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Henri Fantin-Latour, „Ein Atelier in Batignolles“, 1870, Öl auf Leinwand, Musée d’Orsay, Paris. Das Gruppenporträt zeigt Édouard Manet an der Staffelei, umgeben von Künstlern, Kritikern und Schriftstellern der neuen Pariser Malerei. Mit Monet, Renoir und Bazille sind mehrere Wegbereiter des späteren Impressionismus versammelt.
Das Jahrzehnt beginnt mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg und endet mit dem Deutsch-Französischen Krieg sowie der Belagerung von Paris. Zwischen diesen Konflikten verändern politische Umbrüche, neue Verkehrswege, Weltausstellungen und immer schnellere Nachrichtenverbindungen das Leben. Die moderne Welt wird dichter, beweglicher und sichtbarer.
Auch die Kunst gerät in Bewegung. Édouard Manet macht das zeitgenössische Paris zum Gegenstand großer Gemälde und erschüttert mit seiner offenen Malweise die Erwartungen des Publikums. Der Salon des Refusés von 1863 zeigt erstmals in spektakulärer Form, wie groß der Gegensatz zwischen der offiziellen Kunst und einer neuen Künstlergeneration geworden ist.
Gleichzeitig finden Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Frédéric Bazille und Alfred Sisley zusammen. Sie malen Landschaften und Figuren unter freiem Himmel und suchen nach Möglichkeiten, wechselndes Licht, Bewegung und unmittelbare Wahrnehmung festzuhalten. Berthe Morisot, Camille Pissarro, Edgar Degas und Paul Cézanne gehen auf sehr unterschiedlichen Wegen in eine ähnliche Richtung.
Von einem fest umrissenen Impressionismus kann allerdings noch nicht gesprochen werden. Die erste unabhängige Ausstellung der später so bezeichneten Gruppe findet erst 1874 statt. In den 1860er-Jahren entstehen jedoch ihre Freundschaften, Motive, Arbeitsweisen und ihr zunehmender Wunsch, sich von den Entscheidungen des offiziellen Salons unabhängig zu machen. Musée d’Orsay
Die moderne Gegenwart wird zum Bild
1861 – Bürgerkrieg, Nationalgalerie und neue Künstlerwege
Im Januar folgt Wilhelm I. seinem verstorbenen Bruder auf den preußischen Thron. Seine Herrschaft wird eng mit dem Aufstieg Preußens und der späteren deutschen Reichsgründung verbunden sein. Noch ist er jedoch König eines Staates, in dem der Konflikt um Heeresreform, Parlament und politische Macht immer schärfer wird. Deutsches Historisches Museum
In den Vereinigten Staaten gründen die aus der Union ausgetretenen Südstaaten die Konföderierten Staaten von Amerika. Im April beginnt der Amerikanische Bürgerkrieg. Fotografen wie Mathew Brady, Alexander Gardner und Timothy O’Sullivan dokumentieren Soldaten, Lager, Befestigungen und Schlachtfelder. Ihre Aufnahmen zeigen den Krieg mit einer bis dahin unbekannten Genauigkeit, bleiben aber ebenso abhängig von Auswahl, Inszenierung und den technischen Grenzen langer Belichtungszeiten. Library of Congress
In Berlin legt die Schenkung des Bankiers und Kunstsammlers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener den Grundstein für die Nationalgalerie. Seine 262 Gemälde zeitgenössischer Künstler werden dem preußischen Staat mit dem Wunsch vermacht, eine öffentliche nationale Sammlung zu begründen. Wie zuvor die Neue Pinakothek in München entsteht damit ein Museum, das die Kunst der eigenen Gegenwart als Teil der Kunstgeschichte versteht. Staatliche Museen zu Berlin
Manet erhält für Der spanische Sänger im Pariser Salon eine ehrenvolle Erwähnung. Noch scheint ihm der Weg zu einer anerkannten Künstlerkarriere offen zu stehen. Sein Interesse an Velázquez, Goya und der spanischen Malerei verbindet sich jedoch bereits mit einer ungewöhnlich direkten Darstellung und kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasten. Metropolitan Museum of Art
Monet wird zum Militärdienst einberufen und nach Algerien geschickt. Der Aufenthalt endet 1862 vorzeitig. Zurück in Le Havre begegnet er dem niederländischen Landschaftsmaler Johan Barthold Jongkind, dessen lockere Pinselführung und Interesse am wechselnden Licht für Monets weitere Entwicklung wichtig werden. Maison et Jardins de Claude Monet
1862 – Weltausstellung und Begegnungen in Paris
London richtet erneut eine Weltausstellung aus. Mehr als sechs Millionen Menschen besuchen die International Exhibition of Industry and Art. Industrieprodukte, Maschinen, wissenschaftliche Instrumente, Kunsthandwerk und bildende Kunst werden gemeinsam präsentiert. Die Verbindung von Kunst, Technik und internationalem Wettbewerb wird zu einem charakteristischen Merkmal des 19. Jahrhunderts. Bureau International des Expositions
Manet malt Musik im Tuileriengarten. Das Bild zeigt kein historisches Ereignis, sondern die vornehme Pariser Gesellschaft bei einem öffentlichen Konzert. Zwischen den dicht gedrängten Figuren sind Freunde, Künstler und Schriftsteller zu erkennen. Angeschnittene Körper, dunkle Farbflächen und der Verzicht auf ein eindeutiges Zentrum vermitteln den Eindruck einer flüchtig wahrgenommenen Menschenmenge. Das moderne Großstadtleben wird selbst zum bildwürdigen Ereignis. National Gallery
Monet tritt in Paris in das Atelier des Malers Charles Gleyre ein. Dort lernt er Renoir, Frédéric Bazille und vermutlich auch Alfred Sisley kennen. Obwohl sie eine akademische Ausbildung erhalten, interessieren sich die jungen Maler zunehmend für Landschaften, alltägliche Motive und das Arbeiten unter freiem Himmel. Aus Atelierkollegen werden Freunde und künftige Wegbereiter des Impressionismus. Musée d’Orsay
In den Vereinigten Staaten unterzeichnet Abraham Lincoln den Homestead Act. Erwachsene Familienoberhäupter und andere Berechtigte können gegen eine geringe Gebühr bis zu 160 Acres öffentliches Land beanspruchen, wenn sie es bewohnen und bewirtschaften. Das Gesetz beschleunigt die Besiedlung des Westens und verändert Landschaft, Eigentumsverhältnisse und Lebensräume nachhaltig. National Archives
Am 14. Juli wird Gustav Klimt geboren. Der spätere Mitbegründer der Wiener Secession wird Ornament, Fläche, Gold und menschliche Figur zu einer unverwechselbaren Bildsprache verbinden. Leopold Museum
1863 – Der Salon des Refusés verändert die Kunstwelt
Am 1. Januar tritt Lincolns Emanzipationsproklamation in Kraft. Sie erklärt die versklavten Menschen in den gegen die Union rebellierenden Gebieten für frei. Die Proklamation beendet die Sklaverei jedoch noch nicht im gesamten Land; ihre tatsächliche Durchsetzung hängt vom militärischen Erfolg der Union ab. Dennoch verändert sie den Charakter des Krieges grundlegend und macht die Abschaffung der Sklaverei zu einem ausdrücklichen Kriegsziel. National Archives
In London nimmt die erste unterirdische Eisenbahn der Welt den Betrieb auf. Die dampfbetriebene Metropolitan Railway verbindet Paddington mit Farringdon und soll die überfüllten Straßen entlasten. Mit neuen Bahnhöfen, Vororten und Verkehrsströmen verändert die Eisenbahn nicht nur die Stadt, sondern auch die Wahrnehmung von Entfernung, Geschwindigkeit und urbanem Raum. London Transport Museum
In Paris lehnt die Jury des offiziellen Salons rund 3.000 der etwa 5.000 eingereichten Werke ab. Nach heftigen Protesten ordnet Napoleon III. an, die zurückgewiesenen Bilder in einer eigenen Ausstellung zu zeigen. Das Publikum soll selbst urteilen. Der Salon des Refusés wird damit zu einem öffentlichen Gegenmodell zum offiziellen Salon. Musée d’Orsay
Die größte Aufmerksamkeit erhält Manets Frühstück im Grünen, das zunächst unter dem Titel Das Bad gezeigt wird. Eine unbekleidete Frau sitzt mit zwei vollständig angezogenen Männern in einer Landschaft und blickt selbstbewusst aus dem Bild. Manet greift zwar Kompositionen älterer Meister auf, verlegt sie aber ohne mythologische Verkleidung in seine Gegenwart. Die flächige Malweise, die harten Übergänge und die rätselhafte Beziehung der Figuren verstärken den Skandal. Musée d’Orsay
Im selben Jahr malt Manet Olympia. Öffentlich ausgestellt wird das Bild allerdings erst 1865. Der berühmte Skandal gehört daher nicht in das Jahr 1863, auch wenn das Gemälde bereits jetzt im Atelier entsteht.
Goyas Radierfolge Die Schrecken des Krieges wird erstmals veröffentlicht – rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung. Die schonungslosen Blätter zeigen keine ruhmreichen Sieger, sondern Gewalt, Hunger, Verstümmelung und Verzweiflung. In einem Jahrzehnt neuer Kriege wirken Goyas Bilder erschreckend gegenwärtig. Museo del Prado
Am 12. Dezember wird Edvard Munch geboren. Wie Goya wird er später Angst, Krankheit, Tod und innere Bedrohung zu zentralen Themen einer modernen, psychologisch aufgeladenen Kunst machen. MUNCH
1864 – Rotes Kreuz, Künstlernetzwerke und aktuelle Geschichte
Im August wird die erste Genfer Konvention verabschiedet. Verwundete Soldaten sollen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit versorgt und medizinisches Personal geschützt werden. Als einheitliches Schutzzeichen dient ein rotes Kreuz auf weißem Grund – die farbliche Umkehrung der Schweizer Flagge. International Committee of the Red Cross
Berthe und Edma Morisot stellen erstmals im offiziellen Pariser Salon aus. Für Frauen aus ihrer gesellschaftlichen Schicht ist eine professionelle Künstlerlaufbahn keineswegs selbstverständlich. Berthe Morisot verfolgt dieses Ziel dennoch beharrlich und bewegt sich bald im Umfeld von Fantin-Latour, Manet und Degas. Musée d’Orsay
Ein Jahr nach dem Tod Eugène Delacroix’ malt Henri Fantin-Latour Hommage an Delacroix. Um ein Porträt des verstorbenen Romantikers gruppiert er Künstler, Kritiker und Schriftsteller, darunter Manet, Baudelaire, Whistler und Fantin-Latour selbst. Das Gruppenbild macht sichtbar, dass künstlerische Erneuerung nicht nur durch einzelne Genies entsteht, sondern ebenso durch Freundschaften, Gespräche und gemeinsame Überzeugungen. Musée d’Orsay
Vor der französischen Küste findet das Seegefecht zwischen dem Unionsschiff USS Kearsarge und dem konföderierten Kaperschiff CSS Alabama statt. Manet verarbeitet das Ereignis noch im selben Jahr zu einem Gemälde. Statt eines zeitlich weit entfernten Historienbildes malt er ein Ereignis, das sein Publikum aus aktuellen Zeitungsberichten kennt. Philadelphia Museum of Art
In Mexiko wird der österreichische Erzherzog Maximilian mit Unterstützung Napoleons III. als Kaiser eingesetzt. Der Versuch, ein von Frankreich abhängiges Kaiserreich zu errichten, wird wenige Jahre später scheitern und Manet zu einem seiner bedeutendsten politischen Bilder anregen.
1865 – Das Ende des Bürgerkriegs und der Skandal um Olympia
Im Frühjahr brechen die letzten großen militärischen Widerstände der Konföderation zusammen. Der Amerikanische Bürgerkrieg endet nach vier Jahren mit Hunderttausenden Toten. Wenige Tage nach der Kapitulation der wichtigsten konföderierten Armee wird Abraham Lincoln am 14. April im Ford’s Theatre angeschossen und stirbt am folgenden Morgen. Library of Congress
Im Dezember wird der 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung ratifiziert. Er verbietet die Sklaverei und unfreiwillige Arbeit – mit der bis heute umstrittenen Ausnahme einer Bestrafung nach einer strafrechtlichen Verurteilung. Die rechtliche Gleichstellung der ehemaligen Sklaven ist damit allerdings noch lange nicht verwirklicht. National Archives
Im Pariser Salon wird Manets zwei Jahre zuvor gemalte Olympia ausgestellt. Das Bild greift die Tradition des liegenden weiblichen Aktes auf, zeigt jedoch keine Göttin oder idealisierte Odaliske. Die dargestellte Frau erscheint als selbstbewusste Zeitgenossin und erwidert den Blick des Publikums ohne Scheu. Ebenso verstörend wirkt Manets Malweise: Der Körper ist kaum weich modelliert, sondern erscheint aus hellen, deutlich voneinander abgesetzten Farbflächen aufgebaut. Musée d’Orsay
Monet beginnt ein eigenes monumentales Frühstück im Grünen. Das mehr als sechs Meter breite Gemälde soll zugleich eine Hommage an Manet und eine Herausforderung an dessen berühmtes Bild werden. Monet versucht, lebensgroße Figuren mit dem Licht einer im Freien beobachteten Landschaft zu verbinden. Das Vorhaben bleibt unvollendet; nur zwei Fragmente sind erhalten. Musée d’Orsay
Vom Realismus zum frühen Impressionismus
1866 – Kabel, Courbets radikaler Körper und Monets Freilichtbild
Der Deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich endet mit einem preußischen Sieg. Der Deutsche Bund wird aufgelöst, und Preußen wird zur bestimmenden Macht im nördlichen Deutschland. Aus den politischen Neuordnungen entsteht im folgenden Jahr der Norddeutsche Bund. Deutsches Historisches Museum
Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird ein dauerhaft funktionierendes Telegrafenkabel durch den Atlantik verlegt. Europa und Nordamerika können nun regelmäßig innerhalb kurzer Zeit Nachrichten austauschen. Die technische Vernetzung der Welt verändert Handel, Politik und Presse – und beschleunigt die Verbreitung von Ereignissen und Bildern. Science Museum Group
Gustave Courbet malt Der Ursprung der Welt. Der vermutlich vom türkisch-ägyptischen Diplomaten Khalil-Bey bestellte weibliche Akt verzichtet vollständig auf mythologische oder erzählerische Rechtfertigungen. Courbet zeigt den Körper in einem radikal nahen Ausschnitt und stellt damit Fragen nach Sexualität, Intimität, Blick und Macht, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Das Gemälde bleibt lange in privaten Sammlungen und wird nur selten öffentlich gesehen. Musée d’Orsay
Monet malt Frauen im Garten. Um die fast lebensgroßen Figuren im Freien bearbeiten zu können, lässt er einen Graben ausheben und die große Leinwand darin absenken. Das eigentliche Thema ist weniger eine erzählte Handlung als das Sonnenlicht, das durch Blätter fällt und Kleider, Wege und Grasflächen verändert. Die Jury des Salons von 1867 lehnt das Bild wegen seiner sichtbaren Pinselzüge und der vermeintlich fehlenden Handlung ab. Musée d’Orsay
Am 16. Dezember wird in Moskau Wassily Kandinsky geboren. Er wird die Malerei Jahrzehnte später von der Bindung an sichtbare Gegenstände lösen und zu einem wichtigen Wegbereiter der Abstraktion werden. Guggenheim Museum
1867 – Weltausstellung, unabhängige Pavillons und politische Malerei
Mit der Verfassung des Norddeutschen Bundes entsteht ein neuer Bundesstaat unter preußischer Führung. Otto von Bismarck wird dessen Bundeskanzler – noch nicht Reichskanzler, denn das Deutsche Reich wird erst 1871 gegründet. Deutsches Historisches Museum
Am 1. April eröffnet in Paris die zweite Weltausstellung des Kaiserreichs. Rund 15 Millionen Besucher sehen Beiträge aus 42 teilnehmenden Ländern und Gebieten. Landwirtschaft, Industrie und bildende Kunst werden auf dem Marsfeld zu einem gewaltigen Panorama des Fortschritts verbunden. Auch japanische Aussteller sind vertreten und verstärken die europäische Begeisterung für japanische Kunst, Kleidung und Alltagsgegenstände. Bureau International des Expositions
Manet ist nicht Teil der offiziellen Kunstausstellung. Nach Courbets Vorbild lässt er deshalb in der Nähe des Ausstellungsgeländes einen eigenen Pavillon errichten und präsentiert dort rund fünfzig Werke. Noch erreicht er damit kein großes Publikum, doch seine selbst organisierte Ausstellung zeigt erneut, dass Künstler nach Alternativen zum offiziellen Salon suchen. Metropolitan Museum of Art
Die Ablehnung von Monets Frauen im Garten verdeutlicht, weshalb diese Alternativen notwendig werden. Was die Jury als unfertig und nachlässig empfindet – sichtbare Pinselzüge, helle Farben und fehlende Erzählung –, wird wenige Jahre später zu einem Kennzeichen des Impressionismus.
Im Juni wird Kaiser Maximilian von Mexiko nach seiner Gefangennahme durch republikanische Truppen hingerichtet. Manet beginnt daraufhin eine Reihe von Gemälden über die Exekution. Die Erschießungskommandos tragen Uniformen, die an französische Soldaten erinnern. Damit richtet sich das Bild indirekt gegen Napoleon III. und dessen gescheiterte Mexikopolitik. Eine vollständige öffentliche Präsentation wird durch politische Zensur verhindert. National Gallery
1868 – Bürgerrechte und neue künstlerische Bündnisse
Der 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung tritt in Kraft. Er erklärt alle in den Vereinigten Staaten geborenen oder eingebürgerten Menschen zu Staatsbürgern und verspricht gleichen Schutz durch das Gesetz. Ein allgemeines Wahlrecht begründet er jedoch nicht. National Archives
Im Umfeld Manets gewinnt Berthe Morisot zunehmend an Bedeutung. Sie ist nicht nur Modell, sondern selbst eine erfahrene Malerin, die bereits seit 1864 im Salon ausstellt. In den Jahren 1868 und 1869 entstehen mehrere Porträts, in denen Manet sie als eigenständige, rätselhafte Persönlichkeit zeigt. Morisot wird zugleich zu einer wichtigen Gesprächspartnerin und später zu einer der konsequentesten Vertreterinnen der neuen Malerei. Musée d’Orsay
Paul Cézanne arbeitet noch mit dunklen Farben, kräftigen Konturen und einem oft pastosen Farbauftrag. Seine Porträts und Figurenbilder verweigern sich eleganter akademischer Schönheit. Der Einfluss von Courbet, Delacroix und Daumier ist deutlich, doch Cézannes eigenwilliger Aufbau von Körpern und Bildraum beginnt bereits, über den Realismus hinauszuführen. Musée d’Orsay
1869 – Weltweite Verkehrswege und Licht auf dem Wasser
Am 10. Mai wird die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung der Vereinigten Staaten vollendet. Die berühmte Fotografie von Andrew J. Russell hält das Zusammentreffen der beiden Lokomotiven am Promontory Summit fest. Technik, nationale Selbstdarstellung und Fotografie verbinden sich zu einem Bild des Fortschritts – während die Folgen für indigene Bevölkerungen und Landschaften weitgehend außerhalb des Bildes bleiben. National Park Service
Am 17. November wird der Suezkanal eröffnet. Die neue Wasserstraße verbindet Mittelmeer und Rotes Meer und verkürzt die Schiffsverbindungen zwischen Europa und Asien erheblich. Der Kanal steht für technische Leistung und globale Vernetzung, zugleich aber auch für koloniale Interessen und den Einsatz zahlreicher ägyptischer Arbeitskräfte. Suez Canal Authority
Im amerikanischen Wyoming Territory erhalten Frauen das Wahlrecht. Es handelt sich noch nicht um ein landesweites Frauenwahlrecht, doch die Entscheidung wird zu einem wichtigen Schritt innerhalb der wachsenden amerikanischen Frauenbewegung. National Archives
Im Sommer stellen Monet und Renoir ihre Staffeleien nebeneinander in La Grenouillère auf, einem beliebten Bade- und Ausflugslokal an der Seine. Sie malen dieselben Boote, Stege, Baumgruppen und Wasserflächen, verwenden dabei aber breite, lockere Pinselzüge und helle, nebeneinandergesetzte Farben. Die Spiegelungen auf dem bewegten Wasser werden nicht sorgfältig ausmodelliert, sondern aus kurzen Farbflecken aufgebaut. Hier nimmt die impressionistische Malweise deutlich Gestalt an. Metropolitan Museum of Art
Courbet hält sich in Étretat auf und beobachtet das aufgewühlte Meer. In seinen Wellenbildern wird Wasser zu einer schweren, körperlichen Masse aus dunklem Grün, Blau, Grau und weißem Schaum. Während Monet und Renoir das flüchtige Licht suchen, macht Courbet die elementare Kraft der Natur beinahe materiell spürbar. Musée d’Orsay
Am letzten Tag des Jahres wird Henri Matisse geboren. Mit seiner leuchtenden Farbmalerei wird er zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut infrage stellen, wie eng ein Bild an die sichtbare Wirklichkeit gebunden sein muss. Metropolitan Museum of Art
1870 – Ein Gruppenbild vor dem Krieg
Henri Fantin-Latour präsentiert im Salon Ein Atelier in Batignolles. Im Zentrum sitzt Manet an der Staffelei und porträtiert den Kritiker und Künstler Zacharie Astruc. Hinter ihnen stehen Otto Scholderer, Renoir, Émile Zola, Edmond Maître, Frédéric Bazille und Monet. Fantin-Latour zeigt Manet als Mittelpunkt einer neuen Künstlergemeinschaft – ernsthaft, konzentriert und verbunden durch gemeinsame Vorstellungen von moderner Kunst. Musée d’Orsay
Das Bild darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Künstler noch keine geschlossene Bewegung bilden. Degas, Morisot, Pissarro, Sisley und Cézanne fehlen, und auch die Dargestellten unterscheiden sich deutlich in Arbeitsweise und Temperament. Das Gemälde zeigt weniger eine bereits bestehende Schule als den Wunsch nach Zusammenhalt und öffentlicher Anerkennung.
Im Februar wird der 15. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung ratifiziert. Er untersagt, einem Bürger das Wahlrecht aufgrund von Hautfarbe, ethnischer Zuordnung oder früherer Versklavung zu verweigern. Damit erhalten schwarze Männer einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf politische Beteiligung; Frauen bleiben weiterhin ausgeschlossen. Zudem wird das Wahlrecht in den folgenden Jahrzehnten durch Gewalt und diskriminierende Regelungen vielerorts erneut eingeschränkt. National Archives
Am 19. Juli erklärt Frankreich Preußen den Krieg. Nach der französischen Niederlage bei Sedan gerät Napoleon III. in Gefangenschaft. Am 4. September wird in Paris die Dritte Republik ausgerufen, doch der Krieg geht weiter und die Hauptstadt wird von deutschen Truppen eingeschlossen. Deutsches Historisches Museum
Der Krieg zerstreut den noch jungen Künstlerkreis. Monet flieht mit seiner Familie nach London, Cézanne zieht sich nach L’Estaque zurück, während Manet und Degas in der Pariser Nationalgarde dienen. Der erst 28-jährige Frédéric Bazille meldet sich freiwillig und fällt am 28. November bei Beaune-la-Rolande. Wenige Monate zuvor hatte Fantin-Latour ihn noch selbstbewusst im Kreis seiner Freunde dargestellt. Musée d’Orsay
Auch Pissarro gelangt nach London. Dort begegnen er und Monet der britischen Landschaftsmalerei und treffen den Kunsthändler Paul Durand-Ruel. Dieser wird später zu einem der wichtigsten Förderer und Vermarkter des Impressionismus. Was zunächst als Flucht vor dem Krieg beginnt, öffnet der neuen französischen Malerei einen internationalen Weg. Tate
Was sich bis 1870 verändert hat
Das moderne Leben ist zu einem zentralen Gegenstand der Kunst geworden. Öffentliche Gärten, Ausflugslokale, Menschenmengen, Eisenbahnen, zeitgenössische Kriege und gesellschaftliche Außenseiter treten an die Stelle traditioneller Historien und mythologischer Erzählungen.
Manets Bilder haben gezeigt, dass nicht nur das Motiv, sondern ebenso die Art des Malens provozieren kann. Sichtbare Pinselzüge, flächige Körper, harte Farbkontraste und rätselhafte Beziehungen zwischen Figuren legen offen, dass ein Gemälde keine bloße Nachahmung der Wirklichkeit ist.
Der Salon des Refusés und die privaten Pavillons Courbets und Manets erschüttern das Ausstellungsmonopol der offiziellen Institutionen. Künstler beginnen zu verstehen, dass sie eigene Öffentlichkeiten schaffen können – auch wenn der wirtschaftliche Erfolg zunächst ausbleibt.
Mit Monet, Renoir, Bazille, Sisley, Pissarro, Degas, Cézanne und Morisot formiert sich ein loses Netzwerk. Die Künstler teilen nicht einen einheitlichen Stil, wohl aber das Interesse an ihrer Gegenwart und die Erfahrung wiederholter Ablehnung. Freundschaften, gemeinsame Ateliers und das Malen unter freiem Himmel bereiten ihre spätere Zusammenarbeit vor.
Der Krieg von 1870 unterbricht diese Entwicklung, zerstört das Zweite Kaiserreich und zerstreut den Kreis. Doch die entscheidenden Voraussetzungen des Impressionismus sind nun vorhanden: eine neue Malweise, moderne Motive, persönliche Netzwerke, erste Kontakte zu Kunsthändlern und der Wunsch nach einer Ausstellung außerhalb des Salons. Vier Jahre später wird dieser Wunsch Wirklichkeit.
