Wie eine frühe Fotografie die erste Weltausstellung sichtbar macht

Ein Brunnen steht im Vordergrund, Skulpturen säumen den Raum. Dahinter ragt ein großer Baum in eine Halle aus Eisen und Glas. Die Kamera blickt durch das Querschiff des Crystal Palace, in dem 1851 die erste Weltausstellung stattfand. Das Dach wölbt sich hoch über die ausgestellten Gegenstände; seine Konstruktion zieht sich bis in die Ferne.

Die Aufnahme lässt dich einen historischen Ausstellungsraum sehen. Zugleich stellt sie eine Frage, die für die Fotografie wichtig bleibt: Wie verändert der gewählte Standpunkt unsere Vorstellung von einem Ort? In diesem Bild nimmt die Halle fast die gesamte Aufmerksamkeit ein. Die Größe des Bauwerks wird ebenso zum Thema wie die Dinge, die darin gezeigt wurden.

Das Werk auf einen Blick

  • Titel der Aufnahme: View of Transept, looking North – Blick durch das Querschiff nach Norden
  • Ort und Anlass: Crystal Palace im Londoner Hyde Park während der Weltausstellung von 1851
  • Entstehung: 1851
  • Fotografische Zuschreibung: Claude-Marie Ferrier und Frédéric Martens zugeschrieben; die British Library nennt Claude-Marie Ferrier
  • Technik: Salzpapierabzug
  • Maße der Fotografie: 217 × 161 mm
  • Sammlung: Rijksmuseum, Amsterdam
  • Inventarnummer: RP-F-F25213-AP
  • Überlieferung: als Fotografie bei den Berichten der Ausstellungsjurys

Die Werkdaten folgen dem Eintrag des Rijksmuseums, der auf der Bilddateiseite von Wikimedia Commons wiedergegeben ist. Die British Library führt eine Aufnahme mit demselben Titel im Band der Juryberichte. Die Namen der Fotografen sollten als Zuschreibung erscheinen, da die beiden Sammlungen sie unterschiedlich angeben. [1][2]

Kurz erklärt

Ein Salzpapierabzug ist ein fotografisches Positiv auf lichtempfindlich gemachtem Papier. Die Aufnahme ist deshalb eine Fotografie und keine Zeichnung oder Lithografie. Wie ein Gemälde besitzt aber auch sie einen Bildausschnitt, einen Standpunkt und einen bewusst gewählten Aufbau. [1][4]

Was zeigt die Aufnahme?

Brunnen, Skulpturen und ein Baum

Dein Blick trifft zuerst auf den Brunnen. Skulpturen stehen seitlich davon und leiten weiter in die Halle hinein. In der Tiefe erhebt sich die Krone eines großen Baumes. Die British Library beschreibt ebenfalls Brunnen und Skulpturen im Vordergrund sowie den Baum vor dem fächerförmigen Fenster am Ende des Querschiffs. [2]

Die Gegenstände sind nicht einfach in einem neutralen Lagerraum abgestellt. Sie stehen in einer eigens gestalteten Umgebung, in der Besucherinnen und Besucher Kunst, Gewerbe und technische Leistungen betrachten sollten. Der Baum erinnert daran, dass der Crystal Palace im Hyde Park errichtet wurde. Beim Entwurf des Gebäudes wurde auf vorhandene große Bäume Rücksicht genommen. Ob der auf dieser Fotografie sichtbare Baum zu den in den Bauplänen ausdrücklich berücksichtigten Ulmen gehörte, lässt sich aus der Aufnahme allein nicht bestimmen. [3]

Glas und Eisen über den Ausstellungsstücken

Über dem Baum und den Skulpturen wiederholen sich die Linien der Dachkonstruktion. Stützen und Bögen geben der Halle einen Rhythmus, der den Blick in die Höhe und nach hinten lenkt. Die ausgestellten Dinge bleiben erkennbar, doch die Architektur bestimmt das Bild.

Dieser Eindruck hängt auch mit dem Kamerastandpunkt zusammen. Die Aufnahme blickt leicht erhöht in das Querschiff. Der Brunnen bildet einen Bezugspunkt im Vordergrund, während Baum und Fenster die Tiefe markieren. So werden mehrere Ebenen des Raumes in einer einzigen Ansicht lesbar. [2]

Wie gestaltet die Fotografie den Raum?

Eine Ansicht mit deutlichem Mittelpunkt

Der Brunnen und der Baum liegen annähernd auf der Mittelachse. Links und rechts breiten sich die Ausstellungsbereiche aus; darüber schließt die Dachkonstruktion den Raum zusammen. Diese Anordnung lässt die Halle geordnet und weit erscheinen. Der Blick kann von den Gegenständen im Vordergrund zum Baum und weiter zu den Bauteilen im Hintergrund wandern.

Die Menschen der Weltausstellung stehen in dieser Ansicht nicht im Mittelpunkt. Die Wahl des Ausschnitts lenkt unsere Aufmerksamkeit vor allem auf Architektur und Präsentation. Daraus dürfen wir nicht schließen, die Ausstellung sei ruhig oder leer gewesen. Das Victoria and Albert Museum nennt mehr als sechs Millionen Besucherinnen und Besucher während ihrer Laufzeit. Die Fotografie zeigt einen bestimmten Blick auf diesen Ort, nicht die ganze Erfahrung eines Besuchs. [3]

Helle Flächen und fehlende Farben

Die Aufnahme gibt helle Glasflächen, dunklere Stützen und die Formen der ausgestellten Objekte in Tonwerten wieder. Eine wichtige Eigenschaft des historischen Innenraums bleibt dabei verborgen: Die Konstruktion war farbig gestaltet. Nach Angaben des Victoria and Albert Museum verwendete der Gestalter Owen Jones unter anderem Gelb, Weiß, Blau und Rot an verschiedenen Bauteilen. [3]

Gerade dieser Unterschied hilft bei der Bildinterpretation. Die Fotografie ist ein wertvolles Zeugnis für Aufbau, Blickachsen und die Anordnung sichtbarer Gegenstände. Welche Farben ein Besucher im Jahr 1851 wahrnahm, können wir aus ihr allein nicht ablesen. Das Medium und seine damaligen technischen Möglichkeiten prägen, welche Eigenschaften des Ortes überliefert werden.

Warum entstand der Crystal Palace?

Der nach einem Entwurf von Joseph Paxton errichtete Bau nahm 1851 die Great Exhibition of the Works of Industry of All Nations auf. Im Londoner Hyde Park wurden Erzeugnisse aus Industrie, Handwerk, Wissenschaft und Gestaltung gezeigt. Mehr als 100.000 Objekte und über sechs Millionen Besucherinnen und Besucher machen deutlich, welchen Anspruch die Veranstalter mit dieser ersten Weltausstellung verbanden. [3]

Auch das Gebäude war eine technische Leistung. Vorgefertigte Bauteile, Stützen aus Gusseisen und große Mengen Glas ermöglichten eine weit gespannte, vergleichsweise schnell errichtete Halle. Der Bau war ursprünglich für die Dauer der Ausstellung gedacht. Die sichtbare Konstruktion gehörte deshalb zum Erlebnis: Die Besucher sahen neue Produkte in einem Raum, der selbst neue Möglichkeiten des Bauens vorführte. [3]

Der Titel „aller Nationen“ versprach eine internationale Schau. Das Victoria and Albert Museum dokumentiert zugleich Beiträge aus mehr als dreißig Gebieten des britischen Empire und eine Raumverteilung, die Handelsbeziehungen widerspiegelte. Der fotografierte Innenraum war also Teil einer Ausstellung, die vom internationalen Austausch und von imperialer Macht geprägt war. Diese Beziehungen sind in der Ansicht des Querschiffs kaum zu erkennen; sie gehören zum historischen Kontext der Dinge, die hier präsentiert wurden. [3]

Eine Fotografie für die Erinnerung an die Ausstellung

Das Rijksmuseum bewahrt die Aufnahme als Salzpapierabzug auf Papier. Sie wurde gegenüber Seite 789 eines Bandes mit Berichten über die Weltausstellung eingefügt; auch die British Library verzeichnet die Ansicht innerhalb der Juryberichte. Die Fotografie konnte Leserinnen und Lesern damit einen Eindruck des Gebäudes vermitteln, nachdem der Besuch vor Ort nicht mehr möglich war. [1][2]

Ein Salzpapierabzug entsteht auf Papier, das durch Silbersalze lichtempfindlich gemacht wird. Solche Abzüge gehören zu den frühen Verfahren, mit denen fotografische Bilder auf Papier verbreitet wurden. Die erhaltene Fotografie ist ein konkretes Objekt von 1851; die heute betrachtete JPG-Datei ist wiederum eine digitale Reproduktion dieses Abzugs. Diese Ebenen sollte man bei den Bildangaben auseinanderhalten. [1][4]

Die Aufnahme dokumentiert den Crystal Palace und gestaltet zugleich seine Wahrnehmung. Kamera und Ausschnitt zeigen den Raum als großzügige, geordnete Umgebung für Kunst und Technik. Wie die Glasdächer auf die Menschen wirkten, wie laut es war oder welche Farben sie sahen, kann das einzelne Bild nur begrenzt vermitteln. Andere historische Zeugnisse ergänzen die Fotografie, ohne ihren Wert als unmittelbare Ansicht zu ersetzen.

Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt

1. Beschreibe zuerst, was du siehst

Nenne Brunnen, Skulpturen, Baum, Stützen und Dach. Beschreibe ihre Lage im Bild. Beginne mit diesen sichtbaren Einzelheiten, bevor du die Ausstellung als „Fortschrittsfest“ oder den Raum als „modern“ deutest.

2. Verfolge die Blickrichtung

Suche den Brunnen im Vordergrund und folge der Mitte bis zum Baum und zum Fenster. Achte anschließend auf die wiederholten Linien im Dach. Welche Teile geben dir ein Gefühl für Höhe und Tiefe?

3. Beachte die Art des Bildes

Es handelt sich um eine historische Fotografie als Salzpapierabzug. Vergleiche helle und dunkle Flächen. Frage dich, welche Eigenschaften des Ortes dadurch sichtbar werden und warum seine ursprüngliche Farbgestaltung in dieser Aufnahme fehlt. [1][3]

4. Ergänze den historischen Rahmen

Die Weltausstellung fand 1851 im Hyde Park statt. Paxtons Bau war zugleich Ausstellungsort und Beispiel für das Bauen mit Glas und Eisen. Berücksichtige auch, dass die internationale Schau in britische Handels- und Herrschaftsbeziehungen eingebettet war. [3]

5. Formuliere eine Deutung mit Bildbelegen

Eine mögliche Deutungshypothese lautet: Die Fotografie stellt den Crystal Palace als eindrucksvollen, überschaubar gegliederten Raum für die Weltausstellung dar. Brunnen und Baum führen in die Bildtiefe, während Stützen und Dach die enorme Höhe der Halle betonen. Das ist eine Deutung des gewählten Bildausschnitts; sie behauptet nicht, sämtliche Erfahrungen der Besucherinnen und Besucher zu erfassen.

Merke

Kurz zusammengefasst

  • Die Fotografie zeigt 1851 das Querschiff des Crystal Palace während der ersten Weltausstellung.
  • Brunnen, Skulpturen, Baum und Glas-Eisen-Konstruktion bestimmen die Ansicht.
  • Der leicht erhöhte Standpunkt und die mittige Anordnung vermitteln Größe und Tiefe.
  • Der Salzpapierabzug wurde in einem Band mit Berichten der Ausstellungsjurys überliefert.
  • Die Aufnahme zeigt den Bau in Tonwerten; seine historische Farbgestaltung erschließt sich erst aus weiteren Quellen.
  • Als Zeugnis einer Ausstellung zeigt das Bild einen ausgewählten Blick auf die moderne Welt seiner Zeit.

Kurz gefragt zur Fotografie

Ist „Blick durch das Querschiff“ wirklich eine Fotografie?

Ja. Das Rijksmuseum bezeichnet das Objekt als fotografischen Salzpapierabzug. Die digitale JPG-Datei auf Wikimedia Commons ist eine Reproduktion dieses historischen Abzugs. [1]

Wer hat die Aufnahme gemacht?

Das Rijksmuseum schreibt sie Claude-Marie Ferrier und Frédéric Martens zu. Die British Library führt Ferrier als Fotografen. Da die Angaben voneinander abweichen und die Zuschreibung im Rijksmuseum nicht als gesichert formuliert ist, nennen wir beide Namen mit diesem Vorbehalt. [1][2]

Zeigt das Bild den späteren Crystal Palace in Sydenham?

Nein. Es zeigt den ursprünglichen Bau im Hyde Park zur Weltausstellung von 1851. Dieser wurde nach der Ausstellung abgebaut; ein veränderter Crystal Palace eröffnete 1854 in Sydenham. [2][3]

Quellen

  1. [1] Rijksmuseum / Wikimedia Commons – View of Transept, looking North, RP-F-F25213-AP.
  2. [2] British Library – View of transept, looking north, X.1067, 2(789).
  3. [3] Victoria and Albert Museum – The foundation of the V&A's Collections: the Great Exhibition of 1851.
  4. [4] J. Paul Getty Museum – The Mysteries of Early Photography.

Die Timeline 1851–1860: Realismus, Fotografie und die moderne Welt zeigt, wie Weltausstellungen und neue Bildmedien im selben Jahrzehnt eine größere Öffentlichkeit erreichten. Der Artikel Bildinterpretation: Bilder und Gemälde besser verstehen hilft dir, Beobachtung und Deutung auch bei anderen historischen Bildern zu unterscheiden.

Das Victoria and Albert Museum [3] erläutert Planung, Aufbau und Folgen der Weltausstellung. Der Katalogeintrag der British Library [2] beschreibt die konkrete Fotografie und ihren Platz in den Juryberichten.