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Gustave Courbet, „Das Atelier des Künstlers“, 1854–1855, Öl auf Leinwand, Musée d’Orsay, Paris. In dem monumentalen Gemälde stellt Courbet sich selbst in den Mittelpunkt einer Gesellschaft, deren Alltag, Gegensätze und neue Öffentlichkeit zu zentralen Themen des Realismus werden.
Das Jahrzehnt beginnt in einem Palast aus Glas und Eisen und endet mit einem Wahlkampf, in dem Fotografien bereits politische Wirkung entfalten. Dazwischen beschleunigt sich die Welt: Eisenbahnen verbinden Städte und Regionen, neue Telegrafenleitungen verkürzen Entfernungen, Paris wird zur modernen Metropole umgebaut und Weltausstellungen verwandeln Technik, Waren und Kunst in öffentliche Großereignisse. Victoria and Albert Museum, Library of Congress
Auch die Kunst verändert ihren Blick. Gustave Courbet erhebt Arbeiter, Bauern und Menschen aus der Provinz zu Hauptfiguren monumentaler Gemälde. Jean-François Millet zeigt die harte Wirklichkeit ländlicher Arbeit, während Fotografen wie Roger Fenton, Gustave Le Gray und Nadar aus dem jungen technischen Verfahren ein Dokumentations- und Kunstmedium machen.
Gleichzeitig formiert sich eine neue Künstlergeneration. Édouard Manet und Edgar Degas studieren noch die alten Meister, beginnen aber bereits, ihre Gegenwart mit anderen Augen zu betrachten. Eugène Boudin führt den jungen Claude Monet an die Freilichtmalerei heran, und Camille Pissarro kommt nach Paris. Die Voraussetzungen für die Kunst der Moderne entstehen – auch wenn der offizielle Salon seine beherrschende Stellung zunächst noch behauptet.
Realismus, Industrie und eine neue Öffentlichkeit
1851 – Weltausstellung, Courbet und das Ende einer Epoche
Im Londoner Hyde Park öffnet die erste Weltausstellung ihre Tore. Ihr Wahrzeichen ist der von Joseph Paxton entworfene Crystal Palace, ein riesiges Gebäude aus vorgefertigten Eisen- und Glaselementen. Mehr als sechs Millionen Menschen besuchen die Ausstellung und sehen rund 100.000 Objekte aus Industrie, Handwerk, Wissenschaft und Kunst. Der Crystal Palace wird damit selbst zum Sinnbild einer Zeit, die an technischen Fortschritt, serienmäßige Produktion und grenzenloses Wachstum glaubt. Victoria and Albert Museum
In Paris sorgt Gustave Courbet beim Salon von 1850/51 für einen Skandal. In Gemälden wie Die Steinklopfer, Ein Begräbnis in Ornans und Die Bauern von Flagey kehren vom Markt zurück behandelt er Szenen aus dem ländlichen Alltag in Formaten, die bislang historischen, religiösen oder mythologischen Themen vorbehalten waren. Nicht nur Courbets betont ungeschönte Malweise irritiert das Publikum. Anstößig erscheint vor allem sein Anspruch, gewöhnlichen Menschen die gleiche bildliche Bedeutung zu geben wie Helden, Heiligen und Herrschern. Metropolitan Museum of Art
Mit William Turner und Louis Daguerre sterben 1851 zwei Persönlichkeiten, die den modernen Blick entscheidend geprägt haben. Turner hatte Licht, Atmosphäre und Bewegung bis an die Grenze der Gegenständlichkeit geführt. Daguerres fotografisches Verfahren hatte es erstmals ermöglicht, sichtbare Wirklichkeit mit technischer Hilfe dauerhaft festzuhalten und detailgenau zu verbreiten. National Gallery, Metropolitan Museum of Art
Auch politisch endet eine Epoche. Am 2. Dezember beseitigt Louis-Napoléon Bonaparte mit einem Staatsstreich die Zweite Französische Republik. Frankreich bewegt sich erneut auf eine autoritäre Kaiserherrschaft zu. Fondation Napoléon
1852 – Kaiserreich, Luftschiff und neue Geschichtsbilder
Genau ein Jahr nach seinem Staatsstreich lässt sich Louis-Napoléon als Napoleon III. zum Kaiser ausrufen. Das Zweite Kaiserreich verbindet wirtschaftliche Modernisierung und repräsentativen Glanz mit politischer Kontrolle. Paris soll zum Schaufenster dieser Herrschaft werden – und die Kunst erhält dabei eine wichtige repräsentative Funktion. Fondation Napoléon
Am 24. September fliegt Henri Giffard mit einem dampfbetriebenen Luftschiff von Paris nach Trappes. Die rund 27 Kilometer lange Fahrt gilt als erste erfolgreiche Anwendung eines Motors in einem lenkbaren Fluggerät. Noch ist das Luftschiff kaum gegen stärkeren Wind zu steuern, doch die Vorstellung vom technisch beherrschten Luftraum ist geboren. Science Museum Group
Adolph Menzel vollendet sein Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci. Das Gemälde zeigt zwar ein historisches Ereignis des 18. Jahrhunderts, verzichtet aber weitgehend auf pathetische Herrscherpose. Lichtführung, genaue Beobachtung und die individuellen Reaktionen der Anwesenden verleihen der höfischen Szene eine beinahe gegenwärtige Lebendigkeit. Staatliche Museen zu Berlin
Courbet provoziert unterdessen mit den Jungen Damen vom Dorf. Seine elegant gekleideten Schwestern begegnen einem barfüßigen Hirtenmädchen und überreichen ihm ein Almosen. Das Bild verweigert eine eindeutige moralische Botschaft und macht stattdessen soziale Unterschiede, Unsicherheit und gegenseitige Fremdheit sichtbar. Metropolitan Museum of Art
1853 – Paris wird umgebaut, die Fotografie organisiert sich
Napoleon III. ernennt Georges-Eugène Haussmann zum Präfekten des Départements Seine. Unter seiner Leitung werden in Paris ganze Viertel abgerissen, breite Boulevards angelegt, Plätze geöffnet und neue Parks, Bahnhöfe, Kanalisationen und Sichtachsen geschaffen. Die Veränderungen verbessern Verkehrswege und hygienische Bedingungen, verdrängen jedoch zugleich viele ärmere Bewohner aus dem Zentrum. Das neue Paris wird später zur bevorzugten Bühne der modernen Malerei. Musée Carnavalet
In München öffnet die Neue Pinakothek. Sie ist das erste öffentliche Museum, das ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet ist. Damit wird eine Vorstellung selbstverständlich, die zuvor keineswegs üblich war: Auch die Kunst der eigenen Gegenwart ist museumswürdig und Teil einer fortlaufenden Kunstgeschichte. Neue Pinakothek
In London wird die Photographic Society gegründet, aus der später die Royal Photographic Society hervorgeht. Die neue Vereinigung versteht Fotografie zugleich als wissenschaftliches Verfahren und als Kunst. Aus einer technischen Erfindung wird zunehmend ein eigenständiges Bildmedium mit Ausstellungen, Publikationen und ästhetischen Debatten. Royal Photographic Society
Am 30. März wird im niederländischen Zundert Vincent van Gogh geboren. Noch gehört die Zukunft des späteren Malers dem Pfarrhaus, in dem er aufwächst. Doch seine Geburt markiert bereits den Eintritt einer Künstlergeneration, die Farbe, Ausdruck und persönliche Wahrnehmung am Ende des Jahrhunderts grundlegend verändern wird. Van Gogh Museum
1854 – Krieg, Courbets Selbstbild und die Öffnung Japans
Mit dem Eintritt Frankreichs und Großbritanniens weitet sich der Krimkrieg zu einem europäischen Großkonflikt aus. Für die Geschichte der Bilder wird dieser Krieg besonders bedeutsam: Er gehört zu den ersten militärischen Auseinandersetzungen, von denen ein umfangreicher fotografischer Bestand erhalten ist. Roger Fenton reist zwar erst 1855 auf die Krim und fotografiert keine unmittelbaren Kampfhandlungen, doch seine Aufnahmen von Soldaten, Lagern und verwüsteten Landschaften verändern die visuelle Erinnerung an den Krieg. Library of Congress
Courbet malt Die Begegnung, später spöttisch Bonjour, Monsieur Courbet genannt. Das Bild zeigt den Künstler bei einem Treffen mit seinem Mäzen Alfred Bruyas. Courbet erscheint selbstbewusst, beinahe herrscherlich, während der wohlhabende Sammler ihn begrüßt. Damit kehrt der Maler das traditionelle Verhältnis zwischen Künstler und Auftraggeber um: Nicht der Mäzen, sondern der unabhängige Künstler bildet das eigentliche Zentrum der Szene. Metropolitan Museum of Art
Am 31. März unterzeichnen Japan und die Vereinigten Staaten den Vertrag von Kanagawa. Er leitet die erzwungene Öffnung Japans gegenüber westlichen Mächten ein. In den folgenden Jahrzehnten gelangen japanische Farbholzschnitte und Kunstgegenstände in größerer Zahl nach Europa. Ihre flächige Farbgebung, ungewohnten Ausschnitte und asymmetrischen Kompositionen beeinflussen Künstler wie Degas, Manet und Monet nachhaltig. Office of the Historian, Metropolitan Museum of Art
1855 – Courbet gründet seinen eigenen Salon
Paris richtet seine erste Weltausstellung aus. Neben Maschinen, Industrieprodukten und Luxuswaren erhält auch die bildende Kunst einen eigenen Ausstellungspalast. Frankreich möchte demonstrieren, dass es London nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell ebenbürtig ist. Tausende Kunstwerke werden präsentiert und von einem internationalen Publikum begutachtet. Bureau International des Expositions
Die Jury akzeptiert mehrere Arbeiten Courbets, lehnt jedoch sein monumentales Atelier des Künstlers und zwei weitere bedeutende Gemälde ab. Courbet reagiert mit einer bis dahin außergewöhnlichen Geste: In unmittelbarer Nähe der Weltausstellung lässt er auf eigene Kosten einen „Pavillon des Realismus“ errichten und zeigt dort mehr als vierzig seiner Werke. Der Künstler macht sich damit zum Kurator, Veranstalter und Vermarkter seiner eigenen Kunst. Seine Ausstellung wird zu einem wichtigen Vorbild für spätere unabhängige Präsentationen außerhalb der offiziellen Institutionen. Metropolitan Museum of Art
Im Zentrum des Pavillons steht das fast sechs Meter breite Atelier des Künstlers. Courbet zeigt sich malend zwischen zwei Gruppen: Auf der einen Seite erscheinen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, auf der anderen Freunde, Schriftsteller, Kunstsammler und politische Weggefährten. In der Mitte beobachtet ein Kind unbefangen die Entstehung des Bildes. Das Gemälde ist keine realistische Momentaufnahme, sondern ein vieldeutiges Manifest über Gesellschaft, Kunst und die Stellung des Künstlers in seiner Zeit. Musée d’Orsay
Roger Fenton hält währenddessen den Krimkrieg in rund 360 Fotografien fest. Seine Bilder zeigen Offiziere, Soldaten, Lagerplätze und Landschaften, aber keine Leichen oder unmittelbaren Gefechte. Gerade dadurch machen sie deutlich, dass auch die vermeintlich objektive Fotografie immer auswählt, inszeniert und nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. Library of Congress
In Berlin wird am 15. April die erste Probesäule des Druckers Ernst Litfaß aufgestellt. Ab Juli folgen einhundert weitere Anschlagsäulen. Plakate, Veranstaltungsankündigungen und Werbung erhalten damit einen festgelegten Platz im Stadtraum. Die moderne Großstadt wird nicht nur gebaut und befahren, sondern zunehmend auch mit Bildern und Schrift versehen. Berlin Museum, Deutsches Historisches Museum
Im Oktober kommt Camille Pissarro nach Paris. Auf der Weltausstellung sieht er Werke von Ingres, Delacroix, Corot und Courbet. Noch ahnt niemand, dass er später zu einer Schlüsselfigur des Impressionismus und zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den jüngeren Künstlern werden wird. Musée d’Orsay
Neue Bilder einer beschleunigten Welt
1856 – Literatur, Fotografie und künstlerische Lehrjahre
Der Pariser Frieden beendet den Krimkrieg. Die während des Konflikts entstandenen Fotografien bleiben jedoch im öffentlichen Gedächtnis und zeigen, dass Kriege fortan nicht mehr allein durch Gemälde, Druckgrafiken oder schriftliche Berichte vermittelt werden.
Gustave Flauberts Madame Bovary erscheint vom 1. Oktober bis zum 15. Dezember als Fortsetzungsroman in der Revue de Paris. Die Buchausgabe folgt erst 1857. Flaubert beschreibt das Leben seiner Hauptfigur mit distanzierter Genauigkeit und ohne versöhnliche moralische Auflösung. Damit findet der literarische Realismus eine ebenso umstrittene Form wie Courbets Malerei. Bibliothèque nationale de France
Gustave Le Gray veröffentlicht seine Fotografie Brigg auf dem Wasser. Durch aufwendige Aufnahmetechnik und sorgfältige Komposition verwandelt er das Meer in ein atmosphärisches Bild aus Licht, Wasser und Wolken. Fotografien werden nun nicht mehr nur wegen ihres dokumentarischen Inhalts gesammelt, sondern zunehmend als eigenständige Kunstwerke betrachtet. Metropolitan Museum of Art
Der junge Degas hält sich in Italien auf, studiert Renaissancekunst und kopiert alte Meister. Aus dieser akademischen Schulung entwickelt er eine außergewöhnlich sichere Zeichnung – auch wenn er sich später gerade nicht für idealisierte Historien, sondern für Familien, Tänzerinnen, Rennbahnen und das moderne Großstadtleben interessieren wird. Musée d’Orsay
1857 – Bauernarbeit, Großstadtpoesie und gesellschaftliche Konflikte
Jean-François Millet zeigt im Pariser Salon Die Ährenleserinnen. Drei Frauen sammeln nach der Ernte die auf dem Feld zurückgebliebenen Ähren ein – eine mühsame Tätigkeit am untersten Rand der ländlichen Arbeitswelt. Millet vermeidet jedes erzählerische Drama, verleiht den gebeugten Körpern jedoch monumentale Würde. Für wohlhabende Betrachter wirkt das Bild gerade deshalb beunruhigend: Die soziale Wirklichkeit erscheint unübersehbar im großen Format. Musée d’Orsay
Charles Baudelaire veröffentlicht Die Blumen des Bösen. Seine Gedichte suchen Schönheit nicht nur in Natur und Harmonie, sondern ebenso in Melancholie, Verfall, Begehren und dem widersprüchlichen Leben der modernen Stadt. Autor und Verleger werden wegen angeblicher Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt; sechs Gedichte dürfen in Frankreich jahrzehntelang nicht erscheinen. Bibliothèque nationale de France
Auch Flaubert muss sich wegen Madame Bovary vor Gericht verantworten, wird jedoch freigesprochen. Realismus bedeutet nun nicht mehr bloß detailgetreue Wiedergabe. Er wird zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen, moralischen Gewissheiten und der Frage, was Kunst und Literatur zeigen dürfen.
Gustave Le Gray schafft mit Die große Welle, Sète eines der berühmtesten frühen Meeresbilder der Fotografie. Weil die damaligen Negative Himmel und Wasser nicht gleichzeitig korrekt belichten können, kombiniert er zwei Aufnahmen zu einem einzigen Bild. Die Fotografie erweist sich damit schon früh als gestaltetes und technisch bearbeitetes Medium – nicht als neutrale Kopie der sichtbaren Welt. Metropolitan Museum of Art
Die Moderne zeigt zugleich ihre politische und wirtschaftliche Kehrseite. Eine von den Vereinigten Staaten ausgehende Finanzkrise greift auf Europa über. Der Oberste Gerichtshof der USA bestreitet im Fall Dred Scott Afroamerikanern die amerikanische Staatsbürgerschaft, während in Indien ein Aufstand gegen die Herrschaft der Britischen Ostindien-Kompanie beginnt. Technischer Fortschritt und politische Freiheit entwickeln sich keineswegs gemeinsam. Fondation Napoléon, Library of Congress, UK Parliament
1858 – Kabel, Luftbilder und die Anfänge des Impressionismus
Am 5. August wird das erste transatlantische Telegrafenkabel fertiggestellt. Nachrichten können nun grundsätzlich innerhalb kurzer Zeit zwischen Europa und Nordamerika übertragen werden. Das Kabel versagt zwar bereits nach wenigen Wochen, doch die Vorstellung einer nahezu augenblicklich verbundenen Welt ist nicht mehr rückgängig zu machen. Science Museum Group
Im selben Jahr fotografiert Nadar Paris aus einem Heißluftballon. Seine frühen Luftaufnahmen sind nicht erhalten, doch sie eröffnen einen völlig neuen Blick auf die Stadt: Straßen, Häuser und Plätze erscheinen als Strukturen einer großen, planbaren Ordnung. Die Fotografie löst den menschlichen Blick vom Boden und macht die moderne Metropole aus einer zuvor unerreichbaren Perspektive sichtbar. Metropolitan Museum of Art
In Le Havre ermutigt Eugène Boudin den achtzehnjährigen Claude Monet, nicht nur im Atelier, sondern direkt vor der Natur zu malen. Das wechselnde Licht, die Wolken, das Meer und die flüchtige Atmosphäre werden für Monet zu entscheidenden Erfahrungen. Hier liegt einer der Ausgangspunkte der späteren impressionistischen Freilichtmalerei. Musée d’Orsay
Degas beginnt während seines Italienaufenthalts mit dem großformatigen Familienbild Die Familie Bellelli. Anders als ein traditionelles Repräsentationsporträt zeigt es Nähe und Distanz zugleich: Körperhaltungen, Blicke und räumliche Trennungen lassen familiäre Spannungen spürbar werden. Die psychologische Beobachtung tritt an die Stelle höfischer Selbstdarstellung. Musée d’Orsay
Mit Heinrich Zille und Lovis Corinth werden 1858 zwei Künstler geboren, die später sehr unterschiedliche Seiten der deutschen Moderne verkörpern. Zille wird das soziale Leben der Berliner Hinterhöfe zeichnen und fotografieren, während Corinth Naturalismus, Impressionismus und einen zunehmend expressiven Malstil miteinander verbindet. Berlinische Galerie, Städel Museum
Nach dem indischen Aufstand beendet der Government of India Act die Verwaltungsmacht der Ostindien-Kompanie. Indien wird fortan unmittelbar durch die britische Krone beherrscht. Das Empire, das sich 1851 auf der Londoner Weltausstellung glanzvoll präsentiert hatte, zeigt nun offen seine koloniale Machtstruktur. UK Parliament
1859 – Darwin, Manet und erschütterte Gewissheiten
Charles Darwin veröffentlicht Über die Entstehung der Arten. Seine Theorie der natürlichen Selektion stellt die Vorstellung einer unveränderlichen, planvoll geordneten Natur infrage. Wissenschaft, Religion und das Selbstbild des Menschen geraten in eine bis weit ins 20. Jahrhundert wirkende Debatte. Natural History Museum
Édouard Manet malt Der Absinthtrinker. Statt eines mythologischen Helden zeigt er einen vereinsamten, gesellschaftlich randständigen Großstadtmenschen im lebensgroßen Format. Der Einfluss Courbets ist unverkennbar, doch Manets flächigere Malweise und sein Interesse an der modernen Stadt weisen bereits über den Realismus hinaus. Ny Carlsberg Glyptotek
Im Louvre begegnet Manet erstmals Degas. Beide kopieren alte Meister und respektieren die Tradition, wollen daraus jedoch eine Kunst für ihre eigene Gegenwart entwickeln. Ihre später von Konkurrenz und gegenseitiger Anerkennung geprägte Beziehung wird für die Entstehung der modernen französischen Malerei besonders wichtig. Metropolitan Museum of Art
Am 25. April beginnen die Arbeiten am Suezkanal. Das Projekt soll Mittelmeer und Rotes Meer verbinden und die Verkehrswege zwischen Europa und Asien erheblich verkürzen. Es steht zugleich für technischen Fortschritt, koloniale Interessen und die wachsende wirtschaftliche Vernetzung der Welt. Suez Canal Authority
Die Schlacht von Solferino hinterlässt Zehntausende Tote und Verwundete. Der Schweizer Henry Dunant erlebt das Leid der Soldaten und organisiert gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung Hilfe. Seine Erfahrungen führen später zur Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. International Committee of the Red Cross
1860 – Fotografie wird politisch, Manet findet seinen Weg
Am 6. November wird Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Seine Amtseinführung erfolgt allerdings erst am 4. März 1861. Noch im Dezember 1860 erklärt South Carolina seinen Austritt aus der Union – der amerikanische Bürgerkrieg kündigt sich an. Library of Congress
Auch für die Geschichte politischer Bilder ist die Wahl bedeutsam. Im Februar fotografiert Mathew Brady den Präsidentschaftskandidaten Lincoln in New York. Das sorgfältig inszenierte Porträt wird als Druckgrafik, auf Wahlplakaten, Ansteckern und kleinen Visitenkartenfotografien verbreitet. Die Fotografie hilft, das öffentliche Bild eines Politikers zu formen – lange bevor Film, Fernsehen und soziale Medien entstehen. Library of Congress
Manet malt Der spanische Sänger. Die Begeisterung des französischen Publikums für spanische Kunst und Kultur verbindet er mit einer freien, kräftigen Malweise, die an Velázquez und Goya erinnert. Das Bild wird 1861 im Salon angenommen und erhält eine ehrenvolle Erwähnung. Es ist Manets erster größerer öffentlicher Erfolg. Metropolitan Museum of Art
Degas arbeitet weiter an der Familie Bellelli, Monet erprobt die Malerei unter freiem Himmel, Pissarro sucht nach einer eigenständigen Landschaftskunst und Manet richtet seinen Blick auf die Menschen der modernen Großstadt. Noch bilden sie keine geschlossene Gruppe. Doch die Künstler, die in den folgenden Jahren Salon, Publikum und Kunstkritik herausfordern werden, stehen nun bereit.
Was sich bis 1860 verändert hat
Der Realismus hat die traditionelle Rangordnung der Bildthemen erschüttert. Bauern, Arbeiter, gesellschaftliche Außenseiter und das gewöhnliche Leben können nun ebenso monumentale Bedeutung erhalten wie Könige, Heilige oder antike Helden.
Die Fotografie ist innerhalb weniger Jahre zu einem vielseitigen Medium geworden. Sie dokumentiert Kriege, porträtiert Politiker, zeigt Landschaften und Städte aus neuen Blickwinkeln – und wird gleichzeitig komponiert, bearbeitet und als Kunst gesammelt.
Weltausstellungen, Museen, Salons, Plakatsäulen und fotografische Gesellschaften schaffen eine neue Öffentlichkeit für Bilder. Courbets eigener Pavillon zeigt zugleich, dass Künstler beginnen, sich von den Entscheidungen staatlicher Jurys unabhängig zu machen.
Um 1860 ist die moderne Kunst noch nicht vollständig ausgebildet. Doch ihre wichtigsten Voraussetzungen sind vorhanden: die Großstadt als Motiv, das flüchtige Licht, die neue Macht der Medien, die Kritik an gesellschaftlichen Konventionen und ein wachsendes Selbstbewusstsein der Künstler. Der Weg zu Manets Skandalbildern, zum Salon des Refusés und schließlich zum Impressionismus ist geöffnet.
