Wie die Moderne ihre eigenen Vorbilder schafft

Zehn Menschen haben sich in einem engen Galerieraum versammelt. Fast alle tragen dunkle Kleidung. Zwischen ihren Körpern steht auf einer Staffelei ein gerahmtes Stillleben: Äpfel, ein Glas und eine Obstschale. Das Bild im Bild stammt von Paul Cézanne. Der Künstler selbst ist jedoch nicht anwesend.

Maurice Denis’ Hommage à Cézanne zeigt keine Akademiejury und keine offizielle Preisverleihung. Hier erklärt ein Kreis aus Künstlern, einem Kritiker und einem Kunsthändler einen älteren Maler zum gemeinsamen Vorbild. Die Gruppe wartet nicht darauf, dass eine staatliche Institution Cézannes Rang bestätigt. Sie entwirft ihre eigene kunstgeschichtliche Abstammung.

Gerade deshalb eignet sich das Gemälde besonders gut, um den Übergang von der akademischen Ordnung zur modernen Kunstwelt zu verstehen. Die Macht des Urteils verschwindet nicht. Sie verteilt sich auf neue Beteiligte: Künstlergruppen, Kritiker, Galeristen, Sammler und später Museen. Denis zeigt diesen Wandel als feierliche Zusammenkunft – und lässt zugleich erkennen, dass auch ein moderner Kanon ausgewählt und inszeniert werden muss.

Das Werk auf einen Blick

  • Künstler: Maurice Denis (1870–1943)
  • Originaltitel: Hommage à Cézanne
  • Deutscher Titel: Hommage an Cézanne
  • Entstehungsjahr: 1900
  • Technik: Öl auf Leinwand
  • Maße: 182 × 243,5 cm
  • Aufbewahrungsort: Musée d’Orsay, Paris
  • Inventarnummer: RF 1977 137; früher LUX 48
  • Gattung: Gruppenporträt, Künstlerbild und programmatische Hommage

Das Gemälde ist unten links signiert und auf 1900 datiert. Es wurde 1901 in Paris und anschließend in Brüssel ausgestellt. Der Schriftsteller André Gide erwarb es und schenkte es 1928 dem Musée du Luxembourg. Über das Musée national d’Art moderne gelangte es später in die Sammlung des Musée d’Orsay. Musée d’Orsay

Kurz erklärt

Ein Kanon ist eine Auswahl von Künstlern und Werken, die als besonders bedeutend, vorbildlich oder unverzichtbar gilt. Ein Kanon entsteht nicht von selbst. Er wird durch Ausstellungen, Texte, Ankäufe, Unterricht, persönliche Netzwerke und wiederholte öffentliche Aufmerksamkeit geformt. Deshalb kann er sich verändern – und deshalb lohnt es sich zu fragen, wer an seiner Entstehung beteiligt ist.

Eine Künstlergruppe entwirft ihr eigenes Pantheon

Cézanne ist als Gemälde anwesend

Im Zentrum steht Cézannes Stillleben Compotier, verre et pommesObstschale, Glas und Äpfel. Denis zeigt Cézanne nicht durch ein Porträt und auch nicht als Teilnehmer der Versammlung. Er lässt dessen Werk für ihn sprechen. Die körperliche Abwesenheit des Malers steigert dadurch beinahe seine Bedeutung: Während alle anderen Personen Teil einer zeitgenössischen Gruppe sind, erscheint Cézanne als der verehrte Ursprung ihrer künstlerischen Orientierung.

Das Stillleben hatte zuvor Paul Gauguin gehört. Auch Gauguin ist nicht persönlich anwesend, wird aber durch diesen früheren Besitz und durch ein Gemälde im Hintergrund in die geistige Ahnenreihe aufgenommen. Ein weiteres Hintergrundbild verweist auf Auguste Renoir. Denis baut seine Hommage somit aus mehreren Ebenen der Anwesenheit: Einige Künstler stehen im Raum, andere sind durch ihre Werke oder deren Geschichte vertreten. Musée d’Orsay

Diese Entscheidung verrät viel über die moderne Künstlerverehrung. Cézanne wird nicht für ein Amt, einen Preis oder gesellschaftlichen Rang geehrt. Verehrt wird seine Malerei. Das einzelne Werk auf der Staffelei erhält die Aufgabe, eine ganze künstlerische Haltung zu verkörpern.

Wer gehört zu diesem Kreis?

Am linken Bildrand steht der ältere Symbolist Odilon Redon mit weißem Haar und Bart. Ihm gegenüber befindet sich Paul Sérusier. Hinter und neben den beiden erscheinen Édouard Vuillard, der Kunstkritiker André Mellerio mit Zylinder und Ambroise Vollard hinter der Staffelei. Rechts folgen Maurice Denis selbst, Paul Ranson, Ker-Xavier Roussel und der Pfeife rauchende Pierre Bonnard. Ganz rechts steht Marthe Denis, die Ehefrau des Malers. Musée d’Orsay

Viele der dargestellten Künstler waren mit der Gruppe der Nabis verbunden. Der Name leitet sich von einem hebräischen Wort für „Propheten“ ab. Die Bezeichnung drückte den Anspruch aus, der Malerei neue Wege zu eröffnen. Paul Sérusier, Maurice Denis, Pierre Bonnard, Édouard Vuillard, Paul Ranson und Ker-Xavier Roussel entwickelten zwar keine vollkommen einheitliche Kunst, teilten aber zeitweise das Interesse an vereinfachten Formen, flächiger Farbe, Symbolismus und dekorativer Gestaltung.

Denis zeigt die Gruppe nicht als anonyme Anhängerschaft. Jedes Gesicht bleibt erkennbar, einige Figuren wenden sich einander zu, andere schauen aus dem Bild oder in eine abweichende Richtung. Gemeinschaft bedeutet hier nicht, dass alle dasselbe sehen oder dieselbe Meinung vertreten. Zusammengehalten werden die Personen durch eine gemeinsame künstlerische Bezugnahme.

Die Galerie ersetzt den Sitzungssaal

Der Schauplatz ist die Pariser Kunsthandlung Ambroise Vollards. Damit verlagert Denis die Entstehung künstlerischer Bedeutung aus einem akademischen Sitzungssaal in einen privaten Ausstellungs- und Verkaufsraum. Vollard ist nicht bloß Gastgeber. Als Händler konnte er Werke auswählen, präsentieren, verkaufen und bei Sammlern bekannt machen.

Auch der Kritiker André Mellerio gehört selbstverständlich zum Kreis. Seine Anwesenheit erinnert daran, dass moderne Kunst nicht allein durch Bilder entstand. Kritiker beschrieben neue Gemeinsamkeiten, prägten Begriffe, verteidigten Künstler oder griffen sie an. Ihre Texte konnten ein zunächst kleines Publikum vergrößern und einzelne Werke in eine umfassendere Entwicklung einordnen.

Die übrigen Künstler treten zugleich als Betrachter und als mögliche Fürsprecher auf. Indem Denis sie um Cézannes Stillleben versammelt, verwandelt er persönliche Bewunderung in ein öffentliches Bekenntnis. Das Gruppenporträt macht aus einem Netzwerk eine sichtbare Gemeinschaft.

Eine Hommage ist auch eine Selbstpositionierung

Auf den ersten Blick handelt das Gemälde allein von der Verehrung Cézannes. Doch jede Hommage sagt ebenso etwas über diejenigen aus, die sie aussprechen. Wer sich auf einen anerkannten oder künftig anerkannten Meister beruft, bestimmt damit den eigenen Platz in der Kunstgeschichte.

Denis und seine Freunde stellen sich nicht in die direkte Nachfolge der offiziellen akademischen Vorbilder. Ihre geistige Familie besteht aus Cézanne, Gauguin, Renoir und Redon. Dadurch erklären sie, welche Eigenschaften der jüngeren Kunst für sie zukunftsweisend sind – und mit welcher Entwicklung sie selbst verbunden werden möchten.

Das Bild würdigt also Cézanne und wirbt zugleich für den Rang der versammelten Gruppe. Es sagt sinngemäß: Dies sind die Menschen, die Cézannes Bedeutung verstanden haben. Die Verehrung des Vorbildes und die Selbstdarstellung der Verehrer lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.

Wie das Gemälde deinen Blick organisiert

Ein Bild wird zum Mittelpunkt eines Bildes

Cézannes Stillleben steht leicht links von der geometrischen Mitte. Sein goldener Rahmen, die helle Obstschale und die roten und grünen Früchte heben es von den dunklen Anzügen ab. Die Staffelei verleiht ihm eine aufrechte, beinahe körperliche Präsenz. Obwohl Cézanne fehlt, besitzt sein Werk einen eigenen Platz unter den Anwesenden.

Denis malt das Stillleben deutlich genug, damit es als eigenständiges Werk erkennbar bleibt. Gleichzeitig fügt er es seiner eigenen Farbwelt und Komposition ein. Wir betrachten also Cézannes Gemälde durch Denis’ Gemälde. Die Hommage ist keine neutrale Reproduktion, sondern eine neue Rahmung: Denis entscheidet, wie groß, wie hell und in welcher Umgebung das Vorbild erscheint.

Der reich verzierte Rahmen verstärkt diesen Vorgang. Er trennt das Stillleben von der Galerie und hebt es als kostbaren Gegenstand hervor. Zugleich bildet der äußere Rand von Denis’ Leinwand einen zweiten Rahmen. Ein Kunstwerk umfasst ein anderes – und deutet es dadurch.

Dunkle Kleidung bildet einen gemeinsamen Körper

Fast alle Männer tragen schwarze oder dunkelbraune Jacken. Ihre Körper fließen stellenweise zu einer geschlossenen Fläche zusammen. Aus diesem Dunkel treten Hände, Gesichter, Bärte und Kopfbedeckungen hervor. Die individuellen Porträts bleiben erkennbar, doch die ähnliche Kleidung erzeugt zugleich das Bild einer zusammengehörigen Gemeinschaft.

Die Gruppe bildet einen Bogen um die Staffelei. Links öffnet Redons Profil den Gesprächsraum, rechts schließen die hochgewachsenen Figuren und Marthe Denis die Komposition ab. Das Stillleben steht nicht isoliert vor einer Wand, sondern wird durch Menschen buchstäblich umrahmt.

Die beinahe lebensgroßen Figuren verleihen der Zusammenkunft Würde. Denis übernimmt damit eine Größe, die traditionell bedeutenden Historienbildern oder repräsentativen Gruppenporträts vorbehalten war. Das moderne Kunstgespräch erhält ein monumentales Format.

Die Blicke folgen nicht dem vermeintlichen Zentrum

Obwohl Cézannes Stillleben den sichtbaren Mittelpunkt bildet, schauen erstaunlich wenige Personen unmittelbar darauf. Viele Blicke richten sich nach links zu Odilon Redon und Paul Sérusier. Andere Figuren sehen aneinander vorbei oder wenden sich dem Publikum zu.

Diese Abweichung verhindert eine allzu einfache Verehrungsszene. Die Gruppe steht nicht schweigend vor einem Heiligtum. Sie diskutiert, hört zu und bildet eigene Beziehungen. Cézannes Kunst ist der Anlass der Zusammenkunft, aber Bedeutung entsteht im Austausch zwischen den Anwesenden.

Redon erhält dabei eine besondere Stellung. Als älterer Künstler verkörpert er eine weitere lebende Autorität. Cézanne ist durch sein Bild anwesend, Redon durch Körper und Gespräch. Denis verbindet damit die Verehrung eines abwesenden Vorbildes mit dem unmittelbaren Austausch innerhalb der eigenen Generation.

Die Bilder im Hintergrund erweitern die Ahnenreihe

An der Rückwand hängen weitere Gemälde. Nach Angaben des Musée d’Orsay lassen sich darunter Arbeiten Gauguins und Renoirs erkennen. Sie bleiben weniger deutlich als das Cézanne-Stillleben, sind für die Aussage aber keineswegs nebensächlich. Musée d’Orsay

Die Galerie wird dadurch zu einer kleinen, von Denis zusammengestellten Kunstgeschichte. Cézanne steht im Zentrum, doch sein Rang entsteht innerhalb eines Feldes weiterer Bezugspunkte. Das Bild stellt keine vollständige Entwicklung dar. Es zeigt eine Auswahl – und genau diese Auswahl ist ein Kanon im Kleinen.

Am Boden unter der Staffelei sitzt eine Katze. Sie gehört weder zur feierlichen Hommage noch zur kunsthistorischen Ahnenreihe. Das unscheinbare Tier lockert die würdige Inszenierung auf und gibt dem Raum etwas Alltägliches. Moderne Kunstgeschichte entsteht hier nicht in einer zeitlosen Ruhmeshalle, sondern in einer tatsächlich bewohnten und benutzten Umgebung.

Marthe Denis am Rand

Marthe Denis ist die einzige Frau der Gruppe. Ihr helles Gesicht, die helle Kopfbedeckung und das gemusterte Kleid unterscheiden sie deutlich von den dunkel gekleideten Männern. Gleichzeitig steht sie ganz am rechten Bildrand und teilweise hinter Pierre Bonnard.

Ihre Anwesenheit macht die Geschlechterordnung des Netzwerkes sichtbar. Die moderne Gruppe grenzt sich von akademischen Institutionen ab, doch die öffentlich benannten Rollen – Künstler, Kritiker und Händler – bleiben beinahe vollständig männlich. Marthe gehört persönlich zum Kreis, wird aber nicht als Vertreterin einer vergleichbaren beruflichen Position vorgestellt.

Das bedeutet nicht, dass ihre Rolle für Denis’ Leben und Kunst unwichtig gewesen wäre. Es zeigt vielmehr, wie unterschiedlich Zugehörigkeit im Bild markiert wird. Manche Personen stehen für ein künstlerisches Werk, andere für Kritik oder Handel; Marthe erscheint als Ehefrau des Malers. Auch eine alternative Kunstgemeinschaft bildet daher nicht automatisch alle Beteiligten mit derselben Autorität ab.

Wie aus Anerkennung Kunstgeschichte wird

Cézannes Rang entstand schrittweise

Heute gehört Cézanne zu den berühmtesten Wegbereitern der modernen Malerei. Um 1900 war sein späterer Rang jedoch noch nicht selbstverständlich. Er hatte sich weitgehend aus dem Pariser Ausstellungsbetrieb zurückgezogen und wurde zunächst vor allem von einzelnen Künstlern, Händlern und Sammlern geschätzt.

Ambroise Vollard organisierte zwischen 1895 und 1901 mehrere Einzelausstellungen mit Cézannes Werken. Solche Präsentationen, Ankäufe von Sammlern und die Aufnahme einzelner Arbeiten in öffentliche Sammlungen trugen entscheidend dazu bei, seine Malerei sichtbarer zu machen. Erst aus diesen Schritten entwickelte sich jene Vorstellung Cézannes als „Vater der Moderne“, die später weit verbreitet wurde. Musée d’Orsay

Denis’ Gemälde gehört selbst zu diesem Prozess. Es berichtet nicht nur von einer bereits abgeschlossenen Anerkennung. Indem es Cézanne feierlich ins Zentrum einer jüngeren Künstlergemeinschaft rückt, arbeitet es aktiv an seiner Bedeutung mit.

Das Publikum war noch nicht überzeugt

Als Denis Hommage à Cézanne 1901 in Paris und Brüssel zeigte, reagierte das Publikum teilweise ablehnend. Der Künstler hielt in seinem Tagebuch fest, dass vor dem Bild weiterhin gelacht werde. Sein Freund André Gide war dagegen sofort bereit, es zu erwerben. Musée d’Orsay

Diese gegensätzlichen Reaktionen sind wichtig. Das Gemälde zeigt keinen schon allgemein anerkannten Kanon. Es macht einen Anspruch sichtbar, über den noch gestritten wird. Die versammelte Gruppe erklärt Cézanne zum Vorbild; ein Teil des Publikums teilt dieses Urteil zunächst nicht.

Kunsthistorische Bedeutung entsteht deshalb selten durch einen einzigen Beschluss. Unterschiedliche Urteile konkurrieren, werden wiederholt, begründet oder verworfen. Manche setzen sich durch, andere geraten in Vergessenheit. Denis’ Bild erlaubt dir, diesen offenen Zustand zu betrachten, bevor das spätere Ergebnis selbstverständlich erscheint.

Vom Freund zum Museum

André Gides Erwerb gab dem Gemälde zunächst einen privaten Besitzer, der Denis’ künstlerischen Anspruch unterstützte. 1928 schenkte Gide das Werk dem Musée du Luxembourg. Damit wechselte es aus einer privaten Sammlung in eine staatliche Institution und wurde selbst Teil des französischen Museumskanons. Musée d’Orsay

An seiner Geschichte lässt sich eine ganze Kette moderner Anerkennung nachvollziehen: Ein Künstler malt eine Hommage, ein Händler bildet den Schauplatz, ein Kritiker gehört zur dargestellten Gruppe, ein Schriftsteller kauft das Bild, und ein Museum bewahrt es dauerhaft. Keine dieser Personen entscheidet allein. Zusammen können sie jedoch beeinflussen, was gesehen, besprochen und überliefert wird.

Das Museum bildet dabei nicht einfach den neutralen Abschluss. Mit jedem Ankauf und jeder Ausstellung ordnet es Kunst neu. Was dauerhaft gesammelt wird, erhält größere Chancen, erforscht, reproduziert und kommenden Generationen als bedeutsam vorgestellt zu werden.

Neue Netzwerke schaffen neue Regeln

Die Moderne befreite Kunst nicht von jeder Bewertung. Sie vervielfachte die Orte des Urteilens. Neben Akademien und offiziellen Salons gewannen private Galerien, unabhängige Ausstellungen, Zeitschriften, Künstlergruppen und Sammler an Einfluss.

Das konnte neuartige Kunst sichtbar machen, die unter den älteren Maßstäben schwer Anerkennung fand. Gleichzeitig entwickelten diese Netzwerke eigene Vorlieben, Zugehörigkeiten und Ausschlüsse. Persönliche Bekanntschaften, finanzielle Möglichkeiten und öffentliche Aufmerksamkeit blieben wichtig. Die eine verbindliche Rangordnung wurde durch mehrere konkurrierende Rangordnungen ersetzt.

Hommage à Cézanne feiert diesen neuen Zusammenhang und macht ihn unfreiwillig durchschaubar. Die dargestellten Personen ehren Cézanne – aber sie bestimmen auch, wer zu ihrem Kreis gehört, welche Vorgänger an der Wand erscheinen und welche Entwicklung als bedeutsam gelten soll.

Auch der moderne Kanon besitzt Leerstellen

Denis versammelt eine einflussreiche Gemeinschaft, doch sie umfasst nicht die gesamte Kunstwelt um 1900. Künstlerinnen, außereuropäische Positionen und viele andere zeitgenössische Stimmen fehlen. Selbst die einzige anwesende Frau erhält keine ausdrücklich kunstberufliche Rolle.

Diese Leerstellen entwerten das Gemälde nicht. Sie helfen vielmehr, seinen historischen Standort zu erkennen. Jede Gemeinschaft sieht bestimmte Leistungen besonders deutlich und lässt andere leichter am Rand. Ein Kanon verrät deshalb nicht nur, wer bewundert wurde. Er verrät ebenso, wer an der Auswahl beteiligt war und wessen Bedeutung damals kaum wahrgenommen wurde.

Wenn Museen und Kunstgeschichten ihren Kanon heute erweitern, korrigieren sie nicht einfach eine fertige Liste. Sie prüfen die Bedingungen, unter denen frühere Listen entstanden sind. Denis’ Gruppenbild eignet sich dafür besonders gut, weil es die Herstellung künstlerischer Zugehörigkeit selbst sichtbar macht.

Praktische Bildinterpretation: Wie kannst du das Werk erschließen?

1. Unterscheide Bildzentrum und Aufmerksamkeitszentrum

Bestimme zunächst den geometrischen Mittelpunkt. Dort findest du ungefähr Cézannes Stillleben. Prüfe anschließend, wohin die dargestellten Personen schauen. Weil viele Blicke zu Redon und Sérusier führen, besitzt das Gemälde mehr als ein Zentrum: ein sichtbares Kunstwerk und einen sozialen Gesprächsschwerpunkt.

2. Suche nach Bildern im Bild

Notiere, welche gerahmten Werke du erkennen kannst und wie deutlich sie dargestellt sind. Das Cézanne-Stillleben ist groß und gut sichtbar, die Hintergrundbilder bleiben undeutlicher. Aus dieser Abstufung kannst du eine Rangordnung der Vorbilder ableiten.

3. Ordne den Personen ihre Rollen zu

Die Gruppe besteht nicht ausschließlich aus Malern. Suche den Kunsthändler Vollard, den Kritiker Mellerio, Denis selbst und seine Künstlerfreunde. Überlege anschließend, welchen Beitrag jede dieser Rollen zur öffentlichen Anerkennung von Kunst leisten kann.

4. Achte auf Anwesende und Abwesende

Cézanne und Gauguin sind körperlich nicht da, werden aber durch Kunstwerke vertreten. Andere zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler fehlen vollständig. Frage deshalb nicht nur: „Wer ist zu sehen?“, sondern ebenso: „Wer wird auf welche Weise gegenwärtig gemacht?“

5. Untersuche die Selbstdarstellung der Gruppe

Die dunkle Kleidung, die fast lebensgroßen Figuren und der geschlossene Halbkreis verleihen der Zusammenkunft Würde. Zugleich wirken Gespräch, Pfeife und Katze vergleichsweise ungezwungen. Welche Mischung aus Feierlichkeit und Vertrautheit entsteht daraus? Und welches Bild möchte die Gruppe von sich selbst vermitteln?

6. Beziehe die spätere Geschichte ein

Die anfänglich teils ablehnende Reaktion, Gides Ankauf und die spätere Aufnahme ins Museum verändern unsere heutige Betrachtung. Wir sehen das Gemälde bereits als berühmtes Museumswerk. Versuche dir dagegen vorzustellen, wie offen sein Rang 1901 noch war. Rezeptionsgeschichte hilft dir zu erkennen, dass Bedeutung nicht allein in einem Bild liegt, sondern sich auch im Umgang mit ihm entwickelt.

Eine mögliche Deutungshypothese

Du könntest deine Beobachtungen in folgender Aussage bündeln: Maurice Denis inszeniert die moderne Kunstwelt als Gemeinschaft, die ihre Vorbilder selbst auswählt. Das Cézanne-Stillleben, die Galerie Vollards und der Kreis aus Künstlern und Kritik zeigen, wie Anerkennung außerhalb der Akademie entsteht – während die Zusammensetzung der Gruppe zugleich neue Grenzen erkennen lässt.

Diese Deutung verbindet Bildaufbau, dargestellte Personen, historischen Ort und spätere Werkgeschichte. Sie beschreibt das Gemälde weder als objektiven Bericht noch als bloße Freundschaftsszene, sondern als aktiven Beitrag zur Entstehung eines modernen Kanons.

Kurz zusammengefasst

  • Cézanne ist nicht persönlich anwesend, wird aber durch sein Stillleben im Zentrum vertreten.
  • Künstler der Nabis, der Kritiker André Mellerio und der Händler Ambroise Vollard bilden ein neues Netzwerk der Anerkennung.
  • Werke von Gauguin und Renoir im Hintergrund erweitern die von Denis ausgewählte Ahnenreihe.
  • Die Hommage würdigt Cézanne und positioniert zugleich Denis und seine Freunde innerhalb der Kunstgeschichte.
  • Die teils ablehnende Reaktion von 1901 zeigt, dass dieser neue Kanon noch umstritten war.
  • André Gides Ankauf und die spätere Museumsschenkung führten das Bild selbst in den institutionellen Kanon.
  • Die moderne Kunstwelt ersetzt das Urteilen nicht; sie verteilt es auf Künstler, Kritik, Handel, Sammler, Museen und Publikum.
  • Die fast ausschließlich männliche Gruppe erinnert daran, dass auch alternative Netzwerke Ausschlüsse fortsetzen konnten.

Der Hauptartikel „Akademien und Kunstregeln: Wer bestimmt, was als gute Kunst gilt?“ erklärt, wie sich die Macht des Kunsturteils von einzelnen Institutionen auf ein Geflecht unterschiedlicher Beteiligter verlagerte. Denis’ Hommage à Cézanne führt diesen Wandel in einer einzigen Galerieszene vor Augen.

Der folgende Artikel „Salon, Skandal und eigene Ausstellungen: Wie neue Kunst sichtbar wird“ vertieft, warum Künstler neue Ausstellungswege suchten und wie Ablehnung, öffentliche Aufmerksamkeit und Skandale an der Entstehung moderner Kunst mitwirkten.

In der Rubrik Bildinterpretation – Bilder und Gemälde besser verstehen findest du weitere Hilfen, um Komposition, Blickrichtungen, Bildzitate und historischen Kontext Schritt für Schritt miteinander zu verbinden.

Der Themenbereich Der Weg in die Moderne verfolgt, wie sich Künstlerrollen, Institutionen, Medien und Vorstellungen vom Menschen auf dem Weg zur modernen Kunst wandelten.