Wie das Gemeinschaftsideal der Nazarener in Düsseldorf weiterlebte
Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde wie das Erinnerungsbild einer großen Familie: In einem vornehm eingerichteten Wohnraum stehen und sitzen zehn Menschen dicht beieinander. Einige wenden sich dem kleinen Mädchen in der Mitte zu, andere beobachten einander oder blicken aus dem Bild heraus. Nichts erinnert unmittelbar an das einfache Leben der Nazarener im römischen Kloster Sant’Isidoro.
Gerade deshalb ist Der Schadow-Kreis für die Geschichte der Nazarener so aufschlussreich. Das Bild zeigt nicht ihre ursprüngliche Bruderschaft, sondern eine spätere Form künstlerischer Gemeinschaft. Wilhelm von Schadow hatte zum Nazarenerkreis in Rom gehört. Als Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie versammelte er später eine neue Generation von Künstlern um sich. Aus dem klösterlichen Lebensentwurf wurde ein Netzwerk aus Lehrern, Schülern, Freunden und Familien.
Die wichtigsten Bilddaten
Titel: Der Schadow-Kreis
Alternativer Titel: Die Familie Bendemann und ihre Freunde
Künstler: Gemeinschaftsarbeit von Eduard Bendemann, Theodor Hildebrandt, Julius Hübner, Wilhelm von Schadow und Karl Ferdinand Sohn
Entstehungszeit: 1830/31
Technik: Öl auf Leinwand
Maße: 108 × 157 Zentimeter
Gattung: Gruppen- und Freundschaftsbildnis
Sammlung: Kunstmuseen Krefeld
Schon die Angabe mehrerer Künstler ist ungewöhnlich. Das Gemälde stellt Gemeinschaft nicht nur dar – es ist selbst durch gemeinschaftliche Arbeit entstanden.
Was ist auf dem Gemälde zu sehen?
Das querformatige Bild führt dich in einen bürgerlichen Wohnraum. Sieben Männer, zwei Frauen und ein kleines Mädchen bilden eine eng zusammengerückte Gruppe. Im Zentrum befinden sich Mitglieder der Familie Bendemann: der Bankier Anton Heinrich Bendemann, seine Frau Fanny Eleonore, ihre Tochter Pauline Hübner und deren Tochter Emma. Zu dem Kreis gehören außerdem weitere Familienmitglieder, befreundete Künstler und Wilhelm von Schadow als Lehrer und Mentor.
Das kleine Mädchen Emma zieht besonders viele Blicke auf sich. Mehrere Erwachsene wenden sich ihr zu, sodass sie trotz ihrer geringen Körpergröße zu einem Mittelpunkt des Bildes wird. Die Gemeinschaft erscheint dadurch nicht als förmliche Vereinigung, sondern als persönlich verbundener Kreis verschiedener Generationen.
An der Wand hängt eine Ansicht von Rom mit dem Petersdom und der Engelsburg. Dieses „Bild im Bild“ erinnert an den gemeinsamen Aufenthalt in der Ewigen Stadt. Rom bleibt im Hintergrund gegenwärtig, obwohl die dargestellte Gemeinschaft bereits auf einen neuen Lebens- und Wirkungsort verweist.
Eine Künstlergemeinschaft malt sich selbst
Der Schadow-Kreis stammt nicht aus der Hand eines einzigen Malers. Mehrere Beteiligte arbeiteten an dem Gruppenbild und porträtierten sich gegenseitig. Theodor Hildebrandt, Karl Ferdinand Sohn, Eduard Bendemann, Julius Hübner und Wilhelm von Schadow übernahmen jeweils unterschiedliche Figuren. Schadow malte beispielsweise Julius Hübner, während andere Künstler Schadow und die übrigen Mitglieder des Kreises darstellten.
Diese Arbeitsweise macht das Gemälde zu etwas Besonderem. Die Künstler behaupten ihre Verbundenheit nicht nur durch die dargestellte Szene. Sie verwirklichen sie während des Malens: Jeder trägt einen Teil zum gemeinsamen Werk bei und vertraut zugleich darauf, dass die einzelnen Beiträge am Ende ein geschlossenes Ganzes bilden.
Die Vorarbeiten entstanden im Zusammenhang mit einem Aufenthalt in Rom; begonnen wurde das Gemälde Ende 1830. Seine Vollendung erfolgte vermutlich 1831 in Düsseldorf. Damit verbindet schon seine Entstehungsgeschichte zwei Orte: Rom als gemeinsamen Erinnerungsraum und Düsseldorf als Zentrum einer neuen Künstlergemeinschaft.
Wie ist die Gemeinschaft im Bild aufgebaut?
Die Figuren stehen nicht in einer starren Reihe. Sie überschneiden sich, berühren einander und sind durch Blicke und Gesten miteinander verbunden. Dadurch wirkt die Gruppe geschlossen, ohne streng geordnet zu erscheinen.
Die Bildmitte gehört nicht Wilhelm von Schadow und auch keinem einzelnen Künstler. Dort befindet sich die Familie Bendemann mit dem Kind. Schadow steht am rechten Rand der Gruppe. Er bleibt als Lehrer und geistiger Bezugspunkt erkennbar, beherrscht die Szene aber nicht. Das unterscheidet das Bild von einem offiziellen Akademieporträt, in dem der Direktor gewöhnlich besonders hervorgehoben worden wäre.
Auch die häusliche Umgebung ist bedeutsam. Staffeleien, Pinsel oder repräsentative Akademieräume fehlen. Stattdessen verbindet das Gemälde Kunst mit Freundschaft, Familie und privatem Alltag. Die Künstler präsentieren sich als Teil einer gebildeten bürgerlichen Gesellschaft. Der neue Gemeinschaftsentwurf ist weniger klösterlich als jener der frühen Nazarener, dafür stärker in Familie, Beruf und Institutionen eingebunden.
Vom Lukasbund zur Düsseldorfer Malerschule
Wilhelm von Schadow hatte sich 1813 in Rom dem Kreis der Nazarener angeschlossen. Wie sie suchte er nach einer religiös und moralisch erneuerten Kunst, die sich an der italienischen Frührenaissance und an alten deutschen Meistern orientierte. An den Fresken der Casa Bartholdy arbeitete er gemeinsam mit Johann Friedrich Overbeck, Peter von Cornelius und Philipp Veit.
1819 kehrte Schadow nach Deutschland zurück. Nach einer Tätigkeit an der Berliner Akademie wurde er 1826 Direktor der Kunstakademie Düsseldorf. Dort entwickelte sich um ihn ein enger Schülerkreis, aus dem die Düsseldorfer Malerschule hervorging. Das Zusammenarbeiten, der persönliche Austausch zwischen Lehrer und Schülern sowie ein gemeinsames Verständnis von Kunst erinnerten an Erfahrungen der Nazarener in Rom.
Die Bedingungen hatten sich jedoch verändert. In Sant’Isidoro lebten junge Künstler bewusst abgeschieden und wollten Kunst, Glauben und Alltag miteinander vereinen. In Düsseldorf wurde Gemeinschaft innerhalb einer Akademie, in privaten Ateliers und in bürgerlichen Familien gepflegt. Aus einer kleinen Bruderschaft wurde ein professionelles Netzwerk.
Das Gemälde zeigt deshalb keinen einfachen Bruch mit der Vergangenheit. Es macht eine Veränderung sichtbar: Der gemeinsame Lebensentwurf von Sant’Isidoro war nicht dauerhaft, doch wichtige Vorstellungen der Nazarener wurden weitergegeben und an neue Lebensverhältnisse angepasst.
Familie, Freundschaft und gesellschaftliche Rollen
Die vertraute Atmosphäre darf nicht mit einer zufälligen Alltagsszene verwechselt werden. Das Gruppenbild ist sorgfältig inszeniert. Die räumliche Nähe soll Zusammengehörigkeit sichtbar machen, während Kleidung, Einrichtung und ruhige Haltung den gesellschaftlichen Anspruch des Kreises unterstreichen.
Auffällig ist zugleich die Rollenverteilung. Die Männer werden vor allem als Künstler, Schüler, Lehrer oder gebildete Freunde wahrgenommen. Die Frauen erscheinen als Mitglieder der Familie und bilden zusammen mit dem Kind das emotionale Zentrum. Das Bild erweitert den Künstlerkreis um Familie und Privatleben, übernimmt dabei aber die Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts. Auch diese Beobachtung gehört zu einer kritischen Bildinterpretation: Gemeinschaft wird dargestellt, aber nicht alle Mitglieder besitzen darin dieselbe Aufgabe oder gesellschaftliche Sichtbarkeit.
Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt
1. Beginne mit dem Sichtbaren
Beschreibe zunächst nur, was du erkennen kannst: zehn Menschen in einem Wohnraum, eine zentrale Familiengruppe, mehrere stehende Männer, ein kleines Kind und eine gerahmte Romansicht an der Wand. Vermeide an dieser Stelle bereits Aussagen über Freundschaft, Hierarchie oder die Düsseldorfer Malerschule.
2. Untersuche die Bildordnung
Frage anschließend, wie die Personen miteinander verbunden werden. Achte auf Überschneidungen, Berührungen, Blickrichtungen und die Staffelung der Köpfe. Das Kind bildet einen wichtigen Blickpunkt, während die stehenden Männer die zentrale Gruppe wie einen lockeren Rahmen umgeben. Das breite Querformat bietet genügend Raum für viele Figuren, ohne sie voneinander zu isolieren.
3. Beziehe dein Hintergrundwissen ein
Nun kannst du berücksichtigen, dass mehrere dargestellte Künstler gemeinsam an dem Gemälde arbeiteten und dass Schadow zuvor zum Nazarenerkreis in Rom gehört hatte. Auch die Romansicht an der Wand erhält dadurch eine zusätzliche Bedeutung: Sie ist nicht bloß Raumschmuck, sondern verbindet die Düsseldorfer Gemeinschaft mit gemeinsamen Erfahrungen in Italien.
4. Formuliere eine Deutung
Eine mögliche Deutung
Der Schadow-Kreis präsentiert künstlerisches Schaffen als Ergebnis persönlicher Beziehungen. Familie, Freundschaft, Unterricht und gemeinsames Arbeiten bilden ein Netzwerk, in dem Kunst entstehen und weitergegeben werden kann. Die gemeinschaftliche Ausführung des Gemäldes verstärkt diese Aussage. Zugleich zeigt die bürgerliche Wohnumgebung, wie sich das klosterähnliche Gemeinschaftsideal der Nazarener in eine gesellschaftlich und institutionell eingebundene Form verwandelt hat.
Diese Deutung lässt sich am Bild und an seinem historischen Kontext begründen. Sie behauptet dagegen nicht, das Gemälde zeige eine spontane oder vollständig gleichberechtigte Gemeinschaft. Gruppenporträts entwerfen immer auch ein gewünschtes Selbstbild.
Warum gehört das Bild zu einem Artikel über Sant’Isidoro?
Der Schadow-Kreis entstand rund zwei Jahrzehnte nach dem Einzug der Lukasbrüder in Sant’Isidoro. Er zeigt weder das Kloster noch die dort lebenden Gründungsmitglieder als geschlossene Gruppe. Seine spätere Entstehungszeit ist jedoch gerade der Grund für seine Auswahl.
Das Bild beantwortet die Frage, was aus dem gemeinschaftlichen Ideal wurde, nachdem das Zusammenleben im Kloster endete. Einzelne Künstler gingen eigene Wege, übernahmen öffentliche Aufgaben und bildeten neue Kreise. Schadow brachte Erfahrungen aus Rom in die akademische Ausbildung ein. Gemeinschaft verschwand also nicht – sie nahm eine andere Form an.
Merke
Kurz zusammengefasst
Der Schadow-Kreis ist zugleich Familienbild, Freundschaftsbild und künstlerisches Gemeinschaftswerk. Mehrere Maler schufen das Bild gemeinsam und stellten einen eng verbundenen Kreis um Wilhelm von Schadow und die Familie Bendemann dar. Die häusliche Umgebung unterscheidet sich deutlich vom klösterlichen Leben der frühen Nazarener. Dennoch wirkt deren Ideal des gemeinsamen Lernens und Arbeitens weiter. Das Gemälde zeigt damit nicht das Ende einer Idee, sondern ihre Veränderung.
Kurz gefragt zum Gemälde
Hat Wilhelm von Schadow das Bild allein gemalt?
Nein. Das Gemälde ist eine Gemeinschaftsarbeit von Eduard Bendemann, Theodor Hildebrandt, Julius Hübner, Wilhelm von Schadow und Karl Ferdinand Sohn. Die Künstler porträtierten verschiedene Mitglieder des Kreises und teilweise auch einander.
Zeigt das Bild die Nazarener im Kloster Sant’Isidoro?
Nein. Dargestellt ist ein späterer Familien-, Freundes- und Künstlerkreis um Wilhelm von Schadow. Das Bild hilft aber zu verstehen, wie Vorstellungen der Nazarener in einer neuen Gemeinschaft weiterwirkten.
Warum steht die Familie Bendemann im Mittelpunkt?
Das Gemälde entstand im Umfeld der Familie Bendemann und ihrer Freunde. Familie und private Verbundenheit bilden daher das Zentrum, während die Künstler den Kreis räumlich erweitern. Der alternative Titel Die Familie Bendemann und ihre Freunde beschreibt den Bildinhalt genauer als die später gebräuchliche Bezeichnung Der Schadow-Kreis.
Welche Bedeutung hat die Ansicht von Rom an der Wand?
Sie erinnert an die gemeinsamen Romerfahrungen der Dargestellten. Zugleich verbindet sie den späteren Düsseldorfer Kreis mit jenem Ort, an dem die Nazarener ihr Gemeinschafts- und Kunstideal entwickelt hatten.
Was ist die Düsseldorfer Malerschule?
Damit wird ein weitreichender Künstlerkreis des 19. Jahrhunderts bezeichnet, der sich um die Düsseldorfer Kunstakademie entwickelte. Unter Schadows Leitung wurde die Akademie zu einer bedeutenden Ausbildungsstätte. Viele seiner Schüler verbanden genaue Naturbeobachtung, erzählerische Historienmalerei und romantische oder religiöse Themen.
Erfahre mehr
Wie Wilhelm von Schadow die Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie prägte und warum daraus eine international bekannte Malerschule entstand, erläutert der Kunstpalast. Eine interaktive Darstellung des Gruppenbildes, in der du die einzelnen Personen und die beteiligten Maler genauer zuordnen kannst, bietet die Seite Julius Hübner. Die gemeinfreie Reproduktion mit Angaben zu Technik, Maßen und Sammlung findest du bei Wikimedia Commons.