Ein biblisches Wunder zwischen Freundschaft, Glauben und künstlerischem Aufbruch

Christus steht in der Mitte einer dicht gedrängten Menschengruppe. Zu seinen Füßen richtet sich Lazarus auf, noch immer in seine Grabtücher gehüllt. Doch Johann Friedrich Overbecks Gemälde erzählt nicht nur von einem biblischen Wunder. Am linken Bildrand erscheinen der Künstler und sein Freund Franz Pforr selbst als Zeugen des Geschehens.

Overbeck vollendete das Bild im Juni 1808 während seiner Studienzeit an der Wiener Kunstakademie. Der Lukasbund war damals noch nicht gegründet. Trotzdem sind in dem Gemälde bereits wichtige Gedanken zu erkennen, aus denen die Gemeinschaft ein Jahr später entstehen sollte: religiöse Überzeugung, die Orientierung an älteren Meistern, die Suche nach einer wahrhaftigen Kunst und die Freundschaft zwischen jungen Künstlern.

Das Werk auf einen Blick

KünstlerJohann Friedrich Overbeck
TitelDie Auferweckung des Lazarus
Entstehung1808, vollendet im Juni
TechnikÖl auf Leinwand
Maße41,3 × 53,5 cm
StandortMuseum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck
MotivDie Auferweckung des Lazarus nach dem Johannesevangelium
Kunsthistorischer ZusammenhangWiener Akademiezeit, Vorgeschichte des Lukasbundes und der Nazarener

Kurz erklärt

Das Gemälde zeigt die Auferweckung des Lazarus, die im elften Kapitel des Johannesevangeliums erzählt wird. Lazarus ist bereits seit mehreren Tagen tot, als Christus ihn aus seinem Grab ruft. Overbeck stellt jedoch nicht den dramatischen Augenblick eines plötzlichen Wunders dar. Die Szene wirkt ruhig, geordnet und beinahe feierlich.

Diese zurückhaltende Gestaltung ist bezeichnend. Overbeck wollte keine äußerliche Sensation erzeugen, sondern dem religiösen Geschehen Würde und Glaubwürdigkeit verleihen. Gleichzeitig nahm er sich selbst und Franz Pforr in das Bild auf. Aus der biblischen Erzählung wurde dadurch auch ein persönliches Bekenntnis zu Freundschaft, Glauben und gemeinsamer Kunst.

Was ist auf dem Gemälde zu sehen?

Christus bildet die aufrechte Mitte der Komposition. Er trägt ein rötliches Gewand und einen dunklen blauen Mantel. Ein heller Nimbus hebt seinen Kopf deutlich von der Landschaft im Hintergrund ab. Seine Hände weisen in unterschiedliche Richtungen und verbinden die Menschen zu beiden Seiten miteinander.

Vor Christus liegt Lazarus auf dem Boden. Teile seines Körpers sind noch von weißen Grabtüchern bedeckt. Er hebt den Oberkörper an und blickt zu Christus empor. Seine Bewegung wirkt langsam und tastend. Overbeck zeigt ihn nicht als bereits vollständig wiederhergestellten Menschen, sondern im Übergang zwischen Tod und neuem Leben.

Um die beiden Hauptfiguren versammeln sich zahlreiche Zeugen. Einige knien, andere beugen sich vor oder reagieren mit erhobenen Händen. Die unterschiedlichen Gesten zeigen Staunen, Glauben, Nachdenklichkeit und Ergriffenheit. Rechts wenden sich mehrere Frauen dem Auferweckten zu. Unter ihnen befinden sich Maria und Martha, die Schwestern des Lazarus.

Am äußersten linken Bildrand stehen zwei junge Männer mit porträthaften Gesichtszügen. Es handelt sich um Johann Friedrich Overbeck und Franz Pforr. Ihre Anwesenheit durchbricht die historische Entfernung der biblischen Erzählung: Die beiden jungen Künstler erscheinen, als hätten sie das Wunder selbst miterlebt.

Wie lenkt Overbeck den Blick?

Die aufrechte Gestalt Christi bildet die zentrale Achse des Bildes. Von ihr führen Blicke, Hände und Körperbewegungen zu Lazarus und weiter zu den umstehenden Personen. Die Gesten funktionieren beinahe wie sichtbare Verbindungslinien.

Obwohl viele Figuren dargestellt sind, wirkt die Komposition nicht ungeordnet. Die Personen bilden eine breite, nahezu friesartige Gruppe. Die räumliche Tiefe tritt gegenüber den klaren Umrissen und der übersichtlichen Figurenordnung zurück.

Auch die Landschaft unterstützt die Wirkung. Links öffnet sich der Blick in eine ruhige, helle Ferne. Rechts schließen Felsen und Grabstätte den Bildraum ab. Daraus lässt sich ein Gegensatz zwischen Öffnung und Begrenzung, Leben und Tod entwickeln – auch wenn diese Bedeutung nicht zwingend festgelegt ist.

Die Farben sind deutlich voneinander abgegrenzt. Rot, Blau, Grün, Braun und Weiß verleihen den Figuren individuelle Akzente, ohne die ruhige Gesamtwirkung aufzulösen. Besonders der dunkle Mantel Christi hebt die zentrale Gestalt aus der umstehenden Gruppe heraus.

Ein religiöses Bild wird zum Freundschaftsbild

Overbeck malte das Bild während seiner Wiener Akademiezeit im freundschaftlichen Wettstreit mit Franz Pforr. Beide beschäftigten sich außerhalb des regulären Unterrichts mit eigenen Kompositionsaufgaben. Sie wollten nicht nur technische Fertigkeiten erwerben, sondern herausfinden, welche Aufgaben Kunst erfüllen sollte.

Indem Overbeck sich und Pforr unter die Zeugen des Wunders aufnahm, verlieh er ihrer Freundschaft eine religiöse Bedeutung. Die beiden betrachten die biblische Geschichte nicht aus sicherer zeitlicher Entfernung. Sie bezeugen ihre Wahrheit innerhalb des Bildes.

Auch die eng miteinander verbundenen Frauen auf der rechten Seite besitzen eine weiterführende Bedeutung. Nach Angaben des Museums nehmen sie bereits die späteren weiblichen Idealfiguren vorweg, die bei Overbeck und Pforr als Sulamith und Maria erscheinen sollten.

Overbeck maß dem Gemälde große persönliche Bedeutung bei. In einem Brief an seine Eltern bezeichnete er es als seinen „Erstgeborenen“. Das Museum Behnhaus Drägerhaus sieht in dem Bild seinen künstlerischen Durchbruch zum religiösen Maler.

Alte Vorbilder für eine neue Kunst

Overbeck orientierte sich deutlich an Raffael und an der älteren italienischen Malerei. Er übernahm jedoch kein einzelnes Werk. Ihn interessierten vor allem die klare Figurenordnung, die ruhige Erzählweise und die Verbindung von Schönheit und religiöser Aussage.

Damit wandte sich Overbeck nicht grundsätzlich gegen alles, was er an der Akademie gelernt hatte. Seine sorgfältige Zeichnung, die übersichtliche Komposition und die genau aufeinander abgestimmten Gesten zeigen eine gründliche akademische Ausbildung. Er verwendete diese Fähigkeiten jedoch für ein anderes Kunstverständnis.

Aus seiner Sicht sollte Kunst nicht nur formale Regeln beherrschen oder antike Vorbilder wiederholen. Sie sollte aus innerer Überzeugung entstehen und eine geistige Aufgabe erfüllen. Das Bild verbindet deshalb akademisches Können mit dem Wunsch nach einer religiösen und moralischen Erneuerung der Kunst.

Vom privaten Experiment zum Lukasbund

Als Overbeck das Gemälde 1808 malte, bestand der Lukasbund noch nicht. Erst 1809 schlossen sich Overbeck, Pforr und weitere junge Künstler zu einer festen Gemeinschaft zusammen. Sie entwickelten ein romantisches Kunstprogramm, das sich gegen die vorherrschende klassizistische Auffassung an der Wiener Akademie richtete.

Die Auferweckung des Lazarus zeigt somit einen wichtigen Übergang. Die neuen Ideen waren zunächst in Freundschaften, Gesprächen und gemeinsam gestellten Aufgaben entstanden. Aus dieser privaten Zusammenarbeit entwickelte sich später eine organisierte Künstlergemeinschaft.

1810 verließen Overbeck, Pforr und zwei weitere Lukasbrüder Wien und gingen nach Rom. Aus dem kleinen Freundeskreis wurde eine Künstlergruppe, die später als Nazarener bekannt wurde. Überbecks Wiener Gemälde macht sichtbar, dass dieser Aufbruch nicht erst mit der Reise begann. Seine künstlerischen Grundlagen waren bereits zuvor gelegt worden. Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Warum gehört das Werk zum Weg in die Moderne?

Auf den ersten Blick erscheint das Gemälde rückwärtsgewandt. Overbeck orientierte sich an Raffael, an religiösen Bildthemen und an der Kunst früherer Jahrhunderte. Trotzdem gehört das Werk zur Vorgeschichte der modernen Kunst.

Modern ist hier nicht in erster Linie die Malweise. Entscheidend ist das veränderte Selbstverständnis des Künstlers. Overbeck und seine Freunde wollten selbst bestimmen, welchen Vorbildern sie folgten, welche Themen sie behandelten und welche Bedeutung Kunst für sie besitzen sollte.

Sie gründeten eine eigene Gemeinschaft, formulierten gemeinsame Werte und stellten der etablierten Ausbildung ein alternatives Kunstverständnis gegenüber. Diese bewusste Selbstorganisation begegnet später bei vielen Künstlergruppen und Sezessionen erneut.

Das Gemälde verdeutlicht daher einen wichtigen Widerspruch: Der Weg in die Moderne konnte auch über die bewusste Rückkehr zu älteren Vorbildern führen. Entscheidend war, dass Künstler Tradition nun auswählten, deuteten und gegen die Erwartungen ihrer Gegenwart einsetzten.

Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt

So kannst du das Gemälde interpretieren

Beginne mit der sichtbaren Handlung: Christus steht im Zentrum, Lazarus erhebt sich aus seinen Grabtüchern und zahlreiche Personen reagieren auf das Wunder.

Untersuche anschließend die Gestaltung. Achte auf die zentrale Stellung Christi, die ruhige Figurenordnung sowie die Blicke und Gesten, durch die alle Personen miteinander verbunden werden.

Beziehe danach den historischen Hintergrund ein. Das Gemälde entstand während Overbecks Wiener Akademiezeit, aber außerhalb einer gewöhnlichen Unterrichtsaufgabe. Es gehört zu seiner gemeinsamen Suche mit Franz Pforr nach einer neuen religiösen Kunst.

Erst im letzten Schritt solltest du eine weiterführende Deutung formulieren. Die Auferweckung des Lazarus kann beispielsweise als Sinnbild einer erhofften Erneuerung verstanden werden: So wie Lazarus zu neuem Leben erwacht, sollte nach Overbecks Vorstellung auch die Kunst innerlich und geistig erneuert werden. Das ist eine mögliche Interpretation – keine eindeutig belegte Aussage des Künstlers.

Beispiel für eine kurze Deutung

Overbeck zeigt die Auferweckung des Lazarus nicht als dramatisches Spektakel, sondern als ruhiges und glaubwürdiges Geschehen. Die klare Figurenordnung und die Orientierung an Raffael verleihen der Szene religiöse Würde. Durch die Bildnisse von Overbeck und Pforr wird das Gemälde zugleich zu einem Bekenntnis ihrer Freundschaft und ihres gemeinsamen Wunsches nach einer Erneuerung der Kunst.

Merke

Kurz zusammengefasst

  • Das Gemälde entstand 1808 während Overbecks Wiener Akademiezeit.
  • Es zeigt die Auferweckung des Lazarus nach dem Johannesevangelium.
  • Christus bildet die ruhige und aufrechte Mitte der Komposition.
  • Overbeck und Franz Pforr erscheinen am linken Bildrand als Zeugen.
  • Das Werk verbindet religiöse Malerei mit einem persönlichen Freundschaftsbekenntnis.
  • Es entstand ein Jahr vor der Gründung des Lukasbundes und macht dessen künstlerische Vorgeschichte sichtbar.
  • Seine Bedeutung für die Moderne liegt vor allem im selbstbestimmten Kunstverständnis der jungen Künstler.

Häufige Fragen zum Gemälde

Wer war Lazarus?

Lazarus von Bethanien ist eine Gestalt aus dem Johannesevangelium. Er ist der Bruder von Maria und Martha. Nachdem er gestorben und bestattet worden ist, ruft Christus ihn aus seinem Grab zurück ins Leben.

Wo befinden sich Overbeck und Pforr im Bild?

Die beiden jungen Männer stehen am äußersten linken Bildrand. Durch ihre porträthaften Züge und ihre Kleidung unterscheiden sie sich von den übrigen Figuren. Overbeck macht sich und seinen Freund damit zu Zeugen des biblischen Wunders.

Ist das Gemälde bereits ein Werk der Nazarener?

Es ist ein frühes Vorläuferwerk. Das Gemälde entstand 1808, während der Lukasbund erst 1809 gegründet wurde. Viele spätere Merkmale der Nazarener sind jedoch bereits erkennbar: religiöse Themen, ältere italienische Vorbilder, klare Umrisse und der Wunsch nach einer geistigen Erneuerung der Kunst.

Warum orientierte sich Overbeck an Raffael?

Overbeck bewunderte an Raffaels Kunst die klare Komposition, die ausgewogenen Figuren und die würdevolle Darstellung religiöser Themen. Diese Eigenschaften erschienen ihm als Gegenmodell zu einer Kunst, die lediglich erlernte Formeln wiederholte.

Warum ist die Freundschaft mit Franz Pforr so wichtig?

Die Gespräche und gemeinsamen Übungen von Overbeck und Pforr bildeten den Ausgangspunkt für einen größeren Künstlerkreis. Ihre Freundschaft wurde damit zu einer Grundlage des späteren Lukasbundes.

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Museum Behnhaus Drägerhaus

Die digitale Sammlung bietet ausführliche Werkdaten und zusätzliche Informationen zur Entstehung, zu den Selbstbildnissen und zu Overbecks künstlerischem Durchbruch.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Der Künstler-Eintrag erklärt Overbecks Rolle bei der Gründung des Lukasbundes und ordnet die Gemeinschaft in die Geschichte der romantischen Kunst ein.

Städel Museum

Die digitale Sammlung bietet einen Überblick über die Gründung des Lukasbundes sowie über die Künstler, die mit der Gemeinschaft verbunden waren.