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Dorothea Lange: „Migrant Mother“, Nipomo, Kalifornien, März 1936. Florence Owens Thompson mit drei ihrer Kinder. Die Aufnahme verbindet die Dokumentation wirtschaftlicher Not mit einer konzentrierten Bildgestaltung und wird zu einem der bekanntesten Bilder der amerikanischen Weltwirtschaftskrise.
Dorothea Lange creator QS:P170,Q230673, Lange-MigrantMother02, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Weltwirtschaftskrise, Diktatur und Krieg prägen die Jahre 1931 bis 1940. Während die Nationalsozialisten Kunstschaffende verfolgen und moderne Werke verfemen, entstehen andernorts neue Bilder und Wirkungsräume: Dalí malt seine weichen Uhren, Picasso „Guernica“, Dorothea Lange fotografiert „Migrant Mother“. Eine Timeline über bedrohte Freiheit, künstlerische Selbstbehauptung und die Wege der Moderne ins Exil.
1931–1932: Kunst in einer krisenhaften Zeit
1931: Wirtschaftliche Not und neue Bildwelten
Die Weltwirtschaftskrise erschüttert das Vertrauen in die politische und wirtschaftliche Ordnung. In Deutschland verschärft sich die Lage im Sommer 1931 durch eine Bankenkrise. Als die Darmstädter und Nationalbank zusammenbricht, werden die Folgen der internationalen Finanzkrise für viele Menschen unmittelbar spürbar: Ersparnisse sind gefährdet, Kredite fehlen, Unternehmen geraten in Schwierigkeiten. Deutsches Historisches Museum
In Paris gründet sich die internationale Künstlervereinigung Abstraction-Création. Sie bietet der ungegenständlichen Kunst ein gemeinsames Forum, ohne ihre Mitglieder auf einen einzigen Stil festzulegen. Unterschiedliche Ansätze der Abstraktion finden hier zusammen. Gerade darin liegt die Bedeutung der Gruppe: Sie schafft Öffentlichkeit für eine Kunst, die ihre Wirkung aus Farben, Linien und Formen entwickelt, statt erkennbare Gegenstände abzubilden. Tate
Salvador Dalí malt „Die Beständigkeit der Erinnerung“. In einer präzise wiedergegebenen, fast menschenleeren Landschaft hängen Uhren weich über Kanten und Äste. Vertraute Gegenstände verlieren ihre gewohnte Festigkeit. Das kleine Gemälde macht anschaulich, wie der Surrealismus arbeitet: Die Darstellung wirkt wirklichkeitsnah, doch die Beziehungen zwischen den Dingen folgen der befremdlichen Logik eines Traums. Museum of Modern Art
1932: Das Bauhaus verliert Dessau
Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli wird die NSDAP mit 37,3 Prozent der Stimmen zur stärksten Partei. Eine absolute Mehrheit erreicht sie nicht. Dennoch zeigt das Ergebnis, wie weit die demokratische Mitte unter dem Druck von Wirtschaftskrise, politischer Gewalt und Radikalisierung bereits geschwächt ist. Deutsches Historisches Museum
Auch das Bauhaus gerät immer stärker unter politischen Druck. Ende September muss die Schule ihren Lehrbetrieb in Dessau einstellen. Direktor Ludwig Mies van der Rohe führt sie ab Oktober als private Einrichtung in einer ehemaligen Berliner Telefonfabrik weiter. Der Umzug ist ein Versuch, die gemeinsame Arbeit trotz des Verlusts der öffentlichen Unterstützung zu erhalten. Bauhaus Kooperation
Oskar Schlemmer hält die Dessauer Schule im Gemälde „Bauhaustreppe“ fest. Die aufsteigenden Figuren und die klare Architektur lassen sich als Bild einer Gemeinschaft im Aufbruch lesen – gerade in dem Jahr, in dem das Bauhaus diesen Ort verlassen muss. Paul Klee entwickelt unterdessen in „Ad Parnassum“ eine andere Bildordnung: Viele kleine Farbfelder verbinden sich zu einer leuchtenden, beinahe mosaikartigen Fläche, in der eine große Dreiecksform hervortritt. Beide Werke zeigen, wie verschieden die künstlerischen Wege im Umfeld des Bauhauses sind. Museum of Modern Art, Kunstmuseum Bern
1933–1935: Verfolgung und neue Wirkungsorte
1933: Diktatur, Gleichschaltung und Emigration
Am 30. Januar ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Nationalsozialisten nutzen die Regierungsgewalt, um demokratische Rechte und Institutionen in kurzer Zeit auszuschalten. Die Verfolgung politischer Gegner und jüdischer Menschen wird zum Bestandteil staatlicher Herrschaft. Auch für das kulturelle Leben bedeutet dies einen tiefen Einschnitt. United States Holocaust Memorial Museum
Bei den Bücherverbrennungen vom 10. Mai gehen in vielen deutschen Universitätsstädten Werke jüdischer, linker und anderer missliebiger Autorinnen und Autoren in Flammen auf. Die von der Deutschen Studentenschaft organisierte und vom NS-Regime unterstützte Aktion zeigt öffentlich, welche Stimmen aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt werden sollen. Deutsches Historisches Museum
Mit der im September gegründeten Reichskulturkammer entsteht ein zentrales Instrument zur Kontrolle von Kunst, Literatur, Musik, Theater, Film und Presse. Wer nicht aufgenommen oder ausgeschlossen wird, verliert praktisch die Möglichkeit, seinen Beruf öffentlich auszuüben. Besonders jüdische Kunstschaffende und politisch oder künstlerisch unerwünschte Personen werden dadurch ihrer beruflichen Grundlagen beraubt. Deutsches Historisches Museum
Das Berliner Bauhaus wird am 11. April durchsucht und versiegelt. Unter den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen beschließt das Kollegium am 20. Juli die Selbstauflösung. Auch einzelne Künstler verlieren ihre Arbeitsorte: Paul Klee wird aus seiner Düsseldorfer Professur entlassen und kehrt im Dezember mit seiner Frau Lily nach Bern zurück. Exil bedeutet dabei nicht einfach einen Ortswechsel, sondern den Verlust gewachsener beruflicher und persönlicher Zusammenhänge. Bauhaus Kooperation, Zentrum Paul Klee
1934: Staatliche Vorgaben und politische Wandbilder
Nach Hindenburgs Tod am 2. August vereinigt Hitler die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers in seiner Person. Die Reichswehr wird auf ihn persönlich vereidigt. Damit festigt sich eine Herrschaft, die auch Kultur und öffentliche Bilder konsequent in den Dienst ihrer Ideologie stellt. Deutsches Historisches Museum
In der Sowjetunion wird der Sozialistische Realismus beim Schriftstellerkongress von 1934 programmatisch festgeschrieben. Er entwickelt sich zum verbindlichen Leitbild der staatlich geförderten Kunst: Das sozialistische Leben soll verständlich, vorbildhaft und mit einer positiven Zukunftsperspektive dargestellt werden. An die Stelle der früheren Offenheit für avantgardistische Experimente treten zunehmend politische Vorgaben darüber, was Kunst zeigen und vermitteln soll. Tate
Wie umkämpft politische Kunst auch außerhalb staatlicher Diktaturen sein kann, zeigt Diego Riveras Wandmalerei. Sein für das Rockefeller Center in New York begonnenes Fresko wird nach einem Konflikt um die Darstellung Lenins 1934 zerstört. Noch im selben Jahr gestaltet Rivera im Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt eine neue Fassung: „El hombre controlador del universo“. Der Mensch erscheint hier inmitten von Maschinen, wissenschaftlichen Entdeckungen und gegensätzlichen Gesellschaftsentwürfen. Das Wandbild ist zugleich Zukunftsvision und politische Stellungnahme. Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura, Museo del Palacio de Bellas Artes
1935: Ausgrenzung und neue Kulturinstitutionen
Mit den Nürnberger Gesetzen vom 15. September verschärft das NS-Regime die rechtliche Ausgrenzung jüdischer Menschen. Es unterscheidet staatsbürgerliche Rechte nach rassistischen Kriterien und verbietet Eheschließungen sowie außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen jüdischen und als „deutschblütig“ eingestuften Personen. Die nationalsozialistische Vorstellung von Zugehörigkeit greift damit tief in berufliche, gesellschaftliche und private Lebensbereiche ein. United States Holocaust Memorial Museum
In den USA eröffnet staatliche Förderung unterdessen neue Arbeitsmöglichkeiten. Das 1935 eingerichtete Federal Art Project der Works Progress Administration beschäftigt Kunstschaffende im Rahmen des New Deal. Moses Soyer zeigt in „Artists on WPA“ noch im selben Jahr die gemeinsame Arbeit an Wandbildern in seinem Atelier. Kunst erscheint hier nicht als Luxus einiger weniger, sondern als qualifizierte Arbeit mit einem gesellschaftlichen Nutzen. Smithsonian American Art Museum, Smithsonian American Art Museum
Auch neue Museen schaffen Öffentlichkeit für die Moderne. In San Francisco eröffnet im Januar das San Francisco Museum of Art, das heutige SFMOMA. Seine erste Direktorin Grace McCann Morley setzt sich dafür ein, moderne Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Entwicklung zeigt, dass sich die institutionellen Möglichkeiten der Moderne regional sehr unterschiedlich verändern. San Francisco Museum of Modern Art
1936–1938: Kunst zwischen Anklage und Propaganda
1936: Bürgerkrieg, Propaganda und soziale Wirklichkeit
Im Juli löst der Aufstand von Teilen des spanischen Militärs gegen die Republik einen Bürgerkrieg aus. Francisco Franco gehört zu den führenden Militärs und gewinnt im Verlauf des Jahres eine herausgehobene Stellung. Das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützen die Aufständischen. Der Konflikt wird zu einem internationalen Schauplatz der politischen Gegensätze Europas. Imperial War Museums, Museo Reina Sofía
Die Olympischen Spiele in Berlin nutzt das NS-Regime zur Selbstdarstellung. Architektur, Massenveranstaltungen und eine gezielt gelenkte Öffentlichkeit sollen ein friedliches, leistungsfähiges Deutschland vermitteln. Die Verfolgung hinter dieser sorgfältig inszenierten Fassade wird gegenüber dem internationalen Publikum zeitweilig verdeckt. Das Ereignis macht deutlich, wie stark politische Macht auf die Wirkung von Bildern und öffentlichen Aufführungen setzt. Deutsches Historisches Museum
Einen anderen Blick auf die Gegenwart richtet Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“. Sein Tramp gerät buchstäblich in die Maschinerie einer Fabrik. Aus dem komischen Scheitern am Fließband entwickelt der Film eine Kritik an Arbeitsbedingungen, unter denen der Mensch auf einen möglichst reibungslos funktionierenden Teil des Produktionsprozesses reduziert wird. Humor macht hier soziale Härte sichtbar, ohne die Figuren ihrer Würde zu berauben. Charlie Chaplin
Dorothea Lange fotografiert im März in Nipomo, Kalifornien, Florence Owens Thompson mit ihren Kindern. Die Aufnahme wird unter dem Titel „Migrant Mother“ bekannt. Der Blick der Mutter, ihre Hand am Gesicht und die an sie gelehnten Kinder verdichten eine konkrete Lebenssituation zu einem eindringlichen Bild wirtschaftlicher Unsicherheit. Gerade die Verbindung von dokumentarischem Anlass und konzentrierter Bildgestaltung macht die Fotografie zu einem Schlüsselwerk der sozialdokumentarischen Fotografie. National Gallery of Victoria
Daneben behauptet der Surrealismus seine Lust an der Irritation. Meret Oppenheim überzieht in „Object“ eine Tasse, eine Untertasse und einen Löffel mit Fell. Aus vertrautem Geschirr wird ein widersprüchliches Objekt: weich und anziehend für die Hand, aber befremdlich für den Mund. Die Arbeit zeigt, dass ein neuer Blick auf die Wirklichkeit nicht nur durch Malerei, sondern auch durch die Veränderung alltäglicher Dinge entstehen kann. Museum of Modern Art
1937: „Guernica“ und der Angriff auf die Moderne
Am 26. April bombardieren deutsche und italienische Flugzeuge die baskische Stadt Gernika zur Unterstützung der Aufständischen im Spanischen Bürgerkrieg. Pablo Picasso reagiert auf die Nachrichten mit „Guernica“, das er für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung malt. Verwundete Körper, ein schreiendes Pferd und eine Mutter mit ihrem toten Kind füllen das große Bild. Die weitgehend schwarz-weiß-graue Malerei verzichtet auf eine realistische Darstellung des konkreten Angriffs. Sie lässt sich vielmehr als umfassende Anklage gegen die Gewalt an der Zivilbevölkerung lesen. Museo Reina Sofía, Museo Reina Sofía
In München stellt das NS-Regime im Juli zwei Ausstellungen gegeneinander. Am 18. Juli eröffnet im Haus der Deutschen Kunst die „Große Deutsche Kunstausstellung“ mit politisch erwünschten Werken. Einen Tag später beginnt die Propagandaschau „Entartete Kunst“. Rund 650 zuvor aus deutschen Museen beschlagnahmte Werke werden dort mit diffamierenden Kommentaren präsentiert. Die Gegenüberstellung soll festlegen, was als vorbildliche „deutsche“ Kunst zu gelten hat und was öffentlich verächtlich gemacht werden soll. Sie ist Teil eines umfassenderen Angriffs auf die künstlerische Moderne. Haus der Kunst, Deutsches Historisches Museum
Dabei lassen sich künstlerische Verfemung und politische Gegnerschaft nicht einfach gleichsetzen. Emil Nolde unterstützt den Nationalsozialismus und vertritt antisemitische Überzeugungen; dennoch werden auch seine Werke als „entartet“ beschlagnahmt und ausgestellt. Sein Beispiel zeigt, weshalb die Geschichte dieser Jahre einen genauen Blick auf einzelne Lebensläufe verlangt. Eine moderne Bildsprache ist für sich genommen noch kein Beweis für eine demokratische Haltung. Staatliche Museen zu Berlin
In Chicago gründet László Moholy-Nagy das New Bauhaus. Die Verbindung von gestalterischem Experiment, Materialerfahrung und moderner Technik erhält damit einen neuen institutionellen Ort. Das Bauhaus wirkt außerhalb Deutschlands weiter – nicht als unveränderte Kopie der früheren Schule, sondern als Ansatz, der unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen neu erprobt wird. Institute of Design
1938: Verfolgung und Zeichen der Solidarität
Mit der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich weitet sich die nationalsozialistische Verfolgung aus. In der Nacht vom 9. auf den 10. November und darüber hinaus werden jüdische Menschen misshandelt und ermordet, Synagogen zerstört, Geschäfte und Wohnungen verwüstet. Die staatlich gelenkten Novemberpogrome sind keine spontane Gewaltexplosion, sondern eine weitere Eskalation der antisemitischen Politik. United States Holocaust Memorial Museum
In London eröffnet die Ausstellung „Twentieth Century German Art“. Mit rund 300 Werken macht sie die Vielfalt jener Kunst sichtbar, die in Deutschland verächtlich gemacht wird. Viele Leihgaben stammen von Emigrierten und verfemten Kunstschaffenden. Die Ausstellung setzt der nationalsozialistischen Ausgrenzung eine internationale Öffentlichkeit entgegen und zeigt, wie wichtig Netzwerke aus Sammlern, Kunsthandel und Museen für den Fortbestand der Moderne werden. Kulturstiftung des Bundes
Käthe Kollwitz arbeitet 1937/38 an der Plastik „Turm der Mütter“. Frauen schließen sich zu einer kompakten Gruppe zusammen und schützen die Kinder in ihrer Mitte. Nicht der heroische Einzelne steht im Zentrum, sondern die entschlossene gemeinsame Verteidigung verletzlichen Lebens. Im Zusammenhang der Zeit lässt sich die Plastik als Gegenbild zu einer Politik lesen, die Menschen für nationale und militärische Ziele verfügbar machen will. Kollwitz Museum Köln
1939–1940: Krieg, Kunstverlust und Selbstbehauptung
1939: Kriegsausbruch und der Handel mit beschlagnahmter Kunst
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September beginnt der Zweite Weltkrieg in Europa. Großbritannien und Frankreich erklären Deutschland zwei Tage später den Krieg. Die nationalsozialistische Expansionspolitik führt damit in einen Krieg, der die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Millionen Menschen zerstört und auch die Kunstwelt grundlegend verändert. Deutsches Historisches Museum
Schon vor Kriegsbeginn werden beschlagnahmte Kunstwerke international verkauft. Am 30. Juni bietet die Galerie Theodor Fischer in Luzern 125 Werke an, die im Zuge der nationalsozialistischen Aktion gegen die sogenannte „entartete Kunst“ aus deutschen Museen entfernt worden sind. Das Regime versucht damit, aus der zuvor diffamierten Moderne Devisen zu gewinnen. Die Geschichte dieser Museumsbestände muss jeweils sorgfältig von der ebenfalls betriebenen Beraubung privater, insbesondere jüdischer Sammlungen unterschieden werden. Freie Universität Berlin
Wassily Kandinsky malt „Komposition X“. Auf dunklem Grund stehen leuchtende Farben und voneinander abgesetzte, teils organisch anmutende Formen. Die abstrakte Malerei erzählt kein einzelnes historisches Ereignis. Sie eröffnet einen Bildraum, dessen Wirkung aus dem Zusammenspiel der Formen entsteht. Auch in diesem von politischen Katastrophen bestimmten Jahr erschöpft sich die Bedeutung von Kunst nicht in der unmittelbaren Darstellung des Zeitgeschehens. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
1940: Besatzung, Kunstplünderung und bedrohte Leben
Die deutsche Besetzung weiter Teile Frankreichs bringt auch zahlreiche Kunstsammlungen in die Gewalt des NS-Regimes. Besonders jüdische Sammler werden beraubt. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg organisiert Beschlagnahmen; das Pariser Jeu de Paume wird zu einem zentralen Ort für die Erfassung und Verteilung geraubter Werke. Kunstverlust ist hier untrennbar mit der Verfolgung und Entrechtung der Eigentümer verbunden. Ministère de la Culture
Elfriede Lohse-Wächtler wird am 31. Juli in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht und dort ermordet. Die Malerin gehört zu den Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde. In ihren Porträts hatte sie unter anderem das Leben psychiatrischer Patientinnen und Patienten mit großer Aufmerksamkeit festgehalten. Ihr Schicksal erinnert daran, dass die Zerstörung des kulturellen Lebens nicht allein im Verbot oder Verlust von Werken besteht: Sie trifft die Menschen, die diese Werke schaffen. Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Paul Klee stirbt am 29. Juni in der Schweiz. Zu seinen letzten Gemälden gehört „Tod und Feuer“. Kräftige dunkle Zeichen und glühende Farbflächen bestimmen das Bild; im bleichen Gesicht lassen sich die Buchstaben des Wortes „Tod“ erkennen. Das Werk verbindet körperliche Endlichkeit mit einer Bildsprache, die trotz ihrer scheinbaren Einfachheit rätselhaft bleibt. Es bietet keine beruhigende Auflösung, sondern hält die Spannung zwischen Leben und Vergänglichkeit offen. Zentrum Paul Klee
Am 15. Oktober hat Charlie Chaplins „Der große Diktator“ in New York Premiere. Chaplin spielt sowohl den jüdischen Friseur als auch den Diktator Hynkel, dessen Auftreten unverkennbar Hitler karikiert. Die Satire legt die Eitelkeit und Brutalität diktatorischer Macht bloß. Mit der abschließenden Rede wendet sich der Film ausdrücklich gegen Hass und Unterdrückung und wirbt für Menschlichkeit und demokratische Freiheit. Charlie Chaplin, Charlie Chaplin
Was dieses Jahrzehnt für die Kunst verändert
Die Jahre 1931 bis 1940 zeigen, wie eng künstlerische Arbeit mit ihren gesellschaftlichen Bedingungen verbunden ist. Museen, Schulen, Auftraggeber und Ausstellungen können Freiräume schaffen – oder zu Instrumenten von Ausschluss und Kontrolle werden.
Zugleich führen die Werke dieses Jahrzehnts vor Augen, dass es keine einzige künstlerische Antwort auf die Krise gibt. Dokumentarische Fotografie, abstrakte Malerei, politische Wandbilder und Filmsatire eröffnen unterschiedliche Perspektiven. Exil ermöglicht manchen die Fortsetzung ihrer Arbeit, bleibt aber eine Erfahrung von Verlust und Unsicherheit. Der Fortbestand der Moderne darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, wie viele Stimmen gewaltsam zum Schweigen gebracht werden.
Wie sich Krieg, Verfolgung und Exil in den folgenden Jahren auf die Kunst auswirken, zeigt die Timeline 1941–1945.
