Wie aus vielen Einzelnen das Bild einer handelnden Nation entsteht

Ein Mann steht erhöht auf einem Tisch und hebt die rechte Hand. Vor ihm drängen sich Hunderte Abgeordnete. Manche strecken ihre Arme nach vorn, andere werfen ihre Hüte in die Luft oder wenden sich mit weit geöffneten Gesten dem Redner zu. Durch die hohen Fenster beugen sich Zuschauer in den Saal, während Vorhänge und Stoffbahnen im Wind ausschlagen.

Jacques-Louis David zeigt keinen stillen Beschluss und keine geordnete Abstimmung. Er verwandelt den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 in einen Augenblick gemeinsamer Erregung. Aus vielen einzelnen Menschen scheint vor unseren Augen ein politischer Körper zu entstehen. Die Nation tritt nicht als gekrönter Herrscher oder allegorische Frauengestalt auf. Sie erscheint als Versammlung handelnder Bürger.

Das Blatt ist dennoch kein neutraler Bericht des Ereignisses. David zeichnete es zwei Jahre nach dem Schwur als Gesamtentwurf für ein monumentales Gemälde. Er wählte die Personen aus, ordnete ihre Körper und bündelte ihre unterschiedlichen Bewegungen zu einem gemeinsamen Willen. Gerade diese Verbindung aus beobachtbarer Geschichte und politischer Bildinszenierung macht den Entwurf für den Hauptartikel Nation, Geschichte und Zugehörigkeit: Kunst stiftet Gemeinschaft so aufschlussreich.

Das Werk auf einen Blick

  • Künstler: Jacques-Louis David (1748–1825)
  • Originaltitel: Le Serment du Jeu de Paume, le 20 juin 1789
  • Deutscher Titel: Der Ballhausschwur
  • Datierung: 1791
  • Technik: Feder und braune Tinte mit Überarbeitungen in schwarzer Tinte, braune Lavierung und Weißhöhungen über Bleistift
  • Maße: 66 × 101,2 cm
  • Sammlung: Département des Arts graphiques, Musée du Louvre, Paris
  • Heutiger Aufbewahrungsort: als Dauerleihgabe im Musée national des châteaux de Versailles et de Trianon
  • Inventarnummern: RF 1914, Recto; in Versailles außerdem MV 8409 beziehungsweise INV.DESS 736
  • Werkart: Gesamtentwurf für ein nicht vollendetes monumentales Historiengemälde

David signierte und datierte die Zeichnung unten rechts. Im unteren Bereich sind noch parallele Hilfslinien und Fluchtlinien zu erkennen; zwei ausgeschnittene und anschließend wieder aufgeklebte Fragmente belegen zudem, dass David die Komposition während der Arbeit veränderte. Das Blatt gelangte 1893 durch ein Vermächtnis in den Louvre und wurde 1921 als Dauerleihgabe nach Versailles gegeben. Musée du Louvre

Kurz erklärt

Volkssouveränität bedeutet, dass die höchste politische Herrschaft nicht von einem König, einer Dynastie oder einer Kirche ausgeht, sondern vom Volk. Wer zu diesem Volk gehört und wer es politisch vertreten darf, blieb jedoch auch nach 1789 umstritten. Davids Bild zeigt daher nicht die abgeschlossene Verwirklichung demokratischer Gleichheit, sondern einen entscheidenden Schritt auf dem Weg dorthin.

Ein Schwur wird zum Gründungsbild

Vom Dritten Stand zur Nationalversammlung

Als König Ludwig XVI. im Mai 1789 die Generalstände einberief, kamen Vertreter der drei traditionellen Stände zusammen: Klerus, Adel und Dritter Stand. Der Dritte Stand repräsentierte den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung, besaß im bisherigen Abstimmungsverfahren aber nicht automatisch ein entsprechendes politisches Gewicht.

Am 17. Juni erklärten sich seine Abgeordneten, unterstützt von einzelnen Vertretern der anderen Stände, zur Nationalversammlung. Damit erhoben sie einen folgenreichen Anspruch: Sie wollten nicht länger nur für einen Stand sprechen, sondern die französische Nation vertreten.

Als sie am 20. Juni ihren bisherigen Versammlungsraum verschlossen vorfanden, wichen sie in eine nahe gelegene Halle für das jeu de paume, einen Vorläufer des Tennis, aus. Dort gelobten sie, nicht auseinanderzugehen, bevor Frankreich eine Verfassung erhalten habe. Der deutsche Ausdruck „Ballhaus“ bezeichnet hier also keine Tanzhalle, sondern einen überdachten Sportplatz. Château de Versailles

Die Abgeordneten riefen an diesem Tag noch keine Republik aus und schafften auch die Monarchie nicht ab. Ihr Schwur richtete sich zunächst auf eine Verfassung für das Königreich. Trotzdem veränderte sich die politische Ordnung bereits im Anspruch: Die versammelte Nation erklärte sich selbst zum Träger politischen Handelns.

Aus einem Ereignis wird ein öffentliches Bild

David begann sein Projekt nicht unmittelbar am 20. Juni 1789. Im folgenden Jahr schlug der Abgeordnete Edmond-Louis-Alexis Dubois-Crancé vor, der inzwischen berühmte Maler solle das Ereignis festhalten. Die Gesellschaft der Verfassungsfreunde, der sogenannte Jakobinerklub, unterstützte das Vorhaben und eröffnete eine öffentliche Subskription. Musée du Louvre

Eine Subskription ist eine Vorbestellung, mit der ein größeres Projekt finanziert werden soll. Wer sich beteiligte, sollte später einen Druck nach Davids Komposition erhalten. Das nationale Ereignis sollte also nicht allein durch einen königlichen Auftraggeber verewigt werden. Bürger sollten an seiner Finanzierung und Verbreitung mitwirken.

1791 zeigte David den ausgearbeiteten Gesamtentwurf zunächst in seinem Atelier im Louvre und anschließend im Pariser Salon. Er überführte damit ein erst zwei Jahre zurückliegendes politisches Geschehen in das anspruchsvolle Format der Historienkunst. Die Zeichnung war als Vorstufe für eine ungefähr sieben mal zehn Meter große Leinwand gedacht. Les Carnets de Versailles

Ein moderner Gegenstand in klassischer Bildsprache

David war durch großformatige Szenen aus Antike und Mythologie bekannt geworden. In Werken wie dem Schwur der Horatier hatte er historische Distanz genutzt, um über Pflicht, Opfer und Gemeinwohl nachzudenken. Beim Ballhausschwur arbeitete er dagegen mit Menschen seiner eigenen Gegenwart.

Dennoch verzichtete er nicht auf die Mittel der akademischen Historienmalerei. Er ordnete die Menge klar, entwickelte aus Gesten eine verständliche Handlung und verlieh einem politischen Vorgang feierliche Größe. Das aktuelle Ereignis sollte denselben Rang erhalten, der zuvor vor allem biblischen, mythologischen oder antiken Stoffen vorbehalten gewesen war.

Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Moderne: Gegenwart wird geschichtswürdig. Nicht ein Held aus ferner Vergangenheit, sondern eine Versammlung zeitgenössischer Abgeordneter erhält monumentale Bedeutung.

Wie David aus einer Menge eine Nation formt

Bailly bildet die Achse der Versammlung

Im Zentrum steht Jean Sylvain Bailly, der Präsident der Nationalversammlung. Er ist auf einen Tisch gestiegen und hebt die rechte Hand. Seine erhöhte Position macht ihn weithin sichtbar, doch er erscheint nicht wie ein Herrscher auf einem Thron. Seine Bedeutung entsteht aus seiner Funktion innerhalb der Versammlung.

Fast alle Bewegungen reagieren auf ihn. Arme, Hände, Köpfe und Blicke richten sich zur Mitte. Einige Abgeordnete scheinen den Schwur mit derselben erhobenen Hand zu wiederholen, andere antworten mit ausgreifenden Gesten. David erzeugt so einen Austausch zwischen Sprecher und Versammlung.

Der König fehlt vollständig. Auch ein leerer Thron oder ein königliches Wappen ist nicht zu sehen. Das politische Zentrum liegt bei den Abgeordneten selbst. Für die Bildaussage ist diese Abwesenheit ebenso wichtig wie Baillys sichtbare Präsenz.

Ein Wald aus Armen und Händen

Aus der Entfernung wirkt die Versammlung wie eine einzige Welle, die auf Bailly zuläuft. Bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich die einzelnen Reaktionen jedoch deutlich. Manche Männer strecken nur eine Hand aus, andere reißen beide Arme hoch. Einige umarmen einander, drehen sich zu ihren Nachbarn oder blicken nach oben.

Die wiederkehrenden Diagonalen verbinden diese verschiedenen Körper. David muss die Individualität der Abgeordneten nicht auslöschen, um Gemeinschaft darzustellen. Die Nation entsteht vielmehr dadurch, dass unterschiedliche Personen ihre Bewegungen auf einen gemeinsamen Bezugspunkt ausrichten.

Diese Komposition macht einen abstrakten politischen Gedanken sichtbar: Ein gemeinsamer Wille besteht nicht außerhalb der Einzelnen. Er entsteht durch ihre Zustimmung. Das Bild behauptet damit keine körperliche oder familiäre Gleichheit, sondern eine Gemeinschaft des öffentlichen Handelns.

Drei Geistliche als Zeichen der Verständigung

Im vorderen Zentrum führt David drei Geistliche zusammen: den katholischen Abbé Henri Grégoire, den Kartäusermönch Dom Gerle und den protestantischen Pastor Jean-Paul Rabaut Saint-Étienne. Ihre Körper berühren sich in einer engen, beinahe feierlichen Gruppe. Wikimedia Commons

Nicht jeder Betrachter kann diese Personen ohne die zum Entwurf gehörende Legende erkennen. Sobald ihre Identität bekannt ist, erhält die Gruppe jedoch eine zusätzliche Bedeutung. Vertreter unterschiedlicher christlicher Richtungen erscheinen als Teil derselben politischen Gemeinschaft. Ihr Zusammenschluss lässt sich als Hoffnung auf religiöse Verständigung innerhalb der Nation lesen.

Dabei sollten wir zwischen Darstellung und historischem Beweis unterscheiden: Das Bild dokumentiert nicht zuverlässig, dass eine solche symbolische Umarmung genau so stattgefunden hat. David ordnet die drei Männer vielmehr so an, dass konfessionelle Unterschiede unter dem gemeinsamen Schwur zurücktreten.

Der Einzelne, der nicht zustimmt

Die behauptete Einigkeit ist nicht vollkommen. Am unteren rechten Rand sitzt Joseph Martin-Dauch, der einzige Abgeordnete, der den Schwur nicht unterzeichnen wollte. Während sich die übrigen Körper zur Mitte öffnen, bleibt seine Haltung geschlossen. Er beteiligt sich nicht an der großen Bewegung der ausgestreckten Arme. Wikimedia Commons

David hätte diesen Widerspruch verschweigen können. Stattdessen nimmt er Martin-Dauch in die Komposition auf, stellt ihn jedoch an den Rand. Dadurch wird der Dissens sichtbar, ohne die überwältigende Wirkung der Zustimmung zu gefährden.

Gerade diese Figur ist für eine kritische Bildinterpretation wichtig. Sie erinnert daran, dass politische Einstimmigkeit nicht einfach vorhanden ist. Bilder können Mehrheiten vergrößern, Gegenstimmen verkleinern und durch räumliche Anordnung eine bestimmte Vorstellung von Gemeinschaft erzeugen.

Zuschauer an den Fenstern

In den oberen Fenstern drängen sich weitere Menschen. Sie gehören nicht zur abstimmenden Versammlung, nehmen aber sichtbar Anteil. Einige lehnen sich weit in den Raum oder strecken ihre Arme nach innen. Das politische Ereignis überschreitet dadurch die Grenzen des eigentlichen Sitzungssaals.

Die Fenster verbinden Abgeordnete und Öffentlichkeit, trennen beide aber zugleich. Die Menschen oben können beobachten und reagieren; den Schwur leisten die männlichen Abgeordneten unten. Besonders für heutige Betrachter lohnt sich daher die Frage, wer im Bild als politisch Handelnder und wer lediglich als Zuschauer erscheint.

Frauen sind in Davids nationaler Gemeinschaft nicht als Abgeordnete vertreten. Auch große Teile der männlichen Bevölkerung besaßen keine unmittelbare politische Stimme. Das Werk entwirft einen neuen politischen Anspruch, zeigt aber noch keine Demokratie im heutigen Sinn.

Wind, Vorhänge und politische Erregung

Die großen Vorhänge schlagen kraftvoll in den Raum. Durch die geöffneten Fenster dringt Bewegung in die streng gebaute Halle. Die Architektur bleibt fest, während Stoffe, Gesten und Menschen von einer gemeinsamen Erregung erfasst scheinen.

Der Wind lässt sich als sichtbares Zeichen des politischen Umbruchs deuten. Eine solche Lesart liegt nahe, ist aber keine nachweisbare Naturbeschreibung. Wir sehen nicht einfach das Wetter vom 20. Juni 1789, sondern eine bildnerische Entscheidung, durch die David die Atmosphäre des Ereignisses steigert.

Auch der Kontrast ist aussagekräftig: Die geraden Balken und Wände stehen für einen begrenzten, bestehenden Raum. Die wehenden Vorhänge und ausgestreckten Arme scheinen diese Ordnung in Bewegung zu versetzen. Das Neue entsteht innerhalb der alten Architektur – und drängt zugleich über sie hinaus.

Zwischen genauer Erinnerung und politischer Konstruktion

Keine Momentaufnahme des 20. Juni

David war nicht der Fotograf eines spontan beobachteten Geschehens. Seine Zeichnung entstand 1791 und damit zwei Jahre nach dem dargestellten Ereignis. Für die geplante Leinwand bat er Abgeordnete, ihm Porträts zu schicken oder in seinem Atelier Modell zu sitzen. Einzelne bekannte Persönlichkeiten sollten im späteren Monumentalgemälde wiedererkennbar werden. Musée du Louvre

Diese Genauigkeit macht das Werk dennoch nicht zu einer neutralen Aufzeichnung. David wählte aus, verschob Personen und steigerte ihre Gesten. Er verband die Vielzahl tatsächlicher Teilnehmer mit den Regeln einer lesbaren Historienkomposition.

Das Ergebnis ist zugleich Porträt einer Versammlung und politisches Wunschbild. Es zeigt nicht bloß, wie Menschen in einem Raum standen. Es zeigt, wie die Revolution an diesen Augenblick erinnert werden sollte.

Die Zeichnung verrät ihre Konstruktion

Der breite Bildraum ist so angelegt, dass wir der Versammlung frontal gegenüberstehen. Der Vordergrund bleibt vergleichsweise offen. Dadurch wirkt es, als befänden wir uns auf derselben Ebene wie die Abgeordneten und könnten uns ihrer Bewegung anschließen.

Am unteren Rand sind noch Perspektivlinien sichtbar. Sie laufen in den Raum hinein und zeigen, wie sorgfältig David die Halle konstruierte. Die scheinbar ungebändigte Menge beruht also auf einer präzisen zeichnerischen Ordnung.

Auch die braunen Lavuren tragen zu dieser Wirkung bei. Eine Lavierung ist verdünnte Tinte, die flächig mit dem Pinsel aufgetragen wird. Sie setzt Schatten, trennt Figuren vom hellen Grund und gibt der Federzeichnung räumliche Tiefe. Weißhöhungen fangen Licht auf Körpern und Stoffen ein. Die zurückhaltende Farbigkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf Linien, Gesten und Beziehungen.

Die Geschichte überholt das geplante Gemälde

Die Zeichnung legt die Komposition bereits sehr genau fest. Das monumentale Gemälde blieb dagegen unvollendet. Die öffentliche Subskription brachte nicht genügend Geld ein, während sich die politische Lage schnell veränderte.

Die Einheit, die David festhalten wollte, zerbrach. Mirabeau starb 1791; kurz darauf wurden seine geheimen Kontakte zum Königshof bekannt. Andere Beteiligte gerieten ebenfalls auf gegensätzliche Seiten der Revolution. Persönlichkeiten, die im Entwurf gemeinsam den Schwur feiern, konnten wenige Jahre später nicht mehr selbstverständlich als Mitglieder derselben politischen Gemeinschaft verehrt werden.

David gab die große Leinwand schließlich auf. Nach seinem Tod wurde sie in mehrere Teile zerschnitten; der erhaltene Hauptteil gelangte später nach Versailles. Der ausgearbeitete Entwurf blieb damit das vollständigste Zeugnis seiner ursprünglichen Bildidee. Die Geschichte des Projekts ist beim Schloss Versailles ausführlich dokumentiert. Les Carnets de Versailles

Das Scheitern gehört zur Bedeutung des Werkes

Auf den ersten Blick könnte man das unvollendete Gemälde lediglich als gescheitertes Projekt betrachten. Doch sein Scheitern offenbart ein grundsätzliches Problem politischer Kunst: Ein Bild benötigt Zeit, eine Revolution verändert ihre Helden und Gegner oft schneller.

Davids Zeichnung versucht, einen kurzen Moment der Einigkeit dauerhaft festzuhalten. Dass die spätere Leinwand nicht vollendet werden konnte, zeigt, wie abhängig ein nationales Erinnerungsbild von den Urteilen seiner Gegenwart bleibt.

Die geschlossene Komposition und die offene Werkgeschichte widersprechen einander deshalb auf produktive Weise. Das Blatt verspricht Einheit; die Entstehungsgeschichte erzählt von Spaltung. Beide Ebenen gehören zu einer umfassenden Interpretation.

Ein Bild wird später erneut gebraucht

Im späten 19. Jahrhundert gewann der Ballhausschwur erneut politische Bedeutung. Die Dritte Republik suchte nach Ereignissen und Symbolen, die eine gemeinsame republikanische Geschichte begründen konnten. Die historische Halle wurde restauriert und zu einem Museum der Revolution umgestaltet.

Luc-Olivier Merson übertrug Davids Komposition 1883 auf eine monumentale Leinwand für diesen Ort. Seine Fassung war keine Vollendung von Davids angefangener Leinwand, sondern ein neues Werk nach dem älteren Entwurf. Eine moderne Projektionstechnik half dabei, die kleine Zeichnung auf das gewaltige Format zu übertragen. Les Carnets de Versailles

Damit erhielt Davids Bildidee fast ein Jahrhundert nach dem Ereignis eine neue Aufgabe. Aus dem revolutionären Entwurf wurde ein staatlich gepflegtes Erinnerungsbild. Dieses spätere Weiterleben zeigt besonders deutlich, dass nationale Kunst nicht nur bei ihrer Entstehung wirkt. Jede Zeit kann sie neu rahmen, ausstellen und für ihre eigene Vorstellung von Gemeinschaft verwenden.

Warum das Werk zum Weg in die Moderne gehört

Davids Ballhausschwur ist stilistisch noch eng mit der akademischen Historienmalerei verbunden. Die klare Komposition, die ausdrucksvollen Gesten und der Anspruch auf moralische Größe stammen nicht aus einem vollständigen Bruch mit der Tradition.

Neu ist vor allem, wer Geschichte macht. Nicht ein antiker Held, ein Heiliger oder ein Monarch steht im Mittelpunkt, sondern eine zeitgenössische Versammlung. Die Nation erscheint als handelndes politisches Subjekt und das aktuelle Ereignis als würdiger Gegenstand großer Kunst.

Zugleich lässt das Werk erkennen, dass eine Nation nicht einfach sichtbar vorgefunden wird. David muss sie durch Komposition erst hervorbringen: Er richtet Blicke aus, wiederholt Gesten, ordnet Zustimmung und stellt den Widerspruch an den Rand. Kunst bildet Gemeinschaft nicht nur ab. Sie kann daran mitwirken, wie diese Gemeinschaft sich selbst versteht.

Gerade darin liegt die Modernität des Blattes. Es verbindet ein neues Verständnis politischer Selbstbestimmung mit der entstehenden Macht öffentlicher Bilder. Seine Grenzen bleiben sichtbar: Die dargestellte Nation ist männlich dominiert, sozial nicht umfassend und politisch keineswegs dauerhaft geeint. Das macht den Entwurf nicht weniger bedeutsam, sondern historisch genauer lesbar.

Praktische Bildinterpretation: Wie entsteht hier ein gemeinsames „Wir“?

1. Beschreibe die Szene zunächst ohne politische Begriffe

Notiere zuerst nur das Sichtbare: einen hohen Innenraum, eine dicht gedrängte Gruppe, einen Mann auf einem Tisch, zahlreiche ausgestreckte Arme, Zuschauer an den Fenstern und bewegte Vorhänge. Verwende noch keine Wörter wie „Freiheit“, „Nation“ oder „Revolution“.

Dieser erste Schritt verhindert, dass dein historisches Wissen die Beobachtung ersetzt. Eine gute Deutung beginnt mit Einzelheiten, die sich am Bild überprüfen lassen.

2. Suche das optische und das politische Zentrum

Frage dich, wohin die meisten Linien, Gesten und Blicke führen. Bailly steht ungefähr in der Mitte und überragt die Menge. Dennoch beruht seine Wirkung nicht allein auf seiner Größe. Erst die Reaktionen der anderen machen ihn zum Zentrum.

Du kannst daraus ableiten, dass das Bild politische Autorität als Beziehung zeigt: Einer spricht, weil die anderen ihm zuhören und seinen Schwur aufnehmen.

3. Vergleiche Gemeinschaft und Individualität

Betrachte einzelne Figuren und suche unterschiedliche Körperhaltungen. Danach tritt einige Schritte zurück und achte auf die Gesamtbewegung. Aus der Nähe erkennst du Verschiedenheit, aus der Entfernung eine gemeinsame Welle.

Diese Beobachtung lässt sich mit dem Begriff Nation verbinden. David zeigt keine Menschen, die gleich aussehen. Er zeigt Menschen, deren verschiedene Handlungen für einen Augenblick dieselbe Richtung erhalten.

4. Untersuche Zustimmung und Widerspruch

Suche Martin-Dauch am rechten Rand und vergleiche seine Haltung mit den ausgestreckten Armen der Mehrheit. Wie viel Raum erhält sein Widerspruch? Ist er gut sichtbar oder musst du ihn erst entdecken?

So kannst du erklären, wie die Komposition eine beinahe vollständige Einigkeit erzeugt, ohne die Gegenstimme ganz zu beseitigen. Das Bild lügt nicht einfach – aber es gewichtet.

5. Frage nach den Rollen im Bild

Wer darf schwören, wer spricht und wer schaut lediglich zu? Die Unterscheidung zwischen Abgeordneten im Saal und Zuschauern an den Fenstern hilft dir, die Grenzen der dargestellten Gemeinschaft zu erkennen.

Beziehe anschließend dein historisches Wissen ein: Die Vorstellung politischer Vertretung wurde 1789 grundlegend erweitert, umfasste aber längst nicht alle Bewohner Frankreichs mit denselben Rechten.

6. Trenne Ereignis, Entwurf und spätere Erinnerung

Halte drei Zeitpunkte auseinander: den Schwur von 1789, Davids Zeichnung von 1791 und Mersons monumentale Übertragung von 1883. Jeder Zeitpunkt verleiht derselben Komposition eine andere Funktion.

1789 wurde gehandelt, 1791 sollte das Ereignis revolutionär verewigt werden, und 1883 diente es der republikanischen Erinnerung. Diese Zeitebenen zeigen dir, dass sich die Bedeutung eines Bildes mit seinem historischen Gebrauch verändern kann.

Merke

Eine mögliche Deutungshypothese

Jacques-Louis David gestaltet den Ballhausschwur als Geburt einer politischen Nation. Die Vielzahl individueller Körper wird durch Blicke, Gesten und Linien zu einem gemeinsamen Willen verbunden. Der isolierte Widerspruch und die nur zuschauenden Bevölkerungsgruppen machen zugleich sichtbar, dass diese Einheit bildnerisch hergestellt wird und noch keine umfassende demokratische Gleichheit bedeutet.

Diese Deutung verbindet sichtbare Merkmale mit historischem Wissen. Sie bewundert nicht nur die dargestellte Einigkeit, sondern fragt ebenso nach deren Voraussetzungen und Grenzen.

Kurz zusammengefasst

  • David zeigt den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 in einem ausgearbeiteten Gesamtentwurf von 1791.
  • Bailly bildet das Zentrum, weil sich Blicke, Arme und Bewegungen der Versammlung auf ihn richten.
  • Wiederholte Gesten verwandeln zahlreiche einzelne Abgeordnete in einen gemeinsamen politischen Körper.
  • Geistliche verschiedener Konfessionen verkörpern die Hoffnung auf Verständigung innerhalb der Nation.
  • Der abseits sitzende Martin-Dauch macht sichtbar, dass die Zustimmung nicht vollkommen war.
  • Bewegte Vorhänge, Zuschauer an den Fenstern und die offene Vorderkante steigern die Wirkung eines öffentlichen Umbruchs.
  • Das Blatt ist keine neutrale Dokumentation, sondern eine sorgfältig konstruierte politische Geschichtsdarstellung.
  • Das geplante Monumentalgemälde blieb aufgrund finanzieller Schwierigkeiten und politischer Veränderungen unvollendet.
  • 1883 wurde Davids Komposition für die Erinnerungskultur der Dritten Republik erneut monumental umgesetzt.
  • Für den Weg in die Moderne ist das Werk bedeutsam, weil es die Nation als handelnde Gemeinschaft zeigt und zugleich offenlegt, wie Kunst ein gemeinsames „Wir“ formt.

Kurz gefragt

Handelt es sich bei dem gezeigten Werk um ein Gemälde oder eine Zeichnung?

Das hier vorgestellte Werk ist kein vollendetes Gemälde, sondern Jacques-Louis Davids sorgfältig ausgearbeiteter Gesamtentwurf von 1791. David verwendete Feder und braune Tinte, Lavierung und Weißhöhungen über einer Vorzeichnung mit Bleistift.

Der Entwurf bereitete ein monumentales Gemälde vor, das David zwar begann, aber niemals vollendete. Der Louvre führt die Zeichnung heute unter dem Titel Le Serment du Jeu de Paume; avec légende.

Welches historische Ereignis stellt David dar?

Die Zeichnung bezieht sich auf den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789. Nachdem die Abgeordneten des Dritten Standes ihren bisherigen Versammlungsraum verschlossen vorgefunden hatten, wichen sie in ein nahe gelegenes Ballhaus in Versailles aus.

Dort schworen sie, sich nicht zu trennen, bevor Frankreich eine Verfassung erhalten habe. Das Ereignis wurde damit zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg von der königlichen Herrschaft zur Vorstellung einer Nation, deren politische Ordnung von ihren Vertretern mitgestaltet wird. Das Schloss Versailles bezeichnet den Schwur als ein Gründungsereignis der französischen Demokratie.

Wer ist der Mann, der auf dem Tisch steht?

Im Zentrum steht Jean Sylvain Bailly, der Präsident der Nationalversammlung. Seine erhöhte Position macht ihn zum deutlichsten Orientierungspunkt innerhalb der dicht gedrängten Menschenmenge.

Bailly trägt den Schwurtext vor, während die Abgeordneten mit erhobenen Armen ihre Zustimmung zeigen. David macht ihn dadurch nicht zu einem Herrscher über die Versammlung. Bailly erscheint vielmehr als Sprecher eines politischen Willens, der von der Gemeinschaft getragen wird.

Leisteten wirklich alle Abgeordneten den Schwur?

Fast alle anwesenden Abgeordneten stimmten zu. Joseph Martin-Dauch verweigerte jedoch als Einziger den Schwur, weil er keine Entscheidung anerkennen wollte, die nicht vom König bestätigt worden war.

David verbirgt diesen Widerspruch nicht. Martin-Dauch sitzt abseits der gemeinsamen Bewegung und verschränkt seine Arme vor der Brust. Seine isolierte Haltung verdeutlicht, dass die dargestellte Einigkeit nicht selbstverständlich war, sondern erst gegen politische Widerstände hergestellt werden musste.

Warum wurde das geplante Monumentalgemälde nicht vollendet?

Die Finanzierung durch eine öffentliche Subskription brachte nicht genügend Geld ein. Noch entscheidender war jedoch, dass sich die Revolution schneller veränderte, als David an seinem Gemälde arbeiten konnte. Frühere Mitstreiter wurden zu politischen Gegnern, einige der dargestellten Männer verloren ihr Ansehen oder wurden verfolgt.

Damit entsprach das feierliche Bild einer geschlossenen nationalen Gemeinschaft bald nicht mehr der politischen Wirklichkeit. Die ursprünglich beschworene Einigkeit war zerbrochen. Wie Histoire par l’image erläutert, machten die zunehmenden Gegensätze zwischen gemäßigten und radikalen Kräften das geplante Denkmal der nationalen Einheit schließlich überholt.

Wo befindet sich Davids Zeichnung heute?

Die Zeichnung gehört zur grafischen Sammlung des Louvre, befindet sich jedoch als Dauerleihgabe im Museum des Schlosses Versailles. Sie ist nicht mit dem großen Gemälde zu verwechseln, das heute in der historischen Ballhaushalle zu sehen ist.

Dieses monumentale Wandbild schuf Luc-Olivier Merson im Jahr 1883 nach Davids Komposition. Es zeigt, wie stark Davids nie vollendetes Projekt das spätere öffentliche Bild des Ballhausschwurs geprägt hat.

Der Hauptartikel Nation, Geschichte und Zugehörigkeit: Kunst stiftet Gemeinschaft erklärt, wie Historienbilder, Symbole, Landschaften, Museen und Denkmäler an der Vorstellung eines gemeinsamen „Wir“ mitwirkten. Davids Zeichnung zeigt diesen Prozess an einem entscheidenden politischen Augenblick.

Im Artikel Aufklärung und Selbstbestimmung: Der Mensch als handelndes Individuum erfährst du, wie Volkssouveränität, Bürgerrechte und politische Teilhabe zu Leitideen der Moderne wurden. Der Ballhausschwur führt vor Augen, wie aus solchen Ideen eine öffentlich inszenierte Handlung werden konnte.

Die Rubrik Bildinterpretation – Bilder und Gemälde besser verstehen bietet dir weitere Hilfen, um Beschreibung, Komposition, historischen Kontext und Deutung nachvollziehbar miteinander zu verbinden.

Die genaue Technik, Maße und Besitzgeschichte der Zeichnung dokumentiert das Musée du Louvre. Mehr über den historischen Versammlungsort und seine spätere Nutzung als Erinnerungsort erfährst du beim Château de Versailles.

Die beiden Beiträge „Un serment en deux temps I“ und „Un serment en deux temps II“ verfolgen ausführlich, wie Davids Entwurf entstand, warum die große Leinwand unvollendet blieb und wie Luc-Olivier Merson die Komposition 1883 neu aufgriff.

Weitere Zusammenhänge zwischen politischen Ideen, gesellschaftlichem Wandel und moderner Kunst findest du in der Rubrik Der Weg in die Moderne.