Artikelgliederung
Vorwort
In den 1850er-Jahren verändern sich die Bilder und die Welt, von der sie erzählen. Künstlerinnen und Künstler zeigen gewöhnliche Menschen in großem Format. Weltausstellungen machen Kunst, technische Erfindungen und Waren einem internationalen Publikum zugänglich. Fotografien halten Bauwerke und Kriegsschauplätze fest, werden als Porträts gesammelt und dienen schließlich sogar der politischen Werbung. Zugleich entstehen neue Fragen: Wer entscheidet, welche Werke öffentlich zu sehen sind? Was zeigt eine Kamera – und was lässt sie aus?
Die Entwicklungen verlaufen nicht überall gleich. In Frankreich fordert Gustave Courbet mit Bildern seiner Gegenwart die Rangordnung der traditionellen Kunst heraus. Rosa Bonheur und Jean-François Millet widmen sich Arbeit, Tieren und ländlichem Leben. Fotografen wie Roger Fenton, Gustave Le Gray und Felice Beato erkunden sehr verschiedene Möglichkeiten eines jungen Mediums. In Paris wächst unterdessen die Stadt heran, in der Manet, Degas und Monet später neue Wege der Malerei einschlagen. Ihr künstlerischer Aufbruch lässt sich besser verstehen, wenn wir auch auf Politik, Kolonialismus und die neuen Wege der Bildverbreitung achten.
Titelbild: Gustave Courbet, „Das Atelier des Künstlers“, 1854–1855, Öl auf Leinwand, Musée d’Orsay, Paris. Das Gemälde wird im Abschnitt über 1855 ausführlicher behandelt.
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Courbet versammelt in seinem Atelier Menschen aus unterschiedlichen Teilen seiner Welt. 1855 zeigte er das Gemälde im eigenen Pavillon des Realismus.
Eine neue Öffentlichkeit für Kunst und Fotografie
1851 – Weltausstellung, Realismus und fotografische Aufträge
In London öffnet die erste Weltausstellung. Ihr Wahrzeichen, der von Joseph Paxton entworfene Crystal Palace, besteht aus vorgefertigten Elementen aus Eisen und Glas. Mehr als sechs Millionen Menschen besuchen die Ausstellung. Sie sehen Maschinen, Kunsthandwerk und Erzeugnisse aus vielen Ländern. Die Schau vermittelt eine Vorstellung von technischem Fortschritt, ist aber auch mit den Handelswegen und Machtverhältnissen des britischen Kolonialreichs verbunden. Das Gebäude selbst wird zum Zeichen einer Zeit, in der neue Materialien und Bauweisen öffentlich bestaunt werden. [1]
Beim Pariser Salon von 1850/51 zeigt Courbet unter anderem „Ein Begräbnis in Ornans“. Auf einer über sechs Meter breiten Leinwand stellt er eine Beerdigung aus seiner Heimatregion dar. Ein solches Format war vor allem großen historischen und religiösen Themen vorbehalten. Courbets Wahl des Motivs ist deshalb auch eine Frage an das Publikum: Warum soll ein Ereignis aus dem Leben gewöhnlicher Menschen weniger bildwürdig sein als die Taten berühmter Persönlichkeiten? [2]
Am 2. Dezember putscht der französische Präsident Louis-Napoléon Bonaparte gegen die bestehende republikanische Ordnung. Ein Jahr später wird er sich als Napoleon III. zum Kaiser ausrufen lassen. Diese politische Zäsur gehört zur Geschichte der modernen Kunst: Staatliche Macht bestimmt auch über Stadträume, öffentliche Bauten und die Bedingungen, unter denen Kunst ausgestellt wird. [3]
Die Fotografie erhält im selben Jahr eine neue öffentliche Aufgabe. Für die Mission héliographique beauftragt die französische Denkmalkommission fünf Fotografen, darunter Gustave Le Gray und Édouard Baldus, historische Bauwerke aufzunehmen. Die Bilder dokumentieren ihren Zustand und können zugleich als sorgfältig komponierte Ansichten betrachtet werden. Auf der Londoner Weltausstellung werden fotografische Verfahren vorgeführt. Frederick Scott Archers Kollodiumverfahren auf Glas liefert schärfere, von einem Negativ vervielfältigbare Bilder und wird die Fotografie im Laufe des Jahrzehnts stark verändern. [4][5]
1852 – Kaiserreich und unterschiedliche Wege des Realismus
Louis-Napoléon lässt sich im Dezember als Napoleon III. zum Kaiser ausrufen. Das Zweite Kaiserreich verbindet wirtschaftliche Modernisierung und repräsentative Pracht mit eingeschränkter politischer Freiheit. Wie eng Bilder und Herrschaft zusammenhängen, zeigt auch das offizielle Porträt des Kaisers: Die neue Ordnung braucht eine sichtbare Gestalt. [6]
Courbet stellt beim Salon „Junge Damen vom Dorf“ aus. Seine Schwestern begegnen einem armen Mädchen und bieten ihm eine Gabe an. Die Frauen stehen einander gegenüber, aber ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten sind ungleich. Das Bild provoziert nicht durch eine dramatische Handlung, sondern durch seine eigensinnige Malweise und den offenen Blick auf soziale Unterschiede. Realismus meint hier mehr als möglichst naturgetreue Darstellung: Er bestimmt auch, welchen Menschen und Beziehungen die Kunst Aufmerksamkeit schenkt. [7]
Zur selben Zeit vollendet Adolph Menzel in Preußen sein „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ (1850–1852). Das Gemälde blickt anders als Courbets Werke in die Vergangenheit. Menzels genaue Studien der Räume, Kleidung und Lichtverhältnisse geben der historischen Szene jedoch eine ungewöhnlich konkrete Gegenwart. Das Beispiel macht sichtbar, dass sich die Malerei der Jahrhundertmitte nicht auf einen einzigen Stil reduzieren lässt: Aufmerksame Beobachtung kann auch einem Geschichtsbild neue Wirkung verleihen. [8]
1853 – Paris im Umbau, Rosa Bonheur im Salon
Napoleon III. ernennt Georges-Eugène Haussmann zum Präfekten des Départements Seine. Unter seiner Leitung beginnt der umfassende Umbau von Paris. Breite Straßenzüge, Plätze, Parks und neue Infrastruktur verändern in den folgenden Jahren die Stadt. Gleichzeitig verschwinden ältere Viertel; Bewohnerinnen und Bewohner werden verdrängt. Die Straßen, die später zu Motiven moderner Malerei werden, entstehen durch politische Eingriffe, deren Folgen nicht alle Menschen gleichermaßen tragen. [9]
Auf dem Pariser Salon stellt Rosa Bonheur ihren „Pferdemarkt“ aus. Sie hat das monumentale Bild 1852 begonnen, dafür regelmäßig Pferde auf dem Markt beobachtet und zahlreiche Studien angefertigt. Tiere, Händler und Käufer bewegen sich in einer wirkungsvollen, genau durchdachten Komposition. Der große Erfolg zeigt, dass sorgfältige Naturbeobachtung, ein Motiv aus dem Arbeits- und Stadtleben und öffentliche Anerkennung zusammenkommen können. Bonheurs Karriere erweitert zugleich den Blick auf die Künstlerinnen des Realismus, die in Darstellungen des Jahrzehnts leicht übersehen werden. [10]
In München eröffnet die Neue Pinakothek als Museum für Kunst der eigenen Zeit. In London wird die Photographic Society gegründet, aus der später die Royal Photographic Society hervorgeht. Die beiden Einrichtungen stehen für unterschiedliche, aber verwandte Entwicklungen: Zeitgenössische Werke finden einen Platz in öffentlichen Sammlungen; Fotografen schaffen sich Orte, um über Technik, Bildwirkung und ihren Anspruch als Künstler zu diskutieren. [11][12]
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Die Aufnahme von 1851 zeigt das Querschiff des Crystal Palace während der Londoner Weltausstellung. Glas, Eisen, ausgestellte Skulpturen und ein großer Baum prägen den Raum.
Krieg, Bildermarkt und Courbets eigener Pavillon
1854 – Künstlerische Unabhängigkeit und neue Wege der Verbreitung
In „Die Begegnung“, auch „Bonjour, Monsieur Courbet“ genannt, zeigt Courbet ein Zusammentreffen mit seinem Förderer Alfred Bruyas. Auf einer Landstraße begegnen sich der Maler mit seinen Arbeitsgeräten und der wohlhabende Sammler. Courbet erscheint als selbstbewusster Künstler. Das Bild macht ein Verhältnis sichtbar, das für moderne Kunst immer wichtiger wird: Künstler benötigen Käufer und Unterstützer, beanspruchen aber zugleich Freiheit über ihre Arbeit und ihre öffentliche Rolle. [13]
Der Pariser Fotograf André-Adolphe-Eugène Disdéri patentiert ein Verfahren für kleine Porträtfotografien im Format einer Visitenkarte. Mehrere Aufnahmen lassen sich auf einer Glasplatte herstellen. Solche Cartes de visite werden in den folgenden Jahren preiswerter produziert, verschenkt, gesammelt und in Alben aufbewahrt. Das fotografische Bild erreicht damit nicht nur Ausstellungen und Fachkreise, sondern zunehmend auch private Wohnräume. [14]
Die Vereinigten Staaten erzwingen mit dem Vertrag von Kanagawa die Öffnung zweier japanischer Häfen zur Versorgung amerikanischer Schiffe; ein allgemeiner Handel ist damit noch nicht vereinbart. Spätere Verträge und Handelskontakte verändern den Austausch. Japanische Farbholzschnitte gelangen nach und nach in größerer Zahl nach Europa und beeinflussen dort später Bildausschnitte und Kompositionen. Der Vertrag ist also ein Ausgangspunkt einer längeren Geschichte, nicht schon der Beginn eines umfassenden Japonismus in der europäischen Kunst. [15][16]
Der seit 1853 geführte Krimkrieg weitet sich aus, als Großbritannien und Frankreich auf der Seite des Osmanischen Reiches in den Krieg gegen Russland eintreten. Er wird zu einem frühen Schauplatz fotografischer Kriegsbilder. Die Fotografen zeigen jedoch unterschiedliche Ausschnitte des Geschehens und arbeiten unter schwierigen technischen Bedingungen. [17]
1855 – Die Weltausstellung und der Pavillon des Realismus
Paris veranstaltet seine erste Weltausstellung. Neben Industrie und Gewerbe erhält die bildende Kunst einen eigenen Ausstellungsbereich. Die Schau soll die Leistungsfähigkeit des Zweiten Kaiserreichs demonstrieren. Für Künstler bietet sie ein großes Publikum; zugleich entscheiden Jurys darüber, welche Werke in der offiziellen Ausstellung erscheinen. [18]
Courbets monumentales „Das Atelier des Künstlers“ wird von der Jury abgelehnt. Daraufhin zeigt er in der Nähe der Weltausstellung in seinem selbst errichteten Pavillon des Realismus mehr als vierzig eigene Werke. Der Künstler umgeht damit die offizielle Auswahl und präsentiert sein Schaffen als zusammenhängendes Programm. Das fast sechs Meter breite „Atelier“ setzt ihn selbst in die Mitte: Um ihn versammeln sich Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen, darunter Freunde und Förderer. Dieses sorgfältig komponierte Bild zeigt, dass Realismus keine Absage an Deutung oder Symbolik ist. [2][19]
Roger Fenton reist in diesem Jahr auf die Krim und nimmt in wenigen Monaten rund 360 Fotografien auf. Soldaten, Lager und Landschaften werden sichtbar; unmittelbare Kampfhandlungen fehlen. Schwere Ausrüstung, lange Belichtungszeiten und die Auswahl der Motive bestimmen, was das Publikum vom Krieg sieht. Die Fotografien sind historische Zeugnisse, aber kein vollständiger Blick auf das Geschehen. [20]
Auch abseits der Kunstschauen verändert sich die öffentliche Bildwelt. In Berlin lässt Ernst Litfaß 1855 rund 150 Anschlagsäulen aufstellen. Werbung und Bekanntmachungen erhalten so einen festen Platz im Straßenraum. Im Oktober trifft Camille Pissarro in Paris ein, um dort zu studieren; er sieht eine Kunstwelt, in der Courbet, ältere Meister und die Weltausstellung nebeneinander Aufmerksamkeit beanspruchen. Die spätere Geschichte des Impressionismus beginnt auch mit solchen Begegnungen und neuen Möglichkeiten, Bilder öffentlich wahrzunehmen. [21][22]
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Gustave Le Gray, Die große Welle, Sète, 1857. Meer und Himmel verbinden sich zu einem eindrucksvollen fotografischen Seestück.
Was darf Kunst zeigen – und wie entsteht ein Foto?
1856 – Nach dem Krimkrieg: Literatur, Seestücke und Studienreisen
Mit dem Pariser Frieden endet im März der Krimkrieg. Fentons Aufnahmen aus dem Vorjahr erhalten damit einen zeitlichen Rahmen: Sie zeigen eine Phase des Konflikts aus der Perspektive eines Reisenden mit Kamera. Dasselbe Ereignis kann in Zeitungen, Gemälden und Fotografien sehr unterschiedlich erscheinen. [23][20]
Zwischen Oktober und Dezember erscheint Gustave Flauberts „Madame Bovary“ als Fortsetzung in der „Revue de Paris“; die Buchausgabe folgt 1857. Der Roman beschreibt das Leben und die Wünsche seiner Hauptfigur, ohne sie nach den Erwartungen an eine vorbildliche Heldin zu formen. Wegen angeblicher Verletzung der öffentlichen Moral muss sich Flaubert 1857 vor Gericht verantworten und wird freigesprochen. Der Streit zeigt, dass Realismus auch in der Literatur eine Frage nach den Grenzen des Darstellbaren ist. [24]
Gustave Le Gray fotografiert an der normannischen Küste „Le Brick“: ein Segelschiff, Meer und ein dramatischer Himmel. Das Bild entsteht mit einem einzigen Glasnegativ. Schon die Wahl von Licht, Ausschnitt und Belichtung zeigt Le Grays gestalterischen Anspruch. Bei späteren Seestücken wird er auch verschiedene Negative für Himmel und Wasser verbinden; „Le Brick“ ist dafür jedoch kein Beispiel. [25]
Edgar Degas reist in diesem Jahr nach Italien. Bis 1859 beschäftigt er sich dort mit älterer Kunst und zeichnet Menschen seiner Umgebung. Seine spätere Hinwendung zu modernen Lebenswelten beginnt nicht mit einem Bruch mit der Kunstgeschichte: Das genaue Studium von Figuren, Räumen und Kompositionen gehört zu ihren Voraussetzungen. [26]
1857 – Arbeit auf dem Feld und die Grenzen der Darstellung
Jean-François Millet zeigt im Salon „Die Ährenleserinnen“. Drei Frauen sammeln nach der Ernte liegen gebliebene Ähren auf. Ihre gebeugten Körper und die wiederholten Bewegungen machen die Mühsal der Arbeit sichtbar; im Hintergrund wächst der Abstand zwischen ihnen und dem Überfluss der Ernte. Millet wählt keine Heldinnen der Geschichte, sondern eine alltägliche Tätigkeit. Gerade darin liegt die Bedeutung des Gemäldes für den Realismus. [27]
Auch Courbet bleibt im offiziellen Salon präsent: 1857 zeigt er unter anderem Jagdbilder und ein Porträt des Schauspielers Louis Gueymard. Sein Pavillon von 1855 war kein endgültiger Abschied vom Salon. Courbet nutzt verschiedene Wege, um ein Publikum für seine Bilder zu erreichen. [2]
In der Literatur erscheint Charles Baudelaires „Die Blumen des Bösen“. Die Gedichte behandeln Schönheit, Begehren und Verfall; noch im selben Jahr werden Baudelaire und seine Verleger verurteilt und sechs Gedichte verboten. Wie Flauberts Prozess zeigt auch dieses Urteil, dass neue Darstellungen des modernen Lebens auf Widerstand stoßen. Malerei, Literatur und Fotografie verhandeln auf unterschiedliche Weise, was vorzeigbar ist. [28]
Le Gray schafft „Die große Welle, Sète“. Anders als bei „Le Brick“ verbindet er für dieses Seestück Aufnahmen von Himmel und Meer aus zwei Negativen. So kann er die hellen Wolken und die Bewegung des Wassers in einem Bild vereinen. Das Ergebnis zeigt einen wirklichen Ort, aber keinen unbearbeiteten Augenblick. Die Fotografie dokumentiert und gestaltet zugleich. [29]
Der Oberste Gerichtshof der USA verweigert in der Dred-Scott-Entscheidung Menschen afrikanischer Herkunft die Anerkennung als US-Bürger und erklärt Beschränkungen der Sklaverei in Bundesgebieten für verfassungswidrig. In Nord- und Zentralindien beginnt ein Aufstand gegen die britische Ostindien-Kompanie. Diese Ereignisse erinnern daran, dass technische und künstlerische Neuerungen in einer Welt entstehen, die zugleich von Sklaverei, Kolonialherrschaft und Widerstand geprägt ist. Der Konflikt in Indien wird bald auch fotografisch dargestellt. [30][31]
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Édouard Manet, Der spanische Sänger, 1860. Das im Atelier inszenierte Gemälde brachte Manet bei seiner Präsentation im Salon von 1861 einen ersten Erfolg.
Neue Blickwinkel und der Übergang zum nächsten Jahrzehnt
1858 – Bilder aus der Luft und von den Folgen eines Aufstands
Nach dem Aufstand in Indien geht die Herrschaft der Ostindien-Kompanie auf die britische Krone über. Der Fotograf Felice Beato reist in diesem Jahr nach Indien und fotografiert Orte der Kämpfe und ihrer Folgen, darunter Lucknow. Seine Bilder entstehen im Umfeld britischer Truppen und richten sich an ein westliches Publikum. Manche Ansichten sind bewusst arrangiert. Auch eindringliche Kriegsfotografien müssen deshalb nach Standort, Auftrag und Bildabsicht befragt werden. [31][17]
Im August werden über das erste transatlantische Telegrafenkabel Nachrichten zwischen Europa und Nordamerika übermittelt. Nach wenigen Wochen fällt die Verbindung aus; erst spätere Kabel schaffen eine dauerhafte Verbindung. Schon dieser kurze Erfolg verändert die Vorstellung davon, wie schnell Nachrichten reisen können. Ein Jahrhundert, das Bilder immer leichter vervielfältigt, verkürzt nun auch die Wege ihrer Begleitinformationen. [32]
Nadar unternimmt bei Petit-Bicêtre in der Nähe von Paris aus einem Fesselballon frühe Luftaufnahmen. Die Fotografien selbst sind nicht erhalten. Sein Versuch eröffnet dennoch eine neue Perspektive: Ein vertrauter Ort kann aus der Höhe als Muster von Wegen und Gebäuden erscheinen. Die Kamera zeigt die Welt nicht nur genauer, sondern auch von Standpunkten, die zuvor kaum erreichbar waren. [33]
An der normannischen Küste begegnet der junge Claude Monet Eugène Boudin. Dieser führt ihn an das Malen im Freien heran. Wetter, Wolken und wechselndes Licht werden zu unmittelbaren Studiengegenständen. In Italien beginnt Degas unterdessen mit Studien für das Familienbild „Die Familie Bellelli“, an dem er über längere Zeit arbeitet. Monets Landschaftserfahrung und Degas’ sorgfältig aufgebautes Porträt weisen in unterschiedliche Richtungen. Die spätere Generation des Impressionismus sucht noch nach eigenen Ausdrucksformen. [34][35]
1859 – Manets Ablehnung und eine Welt im Umbruch
Charles Darwin veröffentlicht „Über die Entstehung der Arten“ und erklärt die Entwicklung der Arten durch natürliche Selektion. Das Buch verändert die wissenschaftliche Diskussion über Natur und Mensch. Es begründet keinen Kunststil; es gehört aber zu einer Zeit, in der vermeintlich feste Ordnungen mit neuen Beobachtungen und Erklärungen konfrontiert werden. [36]
Édouard Manet reicht „Der Absinthtrinker“ beim Pariser Salon ein. Das Bild eines Mannes am Rand der städtischen Gesellschaft wird abgelehnt. Für Manet ist dies eine frühe Erfahrung mit der Macht der Jury, über Sichtbarkeit und Anerkennung zu entscheiden. Seine Malerei entwickelt sich aus dem Studium älterer Meister und aus der Beschäftigung mit Menschen der eigenen Gegenwart. Die späteren Konflikte um seine Bilder beginnen nicht erst mit dem Salon des Refusés von 1863. [37]
Im April beginnen die Arbeiten am Suezkanal. Das Vorhaben verspricht eine neue Verbindung zwischen Mittelmeer und Rotem Meer, beruht aber auch auf harter Arbeit ägyptischer Beschäftigter und macht die ungleichen Machtverhältnisse weltweiter Verkehrsprojekte sichtbar. Im Juni erlebt Henry Dunant die Schlacht von Solferino und hilft Verwundeten. Seine Erfahrungen werden später zur Entstehung des Roten Kreuzes beitragen. Neben den Bildern von Fortschritt prägen also Kriege, menschliches Leid und die Frage nach Verantwortung das Jahrzehnt. [38][39]
1860 – Fotografische Politik und Manets nächster Schritt
Im Februar lässt sich der Präsidentschaftskandidat Abraham Lincoln am Tag seiner Cooper-Union-Rede in Mathew Bradys New Yorker Atelier fotografieren. Das Porträt wird bearbeitet und in verschiedenen Formen verbreitet. Die Fotografie trägt dazu bei, sein Gesicht bekannt zu machen: Politische Öffentlichkeit besteht längst nicht mehr nur aus Reden und gedruckten Worten. Lincoln gewinnt im November die Wahl. Im Dezember erklärt South Carolina seinen Austritt aus der Union; weitere Südstaaten folgen 1861. So endet das Jahrzehnt in den USA mit einer Krise, die in den Bürgerkrieg führen wird. [40][41]
In Paris malt Manet „Der spanische Sänger“. Der Musiker erscheint in einer sorgfältig arrangierten Atelierszene, doch Manets freie Pinselführung verleiht dem Bild eine eigene Gegenwärtigkeit. Das Werk entsteht 1860, wird aber erst 1861 im Salon gezeigt und bringt ihm dort einen frühen Erfolg. Auf die Ablehnung des „Absinthtrinkers“ folgt damit keine einfache Geschichte des permanenten Ausschlusses: Manets Verhältnis zum Salon bleibt widersprüchlich und wird im nächsten Jahrzehnt erneut zum Streitpunkt. [42]
Was sich bis 1860 verändert hat
Der Realismus hat das Spektrum bildwürdiger Themen erweitert: Eine Beerdigung in der Provinz, Frauen bei der Feldarbeit und ein Pferdemarkt können neben historischen Stoffen bestehen. Courbets eigener Pavillon zeigt außerdem, dass Künstler ihre Öffentlichkeit selbst organisieren können. Museen, Weltausstellungen, fotografische Gesellschaften und Werbung im Stadtraum schaffen neue Orte für Bilder.
Die Fotografie ist zum Mittel der Dokumentation, Gestaltung und Verbreitung geworden. Fentons Krimbilder, Le Grays Seestücke, Beatos Ansichten aus Indien, Nadars Luftbildversuch und Bradys Politikerporträt verfolgen sehr unterschiedliche Ziele. Gemeinsam machen sie eine wichtige Frage sichtbar: Welche Entscheidungen stehen hinter einem Bild, das wie ein unmittelbarer Blick auf die Wirklichkeit erscheint?
Um 1860 arbeiten Manet, Degas, Monet und Pissarro noch ohne die spätere gemeinsame Bezeichnung „Impressionisten“. Ihre Wege werden unterschiedlich bleiben. Doch sie treffen auf eine Welt, in der sich Städte, Bildmedien und Ausstellungen verändern. Das kommende Jahrzehnt wird zeigen, wie aus neuen Themen und künstlerischen Entscheidungen offene Auseinandersetzungen über moderne Kunst werden.
Quellen
- [1] Victoria and Albert Museum – The foundation of the V&A’s Collections: the Great Exhibition of 1851
- [2] Metropolitan Museum of Art – Gustave Courbet (1819–1877)
- [3] Fondation Napoléon – Prix 2008
- [4] Bibliothèque nationale de France – Ressources – Saison photographique à la BnF 2023-2024
- [5] Metropolitan Museum of Art – The Rise of Paper Photography in 1850s France
- [6] Fondation Napoléon – Tabatière au portrait de Napoléon III
- [7] Metropolitan Museum of Art – Young Ladies of the Village
- [8] Staatliche Museen zu Berlin – Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci
- [9] Stadt Paris – Haussmann, l’homme qui a transformé Paris
- [10] Metropolitan Museum of Art – Der Pferdemarkt
- [11] Bayerische Staatsgemäldesammlungen – The Museums
- [12] Royal Photographic Society – History
- [13] Musée Fabre – La Rencontre ou Bonjour Monsieur Courbet
- [14] Los Angeles County Museum of Art – André-Adolphe-Eugène Disdéri, Self-Portrait, circa 1860
- [15] Office of the Historian, U.S. Department of State – The United States and the Opening to Japan, 1853
- [16] Metropolitan Museum of Art – Japonisme
- [17] J. Paul Getty Museum – Felice Beato: A Photographer on the Eastern Road
- [18] Bureau International des Expositions – Expo 1855 Paris
- [19] Musée d’Orsay – L’Atelier du peintre
- [20] Library of Congress – About this Collection: Fenton Crimean War Photographs
- [21] Deutsches Historisches Museum – Ernst Litfaß (1816–1874)
- [22] Musée d’Orsay – Camille Pissarro
- [23] National Army Museum – Crimean War
- [24] Bibliothèque nationale de France – Madame Bovary mise à nu par ses critiques
- [25] Musée d’Orsay – Le Brick, dit „Brick au clair de lune“
- [26] Metropolitan Museum of Art – The Old Italian Woman
- [27] Musée d’Orsay – Des glaneuses
- [28] Bibliothèque nationale de France – Les fleurs du mal
- [29] Metropolitan Museum of Art – The Great Wave, Sète
- [30] Library of Congress – Dred Scott v. Sandford: Primary Documents in American History
- [31] National Army Museum – Decisive events of the Indian Rebellion
- [32] Science Museum – Sending messages across the Atlantic
- [33] National Air and Space Museum – Bird’s Eye Viewfinder: 160 Years of Aerial Photography
- [34] Museum Barberini – Eugène Boudin
- [35] Musée d’Orsay – Portrait de famille
- [36] Natural History Museum – Museum highlights: Charles Darwin
- [37] Art Institute of Chicago – The Art Institute of Chicago Museum Studies, Volume 3
- [38] Suez Canal Authority – Canal History
- [39] Internationales Komitee vom Roten Kreuz – Founding and early years of the ICRC (1863–1914)
- [40] Library of Congress – The Run for President
- [41] Library of Congress – Constitution Legacy
- [42] Metropolitan Museum of Art – The Spanish Singer



