Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des belebten Potsdamer Platzes in Berlin mit Verkehrsturm, Straßenbahnen, Autos und zahlreichen Passanten im Jahr 1927.
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Der Potsdamer Platz im Jahr 1927. Zwei Jahre zuvor war Gabriele Münter nach Berlin gezogen. In der modernen Großstadt begegnete sie der sachlicheren Kunst der 1920er-Jahre und lernte Johannes Eichner kennen.

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Als Gabriele Münter 1920 aus Skandinavien nach Deutschland zurückkehrte, fand sie eine grundlegend veränderte Welt vor. Der Erste Weltkrieg hatte nicht nur politische und gesellschaftliche Gewissheiten zerstört. Auch die Gemeinschaft des Blauen Reiters existierte längst nicht mehr. Münter musste ihren Platz im Leben und in der Kunst neu bestimmen.

Es folgten Jahre der Krise, aber auch des erneuten Aufbruchs. In Berlin und Paris suchte sie nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, bevor sie sich endgültig in Murnau niederließ. Dort bewahrte sie während der nationalsozialistischen Herrschaft bedeutende Werke der Moderne – und bereitete damit unbewusst jenes Vermächtnis vor, das ihr später weltweite Anerkennung bringen sollte.

Zwischen Krise und Neuanfang

Fremd im eigenen Land

Nach ihrer Rückkehr hielt sich Münter zunächst abwechselnd in Köln, München und Murnau auf. Sie stellte in der Neuen Münchener Secession und bei der Galerie Thannhauser aus, konnte an ihre früheren Erfolge jedoch nicht unmittelbar anknüpfen. Die Kunstwelt hatte sich verändert. Neue Strömungen entstanden, während der Expressionismus der Vorkriegszeit vielerorts bereits als vergangene Epoche betrachtet wurde.

Auch persönlich war Münter schwer belastet. Die endgültige Trennung von Wassily Kandinsky hatte tiefe Spuren hinterlassen. Hinzu kam ein bis 1926 andauernder Rechtsstreit um jene Werke Kandinskys, die bei seiner Abreise in München zurückgeblieben waren. Die Auseinandersetzung hielt die schmerzhafte Vergangenheit über Jahre hinweg gegenwärtig. Zeitweise litt Münter unter Depressionen und malte nur wenig.

Dennoch gab sie ihre künstlerische Arbeit nicht auf. Sie zeichnete, beobachtete und suchte nach einer Bildsprache, die zu ihrem veränderten Leben passte.

Berlin und die Neue Sachlichkeit

1925 zog Münter nach Berlin. Die Großstadt bot ihr Abstand zu Murnau und zugleich Kontakt zu einer neuen Kunstszene. In Deutschland gewann inzwischen die Neue Sachlichkeit an Bedeutung. Viele Künstler reagierten auf die emotional aufgeladene Kunst des Expressionismus mit einer nüchternen, präzisen Darstellung der sichtbaren Welt.

Auch in Münters Arbeiten dieser Jahre zeigen sich sachlichere Züge. Besonders ihre mit dem Bleistift ausgeführten Porträts konzentrieren sich auf klare Umrisslinien und charakteristische Körperhaltungen. Die leuchtenden Farbflächen ihrer Murnauer Zeit treten zurück. Stattdessen beobachtet sie ihre Modelle mit ruhigem, aufmerksamem Blick.

Münter übernahm den Stil der Neuen Sachlichkeit jedoch nicht vollständig. Sie blieb eine eigenständige Künstlerin, die neue Einflüsse aufnahm, ohne ihre frühere Bildsprache einfach aufzugeben.

1927 lernte sie in Berlin den Kunsthistoriker und Philosophen Johannes Eichner kennen. Aus der Begegnung entwickelte sich eine enge Lebensgemeinschaft. Eichner erkannte Münters künstlerische Bedeutung, beschäftigte sich intensiv mit ihrem Werk und unterstützte sie zunehmend in organisatorischen und wirtschaftlichen Fragen. Nach den unsicheren Jahren fand Münter in ihm einen verlässlichen Partner.

Neue Impulse in Paris

1929 reiste Münter erneut nach Paris und anschließend nach Südfrankreich. Die französische Hauptstadt, die sie bereits aus früheren Jahren kannte, gab ihrem Schaffen neue Impulse. Straßenszenen, Baustellen, Menschen in Cafés und Veränderungen der modernen Arbeitswelt rückten in ihr Blickfeld.

Die Reise führte nicht zu einem radikalen Stilwechsel. Vielmehr gewann Münter ihre frühere Freude am Beobachten und Gestalten zurück. Sie verband die Klarheit ihrer Zeichnungen mit einer wieder kräftiger werdenden Farbigkeit. Nach Jahren der Unsicherheit begann eine produktivere Phase.

1931 entschied sie sich, dauerhaft nach Murnau zurückzukehren. Der Ort, an dem ihre Kunst einst ihren entscheidenden Durchbruch erlebt hatte, wurde nun zu ihrem endgültigen Lebensmittelpunkt.

Abstrakte Komposition mit einer großen gelben Farbfläche, einer dominierenden schwarzen Form sowie kleinen farbigen Akzenten und geschwungenen Linien.
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Kandinskys „Impression III (Konzert)“ befand sich von 1926 bis 1957 im Besitz Gabriele Münters. Sie bewahrte das Gemälde während der NS-Zeit in Murnau und schenkte es später dem Lenbachhaus.

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Wassily Kandinsky, „Impression III (Konzert)“, 1911, Öl auf Leinwand, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957; CC0 1.0.

Murnau und die verfemte Moderne

Rückkehr in das Münter-Haus

In Murnau bezog Münter wieder ihr Haus am Ortsrand. Johannes Eichner zog 1936 dauerhaft zu ihr. Das Anwesen, der Garten und die oberbayerische Landschaft boten ihr vertraute Motive. Es entstanden Blumenstillleben, Landschaften, Porträts und abstrakte Studien.

Münter kehrte dabei nicht einfach zu ihrer Malerei aus der Zeit des Blauen Reiters zurück. Ihre späteren Bilder wirken häufig ruhiger und stärker geordnet. Die Farben bleiben ausdrucksvoll, werden jedoch differenzierter aufeinander abgestimmt. In vielen Werken verbindet sich die Erfahrung der frühen Murnauer Jahre mit der sachlicheren Beobachtung der 1920er-Jahre.

Eine größere Einzelausstellung, die 1933 in Bremen begann und anschließend an weiteren Orten gezeigt wurde, ließ zunächst auf neue Anerkennung hoffen. Doch mit der nationalsozialistischen Herrschaft veränderten sich die Bedingungen für moderne Künstler grundlegend.

Zwischen Ausgrenzung und Rückzug

Die Nationalsozialisten bekämpften Expressionismus und abstrakte Kunst als „entartet“. Zahlreiche Werke wurden aus deutschen Museen entfernt, beschlagnahmt oder öffentlich verspottet. Viele Künstler verloren ihre Ämter, durften nicht mehr ausstellen oder verließen Deutschland.

Gabriele Münters Situation war etwas anders, als es ältere Kurzbiografien gelegentlich darstellen. Gegen sie wurde nach heutigem Forschungsstand kein förmliches Berufsverbot verhängt. Auch in der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 war sie nicht vertreten – vor allem deshalb, weil sich damals keine ihrer Arbeiten in einer öffentlichen deutschen Museumssammlung befand.

Offene Anfeindungen blieben ihr weitgehend erspart. Erfolg hatte sie unter dem NS-Regime jedoch ebenfalls kaum noch. Verfemt war vor allem jene internationale Moderne, aus der ihr Werk hervorgegangen war. Münter zog sich zunehmend aus dem öffentlichen Kunstleben zurück und arbeitete in der Abgeschiedenheit ihres Hauses weiter.

Die Rettung des Blauen Reiters

Im Münter-Haus befand sich ein außergewöhnlicher Kunstbestand: eigene Arbeiten, zahlreiche frühe Werke Kandinskys sowie Briefe, Skizzenbücher, Fotografien und andere Dokumente aus dem Umfeld des Blauen Reiters. Münter und Eichner verbargen große Teile dieser Sammlung im Keller des Hauses und bewahrten sie so während der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs.

Zu den geretteten Bildern gehörte Kandinskys 1911 entstandenes Gemälde „Impression III (Konzert)“. Das Werk war Münter 1926 im Zuge der Einigung mit Kandinsky überlassen worden. Mehr als drei Jahrzehnte blieb es in ihrem Besitz.

Dass diese Werke erhalten blieben, war keineswegs selbstverständlich. Münter bewahrte damit nicht nur Erinnerungen an eine vergangene Beziehung. Sie schützte zentrale Zeugnisse einer künstlerischen Bewegung, deren Bedeutung zu dieser Zeit kaum abzusehen war. Ihr Haus wurde zu einem stillen Archiv der Moderne.

Haupteingang des Lenbachhauses in München mit dem historischen ockerfarbenen Museumsgebäude und dem modernen Erweiterungsbau.
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Mit ihrer Schenkung von mehr als 1.000 Werken machte Gabriele Münter das Lenbachhaus zum weltweit bedeutendsten Sammlungsort für die Kunst des Blauen Reiters.

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Henning Schlottmann (User:H-stt), Lenbachhaus 0637, CC BY 4.0

Späte Anerkennung und ein Vermächtnis von Weltrang

Die Wiederentdeckung nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann sich das öffentliche Interesse an der zuvor verfemten Moderne langsam zu erneuern. 1949 zeigte das Münchner Haus der Kunst eine große Ausstellung über den Blauen Reiter. Gabriele Münter war dort mit neun Arbeiten vertreten.

Ab 1950 wurde eine umfassende Ausstellung ihres Werks in mehreren deutschen Museen gezeigt. Nun konnten Besucher erkennen, dass Münters Schaffen weit über ihre gemeinsame Zeit mit Kandinsky hinausreichte. Landschaften, Stillleben, Porträts, Zeichnungen und abstrakte Kompositionen machten die Vielseitigkeit ihres Lebenswerks sichtbar.

Münter malte auch im hohen Alter weiter. Sie griff vertraute Motive auf, erprobte aber ebenso freie, ungegenständliche Formen. Allmählich wurde sie wieder als eigenständige Künstlerin wahrgenommen. Dennoch stand in der öffentlichen Würdigung häufig noch ihre Rolle als Gefährtin Kandinskys und Bewahrerin des Blauen Reiters im Vordergrund.

Die Schenkung an das Lenbachhaus

1956 durfte Hans Konrad Roethel, der spätere Direktor des Lenbachhauses, erstmals die vollständige, im Münter-Haus aufbewahrte Sammlung sehen. Er erkannte sofort ihren kunsthistorischen Rang.

Anlässlich ihres 80. Geburtstags schenkte Münter dem Lenbachhaus 1957 mehr als 1.000 Werke des Blauen Reiters. Dazu gehörten rund 90 Ölgemälde Kandinskys, etwa 330 seiner Aquarelle und Zeichnungen, Skizzenbücher, Hinterglasbilder und Druckgrafiken. Hinzu kamen mehr als 25 eigene Gemälde Münters, zahlreiche Arbeiten auf Papier sowie Werke von Franz Marc, August Macke, Paul Klee, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin.

Mit dieser Schenkung wurde das Lenbachhaus zu einem Museum von internationalem Rang und zum weltweit bedeutendsten Sammlungsort für die Kunst des Blauen Reiters. Münter sorgte dafür, dass die Geschichte dieser Bewegung nicht auf einzelne berühmte Bilder reduziert wurde, sondern als zusammenhängendes künstlerisches Netzwerk erfahrbar blieb.

Die großzügige Stiftung brachte ihr große öffentliche Anerkennung. Zugleich hatte sie eine widersprüchliche Folge: Münter wurde nun häufig stärker als Bewahrerin und Mäzenin gefeiert denn als bedeutende Künstlerin. Die umfassende Neubewertung ihres eigenen Werks setzte erst Jahrzehnte später ein.

Die letzten Jahre

Johannes Eichner starb 1958. Münter blieb in ihrem Haus in Murnau, wo sie am 19. Mai 1962 im Alter von 85 Jahren starb. Die von beiden testamentarisch vorbereitete Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung wurde 1966 rechtsfähig. Sie betreut bis heute Münters Nachlass und unterstützt die wissenschaftliche Erforschung ihres Werks.

Gabriele Münter hatte in ihrem langen Leben künstlerische Aufbrüche, persönliche Verluste, zwei Weltkriege und die Verfolgung der modernen Kunst erlebt. Sie bewahrte einen unschätzbaren Teil des Blauen Reiters für kommende Generationen. Ihr größtes Vermächtnis besteht jedoch nicht allein in dieser Sammlung. Es liegt ebenso in ihrem eigenen Werk: einer unverwechselbaren Malerei, die Farbe, Linie und persönliche Wahrnehmung zu einer kraftvollen Sprache der Moderne verband.

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