regeln stellte, kritisierte deshalb zugleich ein einflussreiches System der Kunstwelt.

Der Lukasbund war noch keine Sezession im späteren institutionellen Sinn. Er besaß weder ein eigenes Ausstellungsgebäude noch eine dauerhaft organisierte Gegeninstitution, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in München, Wien oder Berlin entstanden. Dennoch zeigt sich hier bereits ein entscheidender Gedanke: Künstler können sich zusammenschließen, um unabhängig von bestehenden Einrichtungen eigene Maßstäbe zu entwickeln.

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Johann Friedrich Overbeck sitzt mit einer geöffneten Bibel vor einer hellen, noch unbemalten Leinwand; Bücher, eine Büste und Zeichenstifte umgeben ihn.

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Bibel, leere Leinwand und abgelegte Zeichenstifte verbinden Lesen, Nachdenken und Malen. Overbeck entwirft sich als Künstler, dessen Arbeit aus religiöser Überzeugung hervorgehen soll.

Gemeinschaft, Glaube und künstlerischer Lebensentwurf

1810 verließen mehrere Lukasbrüder Wien und gingen nach Rom. Die Stadt war ein internationales Zentrum der Kunst. Dort konnten sie Werke der Antike, der Renaissance und des Mittelalters unmittelbar studieren. Rom bot ihnen zugleich Abstand von der Wiener Akademie und die Möglichkeit, ihr Gemeinschaftsideal im Alltag zu erproben.

Mehrere Künstler bezogen Räume im ehemaligen Kloster Sant’Isidoro. Sie lebten vergleichsweise einfach, zeichneten, lasen, diskutierten und arbeiteten in enger Nähe zueinander. Das Kloster war kein dauerhaftes Zuhause aller später als Nazarener bezeichneten Künstler. Für die Anfangszeit wurde es jedoch zu einem symbolischen Ort: Hier verbanden sich gemeinsames Leben, religiöse Suche und künstlerische Arbeit.

Auch ihr äußeres Erscheinungsbild fiel auf. Lange Haare, schlichte Kleidung und eine bewusst altertümlich wirkende Lebensweise erinnerten Zeitgenossen an Darstellungen biblischer Gestalten. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung „Nazarener“. Sie war zunächst spöttisch gemeint und bezog sich auf Jesus von Nazareth beziehungsweise auf das Aussehen, das man mit ihm verband. Spätestens seit 1817 ist der Name für die Künstlergruppe nachweisbar. Mit der Zeit verlor er seinen rein abwertenden Klang und wurde zur kunsthistorischen Sammelbezeichnung. Alte Nationalgalerie

Religion spielte für die Gemeinschaft eine zentrale Rolle. Die Künstler wollten christliche Themen nicht lediglich als traditionelle Aufträge behandeln. Das Bild sollte aus persönlicher Überzeugung entstehen und den Glauben glaubwürdig vermitteln. Einige Mitglieder traten zum Katholizismus über, andere gingen religiös und biografisch andere Wege. Deshalb wäre es zu einfach, die Nazarener als einheitliche katholische Bruderschaft zu beschreiben.

Ebenso wenig besaßen sie einen einzigen verbindlichen Stil. Was sie zunächst zusammenführte, war vor allem ein gemeinsames Ziel: Sie wollten Kunst moralisch und geistig erneuern. Dabei entstanden persönliche Unterschiede. Overbeck, Pforr, Cornelius, Veit oder Schnorr von Carolsfeld setzten eigene Schwerpunkte und entwickelten unterschiedliche Formen des Erzählens und Gestaltens.

Die enge Anfangsgemeinschaft bestand nur wenige Jahre. Franz Pforr starb bereits 1812, und nicht alle Künstler blieben dauerhaft in Sant’Isidoro. Dennoch wuchs der Kreis in Rom. Neue Künstler kamen hinzu, Freundschaften und Kontakte entstanden, Aufträge wurden vermittelt. Aus der kleinen Bruderschaft entwickelte sich ein bewegliches Netzwerk.

Gerade darin lag eine Stärke der Nazarener: Ihre Gemeinschaft hing nicht allein an einem Gebäude oder an einer festen Mitgliederliste. Sie verbreitete sich durch persönliche Beziehungen, Reisen, Briefe, gemeinsame Projekte und später durch Lehrämter. Die National Gallery beschreibt den Lukasbund als Ausgangspunkt einer Gruppe, der sich in Rom weitere Künstler anschlossen und die besonders die Wiederbelebung der Freskomalerei anstrebte. National Gallery

Begriff erklärt: Fresko

Bei einem echten Fresko werden Farben auf den noch feuchten Kalkputz einer Wand aufgetragen. Während der Putz trocknet, verbindet sich die Farbe mit dem Untergrund. Die Technik verlangt genaue Planung, weil jeweils nur die frisch verputzte Fläche eines Arbeitstages bemalt werden kann. Für die Nazarener war das Fresko besonders reizvoll, weil es an große Gemeinschaftswerke des Mittelalters und der Renaissance erinnerte.

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Bleistiftentwurf von Carl Philipp Fohr mit zahlreichen Künstlern in mehreren Gruppen im römischen Café Greco.

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Carl Philipp Fohr: Dritter Entwurf für das Gruppenbildnis der deutschen Künstler im Café Greco in Rom, 1817, Bleistift auf weißem Papier, 46 × 79,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main.

Wer zu den Nazarenern gehörte

Die Frage nach den Mitgliedern klingt einfacher, als sie ist. Beim Lukasbund lassen sich ein enger Gründungskreis und frühe Regeln erkennen. Der spätere Begriff „Nazarener“ bezeichnet dagegen sowohl ein römisches Künstlernetzwerk als auch eine Kunstrichtung, die weit über die ursprüngliche Gemeinschaft hinausreichte.

Selbst Museen ordnen einzelne Personen unterschiedlich ein. Das liegt nicht unbedingt an fehlerhaften Angaben, sondern an der lockeren Entwicklung des Bundes: Manche Künstler waren an der Gründung beteiligt, manche lebten zeitweise mit der Gemeinschaft, andere arbeiteten an gemeinsamen Projekten oder übernahmen später ihre Ideen.

Bereich

Beispiele

Bedeutung für die Gemeinschaft

Wiener Gründungskreis

Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Ludwig Vogel, Joseph Wintergerst, Johann Konrad Hottinger und Joseph Sutter

Sie entwickelten die frühen Ideen des Lukasbundes; Overbeck und Pforr wurden zu seinen prägenden Persönlichkeiten.

Erweiterter römischer Kreis

Peter Cornelius, Wilhelm von Schadow, Philipp Veit und Julius Schnorr von Carolsfeld

Sie machten aus dem kleinen Freundschaftsbund ein größeres Netzwerk und wirkten an bedeutenden Aufträgen mit.

Weiteres Umfeld und spätere Generation

unter anderem Joseph Führich, Johann David Passavant, Friedrich und Ferdinand Olivier sowie Edward von Steinle

Sie verbreiteten nazarenische Ideen in verschiedenen Regionen, Medien und Ausbildungseinrichtungen.

Unterstützer und Auftraggeber

beispielsweise Carl Friedrich von Rumohr, Jakob Ludwig Salomon Bartholdy und Marchese Carlo Massimo

Sie gehörten nicht als Maler zum Kern, ermöglichten aber Kontakte, Anerkennung und wichtige Aufträge.

Eine moderne Mitgliederkartei, in der sich jede Person eindeutig als „Mitglied“ oder „Nichtmitglied“ einordnen ließe, gab es für die gesamte Bewegung nicht. Deshalb ist es sinnvoll, zwischen Gründungsmitgliedern, später Hinzugekommenen, zeitweiligen Weggefährten, Unterstützern und Künstlern im nazarenischen Stil zu unterscheiden. Die digitale Sammlung des Städel Museums macht diese verschiedenen Rollen sichtbar und führt neben Gründungsmitgliedern und Mitgliedern auch einen Förderer gesondert auf. Städel Museum

Auch Frauen gehören zu einer vollständigen Geschichte des Umfelds. Der Lukasbund verstand sich ausdrücklich als männliche Bruderschaft, und Frauen hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts keinen gleichberechtigten Zugang zur akademischen Ausbildung und zu Künstlernetzwerken. Das bedeutet jedoch nicht, dass nazarenische Kunst ausschließlich von Männern geschaffen oder vermittelt wurde. Die Malerin Marie Ellenrieder wird beispielsweise mit dem Lukasbund und der nazarenischen Richtung in Verbindung gebracht. Frauen wirkten außerdem als Künstlerinnen, Auftraggeberinnen, Familienmitglieder, Gastgeberinnen und Vermittlerinnen. Ihre jeweiligen Rollen müssen genauer untersucht werden, statt sie pauschal dem engeren Bund zuzurechnen.

Für das Verständnis der Nazarener ist diese Unterscheidung entscheidend: Die ursprüngliche Gruppe war klein, die spätere Wirkung dagegen groß. „Nazarener“ wurde schließlich weniger zu einer eindeutigen Mitgliedsbezeichnung als zu einem Namen für miteinander verwandte Vorstellungen von Kunst.

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Fresko von Peter von Cornelius mit Joseph im hellen Mantel, der Benjamin umarmt, während seine Brüder knien und bewegt reagieren.

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Peter von Cornelius: Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen, 1816/1817, Fresko mit Tempera übermalt, 244 × 298 cm, ursprünglich Casa Bartholdy in Rom, heute Alte Nationalgalerie, Berlin.

Wie ihre Kunst wirkte – und warum sie zur Moderne gehört

Nazarenische Werke lassen sich nicht auf eine einzige Form reduzieren. Dennoch begegnen dir häufig einige wiederkehrende Merkmale: deutlich geführte Konturen, übersichtlich geordnete Figurengruppen, ruhige Gesten, idealisierte Gesichter und klar voneinander abgegrenzte Farben. Viele Bilder erzählen religiöse, historische oder literarische Geschichten. Häufig erinnern Körperhaltungen, Gewänder und Bildaufbau bewusst an ältere Kunst.

Diese Rückgriffe waren keine unbeholfenen Kopien. Die Künstler wählten ihre Vorbilder gezielt aus und verbanden sie mit eigenen Vorstellungen. Auch Materialien und Maltechniken der alten Meister wurden untersucht. Forschungen der Alten Nationalgalerie zeigen, dass die Beschäftigung der Nazarener mit früherer Kunst nicht bei Bildideen endete, sondern bis zu Malgrund, Farbauftrag und technischem Aufbau reichen konnte. Alte Nationalgalerie

Gemeinsam an der Wand

Besonders sichtbar wurde ihr Programm in zwei römischen Freskenprojekten. In der Casa Bartholdy gestalteten mehrere Künstler 1816 und 1817 gemeinsam einen Raum mit Szenen aus der biblischen Geschichte Josefs. Die Aufteilung des Zyklus auf verschiedene Maler verband individuelle Handschriften mit einem gemeinsamen Gesamtwerk.

Wenig später folgte die Ausmalung des Casino Massimo. Dort entstanden bis zum Ende der 1820er-Jahre Bildfolgen nach Werken von Dante, Ariost und Tasso. Die religiösen Maler beschäftigten sich also nicht nur mit der Bibel, sondern auch mit bedeutender italienischer Literatur. Beide Projekte verschafften dem Kreis öffentliche Anerkennung und trugen dazu bei, die monumentale Wandmalerei im 19. Jahrhundert neu zu beleben.

Von der Gegenbewegung zur Institution

Mehrere Nazarener kehrten später in die deutschsprachigen Länder zurück und übernahmen einflussreiche Aufgaben. Peter Cornelius wirkte in München, Wilhelm von Schadow in Düsseldorf und weitere Künstler lehrten oder arbeiteten in wichtigen Kunstzentren. Damit entstand ein bemerkenswerter Wandel: Aus ehemaligen Kritikern der akademischen Ausbildung wurden selbst Professoren und Akademiedirektoren.

Ihre Vorstellungen prägten zeitweise die religiöse und historische Malerei des 19. Jahrhunderts. Kirchenfresken, Altarbilder, Zeichnungen, Druckgrafiken und Buchillustrationen verbreiteten nazarenische Bildformen weit über den ursprünglichen römischen Kreis hinaus. Das Clemens Sels Museum beschreibt ihren Einfluss auf die Akademien in München, Düsseldorf und Berlin als besonders stark. Clemens Sels Museum Neuss

Auch außerhalb des deutschsprachigen Raums wurden ihre Ideen wahrgenommen. Die 1848 in England gegründeten Präraffaeliten teilten mit ihnen die Hochschätzung mittelalterlicher und vorraffaelischer Kunst sowie die Kritik an erstarrten akademischen Regeln. Die englische Gruppe entwickelte daraus eine eigene, deutlich anders aussehende Kunst. Dennoch betrachteten die Präraffaeliten die Nazarener mit besonderem Interesse und Respekt. National Gallery

Rückwärtsgewandt und trotzdem modern?

Wenn „modern“ nur bedeutet, neue Formen zu erfinden oder mit Traditionen zu brechen, erscheinen die Nazarener kaum modern. Sie suchten religiöse Gewissheit, idealisierten vergangene Epochen und vertraten zum Teil konservative sowie nationalromantische Vorstellungen. Ihre Kunst richtete sich nicht auf das Großstadtleben, die Industrie oder die technischen Neuerungen des 19. Jahrhunderts.

Der Weg in die Moderne besteht jedoch nicht nur aus stilistischen Neuerungen. Er verändert auch die gesellschaftliche Rolle von Künstlerinnen und Künstlern. Unter diesem Blickwinkel werden die Nazarener wichtig:

  • Sie organisierten sich aus eigener Initiative außerhalb der gewohnten akademischen Ordnung.
  • Sie entwickelten eine gemeinsame Identität und ein erkennbares Programm.
  • Sie verbanden künstlerische Arbeit mit einem bewusst gewählten Lebensentwurf.
  • Sie nutzten Freundschaften, Reisen, Briefe und Aufträge als internationales Netzwerk.
  • Sie zeigten, dass auch der bewusste Rückgriff auf Geschichte eine Antwort auf die Gegenwart sein kann.

Die Nazarener stehen deshalb für eine Grundspannung der Moderne: Erneuerung muss nicht immer wie Zukunft aussehen. Manchmal entsteht etwas Neues gerade durch die bewusste Auswahl und Umdeutung der Vergangenheit.

Kleine Zeitleiste

Jahr

Ereignis

1808

An der Wiener Akademie bildet sich der frühe Freundeskreis um Pforr und Overbeck.

1809

Die Gemeinschaft gibt sich den Namen Lukasbund.

1810

Mehrere Lukasbrüder ziehen nach Rom und leben zeitweise in Sant’Isidoro.

1812

Franz Pforr stirbt im Alter von 24 Jahren; die enge Anfangsgemeinschaft verändert sich.

1816–1817

Gemeinschaftliche Fresken für die Casa Bartholdy in Rom.

ab 1817

Beginn der Arbeiten im Casino Massimo; die Bildzyklen werden im Verlauf der 1820er-Jahre vollendet.

seit den 1820er-Jahren

Nazarener übernehmen Aufträge und einflussreiche Aufgaben an verschiedenen Kunstakademien.

1848

In London entsteht die Präraffaelitische Bruderschaft, die ältere Kunst ebenfalls zum Ausgangspunkt einer Erneuerung macht.

Nachbereitung

Kurz zusammengefasst

  • Der Lukasbund entstand 1809 aus der Kritik junger Studenten an der Wiener Akademie.
  • In Rom versuchten die Künstler, gemeinsames Leben, religiöse Überzeugung und künstlerische Arbeit miteinander zu verbinden.
  • „Nazarener“ war zunächst ein Spottname und wurde später zum Namen einer weitreichenden Kunstrichtung.
  • Die Bewegung war größer und offener als der ursprüngliche Freundschaftsbund; nicht jeder nazarenisch arbeitende Künstler war Mitglied des Lukasbundes.
  • Mit ihren Fresken, Lehrämtern, Druckgrafiken und kirchlichen Werken prägten die Nazarener die Kunst des 19. Jahrhunderts.
  • Ihre Modernität liegt weniger in einem fortschrittlichen Stil als in Selbstorganisation, Gruppenidentität und dem Versuch, Kunst und Leben nach einem eigenen Programm zu verbinden.

Häufige Fragen zu den Nazarenern

Wer waren die Nazarener?

Die Nazarener waren eine Gemeinschaft und spätere Kunstrichtung des frühen 19. Jahrhunderts. Ihr Ausgangspunkt war der 1809 in Wien gegründete Lukasbund. In Rom entwickelte sich daraus ein größeres Netzwerk von Künstlern, die vor allem die religiöse Kunst erneuern wollten.

Warum wurden sie „Nazarener“ genannt?

Zeitgenossen gaben ihnen diesen Namen zunächst spöttisch. Ihre langen Haare, ihre Kleidung und ihre religiöse Lebenshaltung erinnerten an damalige Vorstellungen von Jesus von Nazareth und seinen Anhängern. Später setzte sich der Name als kunsthistorische Bezeichnung durch.

Waren die Nazarener eine Künstlergruppe oder eine Kunstbewegung?

Beides – allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Der Lukasbund begann als überschaubare Künstlergruppe mit engen persönlichen Beziehungen. „Nazarener“ bezeichnete später ein größeres Netzwerk und schließlich auch einen Stil beziehungsweise eine Kunstrichtung.

Waren die Nazarener die erste Sezession?

Nicht im strengen Sinn. Die späteren Sezessionen waren organisierte Ausstellungsvereinigungen mit Satzungen, Mitgliedschaften und teilweise eigenen Gebäuden. Der Lukasbund kann aber als früher Vorläufer gelten, weil sich junge Künstler bewusst von einer etablierten Akademie abgrenzten und eine eigene Gemeinschaft mit eigenen Maßstäben bildeten.

Warum orientierten sie sich an älterer Kunst?

Sie glaubten, in der Kunst des Mittelalters und der frühen Renaissance eine größere religiöse Aufrichtigkeit und eine engere Verbindung von Kunst, Handwerk und Gemeinschaft zu finden. Ihr Blick auf diese Epochen war idealisiert und sagte deshalb mindestens ebenso viel über ihre eigene Zeit wie über die historische Vergangenheit aus.

Waren alle Nazarener katholisch?

Nein. Religion war für den Kreis zwar sehr wichtig, doch die Künstler hatten unterschiedliche Herkunftsgeschichten und Glaubenswege. Mehrere traten zum Katholizismus über, andere nicht. Deshalb sollte der Begriff nicht mit einer einheitlichen Konfessionszugehörigkeit gleichgesetzt werden.

Was macht die Nazarener für die Moderne bedeutsam?

Sie zeigten früh, wie Künstler durch Zusammenschluss, gemeinsames Programm und ein Netzwerk eigene Freiräume schaffen konnten. Dieses Organisationsmodell weist auf spätere Künstlergruppen voraus – auch wenn die religiöse und historische Bildwelt der Nazarener selbst nicht avantgardistisch wirkt.

Vom Lukasbund nach Rom: Wie die Gemeinschaft der Nazarener entstand

Warum stellten sich junge Studenten gegen ihre akademische Ausbildung? Der vertiefende Artikel verfolgt die Freundschaften in Wien, die Gründung des Lukasbundes und den gemeinsamen Aufbruch nach Rom. Er klärt außerdem, in welchem Sinn die Nazarener als Vorläufer späterer Sezessionen gelten können.

Leben und Arbeiten in Sant’Isidoro: Kunst als gemeinsamer Lebensentwurf

Das ehemalige Kloster wurde zum Symbol einer besonderen Künstlergemeinschaft. Hier erfährst du, wie die Lukasbrüder zusammenlebten, arbeiteten und ihren Glauben in den Alltag einbanden – aber auch, wie aus dem engen Männerbund ein weitreichendes Netzwerk entstand.

Fresken, Vorbilder und Wirkung: Wie die Nazarener Kunst erneuern wollten

Von Dürer und Raffael über die römischen Freskenzyklen bis zu den Kunstakademien des 19. Jahrhunderts: Der Artikel untersucht die Bildsprache, die wichtigsten Gemeinschaftswerke und die europäische Wirkung der Nazarener genauer.

Künstlergemeinschaften und Sezessionen: Gemeinsam Freiräume schaffen

Der Überblicksartikel ordnet die Nazarener in eine längere Entwicklung ein. Er zeigt, wie Künstlergruppen durch gemeinsame Ausstellungen, Manifeste, Zeitschriften und Netzwerke neue Handlungsmöglichkeiten gewannen.

Maltechnik der Nazarener – Alte Nationalgalerie

Das Forschungsprojekt untersucht nicht nur Motive, sondern auch Bildträger, Farbauftrag und Materialien. Dadurch wird sichtbar, wie ernst die Nazarener ihre Beschäftigung mit den Techniken älterer Meister nahmen.

Lukasbrüder und Nazarener – Freies Deutsches Hochstift

Die digitale Ausstellungsstation stellt den Freundschaftsbund als künstlerischen Lebensentwurf vor und erläutert zentrale Programmbilder von Friedrich Overbeck und Franz Pforr.

Nazarene – National Gallery

Der kurze englischsprachige Überblick fasst Gründung, Vorbilder, Freskomalerei und die Wirkung auf die Präraffaeliten zusammen.

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