Alexej von Jawlenskys „Murnauer Landschaft“ von 1909 veranschaulicht den künstlerischen Umbruch, den Jawlensky, Marianne von Werefkin, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter während ihrer gemeinsamen Aufenthalte in Murnau vollzogen.
Alexej von Jawlensky, „Murnauer Landschaft“, 1909, Öl auf Pappe, 50,5 × 54,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957. Lizenz: CC0 1.0.
Als Gabriele Münter 1908 nach Murnau kam, begann die wohl bedeutendste Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. In der Landschaft des bayerischen Alpenvorlands fand sie zu einer neuen, unverwechselbaren Bildsprache. Zugleich wurde ihr Haus zum Treffpunkt einer internationalen Avantgarde. Hier wurde diskutiert, gearbeitet und die Erneuerung der Kunst vorbereitet. Aus dem gemeinsamen Aufbruch ging schließlich der Blaue Reiter hervor – jener Künstlerkreis, mit dem Münters Name bis heute eng verbunden ist.
Murnau: Der entscheidende künstlerische Durchbruch
Vier Künstler und ein neuer Blick
Im Sommer 1908 reisten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky nach Murnau am Staffelsee. Gemeinsam mit Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin verbrachten sie mehrere Wochen in dem oberbayerischen Ort. Die vier Künstler arbeiteten in der Landschaft, tauschten sich über ihre Bilder aus und beobachteten aufmerksam, wie die anderen mit Farbe und Form umgingen.
Murnau bot ihnen eine Umgebung, die sich deutlich von München und Paris unterschied. Das intensive Licht, die bunt gestrichenen Häuser, die Bergkulisse und das weite Murnauer Moos wirkten unmittelbar auf ihre Malerei. Statt die Landschaft möglichst naturgetreu wiederzugeben, begannen sie, ihre Eindrücke zu verdichten. Häuser, Wege, Bäume und Berge wurden zu klar gegliederten Farbflächen.
Der gemeinsame Aufenthalt war kein Unterricht im herkömmlichen Sinne. Alle vier brachten eigene Erfahrungen und Vorstellungen mit. Besonders Jawlensky war zu dieser Zeit bereits weit in der Vereinfachung von Formen und in der freien Verwendung kräftiger Farben vorangeschritten. Münter griff diese Anregungen auf, entwickelte daraus jedoch rasch eine eigenständige Ausdrucksweise.
Vom Eindruck zum Ausdruck
Noch wenige Jahre zuvor hatte Münter überwiegend kleinformatige Freilichtstudien gemalt. Mit dem Spachtel setzte sie kurze Farbflecken nebeneinander und versuchte, Licht, Atmosphäre und den flüchtigen Eindruck eines Ortes festzuhalten. In Murnau veränderte sich ihre Arbeitsweise grundlegend.
Die Formen wurden einfacher, die Flächen größer und die Farben kräftiger. Dunkle Linien trennten Häuser, Berge und Bäume deutlich voneinander. Münter löste sich zunehmend von der natürlichen Farbigkeit des Motivs. Ein Berg musste nicht mehr grau, ein Baum nicht mehr grün und ein Schatten nicht mehr braun erscheinen. Entscheidend war, welche Wirkung die Farben innerhalb des Bildes entfalteten.
Gerade in dieser Vereinfachung zeigte sich Münters besondere Stärke. Sie erkannte schnell, welche Einzelheiten für ein Motiv wesentlich waren und welche sie fortlassen konnte. Ihre Malerei wirkte dadurch unmittelbar und klar. Sie selbst beschrieb später, dass sie in Murnau den entscheidenden Schritt vom Abmalen der Natur zu einer eigenständigen Gestaltung vollzogen habe.
Dieser Wandel führte Münter in den Expressionismus. Die sichtbare Wirklichkeit blieb zwar Ausgangspunkt ihrer Bilder, doch sie wurde nicht mehr lediglich wiedergegeben. Farbe, Linie und Komposition erhielten ein eigenes Gewicht. Aus einem gesehenen Ort entstand eine persönliche und emotional verdichtete Bildwirklichkeit.
Die Entdeckung der Volkskunst
Eine wichtige Anregung fanden Münter und ihre Künstlerfreunde in der bayerischen Volkskunst. Besonders die traditionelle Hinterglasmalerei faszinierte sie. Diese Bilder zeigten häufig Heilige oder Szenen aus der Bibel. Leuchtende Farben, schwarze Konturen und stark vereinfachte Figuren verliehen ihnen eine eindringliche Wirkung.
Für Münter verkörperte diese Kunst eine Unmittelbarkeit, die sie in der akademischen Malerei vermisste. Die Hinterglasbilder folgten nicht den Regeln einer naturgetreuen Perspektive oder einer fein abgestuften Modellierung. Dennoch – oder gerade deshalb – besaßen sie eine große Ausdruckskraft.
Münter und Kandinsky begannen, Hinterglasbilder, religiöse Figuren und andere Gegenstände der regionalen Volkskunst zu sammeln. Münter malte bald auch selbst auf Glas. Die einfachen Formen und dunklen Umrisslinien dieser Arbeiten fanden zugleich Eingang in ihre Gemälde. Die Volkskunst wurde für sie damit nicht nur zum Sammelgebiet, sondern zu einer wichtigen Quelle ihrer modernen Bildsprache.
Gabriele Münter kaufte das Haus in der Murnauer Kottmüllerallee 1909. Bis 1914 diente es ihr und Wassily Kandinsky als Wohn- und Arbeitsort und wurde zu einem wichtigen Treffpunkt der Künstler des Blauen Reiters.
Ein eigenes Haus und eine neue Künstlergemeinschaft
Das Haus in der Kottmüllerallee
Am 21. August 1909 kaufte Gabriele Münter ein Haus in der Kottmüllerallee in Murnau. Das Gebäude lag etwas außerhalb des Ortskerns und bot einen weiten Blick auf die Kirche, das Schloss, die Berge und die umgebende Landschaft. Im Volksmund wurde es bald als „Russenhaus“ bezeichnet, weil Münter dort häufig gemeinsam mit dem aus Russland stammenden Kandinsky lebte.
Das Haus gehörte jedoch Münter. Es war ihr Eigentum und wurde zu einem Ort, an dem sie selbstbestimmt leben und arbeiten konnte. Gemeinsam mit Kandinsky richtete sie die Räume ein, gestaltete den Garten und bemalte Möbel mit einfachen, farbigen Ornamenten. Volkskunst, eigene Arbeiten und gesammelte Gegenstände verbanden sich zu einem ungewöhnlichen Gesamteindruck.
Viele Motive fand Münter direkt vor der Haustür oder beim Blick aus dem Fenster. Der Garten, die Dorfstraße, die Kirche und die Berge tauchten immer wieder in ihren Bildern auf. Murnau war für sie deshalb weit mehr als ein sommerlicher Aufenthaltsort. Der Ort gab ihrem Leben einen festen Mittelpunkt und ihrer Kunst einen dauerhaft verfügbaren Erfahrungsraum.
Zugleich wurde das Haus zu einem Treffpunkt der Avantgarde. Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Franz Marc, August Macke und der Komponist Arnold Schönberg gehörten zu den Gästen. Man betrachtete neue Arbeiten, diskutierte über Musik, Malerei und Volkskunst und plante gemeinsame Ausstellungen und Veröffentlichungen.
Die Neue Künstlervereinigung München
Bereits im Januar 1909 hatte sich in München die Neue Künstlervereinigung München gegründet. Gabriele Münter gehörte neben Kandinsky, Jawlensky, Werefkin, Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt, Alfred Kubin und weiteren Kunstschaffenden zu den Gründungsmitgliedern.
Die Vereinigung wollte Künstlern eine Ausstellungsmöglichkeit bieten, deren Werke von den etablierten Institutionen kaum berücksichtigt wurden. Ihre Mitglieder verband jedoch kein einheitlicher Stil. Manche hielten stärker an der sichtbaren Wirklichkeit fest, während andere immer weiter in Richtung Abstraktion gingen. Anfangs machte gerade diese Offenheit die Gruppe produktiv.
Zwischen 1909 und 1911 veranstaltete die Vereinigung jährlich eine Ausstellung in der Münchner Galerie Thannhauser. Die Reaktionen fielen vielfach heftig aus. Kritiker verspotteten die ungewohnten Farben, vereinfachten Formen und zunehmend abstrakten Kompositionen. Für Münter bedeuteten die Ausstellungen dennoch eine wichtige Gelegenheit, ihre Werke öffentlich im Zusammenhang mit der internationalen Moderne zu präsentieren.
Innerhalb der Vereinigung traten die künstlerischen Unterschiede allerdings immer deutlicher hervor. Kandinsky und Franz Marc forderten eine radikalere Erneuerung der Kunst. Andere Mitglieder wollten die Verbindung zum sichtbaren Gegenstand stärker bewahren. Münter stand dabei auf der Seite des fortschrittlichen Flügels.
Wassily Kandinskys Umschlagentwurf von 1911 steht für das gemeinsame Ausstellungs- und Publikationsprojekt des Blauen Reiters, an dem Gabriele Münter mit eigenen Werken und als Gastgeberin wichtiger Arbeitstreffen beteiligt war.
Wassily Kandinsky creator QS:P170,Q61064 , Study for the Cover of Der Blaue Reiter Almanach - Wassily Kandinsky, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Der Blaue Reiter und das Ende einer Epoche
Der Bruch mit der Künstlervereinigung
Im Dezember 1911 kam es zum offenen Konflikt. Die Jury der Neuen Künstlervereinigung München lehnte ein nahezu abstraktes Gemälde Kandinskys für die geplante Ausstellung ab. Daraufhin traten Kandinsky, Franz Marc und Gabriele Münter am 2. Dezember aus der Vereinigung aus.
Der Schritt war vorbereitet. Kandinsky und Marc hatten bereits seit einiger Zeit an einem Kunstalmanach gearbeitet, der den Titel „Der Blaue Reiter“ tragen sollte. Im Murnauer Haus Münters waren im Herbst 1911 bei einem Redaktionstreffen wichtige Überlegungen zu diesem Projekt besprochen worden. Münters Haus wurde damit zu einem der Orte, an denen die Ideen des Blauen Reiters konkrete Gestalt annahmen.
Nur gut zwei Wochen nach dem Austritt eröffneten die Beteiligten am 18. Dezember 1911 in der Galerie Thannhauser die „Erste Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiters“. Sie fand in denselben Räumen statt wie die Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung und wirkte wie eine bewusst gesetzte Gegenposition.
Ein offener Kreis statt einer festen Künstlergruppe
Der Blaue Reiter war keine Künstlervereinigung mit festen Mitgliedschaften und einem verbindlichen Stilprogramm. Er war vielmehr ein offener, international ausgerichteter Kreis sowie ein gemeinsames Ausstellungs- und Publikationsprojekt. Die Beteiligten verband die Überzeugung, dass Kunst nicht an der sichtbaren Wirklichkeit oder an akademischen Regeln gemessen werden sollte.
In der ersten Ausstellung wurden etwa 50 Werke gezeigt. Neben Münter, Kandinsky und Marc waren unter anderem August Macke, Robert Delaunay und Arnold Schönberg vertreten. Die Auswahl machte deutlich, dass unterschiedliche Ausdrucksformen nebeneinander bestehen konnten. Gegenständliche, expressive und beinahe abstrakte Arbeiten wurden gemeinsam präsentiert.
Eine zweite Ausstellung folgte von Februar bis April 1912 in der Münchner Kunsthandlung Hans Goltz. Sie konzentrierte sich auf Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken. Nun waren auch Paul Klee und Alfred Kubin beteiligt. Anschließend wurden die Ausstellungen in weiteren deutschen und europäischen Städten gezeigt und machten den Blauen Reiter über München hinaus bekannt.
Der Almanach „Der Blaue Reiter“
Im Mai 1912 erschien der von Kandinsky und Marc herausgegebene Almanach „Der Blaue Reiter“. Das Buch stellte Werke alter Meister neben Kinderzeichnungen, Volkskunst, außereuropäische Kunst und Arbeiten der zeitgenössischen Avantgarde. Auch Musik und Bühnenkunst erhielten darin einen wichtigen Platz.
Diese ungewöhnliche Zusammenstellung wandte sich gegen traditionelle Rangordnungen. Künstlerischer Ausdruck sollte nicht von akademischer Ausbildung, Herkunft oder Gattung abhängig sein. Entscheidend war die innere Kraft eines Werkes. Der Almanach wurde damit zu einer der bedeutendsten programmatischen Veröffentlichungen der frühen Moderne.
Münter war an den beiden Ausstellungen und am Almanach beteiligt. Ihre Gemälde mit ihren kräftigen Farbflächen, dunklen Konturen und vereinfachten Formen entsprachen der Suche nach einer unmittelbaren Ausdruckskraft. Ihre Rolle beschränkte sich jedoch nicht auf die Bereitstellung eigener Werke. Ihr Haus bot dem Kreis einen Arbeits- und Begegnungsort, und sie trug die organisatorischen und persönlichen Verbindungen mit, auf denen das Projekt beruhte.
In kunsthistorischen Darstellungen erschien Münter lange vor allem als Schülerin und Lebensgefährtin Kandinskys. Dadurch geriet leicht aus dem Blick, dass sie selbst Gründungsmitglied der Neuen Künstlervereinigung gewesen war, an den entscheidenden Ausstellungen teilnahm und bereits vor dem Blauen Reiter zu ihrer eigenen expressionistischen Bildsprache gefunden hatte. Der gemeinsame Austausch war wichtig – Münters künstlerische Leistung war dennoch ihre eigene.
Der Einschnitt des Jahres 1914
Die Jahre zwischen 1908 und 1914 gehörten zu den produktivsten und glücklichsten Abschnitten in Münters Leben. In Murnau hatte sie einen Ort gefunden, der ihr zugleich Heimat, Motivwelt und künstlerisches Zentrum war. Ihre Arbeiten wurden ausgestellt, der Blaue Reiter erlangte internationale Aufmerksamkeit und Münter stand mitten in einer der bedeutendsten Erneuerungsbewegungen der modernen Kunst.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs endete diese Aufbruchszeit abrupt. Kandinsky war russischer Staatsbürger und musste Deutschland verlassen. Gemeinsam reisten Münter und Kandinsky zunächst in die Schweiz. Was als vorübergehende Flucht begann, entwickelte sich bald zu einem tiefen Bruch in Münters Leben.
Murnau, der Blaue Reiter und die gemeinsame Arbeit gehörten plötzlich einer untergegangenen Welt an. Die folgenden Jahre sollten Münter nach Skandinavien führen – und sie vor die schwierige Aufgabe stellen, ihren Weg ohne Kandinsky neu zu bestimmen.
Die Artikelserie über Gabriele Münter
- Gabriele Münter - Ihr Leben, Teil 2: Die Phalanx-Schule, Kandinsky und Jahre des Aufbruchs
- Gabriele Münter - Ihr Leben, Teil 4: Krieg, Trennung und Skandinavien
- Gabriele Münter - Ihr Werk


