Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des Eisenbahnviadukts über die Goldach mit dem Schweizer Dorf im Hintergrund.
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Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs flohen Gabriele Münter und Wassily Kandinsky 1914 nach Goldach in der neutralen Schweiz. Die um 1920 entstandene Aufnahme zeigt den Ort mit seinem Eisenbahnviadukt und der Kirche im Hintergrund.

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Unknown author, Goldachbrücke SBB, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete 1914 nicht nur die gemeinsame Zeit Gabriele Münters und Wassily Kandinskys in Murnau. Auch der künstlerische Aufbruch des Blauen Reiters wurde jäh unterbrochen. Münter verlor innerhalb weniger Jahre ihren vertrauten Lebenszusammenhang, ihre Partnerschaft und einen großen Teil ihres künstlerischen Umfelds. In Skandinavien begann für sie eine Zeit zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Gleichzeitig begegnete sie dort einer neuen Kunstszene, stellte erfolgreich aus und wurde als eigenständige Vertreterin der europäischen Avantgarde wahrgenommen.

Krieg, Flucht und das Ende der gemeinsamen Jahre

Der Erste Weltkrieg verändert alles

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg begann, konnten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky nicht in Deutschland bleiben. Kandinsky war russischer Staatsbürger und galt nun als Angehöriger einer feindlichen Macht. Wenige Tage nach Kriegsbeginn verließen beide das Land und reisten in die neutrale Schweiz.

Sie ließen sich zunächst in Goldach am Bodensee nieder. Der Aufenthalt bot zwar Schutz, doch an eine Fortsetzung des bisherigen Lebens war nicht zu denken. Das gemeinsame Haus in Murnau, die Münchner Wohnung und der Freundeskreis des Blauen Reiters lagen plötzlich außerhalb ihrer unmittelbaren Reichweite. Aus einem künstlerischen Aufbruch war innerhalb kürzester Zeit eine Fluchtsituation geworden.

Auch der Blaue Reiter zerfiel unter dem Eindruck des Krieges. Die internationale Zusammenarbeit, die den Künstlerkreis ausgezeichnet hatte, war kaum noch möglich. Aus Freunden und Kollegen wurden durch ihre Staatsangehörigkeit offiziell Angehörige verfeindeter Nationen. August Macke fiel bereits im September 1914 in Frankreich, Franz Marc starb 1916 bei Verdun. Die offene und hoffnungsvolle Atmosphäre der Jahre vor dem Krieg kehrte nicht wieder zurück.

Für Münter bedeutete dieser Einschnitt zugleich den Verlust ihres künstlerischen Mittelpunktes. Murnau war nicht lediglich ein Wohnort gewesen. Dort hatte sie ihre expressionistische Bildsprache entwickelt, ihre wichtigsten Kontakte gepflegt und an der Entstehung des Blauen Reiters mitgewirkt. Nun war ungewiss, ob und wann sie dorthin zurückkehren konnte.

Eine Trennung ohne klare Aussprache

Im November 1914 verließ Kandinsky die Schweiz und kehrte allein nach Russland zurück. Münter blieb zunächst zurück und hielt sich anschließend zeitweise wieder in München und Berlin auf. Kandinskys Abreise war noch nicht ausdrücklich als endgültige Trennung bezeichnet worden. Münter hoffte weiterhin auf ein gemeinsames Leben nach dem Krieg.

Diese Hoffnung war eng mit der Geschichte ihrer Beziehung verbunden. Seit 1903 waren Münter und Kandinsky ein Paar gewesen. Sie hatten gemeinsam gelebt, gearbeitet und zahlreiche Reisen unternommen. Über Jahre hatte Münter darauf vertraut, dass aus der Partnerschaft irgendwann eine Ehe werden würde. Obwohl Kandinsky inzwischen von seiner ersten Frau geschieden war, hatte sich dieses Versprechen nicht erfüllt.

Die Entfernung zwischen Deutschland und Russland machte eine Klärung zusätzlich schwierig. Reisen waren während des Krieges nur eingeschränkt möglich, Briefe brauchten lange oder erreichten ihr Ziel nicht. Münter wusste nicht, ob Kandinskys Rückzug den politischen Umständen geschuldet war oder ob er sich auch persönlich von ihr lösen wollte.

So begann eine quälende Zeit des Wartens. Münter versuchte, den Kontakt aufrechtzuerhalten und eine erneute Begegnung zu ermöglichen. Ihre Entscheidung, nach Schweden zu reisen, war deshalb nicht nur künstlerisch motiviert. Stockholm lag in einem neutralen Land und bot eine der wenigen Möglichkeiten, Kandinsky außerhalb Russlands wiederzutreffen.

Sigrid Hjertén – Ateljéinteriör, 1916
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Sigrid Hjerténs „Ateljéinteriör“ von 1916 steht beispielhaft für die farbintensive schwedische Moderne, der Gabriele Münter in Stockholm begegnete. Mit Hjertén und deren Mann Isaac Grünewald verband sie ein freundschaftlicher und künstlerischer Austausch.

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Sigrid Hjertén (Life time: 1885-1948), Sigrid Hjerten - Atiljeinterior, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Stockholm: Zwischen Hoffnung und Selbstständigkeit

Eine neue Kunstszene

1915 reiste Münter nach Stockholm. Schweden war während des Krieges neutral geblieben und entwickelte sich zu einem wichtigen Treffpunkt für Kunstschaffende aus verschiedenen europäischen Ländern. Münter kam nicht als unbekannte Anfängerin in die Stadt. Durch ihre Beteiligung am Blauen Reiter und ihre Ausstellungen in der Berliner Galerie Der Sturm war sie bereits Teil der internationalen Avantgarde.

In Stockholm begegnete sie einer jüngeren Generation schwedischer Künstlerinnen und Künstler. Besonders mit Sigrid Hjertén und deren Mann Isaac Grünewald stand sie in engem Austausch. Beide hatten in Paris bei Henri Matisse studiert und vertraten eine schwedische Form des Expressionismus, die von leuchtenden Farben, bewegten Linien und dekorativ gestalteten Flächen geprägt war.

Münter fand hier eine Kunstauffassung, die ihr vertraut war und zugleich neue Möglichkeiten eröffnete. Die schwedische Moderne war weniger stark von Kandinskys theoretischer Suche nach dem „Geistigen“ und der vollständigen Abstraktion bestimmt. Figuren, Innenräume und Alltagsszenen behielten eine größere erzählerische Bedeutung.

Auch gesellschaftlich fand Münter zunächst Anschluss. Sie wurde als Mitbegründerin des Blauen Reiters geschätzt, beteiligte sich an Diskussionen und vermittelte Kenntnisse über die deutsche und französische Avantgarde. Damit kehrte sich die in Deutschland lange verbreitete Wahrnehmung teilweise um: In Schweden erschien sie nicht vorrangig als Kandinskys Schülerin und Lebensgefährtin, sondern als international erfahrene Künstlerin.

Das letzte Wiedersehen mit Kandinsky

Münter setzte sich dafür ein, Kandinskys Arbeiten in Stockholm auszustellen. Im Dezember 1915 reiste er schließlich aus Moskau an. Anfang Februar 1916 wurde seine Einzelausstellung bei Gummesons Konsthandel eröffnet. Münter hatte damit nicht nur ein erneutes Treffen ermöglicht, sondern Kandinsky zugleich den Zugang zur schwedischen Kunstöffentlichkeit erleichtert.

Im Anschluss erhielt sie in derselben Galerie eine eigene Ausstellung. Vom 1. bis zum 15. März 1916 wurden ihre Gemälde und grafischen Arbeiten präsentiert. Für kurze Zeit schien es, als könne sich neben der persönlichen Beziehung auch die frühere künstlerische Zusammenarbeit fortsetzen.

Doch Kandinsky reiste am 16. März nach Russland zurück. Münter sah ihn danach nie wieder. Sie schrieb ihm weiterhin zahlreiche Briefe und hoffte auf eine Antwort oder auf eine gemeinsame Zukunft. Der Kontakt wurde jedoch immer schwächer und brach 1917 schließlich ab.

Im selben Jahr heiratete Kandinsky in Moskau die deutlich jüngere Nina Andreewskaja. Münter erfuhr davon erst später. Für sie bedeutete die Nachricht nicht nur das endgültige Ende einer langjährigen Beziehung. Sie musste zugleich erkennen, dass Kandinsky eine neue Zukunft begonnen hatte, während sie selbst über Jahre auf seine Rückkehr gewartet hatte.

Die Trennung vollzog sich damit ohne eine abschließende persönliche Aussprache. Münter blieb mit vielen offenen Fragen zurück. Der gemeinsame Besitz, die in Deutschland aufbewahrten Arbeiten Kandinskys und die Erinnerungen an mehr als ein Jahrzehnt gemeinsamer Kunst und Reisen verbanden beide weiterhin – obwohl ihre persönlichen Lebenswege längst auseinanderführten.

Neue Motive und eine persönlichere Bildsprache

Trotz dieser Belastung arbeitete Münter in Stockholm weiter. Sie malte Stadtansichten, Landschaften, Innenräume und Porträts. Zu ihren Motiven gehörten die Straßen und Hafenanlagen Stockholms ebenso wie Menschen aus ihrem neuen Bekanntenkreis. Porträtaufträge boten ihr außerdem eine Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen.

Ihre Malerei blieb an der kräftigen Farbe und den klaren Konturen der Murnauer Jahre erkennbar. Gleichzeitig veränderte sich ihr Ausdruck. Die Bilder wurden häufig erzählerischer und stärker auf menschliche Situationen ausgerichtet. Figuren erschienen nicht nur als formale Elemente einer Komposition, sondern als Träger von Stimmungen und persönlichen Erfahrungen.

Dabei verarbeitete Münter zunehmend Einsamkeit, Krankheit, Erwartung und Enttäuschung. Wiederkehrende Motive wie Uhren, Blumen, Reiter oder Pferdefuhrwerke konnten über ihre sichtbare Bedeutung hinaus eine autobiografische Wirkung erhalten. Die in Murnau entwickelte Bildsprache wurde nicht aufgegeben, sondern für neue Themen geöffnet.

Münter entfernte sich damit zugleich von Kandinskys Vorstellung, die moderne Malerei müsse sich möglichst weit von Erzählung und sichtbarer Wirklichkeit lösen. Ihre Kunst blieb gegenständlich, ohne in eine naturgetreue Darstellung zurückzufallen. Farbe, Vereinfachung und Kontur dienten ihr nun verstärkt dazu, Erlebnisse und innere Zustände sichtbar zu machen.

1917 nahm Münter an einer großen Ausstellung in der Stockholmer Liljevalchs Konsthall teil, die von Vereinigungen schwedischer und österreichischer Künstlerinnen organisiert wurde. Sie zeigte dort mehr als 30 Arbeiten, überwiegend aus ihrer skandinavischen Schaffenszeit. Die umfangreiche Präsentation unterstrich ihren Rang innerhalb der modernen Kunstszene.

Historische Ansicht der hölzernen Den Frie Udstillingsbygning in Kopenhagen mit ihrer markanten Giebelfassade.
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In der Kopenhagener Den Frie Udstillingsbygning wurde 1918 Gabriele Münters bis dahin größte Einzelausstellung gezeigt. Rund 120 Gemälde, Hinterglasbilder und grafische Arbeiten vermittelten einen umfassenden Eindruck ihres Schaffens.

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Julius Aagaard, Den Frie Udstillingsbygning by Julius Aagaard, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Kopenhagen: Erfolg in einer Zeit der Ungewissheit

Ein weiterer Neuanfang

Ende 1917 zog Münter von Stockholm nach Kopenhagen. Auch Dänemark war im Krieg neutral geblieben und verfügte über eine lebendige Kunstszene. Durch die internationalen Ausstellungen der Galerie Der Sturm waren die Arbeiten des deutschen Expressionismus dort bereits bekannt.

Münter hoffte, an diese Verbindungen anknüpfen zu können. Gleichzeitig hielt sie sich weiterhin in einem Land auf, von dem aus Kontakte nach Schweden, Deutschland und möglicherweise auch Russland leichter erschienen als von einem kriegführenden Staat aus. Noch immer hatte sie keine vollständige Gewissheit über Kandinskys Leben und seine Entscheidungen.

Künstlerisch arbeitete Münter auch in Dänemark mit verschiedenen Techniken. Neben Gemälden und Aquarellen entstanden Zeichnungen, Druckgrafiken und Hinterglasbilder. Besonders Porträts und größere Figurenkompositionen nahmen in ihrem Schaffen einen wichtigen Platz ein.

Ihre bislang größte Ausstellung

Im Frühjahr 1918 widmete die Künstlervereinigung Den Frie Udstilling Münter eine umfangreiche Ausstellung. Mit rund 120 Arbeiten – darunter Gemälde, Hinterglasbilder und Druckgrafiken – war es die bis dahin größte Präsentation ihres Werks. Die Ausstellung zeigte, wie vielseitig ihr Schaffen inzwischen geworden war.

1919 folgte eine weitere große Einzelausstellung im Kopenhagener Ny Kunstsal. Damit erreichte Münters Bekanntheit in Skandinavien ihren Höhepunkt. Publikum und Kritik nahmen sie als bedeutende Vertreterin der internationalen Moderne wahr. Ihre Verbindung zum Blauen Reiter spielte dabei zwar eine Rolle, doch im Mittelpunkt standen ihre eigenen Arbeiten.

Dieser Erfolg ist besonders bemerkenswert, weil Münter ihre Ausstellungen weitgehend ohne die Unterstützung Kandinskys organisierte. Sie knüpfte Kontakte, stellte Werke zusammen und behauptete sich in einer fremden Kunstszene. Die skandinavischen Jahre machten sichtbar, dass ihre öffentliche Anerkennung nicht von der gemeinsamen Arbeit mit Kandinsky abhängig war.

Der äußere Erfolg konnte ihre persönliche Unsicherheit dennoch nicht aufheben. Münter fühlte sich zunehmend allein, und ihre finanzielle Lage wurde schwieriger. Der Krieg war zwar im November 1918 beendet, doch eine Rückkehr nach Deutschland bedeutete keineswegs die Rückkehr in das vertraute Leben der Vorkriegszeit.

Die Rückkehr nach Deutschland

Anfang 1920 entschloss sich Münter schließlich, Skandinavien zu verlassen. Sie kehrte in ein Deutschland zurück, das durch Krieg, Revolution und wirtschaftliche Not tief verändert war. Auch die Kunstwelt hatte sich weiterentwickelt. Der Expressionismus und der Blaue Reiter gehörten bereits einer vergangenen Epoche an, während neue Strömungen an Bedeutung gewannen.

Für Münter begann damit eine schwierige Phase der Neuorientierung. Sie lebte zunächst abwechselnd in Köln, München und Murnau. Der Verlust Kandinskys, die Auflösung ihres früheren Künstlerkreises und das Gefühl, mit ihrer Malerei nicht mehr selbstverständlich zur aktuellen Avantgarde zu gehören, belasteten sie.

Dennoch waren die Jahre in Schweden und Dänemark keine bloße Zwischenzeit. Münter hatte dort als eigenständige Künstlerin gearbeitet, neue Ausdrucksformen erprobt und ihre bislang größten Ausstellungen erlebt. In einer Zeit persönlicher Verluste hatte sie bewiesen, dass ihr Werk auch außerhalb des Blauen Reiters Bestand hatte.

Nach ihrer Rückkehr musste sie diese künstlerische Eigenständigkeit jedoch unter wesentlich schwierigeren Bedingungen behaupten. Die kommenden Jahre brachten Krisen, neue Begegnungen und schließlich die Rückkehr nach Murnau – an jenen Ort, der noch einmal zum Mittelpunkt ihres Lebens werden sollte.

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