Blau-grünes Ausstellungsplakat der Künstlervereinigung Phalanx mit stilisierten Figuren und dem Schriftzug Phalanx
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Die Künstlervereinigung Phalanx stellte sich gegen die konservative Münchner Kunstszene. An ihrer privaten Kunstschule begegnete Gabriele Münter Anfang 1902 Wassily Kandinsky.

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Wassily Kandinsky, Plakat für Phalanx-Ausstellung, 1901, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957, Sammlung Online des Lenbachhauses, CC0 1.0.

Als Gabriele Münter 1901 nach München kam, suchte sie noch immer nach einer Ausbildung, die ihren künstlerischen Vorstellungen entsprach. Diese fand sie schließlich an der neu gegründeten Phalanx-Schule. Dort begegnete sie Wassily Kandinsky – zunächst als Lehrer, bald als künstlerischem Partner und Lebensgefährten.

Gemeinsame Malsommer und jahrelange Reisen führten Münter durch Europa und Nordafrika. In dieser Zeit löste sie sich schrittweise von der traditionellen Kunstauffassung ihrer ersten Lehrer. Sie arbeitete unter freiem Himmel, fotografierte, zeichnete und experimentierte mit Malerei und Druckgrafik. Noch war ihr späterer expressionistischer Stil nicht gefunden. Doch die Jahre zwischen 1902 und 1908 bereiteten den entscheidenden Aufbruch vor.

Aufbruch an der Phalanx-Schule

Eine Alternative zur Damenakademie

Nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten hatte Münter 1901 zunächst die Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins besucht. In der Anfängerklasse von Maximilian Dasio erhielt sie eine traditionelle Ausbildung. Sie beschäftigte sich mit Porträts, Figuren und grundlegenden zeichnerischen Übungen.

Doch der Unterricht konnte ihren Wunsch nach einer zeitgemäßen Kunst nicht erfüllen. Wie viele Künstlerinnen ihrer Generation war Münter auf private Ausbildungsangebote angewiesen, weil die staatlichen Kunstakademien Frauen weitgehend ausschlossen. Zwar eröffneten Damenakademien einen Zugang zur Kunst, doch ihre Möglichkeiten blieben häufig begrenzt.

Ende 1901 erfuhr Münter von der neu gegründeten Phalanx-Schule. Sie gehörte zu einer gleichnamigen Künstlervereinigung, die sich gegen die konservativen Kräfte der Münchner Kunstszene stellte. Der Name „Phalanx“ erinnerte an die geschlossene Schlachtreihe der griechischen Antike und sollte den gemeinsamen Widerstand gegen erstarrte Kunstvorstellungen ausdrücken.

Die Vereinigung organisierte Ausstellungen mit moderner internationaler Kunst und unterhielt eine eigene private Schule. Anfang 1902 wechselte Münter dorthin. Zunächst nahm sie am Bildhauerunterricht von Wilhelm Hüsgen teil, wandte sich jedoch bald wieder stärker der Malerei zu.

Ein Lehrer namens Wassily Kandinsky

An der Phalanx-Schule begegnete Münter dem russischen Maler Wassily Kandinsky. Er war elf Jahre älter als sie, hatte ursprünglich Jura und Nationalökonomie studiert und sich erst als Erwachsener ganz der Kunst zugewandt. In München hatte er unter anderem bei Franz von Stuck gelernt, sich jedoch zunehmend von der akademischen Malerei entfernt.

Kandinsky unterrichtete seine Schülerinnen und Schüler nicht allein im Atelier. Er ermutigte sie, vor dem Motiv zu arbeiten und Landschaften unmittelbar zu erfassen. Für Münter war diese Arbeitsweise neu und befreiend. Er nahm ihre künstlerischen Ambitionen ernst und erkannte ihre besondere Fähigkeit, sichtbare Eindrücke schnell und präzise in ein Bild zu übertragen.

Im Sommer 1902 lud Kandinsky sie zu einem Malaufenthalt seiner Klasse nach Kochel am See ein. Die Gruppe erkundete mit Fahrrädern das bayerische Alpenvorland. Mitgeführt wurden Kameras, kleine Malpappen, Paletten, zusammenklappbare Staffeleien und verschließbare Farbtuben.

Die handlichen Materialien machten es möglich, direkt in der Landschaft zu arbeiten. Statt sorgfältig ausgeführter Atelierbilder entstanden kleinere Ölstudien, in denen Licht, Wetter und Atmosphäre festgehalten wurden. Diese Arbeitsweise stand dem Impressionismus nahe, war für Münter aber vor allem eine Schule des unmittelbaren Sehens.

Während der Wochen in Kochel kamen sich Münter und Kandinsky auch persönlich näher. Aus dem Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die ihr privates und künstlerisches Leben mehr als ein Jahrzehnt bestimmen sollte.

Gabriele Münter in einem blauen Kleid beim Malen an einer Staffelei am Fluss in Kallmünz
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Im Sommer 1903 arbeitete Gabriele Münter mit Kandinskys Malklasse in Kallmünz. Der Aufenthalt wurde zu einem Wendepunkt ihrer künstlerischen und persönlichen Beziehung.

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Wassily Kandinsky artist QS:P170,Q61064, Kandinsky - Gabriele Münter beim Malen in Kallmünz, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Aus Lehrer und Schülerin wird ein Paar

Der Malsommer in Kallmünz

Im Sommer 1903 reiste Kandinskys Malklasse nach Kallmünz in der Oberpfalz. Der kleine Ort mit seinen engen Straßen, alten Häusern, Brücken und den Flüssen Naab und Vils bot zahlreiche Motive. Münter malte Gebäude, Wege und Landschaften, während Kandinsky sie mehrfach bei der Arbeit darstellte.

Auf einem seiner Bilder steht sie in einem langen blauen Kleid unter einem hellen Sonnenschirm vor ihrer Staffelei. Münter erscheint darin nicht als Begleiterin, sondern als arbeitende Künstlerin. Das Gemälde hält eine Lebensphase fest, in der sich die gemeinsame Arbeit und die persönliche Beziehung immer enger miteinander verbanden.

In Kallmünz verlobten sich Münter und Kandinsky heimlich. Ihre Verbindung war allerdings von Beginn an belastet, denn Kandinsky war noch mit seiner Cousine Anja Schemjakina verheiratet. Er stellte Münter eine gemeinsame Zukunft und eine spätere Heirat in Aussicht. Tatsächlich sollte es dazu nie kommen.

Das unverheiratete Zusammenleben eines Paares stieß im bürgerlichen Umfeld der Zeit auf Ablehnung. Hinzu kam das Gefälle zwischen dem etablierten Lehrer und seiner ehemaligen Schülerin. Für Münter bedeutete die Beziehung künstlerische Anregung und persönliche Nähe, aber auch jahrelange Unsicherheit.

Eine gemeinsame, aber nicht gleiche Arbeitswelt

Münter und Kandinsky arbeiteten in den folgenden Jahren häufig an denselben Orten und vor denselben Motiven. Sie verglichen Ergebnisse, diskutierten neue Ideen und übertrugen Beobachtungen zwischen unterschiedlichen Medien. Fotografien dienten als Ausgangspunkt für Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälde.

Münter brachte dabei Erfahrungen ein, die sie bereits während ihrer Amerikareise gesammelt hatte. Die Kamera war für sie kein bloßes Hilfsmittel zur Dokumentation. Sie nutzte sie, um ungewöhnliche Ausschnitte, räumliche Verkürzungen und charakteristische Situationen festzuhalten. Auf den gemeinsamen Reisen entstanden zahlreiche Fotografien, von denen viele Kandinsky beim Arbeiten oder im Alltag zeigen.

Künstlerisch standen sich beide nahe, ohne dass ihre Werke identisch wurden. Kandinsky interessierte sich zunehmend für die geistige und symbolische Wirkung von Farbe. Münter suchte nach einer direkten, konzentrierten Darstellung der sichtbaren Welt. Ihr Blick blieb stärker an Menschen, Landschaften, Häusern und alltäglichen Gegenständen orientiert.

Lange wurde diese Zeit vor allem als Abschnitt in Kandinskys Entwicklung erzählt. Münter erschien dabei häufig lediglich als Schülerin oder Begleiterin. Tatsächlich entwickelte sie ihre Fähigkeiten selbstständig weiter. Sie fotografierte, zeichnete, malte und arbeitete mit Holz- und Linolschnitten. Ihre finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte zudem einen Lebensstil, von dem auch die gemeinsame Reisetätigkeit profitierte.

Historische kolorierte Ansicht des Platzes Bab Souika in Tunis mit Menschen und Gebäuden um 1899
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Von Ende 1904 bis zum Frühjahr 1905 hielten sich Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Tunesien auf. Münter fotografierte dort Architektur, Straßenszenen und Menschen des alltäglichen Lebens.

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Unknown authorUnknown author, Tunis Bab Souika 1899, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Vier Jahre unterwegs

Holland, Tunis und Italien

1904 begann für Münter und Kandinsky eine mehrjährige Phase des Reisens. Nach einem Aufenthalt in den Niederlanden führte ihr Weg Ende des Jahres nach Tunesien. Sie lebten mehrere Monate in Tunis und besuchten auch Karthago. Die nordafrikanische Architektur, das helle Licht, die engen Straßen und die ungewohnte Vegetation eröffneten ihnen neue Motive.

Münter fotografierte Straßenszenen, Gebäude und Menschen. Wie schon in Amerika richtete sich ihr Blick häufig auf unspektakuläre Situationen des Alltags. Einige Fotografien verarbeitete sie später in Zeichnungen, Druckgrafiken oder Gemälden weiter.

Auf der Rückreise nach Deutschland besuchte das Paar im Frühjahr 1905 mehrere italienische Städte, darunter Palermo, Neapel, Florenz und Verona. Nach einem Aufenthalt in Dresden verbrachten Münter und Kandinsky den folgenden Winter im ligurischen Rapallo. Auch dort arbeiteten sie mit kleinen Formaten unter freiem Himmel.

Das beständige Unterwegssein war anregend, konnte aber auch einsam sein. Beide lebten über lange Zeit außerhalb eines festen künstlerischen Umfelds. Ihre Tage wurden vom Reisen, Beobachten und Arbeiten bestimmt. Landschaften und Architektur wurden zu einem gemeinsamen Versuchsfeld, auf dem sie sich von akademischen Regeln entfernten.

Ein Jahr bei Paris

Im Sommer 1906 ließen sich Münter und Kandinsky in Sèvres bei Paris nieder. Sie blieben dort etwa ein Jahr. Paris war damals das wichtigste Zentrum der europäischen Avantgarde. In Galerien und Ausstellungen konnten sie die neuesten Entwicklungen der französischen Kunst verfolgen.

Besonders die Bilder der Fauves um Henri Matisse zeigten, wie weit sich Farbe von der naturgetreuen Wiedergabe lösen konnte. Leuchtende Flächen und starke Kontraste mussten nicht wiedergeben, wie ein Motiv tatsächlich aussah. Sie konnten eine eigene bildnerische Wirkung entfalten.

Münter beschäftigte sich in Frankreich intensiv mit Druckgrafik. In ihren Holz- und Linolschnitten vereinfachte sie Formen und setzte helle und dunkle Flächen deutlich gegeneinander. Die Reduktion, die das Material verlangte, kam ihrer Fähigkeit entgegen, Motive auf ihre wesentlichen Merkmale zu konzentrieren.

1907 beteiligte sie sich mit mehreren Gemälden am Salon des Indépendants. Es war ihre erste öffentliche Ausstellung als Malerin. Damit trat sie aus dem privaten Arbeitszusammenhang mit Kandinsky heraus und präsentierte ihre Werke einem internationalen Publikum.

Dieser Schritt war für Münter besonders wichtig. Sie war nun nicht mehr ausschließlich Kunstschülerin oder reisende Begleiterin eines bekannteren Malers. Ihre Arbeiten wurden öffentlich gezeigt und als eigenständige künstlerische Beiträge sichtbar.

Die Rückkehr nach Deutschland

Nach dem Pariser Jahr kehrten Münter und Kandinsky nach Deutschland zurück. Sie verbrachten den Winter in Berlin und reisten im Frühjahr 1908 nach Südtirol. Das jahrelange Wanderleben verlor jedoch zunehmend seinen Reiz. Beiden fehlten ein dauerhafter Arbeitsort und ein engerer Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern.

Im Frühsommer 1908 entschieden sie sich, wieder in München zu leben. Hinter Münter lagen sechs Jahre intensiver Ausbildung und gemeinsamer Arbeit: die Phalanx-Schule, die Malsommer in Kochel und Kallmünz sowie Reisen durch die Niederlande, Tunesien, Italien und Frankreich.

Sie hatte zahlreiche Techniken erprobt und erstmals öffentlich ausgestellt. Dennoch befand sich ihre Malerei noch in einem Übergang. Viele Bilder waren von impressionistischen und nachimpressionistischen Verfahren geprägt. Der entscheidende Schritt zu kräftigen Farben, dunklen Konturen und vereinfachten Formen stand noch bevor.

Nur wenige Monate später reiste Münter gemeinsam mit Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin nach Murnau am Staffelsee. Dort sollte sie innerhalb kurzer Zeit zu jener unverwechselbaren Bildsprache finden, die sie zu einer bedeutenden Künstlerin des Expressionismus machte.

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