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Jean-Auguste-Dominique Ingres, „Napoleon I. auf dem kaiserlichen Thron“, 1806, Öl auf Leinwand, Musée de l’Armée, Paris. Das streng frontale Herrscherbild inszeniert Napoleon als beinahe überzeitliche Verkörperung imperialer Macht.
Das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts steht im Zeichen Napoleons. Kriege verändern die Grenzen Europas, alte Herrschaftsordnungen brechen zusammen und ein neues Kaisertum entsteht. Napoleon weiß, welche Wirkung Bilder entfalten können: Gemälde, Bauwerke, Denkmäler und Museen werden gezielt eingesetzt, um seine Herrschaft zu legitimieren.
Gleichzeitig beginnt sich die Kunst aus den festen Regeln des Klassizismus zu lösen. Künstler der Romantik entdecken die Natur als Spiegel menschlicher Empfindungen. Stille, Einsamkeit, Sehnsucht und das Erhabene werden ebenso wichtig wie historische Ereignisse. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und William Turner entwickeln Bildwelten, die nicht nur etwas zeigen, sondern einen inneren Zustand vermitteln.
Auch der Blick auf den Krieg verändert sich. Während Jacques-Louis David, Jean-Auguste-Dominique Ingres und Antoine-Jean Gros das napoleonische Kaisertum in eindrucksvollen Machtbildern inszenieren, zeigt Francisco de Goya zunehmend die Gewalt, Angst und Schutzlosigkeit der Menschen. Zwischen höfischer Repräsentation und persönlicher Erfahrung zeichnet sich bereits der Aufbruch in die moderne Kunst ab. Fondation Napoléon.
Macht, Gesellschaft und neue Bildwelten
1800 – Zwei ungewöhnliche Menschenbilder
Francisco de Goya vollendet das große Gruppenbild „Die Familie Karls IV.“. Als Hofmaler zeigt er die spanische Königsfamilie in kostbaren Gewändern und mit allen Zeichen ihres Ranges. Dennoch wirken die dargestellten Personen ungewöhnlich körperlich und individuell. Goya idealisiert sie weniger, als es bei einem offiziellen Herrscherbild zu erwarten wäre. Das Gemälde bleibt repräsentativ, lässt aber zugleich eine neue, beinahe schonungslose Form der Beobachtung erkennen. Museo del Prado.
Im Pariser Salon ist im selben Jahr Marie-Guillemine Benoists „Porträt einer schwarzen Frau“ zu sehen, das heute häufig als „Porträt der Madeleine“ bezeichnet wird. Die selbstbewusst und würdevoll dargestellte Frau nimmt im Bild denselben Raum ein, der sonst Angehörigen der europäischen Oberschicht vorbehalten bleibt. Das Gemälde gehört zu den bemerkenswertesten Porträts seiner Zeit und stellt die gesellschaftlichen Sehgewohnheiten des damaligen Publikums infrage. Musée du Louvre.
Auch außerhalb der Kunst beginnt etwas Neues: Alessandro Volta entwickelt die erste dauerhaft nutzbare elektrische Batterie. Seine „Voltasche Säule“ liefert einen kontinuierlichen Strom und eröffnet damit neue Möglichkeiten für Wissenschaft und Technik. Die Erfindung wird langfristig auch die Herstellung, Präsentation und Wahrnehmung von Kunst verändern. Science Museum Group.
1801 und 1802 – Eine kurze Ruhe vor neuen Kriegen
Der Frieden von Lunéville beendet 1801 zunächst den Krieg zwischen Frankreich und Österreich. Ein Jahr später folgt der Frieden von Amiens zwischen Frankreich und Großbritannien. Für kurze Zeit scheint Europa zur Ruhe zu kommen.
Napoleon nutzt diese Phase, um seine Stellung im Inneren auszubauen. 1802 lässt er sich zum Konsul auf Lebenszeit ernennen. Zugleich übernimmt der Künstler, Schriftsteller und Diplomat Dominique-Vivant Denon die Leitung des Louvre. Unter ihm entwickelt sich das Museum zu einer zentralen Institution der napoleonischen Kulturpolitik.
Kunst soll nun nicht nur bilden und unterhalten. Sie soll die Größe Frankreichs sichtbar machen, Siege bewahren und eine neue staatliche Identität schaffen. Künstlerische Aufträge werden zunehmend von staatlichen Behörden, öffentlichen Ausstellungen und Museen bestimmt. Fondation Napoléon.
1803 – Der Louvre wird zum Musée Napoléon
1803 erhält der Louvre den Namen „Musée Napoléon“. Seine Sammlungen wachsen durch beschlagnahmte Kunstwerke aus eroberten Gebieten. Gemälde, Skulpturen und antike Kunstschätze aus Italien, Belgien, Österreich und später auch Preußen gelangen nach Paris.
Das Museum wird damit zu einem Ort, an dem sich Bildung und Macht miteinander verbinden. Einerseits kann ein breites Publikum bedeutende Kunstwerke sehen. Andererseits präsentiert Frankreich die kulturellen Schätze der besiegten Länder als Zeichen des eigenen politischen und militärischen Erfolgs. Fondation Napoléon.
Im Heiligen Römischen Reich führt der Reichsdeputationshauptschluss zur Auflösung zahlreicher geistlicher Herrschaften und Klöster. Dadurch verlieren viele religiöse Kunstwerke ihren ursprünglichen Zusammenhang. Altäre, Gemälde, Handschriften und Kirchenschätze wechseln den Besitzer, werden verkauft oder gelangen in private und staatliche Sammlungen. Historisches Lexikon Bayerns.
1804 – Ein Kaiser inszeniert seine Herrschaft
Am 2. Dezember 1804 krönt sich Napoleon in der Pariser Kathedrale Notre-Dame zum Kaiser der Franzosen. Die Zeremonie verbindet Elemente der Monarchie, der Revolution und des römischen Kaisertums. Jacques-Louis David erhält den Auftrag, das Ereignis in einem monumentalen Gemälde festzuhalten. Fondation Napoléon.
Bereits im Salon von 1804 zeigt Antoine-Jean Gros sein Gemälde „Bonaparte besucht die Pestkranken von Jaffa“. Napoleon erscheint darin als furchtloser Heerführer, der sich den Erkrankten ohne sichtbare Scheu nähert. Das Gemälde verwandelt einen problematischen Feldzug in eine heroische Erzählung. Musée du Louvre.
Auch technisch markiert das Jahr einen Wendepunkt. Joseph-Marie Jacquard entwickelt einen durch Lochkarten gesteuerten Mechanismus für Webstühle. Komplizierte Muster lassen sich nun teilweise automatisiert herstellen. Richard Trevithick gelingt außerdem die erste nachweislich erfolgreiche Fahrt einer Dampflokomotive auf Schienen. Beide Erfindungen kündigen eine industrielle Welt an, in der sich auch die Herstellung von Bildern, Textilien und Gebrauchsgegenständen grundlegend verändern wird. Science Museum Group.
1805 – Krieg und die Erfahrung des Erhabenen
Mit den Schlachten von Trafalgar und Austerlitz erreicht der europäische Krieg eine neue Dimension. Während Napoleons Armee bei Austerlitz einen ihrer größten Siege erringt, sichert Großbritannien bei Trafalgar seine Vorherrschaft auf See. Fondation Napoléon.
William Turner zeigt 1805 „Der Schiffbruch“. Aufgewühlte Wellen, Dunkelheit und kaum erkennbare Menschen bestimmen das Bild. Die Natur erscheint nicht als geordnete Landschaft, sondern als überwältigende und bedrohliche Kraft. Turner führt damit jene Vorstellung des Erhabenen weiter, die für die Romantik von zentraler Bedeutung wird. Tate.
Philipp Otto Runge arbeitet 1805 und 1806 an den „Hülsenbeckschen Kindern“. Die Kinder werden nicht in einer repräsentativen Innenraumszene gezeigt, sondern bewegen sich unmittelbar in der Natur. Das Bild verbindet genaue Beobachtung mit einer poetischen Vorstellung von Kindheit, Wachstum und natürlicher Lebenskraft. Hamburger Kunsthalle.
Napoleonische Kunst und romantischer Gegenentwurf
1806 – Das Ende einer alten Ordnung
Nach der Gründung des Rheinbundes legt Kaiser Franz II. die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Das seit Jahrhunderten bestehende Reich hört auf zu existieren. Im selben Jahr werden die preußischen Armeen bei Jena und Auerstedt geschlagen; Napoleon zieht in Berlin ein. Deutsches Historisches Museum.
Jean-Auguste-Dominique Ingres malt „Napoleon I. auf dem kaiserlichen Thron“. Der Kaiser sitzt streng frontal vor dem Betrachter. Krone, Zepter, kostbare Gewänder und weitere Herrschaftszeichen verbinden unterschiedliche historische Traditionen. Napoleon erscheint weniger als lebender Mensch denn als überzeitliche Verkörperung staatlicher Macht.
Das Bild irritiert viele Zeitgenossen. Ingres verzichtet weitgehend auf räumliche Lebendigkeit und psychologische Nähe. Gerade diese starre, beinahe ikonenhafte Wirkung macht das Gemälde heute zu einem der eindrucksvollsten Herrscherbilder des napoleonischen Zeitalters.
Quelle: Musée de l’Armée.
1807 – Geschichte wird zum Monument
Jacques-Louis David vollendet sein monumentales Gemälde der Kaiserkrönung. Im Mittelpunkt steht nicht Napoleons eigene Krönung, sondern der Moment, in dem er seiner Frau Joséphine die Krone aufsetzt. Zahlreiche Beteiligte der Zeremonie sind als individuelle Porträts erkennbar.
Mit einer Höhe von mehr als sechs und einer Breite von fast zehn Metern überwältigt das Bild sein Publikum bereits durch seine Größe. Als es 1808 erstmals öffentlich gezeigt wird, macht es aus einem politischen Ereignis eine scheinbar zeitlose historische Wahrheit. Das Gemälde zeigt beispielhaft, wie wirkungsvoll Malerei im Dienst moderner Herrschaft eingesetzt werden kann. Musée du Louvre.
In den Vereinigten Staaten nimmt Robert Fultons Dampfschiff den regelmäßigen Verkehr zwischen New York und Albany auf. Die Reisezeiten verkürzen sich erheblich. Mobilität, Handel und Nachrichtenaustausch beschleunigen sich – Entwicklungen, die langfristig auch den internationalen Kunstmarkt verändern. National Park Service.
1808 – Die Landschaft wird zum Andachtsbild
Caspar David Friedrich stellt zu Weihnachten 1808 sein „Kreuz im Gebirge“, den sogenannten Tetschener Altar, öffentlich in seinem Dresdner Atelier aus. Friedrich erhebt darin eine Landschaft zum zentralen Motiv eines Altarbildes – ein für seine Zeit ungewöhnlicher und viel diskutierter Schritt. Das Kreuz erscheint inmitten von Felsen, Tannen und Abendlicht.
Das Werk löst eine heftige Debatte aus. Kritiker bezweifeln, dass eine Landschaft die Würde eines religiösen Altarbildes besitzen könne. Für Friedrich dagegen ist die Natur Ausdruck einer unsichtbaren geistigen Wirklichkeit. Das Bild wird damit zu einem Schlüsselwerk der deutschen Romantik. Staatliche Kunstsammlungen Dresden.
Philipp Otto Runge vollendet die erste gemalte Fassung von „Der Morgen“. Menschen, Pflanzen, Licht und Farbe verbinden sich zu einer symbolischen Vision des Entstehens und Erwachens. Runge möchte keinen gewöhnlichen Tagesanbruch darstellen, sondern einen umfassenden Kreislauf von Natur, menschlichem Leben und göttlicher Ordnung. Hamburger Kunsthalle.
In Rom malt Ingres „Die Badende von Valpinçon“. Die dem Betrachter zugewandte Rückenfigur erzählt keine Geschichte und verkörpert keine leicht erkennbare mythologische Gestalt. Linie, Körperform, Stoff und gedämpftes Licht werden zum eigentlichen Thema des Bildes. Damit weist das Werk weit über die traditionelle akademische Aktmalerei hinaus. Musée du Louvre.
1808 und 1809 – Der Krieg erreicht Spanien
Am 2. Mai 1808 erhebt sich die Bevölkerung Madrids gegen die französische Besatzung. Der Aufstand wird gewaltsam niedergeschlagen, doch der Widerstand breitet sich aus. Der folgende Krieg entwickelt sich zu einem langwierigen und besonders grausamen Konflikt. Fondation Napoléon.
Goya befindet sich während der Ereignisse in Madrid. Seine berühmten Gemälde vom Aufstand und den Erschießungen entstehen zwar erst 1814, doch die Erfahrungen dieser Jahre verändern seine Kunst grundlegend. Nicht der glorreiche Sieg, sondern das Leiden der Bevölkerung rückt zunehmend in den Mittelpunkt. Museo del Prado.
1809 wagt William Blake in London eine selbst organisierte Ausstellung. Sie findet kaum Beachtung und wird von einem Kritiker scharf angegriffen. Das Scheitern zeigt, wie schwer es für Künstler noch ist, unabhängig von Akademien, Salons und einflussreichen Auftraggebern ein eigenes Publikum zu erreichen. Zugleich nimmt Blake damit das moderne Selbstverständnis des eigenständig auftretenden Künstlers vorweg. Tate.
1810 – Radikale Landschaften und unheroische Kriegsbilder
Auf der Berliner Akademieausstellung sind Caspar David Friedrichs „Der Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ gemeinsam zu sehen. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. erwirbt beide Gemälde.
Im „Mönch am Meer“ steht eine winzige menschliche Figur vor einer fast leeren Weite aus Strand, Meer und Himmel. Friedrich verzichtet auf die übliche räumliche Staffelung und auf erzählerische Einzelheiten. Die Landschaft wird zu einem Bild existenzieller Einsamkeit und innerer Versenkung. Wegen ihrer radikalen Leere und offenen Bildstruktur gilt die Komposition heute als wichtiger Schritt auf dem Weg zur modernen Kunst.
Die „Abtei im Eichwald“ zeigt eine winterliche Ruinenlandschaft und einen Trauerzug. Auch hier verbindet Friedrich Natur, Vergänglichkeit und religiöse Hoffnung zu einem inneren Erfahrungsraum. Der „Mönch am Meer“ entsteht zwischen 1808 und 1810, die „Abtei im Eichwald“ 1809 und 1810. Beide Werke sind als zusammengehöriges Bildpaar gedacht. Staatliche Museen zu Berlin.
Um 1810 beginnt Goya mit der Radierfolge „Die Schrecken des Krieges“. Statt siegreicher Feldherren zeigt er Verstümmelte, Hungernde, Gefangene und verzweifelte Zivilisten. Die einzelnen Blätter verweigern jede heroische Deutung des Krieges. Zu Goyas Lebzeiten wird die Folge nicht veröffentlicht – ihre schonungslose Sichtweise ist ihrer Zeit weit voraus. Museo del Prado.
Philipp Otto Runge veröffentlicht seine „Farben-Kugel“, in der er die Beziehungen der Farben räumlich ordnet. Sein Modell verbindet künstlerische Praxis mit theoretischer Forschung und beeinflusst die spätere Beschäftigung mit Farbsystemen. Noch im selben Jahr stirbt Runge im Alter von nur 33 Jahren. Hamburger Kunsthalle.
In Berlin nimmt die von Wilhelm von Humboldt entworfene Universität ihren Lehrbetrieb auf. Ihr Ideal einer Verbindung von Forschung und Lehre prägt das moderne Bildungsverständnis. Auch Kunstgeschichte, Ästhetik und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Kultur erhalten dadurch langfristig neue institutionelle Grundlagen. Humboldt-Universität zu Berlin.
Was sich bis 1810 verändert hat
Zu Beginn des Jahrzehnts steht die Kunst noch stark im Dienst von Hof, Staat und öffentlicher Repräsentation. Napoleon nutzt Gemälde, Architektur und Museen, um eine neue politische Ordnung sichtbar zu machen. David, Gros und Ingres schaffen Bilder, die Macht nicht nur darstellen, sondern überhaupt erst als historische Größe inszenieren.
Die Romantik entwickelt dazu einen Gegenentwurf. Bei Friedrich, Runge, Turner und Blake wird das persönliche Erleben zum Ausgangspunkt der Kunst. Landschaft, Licht, Farbe und Atmosphäre vermitteln Empfindungen, für die es keine eindeutige Erzählung mehr gibt.
Auch der Krieg erhält ein neues Gesicht. Während die napoleonische Kunst den siegreichen Herrscher in den Mittelpunkt stellt, richtet Goya den Blick auf die Opfer. Seine Bilder und Radierungen machen Gewalt zu einer menschlichen Erfahrung und nicht länger nur zum Stoff heroischer Historienmalerei.
Um 1810 stehen damit zwei Vorstellungen von Kunst nebeneinander: das öffentlich inszenierte Machtbild und das subjektive, oft rätselhafte Bild innerer Erfahrung. Aus dieser Spannung entwickelt sich ein wesentlicher Teil der Kunst des 19. Jahrhunderts.
