Zwei Künstler, ein Arbeitsraum – gemeinsames Lernen im Rom der Nazarener
Zwei Künstler arbeiten nebeneinander. Jeder ist mit seinem eigenen Bild beschäftigt, doch beide teilen denselben Raum, dieselben Eindrücke und vermutlich auch manche Gespräche über ihre Kunst. Erwin Speckters Aquarell Bernhard Neher und Erwin Speckter in ihrem Atelier in Rom zeigt das Künstleratelier nicht als Reich eines einsamen Genies. Es erscheint als gemeinsamer Arbeits- und Lernort.
Das 1831 entstandene Blatt führt uns allerdings nicht unmittelbar in das Kloster Sant’Isidoro. Die ursprünglichen Lukasbrüder hatten dort bereits rund zwei Jahrzehnte zuvor zusammengelebt. Speckters Darstellung gehört zu einer jüngeren, von den Nazarenern beeinflussten Künstlergeneration. Gerade deshalb ist sie ein aufschlussreiches Vergleichsbild: Sie lässt erkennen, wie das Ideal des gemeinsamen Arbeitens im römischen Künstlerleben weiterwirkte.
Das Werk auf einen Blick
Künstler: Erwin Speckter (1806–1835)
Titel: Bernhard Neher und Erwin Speckter in ihrem Atelier in Rom
Entstehungsjahr: 1831
Technik: Aquarell über einer Vorzeichnung mit Graphit
Maße: 19,2 × 24,9 cm
Aufbewahrungsort: Privatsammlung
Gattung: Atelierdarstellung und Künstlerdoppelbildnis
Kunstgeschichtlicher Zusammenhang: deutsche Romantik und das weitere Umfeld der Nazarener
Die Werkangaben und eine hochauflösende Abbildung findest du bei Wikimedia Commons. Das Werk und seine fotografische Reproduktion sind dort als gemeinfrei gekennzeichnet.
Was ist auf dem Bild zu sehen?
Speckter zeigt einen überschaubaren, dicht mit Arbeitsmaterialien gefüllten Raum. Zwei junge Männer sitzen an unterschiedlichen Stellen des Ateliers und arbeiten an ihren Bildern. Beide sind konzentriert. Sie wenden sich nicht an den Betrachter und präsentieren auch kein vollendetes Meisterwerk. Wir beobachten sie mitten in einem noch offenen Arbeitsprozess.
An den Wänden hängen kleinere Bilder und Studien. Weitere Bildträger, Zeichnungen und Modelle verteilen sich im Raum. Sie machen deutlich, dass hier nicht nur gemalt, sondern auch gesammelt, verglichen und gelernt wird. Das Atelier ist kein repräsentativer Salon. Es wirkt schlicht und zweckmäßig – eher wie ein tatsächlich benutzter Arbeitsraum als wie eine sorgfältig hergerichtete Bühne.
Obwohl die beiden Künstler gemeinsam im Zimmer sitzen, arbeiten sie nicht am selben Bild. Jeder verfolgt zunächst seine eigene Aufgabe. Gemeinschaft bedeutet hier also nicht, dass alle dasselbe tun. Sie entsteht durch räumliche Nähe: Die Künstler können die Arbeit des anderen sehen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.
Wie ist das Aquarell gestaltet?
Das Querformat bietet genügend Platz, um nicht nur die beiden Personen, sondern auch ihre Umgebung zu zeigen. Der Raum wird dadurch beinahe zu einer dritten Hauptfigur. Wände, Möbel, Bilder und Arbeitsgeräte erzählen ebenso viel über das Künstlerleben wie die dargestellten Männer.
Die beiden Künstler bilden kein streng angeordnetes Doppelporträt. Sie sind im Raum verteilt und durch ihre jeweilige Tätigkeit voneinander unterschieden. Trotzdem hält die Komposition sie zusammen: Die Linien der Staffeleien und Bildflächen, die dicht gehängten Studien und die begrenzte Tiefe des Zimmers verbinden beide Arbeitsplätze zu einem gemeinsamen Gefüge.
Speckter hatte die Szene zunächst mit Graphit vorgezeichnet und anschließend mit Aquarellfarben ausgearbeitet. Die Vorzeichnung gibt Gegenständen und Figuren klare Konturen. Die transparent aufgetragenen Farben schaffen Licht, Atmosphäre und räumliche Tiefe, ohne die Zeichnung vollständig zu verdecken. Diese Verbindung aus genauer Beobachtung und leichter Farbigkeit passt gut zum privaten, beinahe tagebuchartigen Charakter des kleinen Blattes.
Auch die Perspektive trägt zu seiner unmittelbaren Wirkung bei. Du blickst nicht von oben auf eine Lehrsituation und stehst auch keinem feierlichen Künstlerporträt gegenüber. Der Blick führt auf Augenhöhe in den Raum. So entsteht der Eindruck, als dürftest du das Atelier für einen Moment betreten und den beiden Männern bei ihrer täglichen Arbeit zusehen.
Gemeinschaft statt einsames Künstlergenie
In vielen Künstlerdarstellungen erscheint der Maler als außergewöhnliches Einzelwesen: allein vor der Leinwand, nur seiner Eingebung folgend. Speckters Aquarell vermittelt ein anderes Künstlerbild. Kreativität entsteht hier nicht in völliger Abgeschiedenheit, sondern in der Nähe eines anderen arbeitenden Menschen.
Das Blatt zeigt keine lebhafte Diskussion und keinen sichtbaren Unterricht. Trotzdem ist Austausch als Möglichkeit ständig vorhanden. Ein Blick zur Seite genügt, um eine Komposition zu vergleichen oder eine malerische Lösung wahrzunehmen. Gemeinsames Arbeiten kann auf diese Weise auch dann bilden, wenn gerade niemand spricht.
Dabei wirken Neher und Speckter gleichberechtigt. Es gibt keinen hervorgehobenen Lehrer und keinen untergeordneten Schüler. Beide haben einen eigenen Arbeitsplatz und ein eigenes Vorhaben. Das unterscheidet die Szene von traditionellen Darstellungen des Akademieunterrichts, in denen ein Professor die Arbeiten seiner Schüler beurteilt oder ein Modell im Zentrum des Unterrichts steht.
Lernen außerhalb der Akademie
Das Bild darf allerdings nicht als einfache Absage an jede akademische Ausbildung verstanden werden. Sowohl Bernhard Neher als auch Erwin Speckter hatten selbst Unterricht an Kunstakademien erhalten und waren Schüler Peter von Cornelius’. In Rom ergänzten sie diese Ausbildung jedoch durch eine andere Form des Lernens: Sie studierten ältere Kunstwerke, begegneten anderen Künstlern und arbeiteten in einem gemeinsam genutzten Atelier. Bernhard von Neher, Erwin Speckter
Die akademische Lehre folgte festgelegten Übungen, Regeln und Hierarchien. Das Atelier bot größere Freiheit. Hier konnten die Künstler eigene Themen verfolgen und unmittelbar auf die Arbeiten ihrer Freunde reagieren. Der Lernprozess war weniger klar organisiert, dafür enger mit dem täglichen künstlerischen Arbeiten verbunden.
Speckters Aquarell beweist nicht, welche Ratschläge die beiden einander gaben. Sichtbar ist aber der Raum, in dem ein solcher Austausch stattfinden konnte. Damit macht es eine Form des Lernens anschaulich, die sich schriftlich nur schwer greifen lässt: Lernen durch Nähe, Beobachtung und gemeinsames Arbeiten.
Was verbindet die Szene mit den Nazarenern?
Die Nazarener hatten bereits seit der Gründung des Lukasbundes die Vorstellung entwickelt, dass eine Erneuerung der Kunst auch eine andere Form des Zusammenlebens erfordere. Im Kloster Sant’Isidoro verbanden einige von ihnen Arbeit, Freundschaft und religiöse Überzeugung miteinander. Sie wollten sich gegenseitig unterstützen und sich gemeinsam an der Kunst der Vergangenheit orientieren.
Das Aquarell von 1831 zeigt nicht diese ursprüngliche Gemeinschaft. Bernhard Neher und Erwin Speckter gehörten einer jüngeren Generation an. Beide standen jedoch durch ihre Ausbildung bei Peter von Cornelius und durch ihre Zeit in Rom in einem Umfeld, das von den Ideen und Werken der Nazarener geprägt war. Neher pflegte dort unter anderem Kontakte zu Friedrich Overbeck und Philipp Veit; Speckter widmete sich in Italien vor allem religiösen Themen. Bernhard von Neher, Erwin Speckter
Deshalb eignet sich das Bild als Darstellung einer Nachwirkung. Es führt vor Augen, dass das gemeinschaftliche Atelier nicht auf die wenigen Jahre in Sant’Isidoro beschränkt blieb. Für nachfolgende Künstler konnte Rom weiterhin ein Ort sein, an dem Ausbildung, Freundschaft und tägliche Arbeit ineinandergriffen.
Ein idealisiertes oder ein alltägliches Künstlerleben?
Auf den ersten Blick erscheint die Szene sehr alltäglich. Die Männer arbeiten, Bilder lehnen an den Wänden und Gegenstände stehen im Raum. Doch auch eine scheinbar beiläufige Atelieransicht ist gestaltet. Speckter entschied, welche Dinge er zeigte und wie er sich selbst und seinen Kollegen darstellte.
Besonders auffällig ist die Konzentration der beiden Künstler. Nichts deutet auf Vergnügung, Zerstreuung oder gesellschaftliche Selbstdarstellung hin. Kunst erscheint als ernsthafte, stetige Tätigkeit. Darin berührt das Aquarell das Künstlerideal der Nazarener: Der Wert eines Künstlers zeigt sich nicht allein in öffentlichem Ruhm, sondern ebenso in Hingabe, Disziplin und einer als sinnvoll verstandenen Lebensführung.
Die Schlichtheit des Raumes sollte dennoch nicht vorschnell als Beweis für Armut oder asketischen Verzicht gelesen werden. Das Bild zeigt nur einen begrenzten Ausschnitt. Sicher erkennbar ist vor allem, dass Speckter den Arbeitsprozess und nicht den sozialen Erfolg in den Mittelpunkt rückt.
Was kann uns dieses Bild über Sant’Isidoro erzählen?
Als historische Quelle besitzt das Aquarell klare Grenzen. Es entstand 1831, spielt in einem anderen römischen Atelier und zeigt nicht die Gründungsmitglieder des Lukasbundes. Wir können aus ihm weder die Einrichtung von Sant’Isidoro noch den genauen Tagesablauf der Lukasbrüder rekonstruieren.
Als Vergleichsbild ist es dagegen sehr wertvoll. Es übersetzt eine abstrakte Vorstellung in eine anschauliche Szene: Künstler teilen einen Arbeitsraum, verfolgen eigene Projekte und lernen durch ihre Nähe voneinander. Genau diese Verbindung von individueller Arbeit und Gemeinschaft gehörte zum Lebensentwurf, den die Nazarener in Sant’Isidoro besonders konsequent erprobt hatten.
Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt
Wenn du das Aquarell selbst interpretieren möchtest, kannst du in vier Schritten vorgehen:
1. Beschreibe zunächst nur das Sichtbare
Halte fest, dass zwei junge Männer im selben Atelier arbeiten. Jeder beschäftigt sich mit einem eigenen Bild. An den Wänden und im Raum befinden sich weitere Kunstwerke, Studien und Arbeitsmaterialien. Noch ohne etwas zu deuten, erkennst du so die drei wichtigsten Bestandteile der Darstellung: die beiden Künstler, ihre getrennten Arbeitsplätze und den gemeinsam genutzten Raum.
2. Untersuche, wie die Szene gestaltet ist
Das Querformat gibt dem Atelier viel Platz. Die Künstler werden nicht wie in einem feierlichen Doppelporträt nebeneinandergestellt, sondern bei ihrer Tätigkeit im Raum verteilt. Trotzdem verbindet die Komposition beide Arbeitsplätze. Der Blick auf Augenhöhe, das kleine Format sowie die Kombination aus genauer Graphitzeichnung und transparenter Aquarellfarbe lassen die Szene persönlich und alltäglich wirken.
3. Verbinde die Gestaltung mit einer Aussage
Die räumliche Nähe der beiden Männer macht Gemeinschaft sichtbar, während ihre unterschiedlichen Arbeiten ihre Selbstständigkeit betonen. Daraus lässt sich ableiten: Künstlerisches Lernen muss nicht nur durch einen Professor oder feste Unterrichtsregeln stattfinden. Es kann ebenso durch Beobachtung, Gespräche und den gemeinsam verbrachten Arbeitsalltag entstehen. Das Bild stellt dem verbreiteten Ideal des einsamen Genies damit ein gemeinschaftliches Künstlerbild gegenüber.
4. Beachte den historischen Zusammenhang und die Grenzen des Bildes
Das Aquarell entstand erst 1831. Es zeigt weder Sant’Isidoro noch die ursprünglichen Mitglieder des Lukasbundes. Du solltest es deshalb nicht als unmittelbaren Beleg für deren Klosterleben verwenden. Als späteres Vergleichsbild zeigt es jedoch, wie das von den Nazarenern vertretene Ideal des gemeinschaftlichen Arbeitens in der nächsten Künstlergeneration weiterwirken konnte.
Ein möglicher Deutungssatz
Indem Speckter zwei selbstständig arbeitende Künstler in einem gemeinsamen Atelier zeigt, stellt er künstlerische Entwicklung als Verbindung von persönlicher Arbeit, Freundschaft und gegenseitigem Lernen dar.
Merke
Kurz zusammengefasst
- Erwin Speckter zeigt sich und Bernhard Neher 1831 bei der Arbeit in einem gemeinsam genutzten römischen Atelier.
- Beide Künstler verfolgen eigene Aufgaben; ihre räumliche Nähe ermöglicht dennoch Austausch und gegenseitiges Lernen.
- Der Arbeitsraum und der alltägliche Schaffensprozess sind wichtiger als öffentliche Selbstdarstellung oder das Ideal des einsamen Genies.
- Das Aquarell zeigt weder Sant’Isidoro noch die ursprünglichen Lukasbrüder und darf daher nicht als unmittelbares Dokument ihres Lebens verstanden werden.
- Als späteres Vergleichsbild macht es sichtbar, wie das Gemeinschaftsideal der Nazarener in einer jüngeren Künstlergeneration weiterwirkte.
Kurz gefragt zum Aquarell
Zeigt das Bild das Kloster Sant’Isidoro?
Nein. Das Aquarell zeigt ein Atelier von Bernhard Neher und Erwin Speckter in Rom. Es entstand 1831 und damit deutlich nach der gemeinsamen Zeit der ersten Lukasbrüder in Sant’Isidoro.
Waren Neher und Speckter Mitglieder des ursprünglichen Lukasbundes?
Nein. Beide wurden 1806 geboren und gehörten einer jüngeren Künstlergeneration an. Sie bewegten sich jedoch in einem künstlerischen Umfeld, das durch Peter von Cornelius und die Nazarener geprägt war.
Warum ist das Bild für einen Artikel über Sant’Isidoro geeignet?
Es veranschaulicht das gemeinschaftliche Arbeiten in einem römischen Atelier. Dadurch hilft es, ein zentrales Prinzip der Nazarener zu verstehen: Künstler konnten selbstständig arbeiten und zugleich durch die Nähe ihrer Freunde lernen.
Ist das Werk ein Selbstporträt?
Zum Teil. Erwin Speckter stellte neben Bernhard Neher auch sich selbst dar. Da der gemeinsame Arbeitsraum eine ebenso wichtige Rolle spielt, lässt sich das Blatt genauer als Künstlerdoppelbildnis und Atelierdarstellung bezeichnen.
Was bedeutet „Aquarell über Graphitvorzeichnung“?
Speckter legte die Formen zunächst mit einem Graphitstift an. Anschließend setzte er transparente Wasserfarben über diese Zeichnung. Die Linien blieben teilweise sichtbar und geben der farbigen Darstellung Halt und Genauigkeit.
Erfahre mehr
Leben und Arbeiten in Sant’Isidoro: Kunst als gemeinsamer Lebensentwurf
Der übergeordnete Artikel führt dich zurück zu den ursprünglichen Lukasbrüdern. Du erfährst, warum sie in das ehemalige Kloster einzogen, wie sie dort arbeiteten und weshalb sie Kunst und Lebensführung miteinander verbinden wollten.
Wikimedia Commons – Das Aquarell in hoher Auflösung
Die Bildseite bietet eine hochauflösende Reproduktion sowie Angaben zu Technik, Größe, Entstehungsjahr und Lizenz. So kannst du zahlreiche Einzelheiten des Ateliers selbst genauer untersuchen.
Städel Museum – Werke von Bernhard Neher
Die digitale Sammlung des Städel Museums stellt Bernhard Neher mit biografischen Angaben und zahlreichen Zeichnungen vor. Die Studien zeigen, wie wichtig das genaue Zeichnen von Figuren, Köpfen und Gewändern für seine spätere Arbeit blieb.
Bildindex der Kunst und Architektur
Im Bildindex kannst du nach weiteren Werken Erwin Speckters, Bernhard Nehers und anderer Künstler aus dem Umfeld der Nazarener suchen. Die Datenbank eignet sich besonders für eine vertiefende Bildrecherche.