Wie aus persönlicher Verbundenheit ein künstlerisches Programm entstand

Zwei Frauen sitzen eng beieinander. Sie wenden sich einander zu, verschränken ihre Hände und bilden inmitten zahlreicher rätselhafter Zeichen ein stilles Zentrum der Nähe. Franz Pforrs Allegorie der Freundschaft wirkt auf den ersten Blick beinahe privat. Tatsächlich berührt die Zeichnung jedoch eine Frage, die für die späteren Nazarener grundlegend werden sollte: Was kann entstehen, wenn Künstler nicht nur nebeneinander arbeiten, sondern ihre Freundschaft zur Grundlage eines gemeinsamen Lebens- und Kunstideals machen?

Pforr entwarf das Blatt 1808 – ein Jahr vor der Gründung des Lukasbundes. Gerade deshalb ist es für die Geschichte der Künstlergruppe so aufschlussreich: Die Gemeinschaft existierte noch nicht in ihrer späteren Form, aber eines ihrer wichtigsten Prinzipien war bereits im Bild angelegt.

Werkdaten

  

Künstler

Franz Pforr (1788–1812)

Titel

Allegorie der Freundschaft

Entstehungsjahr

1808

Werkart

Zeichnung; Figuren- und Kompositionsstudie

Material und Technik

Bleistift, durchgegriffelt, allseitige Einfassungslinie mit Bleistift, auf grobfaserigem hellbraunem geripptem Büttenpapier

Maße

24,3 × 18,9 cm

Aufbewahrungsort

Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung

Inventarnummer

15923 Z

Bildrechte

Public Domain

Ein wichtiger Hinweis zur Fassung

Das Städel Museum bewahrt zwei eng verwandte Zeichnungen mit diesem Titel. Die hier besprochene und abgebildete Fassung ist das zarte Bleistiftblatt mit der Inventarnummer 15923 Z. Daneben gibt es eine etwas größere, deutlicher ausgeführte Version in schwarzer Feder über Bleistiftspuren mit der Inventarnummer 4 Z. Beide entstanden 1808 und gehören zu demselben Werkprozess.

Diese Unterscheidung ist wichtig: In der Bleistiftfassung sind manche Einzelheiten nur schwach zu erkennen. Die Federzeichnung kann helfen, den Bildgedanken nachzuvollziehen, sie ist aber nicht das hier abgebildete Blatt. Die genauen Angaben zur ausgewählten Fassung findest du in der Digitalen Sammlung des Städel Museums.

Kurz erklärt: Was ist eine Allegorie?

Eine Allegorie macht einen abstrakten Gedanken in Figuren und Gegenständen sichtbar. „Freundschaft“ lässt sich nicht direkt abbilden. Ein Künstler kann sie aber durch Gesten der Nähe, miteinander verbundene Personen oder Zeichen der Treue darstellen.

Pforrs Zeichnung erzählt deshalb kein gewöhnliches Alltagsereignis. Die Frauen sind nicht einfach zwei Freundinnen in einem Zimmer. Sie verkörpern Vorstellungen von Freundschaft, Kunst, Glauben und kultureller Zusammengehörigkeit.

Was ist auf der Zeichnung zu sehen?

Zwei Frauen im Mittelpunkt

Im Vordergrund sitzen zwei junge Frauen dicht nebeneinander. Die linke Figur trägt ein langes Gewand und eine Kopfbedeckung oder einen Schleier. Die rechte ist mit einem Blattkranz geschmückt. Sie legt einen Arm um die Schulter ihrer Gefährtin. Ihre anderen Hände treffen sich ungefähr in der Mitte des Blattes und werden so zum sichtbaren Zeichen ihrer Verbindung.

Die Frauen schauen einander an. Ihre Körper sind verschieden ausgerichtet, bilden durch Nähe, Berührung und Blickkontakt aber eine geschlossene Gruppe. Pforr zeigt Freundschaft damit nicht als flüchtige Begegnung, sondern als freiwillige und verbindliche Beziehung.

Die Figuren erhielten im Verlauf der Werkgeschichte unterschiedliche Namen. Das Städel führt sie als Italia und Germania. Im Zusammenhang mit Pforr und Friedrich Overbeck begegnen außerdem die Namen Sulamith und Maria. Diese Bezeichnungen widersprechen sich nicht unbedingt: Sie zeigen vielmehr, wie sich der Bildgedanke von einer persönlichen Freundschaftsallegorie zu einer Verbindung nördlicher und südlicher Kunsttraditionen weiterentwickelte.

Ein Hund und viele kleine Zeichen

Rechts neben den Frauen sitzt ein Hund und blickt zu ihnen auf. In der europäischen Bildtradition kann ein Hund für Treue stehen. Diese Bedeutung passt zur dargestellten Freundschaft, sollte aber als ikonografische Deutung verstanden werden – nicht als etwas, das sich allein durch das Aussehen des Tieres beweisen lässt.

Auf dem Boden liegen mehrere Gegenstände. Das Städel verzeichnet unter den Motiven unter anderem einen Schlüssel. Weitere Formen erinnern an Arbeitsgeräte oder an Dinge aus dem Umfeld künstlerischer Tätigkeit, sind in der hellen Bleistiftzeichnung jedoch nicht alle eindeutig bestimmbar. Gerade hier lohnt sich eine vorsichtige Beschreibung: Erst feststellen, was tatsächlich zu sehen ist, und danach fragen, welche Bedeutung es haben könnte.

Das Abendmahl und weitere Bilder im Bild

Im oberen rechten Bereich erscheint eine kleine Darstellung des Abendmahls. Christus und die Jünger sitzen gemeinsam an einem Tisch. Die Szene verankert die Freundschaft in einem christlichen Zusammenhang und kann die Vorstellung einer geistig verbundenen Gemeinschaft verstärken.

Links oben sind eine aufgehende Sonne und eine große Vogelgestalt beziehungsweise eine Vogelgruppe angedeutet. Im unteren linken Bildfeld öffnet sich der Blick auf weitere Figuren und eine entfernte Szenerie. Die einzelnen Bereiche wirken fast wie kleine Bilder innerhalb der Zeichnung. Zusammen verwandeln sie den Raum in eine symbolische Gedankenwelt.

Wie Pforr Nähe sichtbar macht

Berührung als Mittelpunkt

Die auffälligste Handlung ist unspektakulär: Zwei Menschen halten sich an den Händen. Gerade diese zurückhaltende Geste trägt die Bedeutung des Blattes. Die verbundenen Hände liegen nahe der Bildmitte; die Arme der Frauen führen den Blick dorthin. Der zusätzliche Arm um die Schulter steigert den Eindruck von Schutz und Vertrautheit.

Die Geste erinnert an ältere Ehe- und Freundschaftsdarstellungen, in denen ein Handschlag ein Versprechen oder einen Bund besiegelt. Pforr überträgt diese Verbindlichkeit auf die Freundschaft. Sie erscheint nicht nur als Gefühl, sondern als bewusste Verpflichtung.

Verschiedene Bildräume, ein gemeinsames Zentrum

Mauern, Kanten und Rahmungen gliedern den Hintergrund in mehrere Felder. Dem steht die weiche, eng verbundene Figurengruppe im Vordergrund gegenüber. Während der Raum in einzelne Zonen zerfällt, halten die beiden Frauen zusammen.

Die Komposition führt damit bereits formal vor, was das Thema behauptet: Verschiedenes kann durch Beziehung zu einer Einheit werden.

Die Wirkung der zarten Zeichnung

Die Bleistiftlinien sind auf dem hellbraunen Papier stellenweise sehr fein. Dadurch wirkt das Blatt weniger wie ein abgeschlossenes Schaustück als wie ein Gedanke, der sich gerade formt. Die Bezeichnung „durchgegriffelt“ weist darauf hin, dass Linien mit einem Griffel nachgezogen beziehungsweise zur Übertragung einer Komposition durchgedrückt wurden. Das Blatt gehört also zu einem Arbeitsprozess.

Diese vorläufige Wirkung passt erstaunlich gut zum historischen Moment: Auch die spätere Künstlergemeinschaft war 1808 noch nicht gegründet. Bildidee und Künstlerbund befanden sich gleichsam im Entstehen.

Ein Rückgriff auf Dürer

Für den Aufbau der sitzenden Figurengruppe griff Pforr auf ältere Kunst zurück. Der Kunsthistoriker Michael Thimann verweist besonders auf Albrecht Dürers Kupferstich Melencolia I von 1514.

Pforr kopierte das Vorbild jedoch nicht einfach. Er nutzte eine vertraute Bildform, um einen für seine eigene Gegenwart wichtigen Gedanken auszudrücken: das bürgerlich-romantische Ideal einer empfindsamen, schöpferischen Freundschaft.

Dieser Umgang mit älterer Kunst ist für die Nazarener kennzeichnend. Dürer und Raffael galten ihnen nicht bloß als historische Meister, die man nachahmen sollte. Ihre Werke wurden zu Ausgangspunkten für die Suche nach einer anderen, geistig und moralisch erneuerten Kunst. Den Dürer-Bezug erläutert die Georg-August-Universität Göttingen.

Von der Künstlerfreundschaft zum Programmbild

Franz Pforr und Friedrich Overbeck

Pforr und Friedrich Overbeck lernten sich an der Wiener Kunstakademie kennen. Beide waren mit einer Ausbildung unzufrieden, die sie als routiniert und zu stark auf technische Virtuosität ausgerichtet empfanden. Sie suchten nach einer Kunst, in der persönliche Überzeugung, religiöser Ernst und gemeinsames Arbeiten wieder zusammenfinden sollten.

Ihre Freundschaft war deshalb mehr als eine private Sympathie. Sie wurde zu einem Raum, in dem neue Vorstellungen von Kunst erprobt werden konnten. Die beiden Künstler tauschten Bildideen aus, bezogen sich in ihren Werken aufeinander und machten ihre Verbundenheit selbst zum Gegenstand der Kunst.

1809 gründeten Pforr, Overbeck und drei weitere Studenten den Lukasbund. 1810 zog ein Teil der Gruppe nach Rom und lebte im ehemaligen Kloster Sant’Isidoro. Die später „Nazarener“ genannten Künstler verbanden ihre Arbeit mit einem gemeinsamen Lebensentwurf.

Pforrs Zeichnung von 1808 nimmt diesen Gedanken vorweg: Künstlerische Erneuerung beginnt hier mit Vertrauen und Bindung zwischen Menschen.

Sulamith und Maria – Italia und Germania

Die beiden Frauen lassen sich auf mehreren Ebenen lesen. Als Sulamith und Maria stehen sie im Umfeld der Künstlerfreundschaft für zwei unterschiedliche, aber verwandte Idealfiguren. Zugleich wurden sie mit zwei künstlerischen Richtungen verbunden: mit der italienischen Renaissance und Raffael auf der einen, mit der altdeutschen Kunst und Dürer auf der anderen Seite.

Aus dieser persönlichen Bildidee entwickelte sich später das bekanntere Paar Italia und Germania. Overbecks gleichnamiges Gemälde zeigt zwei Frauen als Verkörperungen südlicher und nördlicher Kultur. Pforrs frühe Freundschaftsallegorie gehört zu den Ursprüngen dieses Motivs.

Entscheidend ist dabei nicht, jede Frau nur einer einzigen Bedeutung zuzuordnen. Das Bild arbeitet gerade mit Überlagerungen: Persönliche Freundschaft, ideale Gefährtinnen, religiöse Vorbilder und Kunstlandschaften verbinden sich miteinander.

Vom privaten Geschenk zum öffentlichen Leitbild

Pforr und Overbeck schufen ihre Freundschaftsbilder zunächst füreinander. In den 1830er-Jahren wurden die Motive durch Lithografien einem größeren Publikum zugänglich. Aus einer persönlichen Gabe wurde damit ein öffentlich verbreitetes Bild der Künstlerfreundschaft.

Dieser Wandel ist bemerkenswert: Die Nazarener gewannen ihre Wirkung nicht nur durch einzelne Gemälde, sondern auch durch wiederholte Motive, grafische Vervielfältigungen und die Erzählung von ihrer Gemeinschaft. Das Bild half also mit, jenes Künstlerbild zu prägen, für das die Gruppe bekannt wurde. Das Freie Deutsche Hochstift ordnet diese Entwicklung in die Geschichte des Lukasbundes ein.

Warum gehört die Zeichnung auf den Weg in die Moderne?

Pforrs Zeichnung sieht auf den ersten Blick nicht „modern“ aus. Sie bezieht sich auf Dürer, christliche Bildmotive und ältere Formen der Allegorie. Ihre Modernität liegt deshalb weniger in einem neuartigen Stil als in der Rolle, die sie der Künstlergemeinschaft zuschreibt.

Die angehenden Lukasbrüder wollten ihre Ziele nicht mehr allein von der Akademie bestimmen lassen. Sie schlossen sich aus eigener Entscheidung zusammen, formulierten gemeinsame Regeln und verbanden Kunst mit ihrer Lebensführung. Die Freundschaft wurde zum Gegenmodell gegenüber einer Institution, deren Unterricht sie ablehnten.

Damit zeigt das Blatt einen wichtigen Widerspruch auf dem Weg in die Moderne: Erneuerung musste nicht immer wie ein Bruch mit der Vergangenheit aussehen. Sie konnte auch dadurch entstehen, dass Künstler ältere Vorbilder auswählten, neu deuteten und gegen die Maßstäbe ihrer Gegenwart einsetzten.

Aus heutiger Sicht fällt zugleich eine Grenze dieses Gemeinschaftsideals auf. Die tatsächliche Künstlergruppe war zunächst ein Männerbund, während idealisierte Frauen ihre Freundschaft und ihre Kunstvorstellungen verkörpern. Die Frauen erscheinen damit vor allem als Symbolfiguren eines männlich geprägten Selbstbildes.

Diese Beobachtung entwertet das Werk nicht, erweitert aber die Interpretation um die Frage, wer in einer Gemeinschaft selbst handeln durfte – und wer im Bild nur für eine Idee stand.

Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt

1. Den ersten Eindruck festhalten

Beginne ohne Symbollexikon und ohne Vorwissen. Welche Stimmung erzeugt das Blatt? Wirkt die Begegnung vertraut, feierlich, rätselhaft oder distanziert? Notiere zwei oder drei Eindrücke und suche anschließend nach sichtbaren Gründen dafür.

Ein möglicher erster Eindruck lautet: Die Zeichnung wirkt still und innig, zugleich aber durch die vielen kleinen Bildzeichen ungewöhnlich feierlich.

2. Das Sichtbare genau beschreiben

Beschreibe zunächst nur, was du erkennen kannst: zwei sitzende Frauen, ihre Berührungen, den Hund, die Gegenstände am Boden und die kleinen Szenen im Hintergrund.

Trenne sichere Beobachtungen von Vermutungen. Aus „Auf dem Boden liegt eine runde Form“ darf erst nach weiterer Prüfung „eine Palette“ werden. Diese Trennung ist besonders wichtig, weil die Linien der Bleistiftfassung sehr zart sind.

3. Komposition und Blickführung untersuchen

Frage nun, wie Pforr deine Aufmerksamkeit lenkt. Die Körper der Frauen, ihre Arme und ihre Blicke führen zu den verbundenen Händen. Der Hund verstärkt die Gruppe am rechten unteren Rand. Die senkrechten und waagerechten Linien des Hintergrunds rahmen die Figuren und setzen ihre körperliche Nähe von der gegliederten Umgebung ab.

4. Zeichen behutsam deuten

Beobachtung

Mögliche Bedeutung

Verbundene Hände

Bund, gegenseitiges Versprechen, freiwillige Zusammengehörigkeit

Arm um die Schulter

Schutz, Nähe und Vertrauen

Hund

Treue und Verlässlichkeit

Abendmahl

christliche Gemeinschaft, geistige Bindung, gemeinsames Bekenntnis

Aufgehende Sonne

Neubeginn oder Hoffnung

Schlüssel und weitere Gegenstände

Zugang, Verantwortung oder Verweise auf praktische beziehungsweise künstlerische Tätigkeit

Die rechte Spalte enthält Deutungsmöglichkeiten, keine automatisch gültigen Übersetzungen. Eine überzeugende Interpretation verbindet ein Zeichen immer mit der Komposition, dem Titel und dem historischen Zusammenhang.

5. Den historischen Kontext einbeziehen

Erst jetzt wird das Wissen über Pforr und Overbeck wichtig. Die Zeichnung entstand kurz vor der Gründung des Lukasbundes. Beide Künstler verbanden persönliche Freundschaft mit dem Wunsch nach einer religiös und moralisch erneuerten Kunst.

Dadurch bekommt die Nähe der Frauen eine zweite Ebene: Sie kann auch für die Verbindung von Künstlern und Kunsttraditionen stehen.

6. Eine Deutungshypothese formulieren

Eine Deutungshypothese beantwortet nicht jede Einzelfrage. Sie formuliert einen zentralen Gedanken und begründet ihn mit Beobachtungen.

Eine mögliche Deutungshypothese

Pforr stellt Freundschaft als verbindende Kraft dar, die persönliche Zuneigung, christlichen Glauben und gemeinsames künstlerisches Streben zusammenführt. Die eng verbundenen Frauen verkörpern unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Traditionen. Ihre Berührungen machen aus Verschiedenheit keinen Gegensatz, sondern die Grundlage einer Gemeinschaft. Damit nimmt die Zeichnung das spätere Ideal des Lukasbundes vorweg: Kunst soll aus gemeinsamer Überzeugung und einer bewusst gewählten Lebensgemeinschaft entstehen.

Merke

Kurz zusammengefasst

  • Franz Pforr zeichnete die Allegorie der Freundschaft 1808, noch vor der Gründung des Lukasbundes.
  • Im Mittelpunkt sitzen zwei Frauen, die sich ansehen, berühren und an den Händen halten.
  • Hund, Abendmahl, Schlüssel und weitere Motive erweitern die persönliche Begegnung zu einer symbolischen Darstellung von Treue, Glauben und Gemeinschaft.
  • Die Figuren wurden sowohl mit Sulamith und Maria als auch mit Italia und Germania verbunden.
  • Pforr griff auf ältere Kunst, besonders auf Dürer, zurück und füllte sie mit einem zeitgenössischen Freundschaftsideal.
  • Das Blatt ist ein frühes Programmbild der späteren Nazarener: Künstlerische Erneuerung beginnt darin nicht beim Einzelgenie, sondern bei einer selbst gewählten Gemeinschaft.

Häufige Fragen zur Zeichnung

Wer sind die beiden Frauen?

Sie sind keine eindeutig porträtierten Personen. Das Städel bezeichnet sie als Italia und Germania. In der Entstehungsgeschichte des Motivs begegnen außerdem Sulamith und Maria. Die Figuren verbinden daher mehrere Bedeutungsebenen: persönliche Freundschaft, ideale Gefährtinnen sowie nördliche und südliche Kunsttraditionen.

Warum stellt Pforr die Freundschaft zweier Künstler als Frauenpaar dar?

Abstrakte Begriffe und Länder wurden in der europäischen Kunst häufig als weibliche Personifikationen dargestellt. Pforr und Overbeck verbanden die Frauen zudem mit idealen „Bräuten“ und mit unterschiedlichen Kunstvorstellungen.

Heute kann man ergänzend fragen, warum Frauen in einem männlichen Künstlerbund vor allem als Sinnbilder und nicht als handelnde Künstlerinnen erscheinen.

Was bedeutet der Hund?

Ein Hund gilt in vielen europäischen Bildern als Zeichen der Treue. Weil Pforrs Werk ausdrücklich von Freundschaft handelt und der Hund eng bei den Frauen sitzt, ist diese Deutung naheliegend. Sie bleibt dennoch eine ikonografisch begründete Interpretation.

Welche Rolle spielt das Abendmahl?

Das Abendmahl bringt einen eindeutig christlichen Bezug in die Zeichnung. Es kann an eine Gemeinschaft erinnern, die durch ein gemeinsames Bekenntnis verbunden ist. So wird aus persönlicher Nähe auch ein religiös begründetes Ideal des Zusammenlebens.

Was hat die Zeichnung mit Overbecks Italia und Germania zu tun?

Pforrs Entwurf gehört zur Vorgeschichte von Overbecks späterem Gemälde. In beiden Werken verkörpern zwei einander zugeneigte Frauen eine Verbindung, die persönliche Freundschaft und verschiedene Kultur- beziehungsweise Kunsttraditionen zusammenführt. Overbeck entwickelte das Motiv über viele Jahre weiter.

Warum ist das Bild so blass?

Die ausgewählte Fassung ist eine feine Bleistiftzeichnung auf hellbraunem Papier und Teil eines Werkprozesses. Pforr übertrug beziehungsweise griffelte Linien durch. Das Städel besitzt außerdem eine klarer ausgeführte Federfassung, die leicht mit diesem Blatt verwechselt werden kann.

Ist die Zeichnung bereits ein Werk der Nazarener?

Sie entstand 1808, also ein Jahr vor der Gründung des Lukasbundes und bevor sich die Bezeichnung „Nazarener“ für die Gruppe durchsetzte. Streng genommen ist sie daher ein Vorläufer. Inhaltlich nimmt sie jedoch zentrale Ideen der späteren Bewegung vorweg und kann als frühes Programmbild gelten.

Franz Pforr: Allegorie der Freundschaft – Bleistiftfassung im Städel Museum
Die offizielle Werkseite nennt Maße, Material, Inventarnummer und Bildrechte der hier verwendeten Fassung. Außerdem führt sie die wichtigsten dargestellten Motive auf.

Franz Pforr: Allegorie der Freundschaft – Federfassung im Städel Museum
Die zweite Fassung macht viele Details deutlicher. Der direkte Vergleich zeigt zugleich, warum Werkdaten und Abbildung nicht zwischen beiden Blättern vermischt werden sollten.

Franz Pforr: Die Freundschaft – Georg-August-Universität Göttingen
Michael Thimann erläutert den Bezug zu Dürers Melencolia I, die Freundschaft zwischen Pforr und Overbeck und die Verbindung nördlicher und südlicher Kunstideale.

Lukasbrüder und Nazarener – Freies Deutsches Hochstift
Der digitale Ausstellungsführer ordnet die Freundschaftsbilder in die Entstehung des Lukasbundes ein und erklärt, wie aus privaten Gaben später verbreitete Programmbilder wurden.

Die Nazarener – Gemeinschaft, religiöse Erneuerung und Wirkung
Im zugehörigen Hauptartikel erfährst du, weshalb junge Künstler die Wiener Akademie kritisierten, wie sie in Rom zusammenlebten und warum ihr Rückgriff auf ältere Kunst Teil eines Erneuerungsversuchs war.