Vorwort

Das Jahrzehnt beginnt mit dem griechischen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft und endet mit der Julirevolution in Paris. Dazwischen zeigt sich, wie widersprüchlich die politische Ordnung nach dem Wiener Kongress bleibt: Monarchien verteidigen ihre Macht, während Menschen nach Unabhängigkeit, Verfassungen und öffentlicher Mitsprache verlangen. Die Bilder dieser Zeit stehen mitten in diesen Auseinandersetzungen. [1, 2]

Eugène Delacroix malt Leidende und Aufständische in lebensgroßem Format, John Constable lässt eine vertraute englische Landschaft zu einem öffentlichen Ereignis werden, und Caspar David Friedrich zeigt im Eis die Zerbrechlichkeit menschlicher Unternehmungen. Ihre Werke entstehen nicht allein aus dem Wunsch nach schönen oder erhabenen Bildern. Sie fragen auch, wie sich die eigene Gegenwart wahrnehmen und darstellen lässt.

Zugleich ändern sich die Wege der Bilder zum Publikum. Der Pariser Salon führt Künstler und Betrachter aus mehreren Ländern zusammen. Neue Museen öffnen königliche und private Sammlungen. Lithografien verbreiten politische Kritik und literarische Bildfolgen; Joseph Nicéphore Niépce hält eine Ansicht mithilfe der Camera obscura dauerhaft fest. Romantik, Revolution und technische Versuche bilden keine einheitliche Bewegung. Gemeinsam verändern sie jedoch, was ein Bild zeigen kann, wer es sieht und wie es entsteht.

Eugène Delacroix
Die Freiheit führt das Volk
Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“: Eine Frau mit Trikolore führt Aufständische über eine Barrikade.

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Eugène Delacroix, „Die Freiheit führt das Volk“, 1830, Öl auf Leinwand, 260 × 325 cm, Musée du Louvre, Paris. Das Gemälde verarbeitet die Julirevolution von 1830 und wurde 1831 erstmals ausgestellt.

Freiheitskampf, Landschaft und eine lesbare Vergangenheit

1821: Griechenland erhebt sich, Constable malt seine Heimat

Im Frühjahr 1821 beginnt der griechische Unabhängigkeitskampf gegen das Osmanische Reich. In vielen europäischen Ländern unterstützen Schriftsteller, Künstler, Spender und Freiwillige die Aufständischen. Dieser Philhellenismus verbindet Anteilnahme am zeitgenössischen Krieg mit der Bewunderung für das antike Griechenland. Beide Vorstellungen decken sich nicht einfach: Die Menschen, um deren Freiheit es geht, leben im 19. Jahrhundert und nicht in einer wiederbelebten Antike. [1]

In London vollendet John Constable Der Heuwagen (The Hay Wain). Ein leerer Wagen durchquert ein flaches Gewässer bei Flatford; links steht das Haus des Pächters Willy Lott, im Hintergrund wird Heu eingebracht. Constable arbeitet an dem großen Bild in seinem Londoner Atelier. Er nutzt dafür zahlreiche Studien, die er über Jahre im Freien angefertigt hat. Das Gemälde ist genau beobachtet und sorgfältig komponiert: Es zeigt keine unberührte Natur, sondern eine vom Menschen genutzte Landschaft.

Als Landscape: Noon wird das Werk 1821 in der Royal Academy gezeigt. Es erhält Aufmerksamkeit, findet in England aber keinen Käufer. Die ruhige Szene lässt sich rückblickend als Gegenbild zur beschleunigten Industrialisierung betrachten. Zugleich sollte man sie nicht mit einem vollständigen Bericht über das Leben und die Arbeit auf dem Land verwechseln. Welche Mühe die Heuernte erfordert und unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, bleibt weitgehend außerhalb des Bildmittelpunkts. [3]

Auf St. Helena stirbt Napoleon Bonaparte. Die Auseinandersetzungen, die sein Sturz beenden sollte, verschwinden damit nicht: Der Gegensatz zwischen restaurierter Herrschaft und liberalen oder nationalen Forderungen prägt das Jahrzehnt weiter. [4]

1822: Champollion liest Hieroglyphen, Delacroix greift zu Dante und zur Lithografie

Jean-François Champollion stellt 1822 wesentliche Ergebnisse seiner Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen vor. Der Stein von Rosette und weitere Inschriften erlauben Vergleiche zwischen Hieroglyphen, demotischer Schrift und Altgriechisch. Auf dem Stein stehen also drei Schriften, aber zwei Sprachen: Die ersten beiden geben Ägyptisch wieder. Auch die Vorarbeiten anderer Forscher, darunter Thomas Young, gehören zur Geschichte dieser Entzifferung. Antike Zeugnisse können nun zunehmend als schriftliche Quellen gelesen werden, statt nur als rätselhafte Bilder zu erscheinen. [5]

In Paris zeigt Eugène Delacroix im Salon Die Dantebarke (Dante et Virgile aux enfers). Dante und Vergil überqueren in einem Boot einen Fluss der Unterwelt; verzweifelte Körper klammern sich an das Schiff. Delacroix greift auf ein literarisches Werk zurück und verwandelt es durch heftige Bewegungen, Licht und Farbe in eine körperlich bedrängende Szene. Das Gemälde wird noch während des Salons für die königlichen Museen erworben. [6]

Der Künstler arbeitet auch mit einem anderen Bildträger. Eine 1822 veröffentlichte politische Lithografie verspottet die französische Zensur. Solche Drucke lassen sich vervielfältigen und außerhalb eines Salons betrachten. Schon vor der Julirevolution sind Bilder damit Teil der Auseinandersetzung um die Pressefreiheit. [7]

1823: Friedrichs Eismeer und die Grenzen menschlicher Macht

In Spanien beendet eine französische Militärintervention die liberale Verfassungsordnung und festigt die Alleinherrschaft Ferdinands VII. Die europäischen Mächte behandeln Forderungen nach politischer Freiheit also keineswegs überall gleich: Während der griechische Aufstand in Teilen Europas Sympathie weckt, wird die spanische liberale Bewegung mit Waffengewalt zurückgedrängt. [2]

Um 1823/24 malt Caspar David Friedrich Das Eismeer. Gewaltige, übereinandergeschobene Schollen füllen den Vordergrund. Erst beim genaueren Hinsehen wird zwischen ihnen ein gestrandetes Schiff sichtbar. Wo Constable Menschen bei der Arbeit in eine vertraute Landschaft einfügt, macht Friedrich ihre Anwesenheit beinahe unkenntlich. Das Bild lässt sich als Erfahrung von Scheitern und menschlicher Begrenzung verstehen; es schreibt diese Deutung aber keinem einzelnen historischen Unglück eindeutig zu. [8]

In Berlin wird unterdessen das von Karl Friedrich Schinkel entworfene Königliche Museum am Lustgarten gebaut. Seine Eröffnung liegt noch in der Zukunft, doch schon die Bauaufgabe zeigt den Anspruch, Kunst- und Antikensammlungen in einem eigens dafür geschaffenen öffentlichen Raum zu präsentieren. [9]

John Constable
Der Heuwagen
John Constables „Der Heuwagen“: Ein leerer, von Pferden gezogener Wagen durchquert flaches Wasser vor einem Bauernhaus.

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John Constable, „Der Heuwagen“ (The Hay Wain), 1821, Öl auf Leinwand, 130,2 × 185,4 cm, Sammlung der National Gallery, London. Das Gemälde wurde 1824 im Pariser Salon ausgestellt.

Salon, Museum und Bilder des griechischen Krieges

1824: Im Pariser Salon treffen unterschiedliche Vorstellungen von Kunst aufeinander

Im August öffnet der Pariser Salon. Eugène Delacroix zeigt Das Massaker von Chios, Jean-Auguste-Dominique Ingres das Gelübde Ludwigs XIII., und auch John Constables Heuwagen wird in Paris ausgestellt. Die zeitliche Nähe macht den Salon zu einem Ort des Vergleichs: religiöses Auftragsbild, aktuelle Kriegsszene und englische Landschaft sind Teil derselben großen Öffentlichkeit. Sie lassen sich nicht auf einen schlichten Gegensatz von „Klassizismus“ und „Romantik“ reduzieren. [3, 10, 11]

Delacroix malt seine großformatige Darstellung 1824 als Reaktion auf die Gewalt gegen die Bevölkerung der griechischen Insel Chios im April 1822. Im Vordergrund warten Familien auf Tod oder Versklavung; eine siegreiche Handlung, die das Leiden auflösen würde, fehlt. Das Bild entsteht also zwei Jahre nach dem dargestellten Ereignis. Es macht eine aktuelle politische Katastrophe zum Gegenstand der Historienmalerei und wurde noch im Ausstellungsjahr vom französischen Staat angekauft. [1, 10]

Ingres dagegen greift mit dem Gelübde Ludwigs XIII. einen religiösen und monarchischen Stoff auf. Seine geordneten Figuren und die sorgfältige Linienführung zeigen eine andere Art, einem großen Gemälde Würde zu verleihen. Constables Heuwagen beeindruckt in Paris wiederum durch den Blick auf Wetter, Vegetation und den konkreten Ort. Constable erhält für seine Salonbeiträge eine Goldmedaille, vor allem wegen dieses Bildes. Die internationale Reise eines Gemäldes kann seinen Ruf stärker verändern als die erste Ausstellung im Herkunftsland. [3, 11]

In London öffnet am 10. Mai die National Gallery zunächst im ehemaligen Haus des Sammlers John Julius Angerstein. Den Grundstock bilden 38 von ihm erworbene Gemälde. Die neue Institution macht aus einer Privatsammlung den Anfang einer staatlich getragenen öffentlichen Sammlung. Théodore Géricault, dessen Floß der Medusa wenige Jahre zuvor das Historienbild aufgerüttelt hatte, stirbt im selben Jahr. [12, 13]

Nach der erneuten Durchsetzung der absoluten Königsherrschaft in Spanien reist Francisco de Goya mit königlicher Erlaubnis nach Frankreich und lässt sich in Bordeaux nieder. Seine späte künstlerische Arbeit gehört damit auch zur Geschichte politischer Unsicherheit und erzwungener Ortswechsel. [14]

1825: Dampfkraft verändert Wege, Goya entdeckt neue Druckmöglichkeiten

Am 27. September nimmt die Stockton-and-Darlington-Bahn in England ihren Betrieb auf. Bei der Eröffnung zieht die Dampflokomotive Locomotion No. 1 einen Zug. Der Verkehr auf der Strecke ist anfangs technisch vielfältiger, als das spätere Bild einer ausschließlich von Lokomotiven betriebenen Bahn vermuten lässt: Die wenigen Reisenden fahren in den ersten Jahren vor allem in Pferdewagen. Doch die Eröffnung macht eine neue Größenordnung des Transports öffentlich sichtbar. [15, 16]

In Bordeaux schafft Goya 1825 die vier großformatigen Lithografien der Folge Die Stiere von Bordeaux. Er zeichnet mit fetthaltigem Material auf Stein; die Drucktechnik kann die Energie der Bewegung und die rasche, freie Strichführung aufnehmen. Der betagte Künstler versucht damit weiterhin neue bildnerische Wege. Dass ein Bild als Druck in mehreren Exemplaren existieren kann, ist für seine Reichweite ebenso wichtig wie sein Motiv. [17]

1826: Delacroix gibt Griechenland eine Gestalt

Nach der Einnahme der belagerten Stadt Missolonghi im April malt Delacroix Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi. Eine Frau im griechischen Gewand steht vor den Trümmern; der Körper einer toten Person wird unter dem Mauerwerk sichtbar. Sie ist keine bestimmte Überlebende, sondern verkörpert ein Land, das leidet und zugleich um Unterstützung wirbt. Das 1826 entstandene Werk wird in Paris zugunsten der griechischen Sache gezeigt. [1, 18]

Zwischen Das Massaker von Chios und der Gestalt auf den Ruinen verändert sich die Bildform. 1824 lässt Delacroix mehrere Familien ohne rettenden Helden leiden. 1826 konzentriert er den Blick auf eine einzelne Allegorie. Beide Bilder sind politische Aussagen, aber keine unmittelbaren Augenzeugenberichte. Sie zeigen, wie Malerei Anteilnahme erzeugen und ein fernes Ereignis für ein internationales Publikum sichtbar machen kann.

Joseph Nicéphore Niépce
Blick aus dem Fenster in Le Gras
Frühe Heliografie von Niépce: schemenhafte Ansicht eines Hofes, von Gebäuden und Bäumen, aufgenommen aus einem Fenster in Le Gras.

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Joseph Nicéphore Niépce, „Blick aus dem Fenster in Le Gras“, 1827. Heliografie auf Zinnplatte, 16,7 × 20,3 cm, Harry Ransom Center, Austin. Die Aufnahme gehört zu den frühesten erhaltenen Bildern, die mit einer Camera obscura entstanden.

Das Lichtbild entsteht, die Romantik gerät in Bewegung

1827: Ein dauerhaftes Kamerabild und ein Bild der Vernichtung

Joseph Nicéphore Niépce hält die Aussicht aus einem Fenster seines Anwesens Le Gras auf einer lichtempfindlich beschichteten Zinnplatte fest. Die Aufnahme braucht mehrere Tage Belichtung. Die erhaltene Ansicht aus dem Fenster in Le Gras wird vom Harry Ransom Center auf 1827 datiert; sie gilt als das älteste heute bekannte erhaltene Bild, das mithilfe einer Camera obscura aufgenommen wurde. Schon zuvor hatte Niépce mit Bildern experimentiert, doch das erhaltene Fensterbild beweist besonders anschaulich, dass Licht eine Ansicht dauerhaft fixieren kann. Von einem alltagstauglichen fotografischen Verfahren ist er noch weit entfernt. [19]

Im Oktober besiegen britische, französische und russische Schiffe bei Navarino eine osmanisch-ägyptische Flotte. Die Schlacht beendet den griechischen Unabhängigkeitskrieg nicht sofort, wird aber zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die politische Entwicklung, auf die Delacroix in seinen Griechenlandbildern reagiert hat, bleibt damit in Bewegung. [20]

Im zweiten Halbjahr malt Delacroix Der Tod des Sardanapal. Auf einem erhöhten Bett liegt ein Herrscher, während in einer dichten Folge von Körpern und Gegenständen Menschen und Tiere getötet werden. Der Stoff ist eine literarisch überformte Erzählung um einen assyrischen König, keine Darstellung eines überprüfbaren zeitgenössischen Ereignisses. Gleichwohl zwingt die Bildordnung das Publikum, Gewalt, Luxus und Macht als miteinander verbunden wahrzunehmen. Das Werk entsteht 1827, wird aber erst 1828 öffentlich im Salon gezeigt. [21]

1828: Salonstreit, Faust-Bilder und Goyas Abschied

Der Tod des Sardanapal wird im Frühjahr im Pariser Salon ausgestellt. Die übervolle Komposition und die gezeigte Gewalt stoßen auf Kritik; Delacroix findet zunächst keinen Käufer. Anders als ein Kunstwerk im heutigen Museum ist das Bild für ihn damit zugleich ein ästhetisches Risiko und ein wirtschaftliches Problem. Er behält es über viele Jahre in seinem Atelier. [21]

Im selben Jahr erscheint eine französische Ausgabe von Goethes Faust mit 17 Lithografien von Delacroix. Der Maler des monumentalen Salonbildes arbeitet auch für das Buch: Druckgrafik eröffnet ihm eine Bildfolge, die Menschen weit über den Ausstellungsraum hinaus erreichen kann. Die Unterschiede zwischen einem einzelnen großen Gemälde und vielen gedruckten Exemplaren werden für die Bildkultur des Jahrhunderts immer wichtiger. [22]

Am 16. April stirbt Francisco de Goya in Bordeaux. Seine letzten Lebensjahre zeigen einen Künstler, der trotz Krankheit und hohen Alters weiterhin zeichnet, malt und mit Lithografie experimentiert. Seine privaten Schwarzen Gemälde und die Druckfolge Die Schrecken des Krieges bilden keinen gemeinsamen öffentlichen Abschiedszyklus: Die Wandbilder waren zunächst für sein Haus bestimmt, die Kriegsbilder erschienen erstmals 1863 als Folge. [14, 23]

Karl Friedrich Schinkel
Innere Ansicht des Treppenhauses im Alten Museum
Schinkels Zeichnung zeigt Menschen auf der oberen Treppengalerie des Alten Museums; durch die Säulen blickt man auf Berliner Gebäude.

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Karl Friedrich Schinkel, „Innere Ansicht des Treppenhauses im Alten Museum“, 1829. Feder in Schwarz und Bleistift, 39,1 × 53,0 cm, Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Zeichnung entstand vor der Eröffnung des Museums 1830.

Eisenbahn, politische Presse und die Julirevolution

1829: Eine Partnerschaft für die Fotografie, ein Wettbewerb für die Eisenbahn

Niépce schließt mit Louis Daguerre, dem Betreiber eines Pariser Dioramas, eine formelle Partnerschaft. Gemeinsam wollen sie das Verfahren der Bildfixierung verbessern. Dass Daguerre erst 1839 eine andere, praktikablere Technik öffentlich vorstellen wird, gehört zur späteren Geschichte der Fotografie. 1829 ist noch offen, ob und wie aus den Versuchen ein nutzbares Bildmedium entsteht. [19]

Bei den Rainhill Trials in England gewinnt die Lokomotive Rocket aus der Werkstatt von Robert Stephenson den Wettbewerb für die geplante Bahn zwischen Liverpool und Manchester. Ein Probelauf wird zum öffentlichen Ereignis und liefert Stoff für Berichte und Druckbilder. Die technische Veränderung erscheint damit zugleich als neue Erfahrung von Bewegung und als Gegenstand der visuellen Kultur. [24, 25]

1830: Eine Revolution wird gemalt, gedruckt und im Museum erinnert

Im Juli versucht der französische König Karl X., die Pressefreiheit und die parlamentarischen Rechte weiter einzuschränken. In Paris folgen vom 27. bis 29. Juli Aufstände und Barrikadenkämpfe. Der König verliert die Macht; Louis-Philippe übernimmt die Krone. Doch das politische Ergebnis erfüllt nicht alle Hoffnungen der Menschen, die auf den Straßen gekämpft haben. [26]

Eugène Delacroix malt zwischen September und Dezember Die Freiheit führt das Volk. Eine Frau mit Trikolore und phrygischer Mütze schreitet über eine Barrikade; Menschen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen folgen ihr, Tote liegen im Vordergrund. Sie ist eine sichtbar handelnde Figur und zugleich die Allegorie der Freiheit. Der Titel verweist auf den 28. Juli 1830, die Mitte der drei Revolutionstage. Das Gemälde ist weder ein Foto der Kämpfe noch ein Bild der Französischen Revolution von 1789. Es verdichtet die Julirevolution von 1830 zu einer gemeinsamen, spannungsvollen Bewegung. Erstmals ausgestellt wird es im Salon von 1831. [26, 27]

Die Revolution wirkt auch in der gedruckten Bildwelt fort. Charles Philipon gründet im November 1830 die illustrierte satirische Zeitschrift La Caricature. Mit ihr entsteht eine weitere Bühne für Zeichner und die politische Auseinandersetzung; ihre berühmten Angriffe auf die neue Monarchie entfalten sich vor allem in den folgenden Jahren. Das monumentale Historiengemälde und die vervielfältigte Lithografie sprechen unterschiedliche Publika an und können einander ergänzen. [28]

Am 3. August öffnet in Berlin das von Karl Friedrich Schinkel entworfene Königliche Museum, das heutige Alte Museum. Sammlungen werden in einem eigens errichteten Gebäude öffentlich zugänglich. Der Zugang bleibt von staatlicher Auswahl und Ordnung geprägt: Auch ein öffentliches Museum entscheidet, was als sehenswert präsentiert wird. In London war die National Gallery bereits 1824 eröffnet worden. [12, 29]

Im September nimmt die Eisenbahn zwischen Liverpool und Manchester den Betrieb auf. Die Verbindung ist für den Transport von Menschen und Waren angelegt und wird bald selbst in Ansichten und gedruckten Darstellungen festgehalten. Das Jahrzehnt endet damit nicht allein mit einem berühmten Revolutionsbild: Auch Museum, politische Presse, Eisenbahnansicht und experimentelles Kamerabild verändern, wo Bilder entstehen und welche Gegenwart sie sichtbar machen. [30, 31]

Was sich bis 1830 verändert hat

Die griechischen Aufstände und die französische Julirevolution zeigen, wie umkämpft politische Freiheit im Europa der Restauration bleibt. Delacroix verfolgt diese Konflikte in sehr unterschiedlichen Werken: leidende Familien auf Chios, die allegorische Gestalt Griechenlands und die vorwärtsstürmende Freiheit von Paris. Keines davon ist eine neutrale Aufnahme des Geschehens. Gerade indem der Maler auswählt, verdichtet und gestaltet, macht er die politische Gegenwart zu einem Thema großer Kunst.

Auch die Landschaft gewinnt neue Bedeutung. Constables Heuwagen entsteht aus genauer Kenntnis eines Ortes, wirkt aber zugleich wie ein bewusstes Bild ländlicher Dauer. Friedrichs Eismeer nimmt dem Menschen dagegen jeden festen Boden. Beide Werke zeigen, dass eine Landschaft mehr sein kann als die Kulisse einer Handlung: Sie prägt, wie Menschen ihre Stellung in der Welt verstehen.

Das Jahrzehnt bringt außerdem verschiedene Bildöffentlichkeiten zusammen. Salons bringen Gemälde aus mehreren Ländern in einen gemeinsamen Ausstellungsraum; die National Gallery und das Alte Museum öffnen neue Orte des Betrachtens. Lithografien erreichen Leser und Betrachter durch Druck und Verkauf. Niépces erhaltenes Kamerabild zeigt, dass auch Licht und Chemie eine Ansicht aufzeichnen können, obwohl die frühe Heliografie noch langsam und experimentell bleibt.

Bis 1830 gibt es deshalb weder einen einzigen Weg in die Moderne noch einen plötzlichen Bruch mit der bisherigen Kunst. Neu ist das Zusammenspiel: Künstler zeigen ihre eigene Zeit in großem Format, Bilder zirkulieren über Länder und Medien hinweg, und das Publikum kann zwischen gemalter Deutung, gedruckter Kritik und technischer Aufzeichnung unterscheiden. Die Frage, wie Wirklichkeit sichtbar wird, bleibt offen – und wird immer dringlicher.

Quellen

  1. Nationalgalerie Griechenlands – Der griechische Unabhängigkeitskampf und Delacroix’ Griechenlandbilder.
  2. Deutsches Historisches Museum – Jahreschronik 1823 mit dem europäischen Restaurationskontext.
  3. National Gallery – Constables Gemälde The Hay Wain und seine Ausstellungen.
  4. Deutsches Historisches Museum – Jahreschronik 1821.
  5. British Museum – Entzifferung der Hieroglyphen und der Stein von Rosette.
  6. Musée du Louvre – Delacroix’ Gemälde Die Dantebarke.
  7. Metropolitan Museum of Art – Politische Lithografie von Delacroix aus dem Jahr 1822.
  8. Hamburger Kunsthalle – Caspar David Friedrichs Das Eismeer.
  9. Staatliche Museen zu Berlin – Geschichte der Berliner Museen.
  10. Musée du Louvre – Delacroix’ Das Massaker von Chios.
  11. Musée Ingres Bourdelle – Ingres’ Gelübde Ludwigs XIII..
  12. National Gallery – John Julius Angerstein und die Anfänge der National Gallery.
  13. Musée du Louvre – Géricaults Floß der Medusa.
  14. Museo del Prado – Künstlerseite zu Francisco de Goya.
  15. Science Museum Group – Stockton-and-Darlington-Bahn.
  16. Science Museum Group – Lokomotive Locomotion No. 1.
  17. Museo del Prado – Lithografie aus Goyas Folge Die Stiere von Bordeaux.
  18. Musée des Beaux-Arts de Bordeaux – Delacroix’ Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi.
  19. Harry Ransom Center – Niépces erhaltenes Kamerabild und die Partnerschaft mit Daguerre.
  20. Royal Museums Greenwich – Die Seeschlacht bei Navarino.
  21. Musée du Louvre – Delacroix’ Der Tod des Sardanapal.
  22. Metropolitan Museum of Art – Delacroix’ Lithografien zu Goethes Faust.
  23. Metropolitan Museum of Art – Goyas Druckfolge Die Schrecken des Krieges.
  24. Science Museum Group – Robert Stephenson und die Entwicklung der Eisenbahn.
  25. Science Museum Group – Bildzeugnis zu den Rainhill Trials.
  26. Histoire par l’image – Die Julirevolution und Delacroix’ Freiheitsbild.
  27. Musée du Louvre – Delacroix’ Die Freiheit führt das Volk.
  28. Histoire par l’image – Charles Philipon und die politische Bildpresse.
  29. Staatliche Museen zu Berlin – Eröffnung des Alten Museums in Berlin.
  30. Science and Industry Museum – Geschichte der Bahnverbindung Liverpool–Manchester.
  31. Science and Industry Museum – Das Jahr 1830 im Blick auf politische und technische Umbrüche.

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