Ein gemaltes Lebensideal zwischen Freundschaft, Religion und Kunst
Zwei Frauen bewohnen unterschiedliche Welten. Sulamith sitzt mit einem Kind in einer lichten südlichen Landschaft. Maria befindet sich allein in einem stillen, dunkleren Zimmer. Trotzdem gehören beide Bildhälften sichtbar zusammen: Die Frauen tragen ähnliche Farben, die Architektur verbindet ihre Räume und über ihnen erscheint der Evangelist Johannes.
Franz Pforrs Sulamith und Maria ist weder eine gewöhnliche biblische Darstellung noch eine beobachtete Alltagsszene. Das kleine Tafelbild entstand aus der Freundschaft zwischen Pforr und Friedrich Overbeck. Es verbindet ihre Vorstellungen von Kunst mit religiösen Überzeugungen und erträumten Lebensentwürfen. Damit führt es besonders anschaulich vor Augen, was die Nazarener suchten: Kunst sollte nicht vom übrigen Leben getrennt sein, sondern Ausdruck einer gemeinsamen inneren Haltung werden.
Das Werk auf einen Blick
Künstler: Franz Pforr (1788–1812)
Titel: Sulamith und Maria
Entstehungsjahr: 1811
Technik: Öl auf Holz
Maße: 34,5 × 32 cm
Aufbewahrungsort: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt
Inventarnummer: MGS 1183
Gattung: allegorisches Freundschaftsbild und diptychonartig gegliedertes Tafelbild
Kunststil: Romantik und Nazarener
Die Werkangaben und eine hochauflösende Abbildung findest du bei Wikimedia Commons. Das Gemälde und seine digitale Reproduktion werden dort als gemeinfrei ausgewiesen. Das Museum Georg Schäfer zählt Sulamith und Maria zu den kunsthistorisch bedeutenden Hauptwerken seiner Sammlung.
Zwei Welten in einem Bild
Ein helles Architekturgehäuse teilt die Bildfläche in zwei annähernd gleich große Szenen. Die Teilung erinnert an einen kleinen Flügelaltar. Über den rechteckigen Hauptfeldern liegen zwei dreieckige Bildfelder. Zwischen ihnen öffnet sich ein weiterer Bogen mit einer schreibenden männlichen Figur.
Die Anordnung lädt dazu ein, beide Seiten miteinander zu vergleichen. Links öffnet sich der Blick weit in eine Landschaft. Rechts endet er bereits nach wenigen Metern an den Wänden eines Zimmers. Links herrschen Tageslicht, Natur und Bewegung. Rechts bestimmen gedämpftes Licht, Ordnung und Stille den Eindruck.
Sulamith in der südlichen Landschaft
Auf der linken Seite sitzt Sulamith vor einer weiten Landschaft. Hinter ihr erkennst du eine Stadt, Felsen, eine hoch gelegene Burg und die charakteristischen Kronen italienischer Pinien. Ein Mann steht etwas weiter hinten an einer Mauer. Die Landschaft vermittelt Offenheit und südliche Wärme.
Sulamith hält ein unbekleidetes Kind auf dem Schoß und reicht ihm eine rötliche Frucht. Um sie herum wachsen weiße Blumen. Ein kleines weißes Tier mit rotem Halsband, mehrere Vögel und die üppige Vegetation beleben die Szene. Natur, Mutterschaft und Fruchtbarkeit sind eng miteinander verbunden.
Sulamith trägt ein weißes Gewand mit dunklem Oberteil und rotem Überwurf. Ihr Kopf ist leicht geneigt. Trotz der reichen Umgebung wirkt sie nicht herrschaftlich oder distanziert. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Kind.
Maria im altdeutschen Zimmer
Die rechte Bildhälfte zeigt Maria in einem hölzernen Innenraum. Sie trägt ebenfalls Rot und Weiß, doch ihr Lebensbereich ist wesentlich zurückhaltender gestaltet. Maria sitzt auf einer einfachen Bank und führt einen Kamm durch ihr langes Haar. Ihre Haltung ist ruhig und in sich gekehrt.
Neben ihr liegt ein geöffnetes Buch. Unter der Bank sitzt eine Katze. Im Hintergrund stehen ein Bett mit grünem Vorhang, ein Wandbild und einige kleine Gefäße. Durch die bleiverglasten Fenster fällt nur wenig Licht. Jeder Gegenstand scheint seinen festen Platz zu haben.
Pforr zeigt hier keine Armut, sondern ein Ideal stiller Häuslichkeit. Maria verkörpert Konzentration, Bescheidenheit und innere Sammlung. Ihr Raum erinnert an die sorgfältig beobachteten Innenräume der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Malerei.
Der Evangelist über beiden Frauen
Im oberen mittleren Bildfeld sitzt ein Mann an einem Schreibpult. Hinter ihm erscheint ein Adler. Dieses Tier ist das traditionelle Erkennungszeichen des Evangelisten Johannes. Die Figur verbindet die beiden unteren Szenen und gibt ihnen einen ausdrücklich christlichen Bezug.
Johannes verweist zugleich auf Friedrich Overbeck. Pforr sprach seinen Freund in persönlichen Texten häufig mit diesem Namen an. Das religiöse Motiv besitzt deshalb auch eine private Bedeutung: Der Evangelist wird zum Bindeglied zwischen Glauben, Kunst und Freundschaft.
Wie der Bildaufbau Gegensätze verbindet
Pforr setzt beide Frauen nicht in einen gemeinsamen Raum. Er trennt sie deutlich voneinander und macht gerade dadurch ihre Unterschiede sichtbar. Sulamith gehört zur offenen Landschaft, Maria zum geschützten Innenraum. Die eine Seite wirkt weit und südlich, die andere eng und altdeutsch. Äußere Fülle trifft auf innere Sammlung.
Trotzdem zerfällt das Gemälde nicht in zwei unabhängige Bilder. Die helle architektonische Rahmung umfasst beide Szenen. Rot und Weiß kehren in der Kleidung beider Frauen wieder. Auch ihre geneigten Köpfe und ruhigen Bewegungen erzeugen eine formale Verwandtschaft. Die Bildhälften erscheinen verschieden, aber gleichwertig.
Die kräftigen, klar voneinander abgegrenzten Farben erinnern ebenso wie die altarartige Gliederung an ältere Kunst. Pforr verzichtet auf eine einheitliche, vollkommen natürliche Raumwirkung. Wichtiger ist ihm, Figuren, Gegenstände und Zeichen übersichtlich anzuordnen. Das Bild soll nicht wie ein zufälliger Ausschnitt aus der Wirklichkeit wirken. Es ist eine bewusst entworfene Sinnordnung.
Wer sind Sulamith und Maria?
Sulamith ist eine Frauenfigur aus dem alttestamentlichen Hohelied. Maria trägt einen der wichtigsten Namen der christlichen Überlieferung. Pforr stellt hier jedoch weder eine konkrete Szene aus der Bibel noch eine Begegnung der Sulamith mit der Jungfrau Maria dar.
Für das Gemälde erfand er eine eigene Geschichte. In seinem Buch Sulamith und Maria sind die beiden Frauen Zwillingsschwestern. Sie wachsen gemeinsam auf, entwickeln aber unterschiedliche Charaktere und Lebenswege. Sulamith liebt Schönheit, Schmuck und die offene Welt. Maria fühlt sich stärker zur stillen, häuslichen Lebensweise hingezogen.
Damit verkörpern die Schwestern zugleich zwei Kunstauffassungen. Sulamith steht für die farbige, anmutige und reiche italienische Kunst, die Pforr mit Overbeck verband. Maria repräsentiert die schlichte, ernste und innige altdeutsche Kunst, der sich Pforr selbst besonders nahe fühlte.
Das Bild erzählt also auf mehreren Ebenen. Es zeigt zwei erfundene Frauen, zwei Lebensformen, zwei künstlerische Traditionen und indirekt auch zwei befreundete Künstler.
Ein Freundschaftsbild für Friedrich Overbeck
Pforr und Overbeck hatten sich vorgenommen, füreinander Bilder zu schaffen. Jedes Werk sollte die Kunstauffassung des Freundes und die eigene Vorstellung einer idealen Gefährtin ausdrücken. Pforr malte Sulamith und Maria für Overbeck. Dieser begann als Gegenstück ein eigenes Bild, das später unter dem Titel Italia und Germania bekannt wurde.
Die Frauen sind deshalb keine Porträts der beiden Männer. Trotzdem können sie als verschlüsselte Stellvertreter verstanden werden. Sulamith verweist auf Overbecks Hinwendung zur italienischen Kunst, Maria auf Pforrs Liebe zu Dürer und zur vermeintlich einfachen, wahrhaftigen Kunst des alten Deutschland.
Das Gemälde ist damit ein inneres Doppelporträt. Es zeigt nicht das Äußere der Freunde, sondern das Bild, das sie sich von ihrer Kunst und voneinander machten. Persönliche Zuneigung und künstlerische Überzeugung lassen sich dabei kaum voneinander trennen.
Wenn Kunst und Lebensführung eins werden sollen
Wie umfassend Pforr seine Bildidee verstand, zeigt der begleitende literarische Text. In seiner Geschichte begegnen Sulamith und Maria zwei jungen Malern. Diese Künstler gehören einem Bund an, versprechen einander Treue und wollen gemeinsam ihre Kunst verbessern. Schließlich heiratet jeder von ihnen eine der Schwestern.
Später erhalten die Maler den Auftrag, zusammen eine Kirche mit religiösen Bildern auszustatten. Pforr entwirft damit eine ideale Welt, in der Freundschaft, Ehe, Glaube und künstlerische Arbeit harmonisch ineinandergreifen. Die Künstler müssen sich nicht zwischen persönlichem Glück und ihrer Berufung entscheiden. Beides bildet eine gemeinsame Lebensform. Den 1810/11 entstandenen Text schenkte Pforr Overbeck am 24. September 1811; er ist heute vollständig bei Wikisource zugänglich.
Gerade dadurch passt das Gemälde so gut zum Lebensversuch der Lukasbrüder in Sant’Isidoro. Auch dort sollte Kunst nicht nur im Atelier stattfinden. Gemeinsames Wohnen, gegenseitige Unterstützung, religiöse Orientierung und künstlerische Arbeit sollten sich zu einem sinnvollen Ganzen verbinden.
Pforrs Bild zeigt allerdings kein verwirklichtes Leben. Es ist ein Wunschbild. Der Künstler blieb unverheiratet und starb bereits 1812 im Alter von 24 Jahren. Seine Vorstellung von häuslichem Glück und gemeinsamer kirchlicher Arbeit konnte für ihn selbst nicht Wirklichkeit werden. Das verleiht dem kleinen Tafelbild im Rückblick eine besondere Melancholie.
Zeichen, Tiere und Gegenstände deuten
In Sulamith und Maria ist beinahe jedes Detail sorgfältig ausgewählt. Trotzdem solltest du zwischen dem unterscheiden, was deutlich zu erkennen ist, und dem, was nur vermutet werden kann. Nicht für jedes Tier und jede Pflanze lässt sich eine einzige gesicherte Bedeutung angeben.
Fülle und Fruchtbarkeit bei Sulamith
Das Kind, die Frucht, die Blumen und die zahlreichen Tiere lassen Sulamiths Bereich lebendig und fruchtbar erscheinen. Die rötliche Frucht wird häufig als Granatapfel verstanden. In der christlichen Kunst kann er auf Leben, Fruchtbarkeit, innere Einheit und die Gemeinschaft der Gläubigen verweisen.
Die südliche Landschaft und der offene Himmel verstärken den Eindruck von Weite und sinnlichem Reichtum. Diese Fülle passt zu der italienischen Kunst, die Pforr als farbig, anmutig und lebensnah wahrnahm.
Sammlung und Frömmigkeit bei Maria
Das offene Buch kann auf Bildung, Nachdenken und religiöse Lektüre hinweisen. Bett, Kamm und Katze gehören dagegen zum gewöhnlichen häuslichen Leben. Dadurch wird Marias Frömmigkeit nicht von ihrem Alltag getrennt. Sie soll sich gerade in Ordnung, Ruhe und täglicher Tätigkeit bewähren.
Der dunklere Raum unterstützt ihre nach innen gerichtete Haltung. Maria lebt nicht in einer großen öffentlichen Welt. Pforr stellt ihr begrenztes Umfeld jedoch als geschützt und bedeutungsvoll dar.
Vögel und religiöse Zeichen
In den oberen Feldern erscheinen mehrere Vögel, Pflanzen und zeichenhafte Formen. Der Adler des Evangelisten Johannes ist eindeutig zu bestimmen. Andere Einzelheiten lassen verschiedene Deutungen zu. Sie können auf Liebe, Treue, Hoffnung oder die Verbindung der beiden Freunde anspielen.
Gerade hier zeigt sich eine wichtige Regel der Bildinterpretation: Eine Deutung wird überzeugender, wenn sie nicht nur zu einem einzelnen Symbol, sondern auch zum Thema des gesamten Werkes passt.
Ein männlicher Lebensentwurf in weiblichen Figuren
Aus heutiger Sicht fällt auf, dass Pforr und Overbeck ihre eigenen Kunstauffassungen durch idealisierte Frauen darstellen. Sulamith und Maria verkörpern Schönheit, Mutterschaft, Häuslichkeit und die Rolle einer verständnisvollen Gefährtin. Eigene Wünsche der dargestellten Frauen treten kaum hervor.
Das schmälert nicht die kunsthistorische Bedeutung des Gemäldes. Es macht aber sichtbar, wie stark das Künstlerideal der Nazarener von den Geschlechtervorstellungen ihrer Zeit geprägt war. Die Frauen sind weniger selbstständige Persönlichkeiten als Projektionsflächen für die Hoffnungen zweier junger Männer.
Für eine heutige Bildinterpretation gehören deshalb zwei Fragen zusammen: Was wollten Pforr und Overbeck mit diesen Figuren ausdrücken? Und welche Lebensmöglichkeiten werden den dargestellten Frauen innerhalb dieses Ideals zugeschrieben?
Was erzählt das Bild über Sant’Isidoro?
Sulamith und Maria entstand 1811 und damit während der gemeinsamen römischen Jahre der ersten Lukasbrüder. Es zeigt weder das Kloster noch den tatsächlichen Tagesablauf seiner Bewohner. Trotzdem führt es näher an ihre Gedankenwelt heran als eine spätere Atelierdarstellung.
Pforr verarbeitet darin Gespräche, Freundschaftsvorstellungen und religiöse Überzeugungen, die er mit Overbeck teilte. Das Gemälde kann deshalb als inneres Bild der Künstlergemeinschaft gelesen werden. Es zeigt, wie weit ihr Anspruch reichte: Sie wollten nicht nur anders malen, sondern auch anders miteinander leben.
Eine mögliche Deutung
Sulamith und Maria entwirft Kunst als Lebensform. Die gegensätzlichen Bildhälften zeigen, dass verschiedene Charaktere und Kunstauffassungen nebeneinander bestehen können. Verbunden werden sie durch Freundschaft, Glauben und eine gemeinsame Aufgabe. Das harmonische Ganze ist jedoch keine beobachtete Wirklichkeit, sondern eine sorgfältig gestaltete Hoffnung.
Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt
Wenn du Sulamith und Maria selbst interpretierst, hilft dir ein Vorgehen in vier Schritten:
1. Beschreibe die beiden Bildwelten
Beginne mit dem auffälligsten Merkmal: Das Gemälde ist in zwei Hauptfelder geteilt. Links sitzt Sulamith mit einem Kind in einer hellen, offenen Landschaft. Rechts sitzt Maria allein in einem dunkleren, geschlossenen Zimmer und kämmt ihr Haar. Über beiden Szenen erscheint der schreibende Evangelist Johannes. Diese Beobachtungen bilden die Grundlage deiner weiteren Deutung.
2. Arbeite Gegensätze und Verbindungen heraus
Vergleiche anschließend beide Seiten. Landschaft und Innenraum, Helligkeit und gedämpftes Licht, südliche Weite und altdeutsche Häuslichkeit stehen einander gegenüber. Gleichzeitig sorgen die altarähnliche Architektur, die wiederkehrenden Farben Rot und Weiß sowie die ähnlich geneigten Köpfe der Frauen für Zusammenhalt. Die Gestaltung zeigt daher nicht nur einen Gegensatz, sondern auch den Wunsch nach einer übergeordneten Einheit.
3. Beziehe die Entstehungsgeschichte ein
Sulamith wird mit Friedrich Overbeck und dessen Hinwendung zur italienischen Kunst verbunden, Maria mit Franz Pforr und seiner Begeisterung für die altdeutsche Kunst. Das Gemälde ist deshalb zugleich ein verschlüsseltes Freundschaftsbild. Der Evangelist Johannes verstärkt den religiösen Bezug und erinnert an den Namen, mit dem Pforr seinen Freund Overbeck in persönlichen Texten ansprach.
Für eine begründete Interpretation ist Pforrs Buch Sulamith und Maria besonders wichtig. Darin verbindet er die beiden Frauen mit zwei befreundeten Malern, einer gemeinsamen religiösen Aufgabe und der Vorstellung eines harmonischen Familienlebens. Das Bild darf deshalb als Wunschbild gelesen werden, in dem Kunst, Glaube, Freundschaft und persönliche Lebensführung zusammengehören.
4. Prüfe die Aussage auch aus heutiger Sicht
Das Gemälde zeigt nicht den wirklichen Alltag in Sant’Isidoro. Es entwirft ein Ideal. Zugleich werden die Frauen zu Trägerinnen der Kunst- und Lebensvorstellungen zweier Männer. Eine heutige Interpretation kann daher sowohl Pforrs Hoffnung auf eine ganzheitliche Lebensform erklären als auch kritisch fragen, wie wenig eigene Handlungsmöglichkeiten Sulamith und Maria innerhalb dieses männlichen Entwurfs erhalten.
Ein möglicher Deutungssatz
Pforr verbindet zwei gegensätzliche Bildwelten zu einem altarähnlichen Ganzen und entwirft damit ein Ideal, in dem unterschiedliche Kunstauffassungen durch Freundschaft, christlichen Glauben und einen gemeinsamen Lebensentwurf miteinander versöhnt werden.
Merke
Kurz zusammengefasst
- Franz Pforr malte Sulamith und Maria 1811 während seiner gemeinsamen römischen Jahre mit Friedrich Overbeck.
- Die beiden Frauen stehen für unterschiedliche Lebensformen und Kunstideale: Sulamith für die italienische, Maria für die altdeutsche Kunst.
- Die geteilte, altarähnliche Komposition betont Gegensätze, verbindet beide Bildwelten aber durch Architektur, Farben und religiöse Zeichen.
- Das Gemälde ist ein persönliches Freundschafts- und Wunschbild, das Kunst, Glauben, gemeinsames Arbeiten und häusliches Leben zu einer Einheit verbinden möchte.
- Es zeigt nicht den tatsächlichen Alltag in Sant’Isidoro, führt aber in die Gedankenwelt der Lukasbrüder hinein.
- Aus heutiger Sicht lässt sich kritisch ergänzen, dass die Frauen vor allem als Projektionsflächen männlicher Kunst- und Lebensideale erscheinen.
Kurz gefragt zum Gemälde
Sind Sulamith und Maria biblische Figuren?
Sulamith stammt aus dem alttestamentlichen Hohelied. Pforrs Maria ist jedoch nicht einfach als Jungfrau Maria zu verstehen. Für Bild und Begleittext erfand er beide als Zwillingsschwestern mit unterschiedlichen Charakteren und Lebenswegen.
Ist das Gemälde ein Diptychon oder ein Triptychon?
Meist wird es als Diptychon bezeichnet, weil zwei große Hauptfelder einander gegenüberstehen. Durch die zusätzlichen oberen Bildfelder und den bogenförmigen Abschluss erinnert die Gestaltung zugleich an einen kleinen mehrteiligen Altar.
Warum malte Pforr das Bild für Overbeck?
Beide Künstler wollten ihre Freundschaft und ihre unterschiedlichen Kunstauffassungen in Bildern ausdrücken. Pforrs Werk war für Overbeck bestimmt; Overbeck begann als Gegenstück das spätere Gemälde Italia und Germania.
Welche Frau steht für welchen Künstler?
Sulamith wird vor allem mit Overbeck und seiner Hinwendung zur italienischen Kunst verbunden. Maria steht für Pforr und seine Begeisterung für die altdeutsche Kunst, besonders für Albrecht Dürer.
Zeigt das Bild das wirkliche Leben in Sant’Isidoro?
Nein. Das Gemälde ist keine dokumentarische Darstellung des Klosters. Es entstand jedoch während der gemeinsamen römischen Zeit der Lukasbrüder und macht ihre Vorstellungen von Freundschaft, Religion, Kunst und Lebensführung anschaulich.
Was ist die wichtigste Aussage des Bildes?
Kunst entsteht für Pforr nicht losgelöst vom Leben. Freundschaft, religiöse Überzeugung, persönliche Beziehungen und gemeinsames Arbeiten sollen einander tragen und zu einer Einheit werden.
Erfahre mehr
Leben und Arbeiten in Sant’Isidoro: Kunst als gemeinsamer Lebensentwurf
Der übergeordnete Artikel erklärt, wie die Lukasbrüder in Rom zusammenlebten, voneinander lernten und versuchten, ihren Alltag an gemeinsamen künstlerischen und religiösen Überzeugungen auszurichten.
Johann Friedrich Overbeck – Italia und Germania
Overbecks berühmtes Gemälde entstand als Gegenstück zu Pforrs Bildidee. Es entwickelte die persönlichen Figuren Sulamith und Maria später zu Sinnbildern der italienischen und deutschen Kunst weiter.
Das Buch Sulamith und Maria – Pforrs vollständiger Text
Der von Pforr geschriebene Begleittext erzählt die Lebensgeschichte der beiden Schwestern und ihrer Maler. Er zeigt besonders deutlich, wie der Künstler Freundschaft, Ehe, religiöse Kunst und gemeinsames Arbeiten miteinander verbinden wollte.
Wikimedia Commons – Das Gemälde in hoher Auflösung
Die Bildseite stellt eine hochauflösende Reproduktion bereit und nennt Technik, Maße, Standort, Inventarnummer und Lizenz. Sie eignet sich gut, um die kleinen Tiere, Pflanzen und Gegenstände genauer zu betrachten.
Museum Georg Schäfer – Die Sammlung
Das Museum in Schweinfurt bewahrt Sulamith und Maria und zählt es zu den kunsthistorisch bedeutenden Werken seiner Sammlung deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts.