Ein gebautes Manifest: Wie künstlerische Freiheit ein eigenes Haus erhält

Ein weißer Baukörper, eine weithin sichtbare goldene Kuppel und über dem Eingang ein selbstbewusster Leitsatz: Das Gebäude der Wiener Secession wirkt nicht wie eine zurückhaltende Hülle für Kunst. Es tritt selbst als künstlerische Aussage auf.

Joseph Maria Olbrich entwarf das Ausstellungshaus 1897/98 für eine Vereinigung, die sich gerade erst vom etablierten Wiener Künstlerhaus abgespalten hatte. Die Künstler der Secession wollten nicht länger allein von den Ausstellungsbedingungen und Entscheidungen einer älteren Institution abhängig sein. Deshalb gründeten sie nicht nur eine neue Gemeinschaft. Sie schufen auch einen eigenen Ort, an dem sie Kunst auswählen, inszenieren und öffentlich zur Diskussion stellen konnten.

Das Gebäude verkörpert damit einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Moderne: Künstlerische Freiheit wird nicht nur in neuen Bildern und Formen sichtbar. Sie benötigt Räume, Geld, Organisation und Öffentlichkeit. Aus einer Abspaltung entsteht eine neue Institution – und aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit ein Bauwerk, das diesen Anspruch bis heute weithin sichtbar macht.

Das Bauwerk auf einen Blick

  • Architekt: Joseph Maria Olbrich (1867–1908)
  • Bezeichnung: Gebäude der Wiener Secession, auch Secessionsgebäude
  • Entwurf und Bauzeit: 1897/98
  • Grundsteinlegung: 28. April 1898
  • Fertigstellung: 29. Oktober 1898
  • Auftraggeberin: Vereinigung bildender Künstler Österreichs Wiener Secession
  • Bauaufgabe: unabhängiges Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst
  • Ort: Friedrichstraße 12, Wien
  • Stil: Wiener Jugendstil beziehungsweise Secessionsstil
  • Grundfläche: rund 1.000 Quadratmeter
  • Besonderes Merkmal: vergoldete Lorbeerkuppel über dem Eingangsbereich

Bereits bei der Gründungsversammlung der Wiener Secession gehörte ein eigenes Ausstellungshaus zu den programmatischen Zielen. Olbrich entwickelte den Bau in einer etwa zehnmonatigen Planungsphase; nach der Grundsteinlegung wurde er innerhalb von nur sechs Monaten fertiggestellt. Wiener Secession

Die hier verwendete Fotografie entstand 2012. Sie zeigt also nicht den unveränderten Zustand von 1898, sondern das Ergebnis einer langen Baugeschichte mit Umbauten, Kriegsschäden und mehreren Restaurierungen. Der Werkartikel behandelt das Gebäude selbst; die moderne Aufnahme dient dir als Ausgangspunkt, um seine Fassade, seine Zeichen und seine öffentliche Wirkung zu untersuchen.

Kurz erklärt

Eine Sezession ist in der Kunstgeschichte die bewusste Abspaltung von einer bestehenden Vereinigung oder Institution. Die Mitglieder der Wiener Secession verließen 1897 das konservativ ausgerichtete Künstlerhaus und gründeten eine eigene Organisation. Ihr neues Gebäude machte diese institutionelle Unabhängigkeit sichtbar und praktisch nutzbar.

Eine Fassade erklärt ein Programm

Ein Bau zwischen Tempel und Ausstellungshalle

Auf der Fotografie erscheint das Gebäude nahezu frontal. Die weiße Fassade ist deutlich symmetrisch aufgebaut. Ein breiter Mittelteil mit dem Haupteingang wird von niedrigeren, weitgehend geschlossenen Seitenbereichen eingefasst. Darüber erhebt sich die goldene Kuppel. Sie macht den ansonsten eher gedrungenen Bau schon aus größerer Entfernung erkennbar.

Der Mittelteil erinnert mit seinen klaren Flächen und dem hervorgehobenen Eingang entfernt an einen Tempel. Doch Olbrich übernimmt keine historische Tempelfassade. Es fehlen klassische Säulenreihen, ein antiker Dreiecksgiebel und der übliche akademische Reichtum an Figuren. Stattdessen setzt er auf vereinfachte geometrische Körper, glatte Wandflächen und gezielt platzierte Ornamente.

Dadurch entsteht ein ungewöhnlicher Eindruck. Das Gebäude wirkt feierlich, aber nicht traditionsgebunden; geschlossen, aber nicht schwer; streng geordnet und zugleich von einer beinahe schwebenden Pflanzenkrone bekrönt. Gerade diese Verbindung macht es zu einem Schlüsselwerk des Wiener Jugendstils.

„Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“

Über dem Eingang steht der berühmte Wahlspruch: „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“ Bereits seine Position ist bedeutsam. Wer das Gebäude betritt, passiert nicht nur eine Tür, sondern ein öffentlich formuliertes Programm.

Der erste Satzteil fordert eine Kunst, die ihrer eigenen Gegenwart entspricht. Kunst soll nicht ausschließlich historische Vorbilder wiederholen oder sich an überlieferten akademischen Regeln orientieren. Jede Zeit soll Ausdrucksformen entwickeln können, die auf ihre eigenen Erfahrungen, Fragen und Veränderungen reagieren.

Der zweite Teil verlangt Freiheit für diese Kunst. Gemeint ist keine völlige Unabhängigkeit von jeder Bedingung. Auch die Secession benötigte Geld, Räume, Auswahlentscheidungen und organisatorische Regeln. Der Satz richtet sich vielmehr gegen die Vorstellung, eine etablierte Institution dürfe dauerhaft festlegen, welche Kunst öffentlich gezeigt und als wertvoll anerkannt wird.

Das Motto verwandelt die Fassade in eine Art Titelseite. Es erklärt, wofür das Haus stehen möchte, bevor im Inneren auch nur ein einziges Werk betrachtet wurde.

Die goldene Kuppel als weithin sichtbares Zeichen

Das auffälligste Element ist die vergoldete Kuppel. Sie besteht nicht aus einer geschlossenen Schale, sondern aus einer schmiedeeisernen Konstruktion, die mit etwa 2.500 Lorbeerblättern und 311 Beeren besetzt ist. Ihr Durchmesser beträgt 8,5 Meter. Je nach Licht wirkt sie kompakt oder beinahe durchsichtig. Wiener Secession

Lorbeer ist seit der Antike mit Ruhm, Sieg und Auszeichnung verbunden. Olbrich setzt jedoch keinen einzelnen Lorbeerkranz auf die Fassade. Er vergrößert das Motiv zu einer ganzen Krone über dem Gebäude. Das Haus der neuen Vereinigung verleiht sich damit gewissermaßen selbst ein Zeichen künstlerischer Würde.

Zugleich passt das Blattwerk zum Interesse des Jugendstils an organischen Formen. Die Kuppel verbindet Naturmotiv und moderne Konstruktion, Schmuck und Architektur. Sie bildet einen bewegten Gegenpol zu den glatten weißen Flächen darunter.

Gorgonen, Eulen und ein „heiliger Frühling“

Auch weitere Fassadendetails tragen Bedeutung. Drei Gorgonenhäupter am Eingangsbereich stehen für Architektur, Bildhauerei und Malerei. Eulen an den Seiten verweisen ebenso wie die Gorgonen auf Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, des Sieges und der handwerklichen Künste. Die Eulen wurden nach Entwürfen Kolo Mosers gestaltet. Wiener Secession

An der Fassade erscheint außerdem der Ausdruck Ver Sacrum – „Heiliger Frühling“. So hieß die Zeitschrift der Wiener Secession. Das Bild des Frühlings steht für Erneuerung, Wachstum und Aufbruch. Architektur, Symbolik und Publikation gehören damit zu demselben öffentlichen Programm.

Die Secession lehnt traditionelle Sinnbilder also nicht grundsätzlich ab. Sie verwendet antike Figuren, Lorbeer und beinahe sakrale Vorstellungen, ordnet sie jedoch neu. Die Zeichen dienen nicht mehr der Verherrlichung eines Herrschers oder einer staatlichen Akademie. Sie erklären eine selbst organisierte Künstlervereinigung zum Ort der kulturellen Erneuerung.

Zwischen strenger Geometrie und lebendigem Ornament

Die großen Formen geben Halt

Der Grund- und Aufriss des Gebäudes beruht auf einer vergleichsweise einfachen Geometrie. Quadratische Formen werden zu mehreren kreuzförmigen Ordnungen verbunden. Von außen erscheinen die weitgehend geschlossenen Wände wie massive, ineinandergeschobene Kuben. Wiener Secession

Diese großen, ruhigen Flächen geben dem Bau Klarheit. Das Auge kann zuerst Eingang, Mittelachse, Seitenblöcke und Kuppel erfassen. Die Ornamente überziehen nicht gleichmäßig das gesamte Gebäude, sondern konzentrieren sich an ausgewählten Stellen. Dadurch bleiben sie lesbar und gewinnen an Wirkung.

Für deine Betrachtung ist dieser Gegensatz besonders hilfreich: Ohne die strenge Geometrie könnte der Pflanzenschmuck unruhig wirken. Ohne die organischen Formen könnten die weißen Körper starr erscheinen. Olbrich lässt beide Gestaltungsmittel aufeinander reagieren.

Repräsentation vorn, Funktion dahinter

Olbrich teilte das Gebäude in zwei unterschiedliche Bereiche. Der vordere Teil mit Eingang, Pylonen, Inschriften und Kuppel übernimmt die repräsentative Aufgabe. Er gibt der Vereinigung ein öffentliches Gesicht. Dahinter liegt der funktionale Ausstellungstrakt.

Dieser Unterschied ist auf einer Außenaufnahme nur teilweise erkennbar, für das Verständnis des Baus aber entscheidend. Die auffällige Front soll Aufmerksamkeit wecken und den institutionellen Anspruch verkünden. Die Räume dahinter müssen dagegen Kunst unter wechselnden Bedingungen aufnehmen können.

Der ursprüngliche Ausstellungstrakt war in ein erhöhtes Mittelschiff, niedrigere Seitenschiffe und ein Querschiff gegliedert. Große Glasdächer sorgten für möglichst gleichmäßiges Licht. Das Gebäude sollte also nicht nur schön aussehen. Es war als praktisches Werkzeug für Ausstellungen geplant. Wiener Secession

Architektur bestimmt, wie Kunst erscheint

Ein Ausstellungsraum ist niemals vollkommen neutral. Größe, Licht, Wandflächen, Wege und Blickachsen beeinflussen, wie Besucher Kunst wahrnehmen. Ein eigenes Haus gab den Secessionisten deshalb mehr als eine Adresse. Es eröffnete ihnen die Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Werk, Raum und Publikum selbst zu gestalten.

Besonders deutlich wurde das 1902 in der XIV. Ausstellung, die Ludwig van Beethoven gewidmet war. Unter der Leitung Josef Hoffmanns arbeiteten 21 Künstler an einer gemeinsamen Inszenierung aus Architektur, Malerei, Skulptur und Musik. Gustav Klimts Beethovenfries gehörte zu diesem Gesamtkunstwerk. Die Ausstellung zeigt, welches Potenzial ein selbst kontrollierter Raum besaß: Nicht nur einzelne Werke, sondern die gesamte Erfahrung des Publikums konnte gestaltet werden. Wiener Secession

Das Gebäude ist daher zugleich Kunstwerk, Ausstellungsinstrument und öffentliches Zeichen. Seine Bedeutung liegt nicht allein in seiner Form, sondern ebenso in den Handlungen, die es ermöglicht.

Ein eigenes Haus für eine neue Kunstöffentlichkeit

Die Abspaltung von 1897

Die Wiener Secession wurde 1897 von einer Gruppe um Gustav Klimt gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten unter anderem Kolo Moser, Carl Moll, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich. Sie spalteten sich vom Wiener Künstlerhaus ab, das den etablierten Kunstbetrieb und dessen Ausstellungsmöglichkeiten prägte. Gustav Klimt wurde der erste Präsident der neuen Vereinigung. Wiener Secession

Die Mitglieder verband kein einziger, vollständig einheitlicher Stil. Entscheidend war zunächst ihr Wunsch nach größerer Freiheit bei der Auswahl und Präsentation zeitgenössischer Kunst. Sie wollten internationale Entwicklungen zeigen und neue Positionen nicht von den Maßstäben einer konservativen Ausstellungsorganisation abhängig machen.

Damit veränderten sie nicht nur die Kunst, sondern ihre Infrastruktur. Ein Bild kann neuartig gemalt sein und dennoch unsichtbar bleiben, wenn es keinen Ausstellungsort findet. Die Wiener Secession reagierte deshalb auf eine institutionelle Frage: Wie kann neue Kunst eine eigene Öffentlichkeit erreichen?

Planung, Finanzierung und ein umstrittener Standort

Ursprünglich sollte das Haus auf einem Grundstück an der Ringstraße entstehen. Olbrichs Entwürfe stießen im Wiener Gemeinderat jedoch auf Widerstand. Erst nach der Verlegung an die Friedrichstraße wurde der Bau bewilligt – zunächst lediglich als provisorischer Ausstellungspavillon für höchstens zehn Jahre.

Auch die Finanzierung zeigt, dass künstlerische Unabhängigkeit materielle Voraussetzungen besitzt. Einen Teil der Mittel stellten Förderer bereit, besonders der Industrielle Karl Wittgenstein. Weitere Einnahmen stammten aus der ersten Ausstellung der Vereinigung; die Stadt Wien überließ den Baugrund. Wiener Secession

Das vermeintlich freie Künstlerhaus entstand somit durch ein Zusammenspiel aus Eigeninitiative, Ausstellungserfolg, privater Förderung und kommunaler Unterstützung. Unabhängigkeit bedeutete nicht, ohne Gesellschaft auszukommen. Sie bedeutete, neue Beziehungen und Finanzierungsmöglichkeiten aufzubauen.

Ein Gebäude, das Widerspruch auslöste

Die ungewöhnliche Architektur erregte von Beginn an große Aufmerksamkeit. Zeitgenössische Kritiker verglichen das Haus spöttisch mit einem Mausoleum, einem Krematorium, einem Glashaus oder einem „Tempel der anarchischen Kunstbewegung“. Auch die Kuppel erhielt abwertende Spitznamen. Wiener Secession

Solche Reaktionen verraten, wie stark das Gebäude von damaligen Erwartungen abwich. Die Kritik richtete sich nicht nur gegen einzelne Ornamente. Viele Betrachter waren offenbar unsicher, welcher Gebäudetyp vor ihnen stand. War es ein Tempel, ein Zweckbau, ein Denkmal oder eine Ausstellungshalle?

Gerade diese schwer auflösbare Mischung gehört zu seiner Modernität. Olbrich kopierte kein vertrautes historisches Modell, sondern entwickelte eine eigenständige Form für eine neue Institution. Dass der Bau zunächst befremdete, zeigt, wie eng Sehgewohnheiten und gesellschaftliche Ordnung miteinander verbunden sein können.

Freiheit – aber für wen?

Der Leitsatz an der Fassade formuliert einen weitreichenden Anspruch. Die tatsächliche Organisation verwirklichte diese Freiheit jedoch nicht für alle Menschen gleichermaßen. Künstlerinnen waren zwar vereinzelt an frühen Ausstellungen beteiligt, durften der Vereinigung aber erst ab 1949 als Mitglieder beitreten. Wiener Secession

Dieser Widerspruch sollte bei einer heutigen Betrachtung nicht ausgeblendet werden. Eine Gruppe kann gegenüber älteren Institutionen fortschrittlich auftreten und zugleich gesellschaftliche Ausschlüsse übernehmen. Neue Freiräume sind nicht automatisch für alle gleich zugänglich.

Das schmälert nicht die Bedeutung des Gebäudes. Es schärft vielmehr die Frage, die sein Motto bis heute stellt: Wer kann die Kunst seiner Zeit hervorbringen, wer entscheidet über ihre Sichtbarkeit, und wessen Freiheit wird institutionell geschützt?

Warum das Gebäude zum Weg in die Moderne gehört

Künstler gestalten die Bedingungen ihrer Öffentlichkeit

Das Secessionsgebäude macht einen Wandel sichtbar, der über den Jugendstil hinausreicht. Künstlerinnen und Künstler begannen, nicht nur Werke zu schaffen, sondern auch die Bedingungen ihrer Präsentation aktiv zu verändern. Sie gründeten Vereinigungen, gaben Zeitschriften heraus, organisierten Ausstellungen und errichteten eigene Räume.

Damit verschob sich ein Teil der Entscheidungsmacht. Die Mitglieder mussten nicht mehr ausschließlich darauf warten, von einer bestehenden Jury zugelassen zu werden. In ihrem eigenen Haus konnten sie Programme entwickeln, internationale Gäste einladen und Kunst in selbst gewählten Zusammenhängen zeigen.

Der Aufbruch erhält eine dauerhafte Form

Eine einzelne Protesthandlung kann schnell vorübergehen. Ein Gebäude macht den Aufbruch dauerhaft sichtbar. Es bietet einen wiederkehrenden Ort, eine erkennbare Adresse und eine räumliche Grundlage für weitere Ausstellungen.

Olbrich übersetzte die Ziele der Vereinigung in Architektur: Die Inschrift formuliert Freiheit, der Lorbeer beansprucht kulturelle Bedeutung, Ver Sacrum kündigt Erneuerung an, und die flexiblen Ausstellungsräume ermöglichen wechselnde Programme. Der Bau erklärt nicht nur eine Idee. Er hilft dabei, sie praktisch umzusetzen.

Aus der Rebellion wird eine neue Institution

Gerade darin liegt ein zentraler Widerspruch der Moderne. Die Secession löste sich von einer Institution, um freier handeln zu können. Dafür musste sie selbst eine Institution werden. Sie brauchte Mitglieder, Finanzierung, Räume, ein Ausstellungsprogramm und Entscheidungen darüber, welche Kunst gezeigt wurde.

Die alte Macht verschwand also nicht einfach. Sie wurde auf mehrere Einrichtungen verteilt. Das eröffnete neue Chancen und erzeugte zugleich neue Grenzen. Das Gebäude steht deshalb sowohl für Befreiung als auch für Institutionalisierung.

Diese doppelte Bedeutung macht es für den Hauptartikel besonders wertvoll. Es zeigt anschaulich, dass moderne Kunst nicht allein aus genialen Einfällen einzelner Personen entstand. Sie benötigte Gemeinschaften und eine selbst geschaffene Infrastruktur.

Das sichtbare Bauwerk besitzt eine eigene Geschichte

Die Fotografie von 2012 zeigt einen Bau, der seit 1898 mehrfach verändert wurde. Bereits 1901 wurde die Eingangshalle umgestaltet. 1908 entfernte man Teile des Dekors und auch den Wahlspruch. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus durch Bomben beschädigt und beim Rückzug der deutschen Wehrmacht in Brand gesetzt.

Spätere Renovierungen rekonstruierten verlorene Elemente und passten das Haus an neue Anforderungen an. 1963 wurde der ursprüngliche Dekor wiederhergestellt; 1984/85 folgte eine umfassende Renovierung, 2017/18 eine weitere Sanierung und technische Modernisierung. Die Kuppel wurde dabei neu vergoldet. Wiener Secession

Was heute wie ein geschlossenes historisches Werk erscheint, ist daher auch das Ergebnis späterer Entscheidungen. Erhaltung bedeutet nicht, die Zeit anzuhalten. Jede Restaurierung bestimmt mit, welche frühere Gestalt sichtbar bleiben oder erneut hergestellt werden soll.

Praktische Bildinterpretation Schritt für Schritt

Wie kannst du das Gebäude erschließen?

1. Trenne Fotografie und Bauwerk

Beginne mit einer einfachen Unterscheidung: Du siehst nicht das Gebäude selbst, sondern eine Fotografie des Gebäudes. Standort, Ausschnitt, Tageslicht und Perspektive beeinflussen deinen Eindruck. Die frontale Ansicht betont Symmetrie und Fassade, verrät aber nur wenig über die Ausstellungssäle im Inneren.

Notiere deshalb zuerst, was die Aufnahme tatsächlich zeigt – und welche Aussagen zusätzliches Wissen über Grundriss, Funktion oder Geschichte voraussetzen.

2. Erfasse zunächst die großen Formen

Reduziere die Fassade gedanklich auf einfache Körper. Wo erkennst du Rechtecke, Quadrate, senkrechte Pfeiler und die kugelähnliche Kuppel? Bestimme die Mittelachse und prüfe, wie die Seitenbereiche den Eingang rahmen.

So erkennst du die Grundordnung, bevor dich die vielen dekorativen Einzelheiten ablenken. Diese Methode eignet sich ebenso für Gemälde: Beginne mit den großen Flächen und Bewegungsrichtungen, bevor du Details deutest.

3. Vergleiche Geometrie und Pflanzenform

Stelle die glatten, weißen Kuben der goldenen Blattkuppel gegenüber. Welche Eigenschaften verbindest du mit beiden Bereichen? Die Architektur kann etwa ruhig, fest und geordnet wirken; das Blattwerk lebendig, kostbar und beweglich.

Frage anschließend, ob sich diese Gegensätze bekämpfen oder ergänzen. Eine mögliche Beobachtung lautet: Die strenge Form gibt dem Aufbruch Halt, während das organische Ornament Wachstum und Erneuerung verkörpert.

4. Lies die Fassade wie einen Text

Suche die Inschrift, Ver Sacrum, Lorbeer, Gorgonen und Eulen. Ordne jedem Zeichen zunächst seine überlieferte Bedeutung zu. Prüfe danach, welche Aufgabe es im Zusammenhang der Künstlervereinigung übernimmt.

Wichtig ist, nicht bei einem Symbollexikon stehen zu bleiben. Lorbeer bedeutet nicht abstrakt und immer dasselbe. An diesem Gebäude trägt er dazu bei, einer jungen, umstrittenen Vereinigung Würde und Sichtbarkeit zu verleihen.

5. Verbinde Gestaltung und Nutzung

Überlege, weshalb der Eingangsbereich repräsentativ gestaltet ist, während die Ausstellungsräume vor allem flexibel und gut belichtet sein müssen. Damit wechselst du von der reinen Formbeschreibung zur Funktionsanalyse.

Frage dich anschließend: Wie unterstützt die Architektur das Ziel der Secession? Die Fassade erzeugt Aufmerksamkeit und erklärt ein Programm; das Innere ermöglicht die selbst organisierte Präsentation neuer Kunst.

6. Prüfe den Freiheitsanspruch kritisch

Beziehe das Motto auf die Geschichte der Vereinigung. Welche Freiheit gewann die Gruppe durch das eigene Haus? Welche neuen Regeln musste sie entwickeln? Und wer blieb zunächst von einer gleichberechtigten Mitgliedschaft ausgeschlossen?

Eine gute Interpretation muss den Wahlspruch weder als leeres Versprechen abwerten noch unkritisch übernehmen. Sie kann zeigen, dass historische Aufbrüche zugleich wirkliche Veränderungen und erkennbare Begrenzungen enthalten.

Eine mögliche Deutungshypothese

Du könntest deine Beobachtungen in folgender Aussage bündeln:

Joseph Maria Olbrich gestaltet das Gebäude der Wiener Secession als öffentliches Manifest einer neuen Kunstinstitution. Die strenge Geometrie verleiht der Vereinigung Beständigkeit, während Lorbeerkuppel, Pflanzenschmuck und Inschriften Erneuerung und künstlerische Freiheit verkünden. Das Haus macht jedoch zugleich sichtbar, dass Unabhängigkeit Organisation, Finanzierung und neue Auswahlentscheidungen erfordert.

Diese Deutung verbindet Form, Symbolik, Funktion und historischen Kontext. Sie erklärt das Gebäude weder nur als dekoratives Jugendstilobjekt noch lediglich als praktische Ausstellungshalle. Seine besondere Bedeutung entsteht aus dem Zusammenspiel beider Seiten.

Merke

Kurz zusammengefasst

  • Joseph Maria Olbrich errichtete das Gebäude 1897/98 für die neu gegründete Wiener Secession.
  • Das eigene Haus gab der Künstlervereinigung größere Kontrolle über Ausstellungen und öffentliche Sichtbarkeit.
  • Die Fassade verbindet klare geometrische Baukörper mit ausgewähltem Jugendstilornament.
  • Die goldene Kuppel besteht aus vergoldeten Lorbeerblättern und macht das Gebäude weithin erkennbar.
  • Der Wahlspruch „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“ formuliert das Programm der Vereinigung.
  • Symbole wie Lorbeer, Gorgonen, Eulen und Ver Sacrum verknüpfen Ruhm, Künste und Erneuerung.
  • Repräsentative Fassade und funktionale Ausstellungssäle erfüllen unterschiedliche, einander ergänzende Aufgaben.
  • Das Haus steht für den modernen Versuch, künstlerische Öffentlichkeit selbst zu organisieren.
  • Die Secession schuf neue Freiheiten, aber auch eigene Regeln und Ausschlüsse.
  • Die heutige Ansicht ist das Ergebnis einer wechselvollen Bau- und Restaurierungsgeschichte.

Häufige Fragen zum Gebäude der Wiener Secession

Was bedeutet „Wiener Secession“?

Der Name bezeichnet sowohl die 1897 gegründete Künstlervereinigung als auch ihr Ausstellungshaus. „Secession“ bedeutet Abspaltung: Die Gründungsmitglieder trennten sich vom Wiener Künstlerhaus, um zeitgenössische Kunst unabhängiger präsentieren zu können.

Wer entwarf das Secessionsgebäude?

Der österreichische Architekt Joseph Maria Olbrich entwarf den Bau. Er war damals noch keine 30 Jahre alt, arbeitete im Atelier Otto Wagners und gehörte selbst zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung.

Wann wurde das Gebäude errichtet?

Die Planung begann 1897. Der Grundstein wurde am 28. April 1898 gelegt, bereits am 29. Oktober 1898 war das Gebäude fertiggestellt.

Was bedeutet die goldene Kuppel?

Die Kuppel besteht aus vergoldeten Lorbeerblättern und Beeren. Lorbeer steht traditionell für Ruhm und Sieg. Am Secessionsgebäude wird er zugleich zum Zeichen einer neuen Künstlergemeinschaft, die selbstbewusst kulturelle Bedeutung beansprucht.

Was bedeutet der Satz „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“?

Der Wahlspruch fordert, dass jede Epoche eigene künstlerische Ausdrucksformen entwickeln darf. Zugleich verlangt er Freiheit gegenüber starren Vorgaben und institutioneller Bevormundung. Er bedeutet jedoch nicht, dass Kunst ohne wirtschaftliche, gesellschaftliche oder organisatorische Bedingungen entsteht.

Ist das Gebäude auf der Fotografie noch im Originalzustand?

Nein. Der Bau wurde mehrfach umgestaltet, im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später restauriert. Die Fotografie zeigt seine heutige, historisch rekonstruierte und modernisierte Gestalt – nicht einen unberührten Zustand des Jahres 1898.

War die Wiener Secession für alle Kunstschaffenden gleichermaßen offen?

Nein. Künstlerinnen konnten zwar an einzelnen frühen Ausstellungen teilnehmen, wurden aber erst ab 1949 als Mitglieder aufgenommen. Der Freiheitsanspruch der Vereinigung war daher bedeutsam, blieb historisch jedoch begrenzt.

Wird das Haus noch als Ausstellungsgebäude genutzt?

Ja. Die Secession dient weiterhin der Präsentation zeitgenössischer Kunst. Gerade diese fortdauernde Nutzung unterscheidet sie von einem historischen Bau, der ausschließlich als Denkmal betrachtet wird. Wiener Secession

Der Hauptartikel „Künstlergemeinschaften und Sezessionen: Gemeinsam Freiräume schaffen“ erklärt, warum sich Kunstschaffende zusammenschlossen, welche Ressourcen sie teilten und wie aus der Abspaltung von älteren Einrichtungen neue Ausstellungsinstitutionen hervorgingen. Olbrichs Gebäude macht diesen Prozess in architektonischer Form sichtbar.

Der Artikel „Salon, Skandal und eigene Ausstellungen: Wie neue Kunst sichtbar wird“ vertieft, weshalb Ausstellungsmöglichkeiten für die Durchsetzung neuer Kunst entscheidend waren. Das Wiener Secessionsgebäude führt diesen Gedanken weiter: Statt nur eine einzelne Gegenausstellung zu organisieren, schuf die Vereinigung einen dauerhaft nutzbaren Ort.

Auf der Seite Wiener Secession – Gebäude findest du Grundrisse, historische Aufnahmen sowie ausführliche Angaben zur Planung, Symbolsprache und Restaurierung des Hauses.

Die Seite Wiener Secession – Künstler*innenvereinigung stellt die Geschichte und heutige Arbeit der Vereinigung vor. Sie informiert außerdem darüber, wann Künstlerinnen erstmals als Mitglieder aufgenommen wurden.

Unter Wiener Secession – Beethovenfries erfährst du, wie Gustav Klimts Wandzyklus 1902 in eine gemeinsame Ausstellung aus Architektur, Malerei, Skulptur und Musik eingebunden war.

In der Rubrik Bildinterpretation – Bilder und Gemälde besser verstehen findest du weitere Hilfen zur Beschreibung, Formanalyse, Symboldeutung und Entwicklung einer begründeten Deutungshypothese. Die gleichen Schritte lassen sich mit kleinen Anpassungen auch auf Architektur anwenden.

Der Themenbereich Der Weg in die Moderne verfolgt, wie sich Künstlerrollen, Institutionen, Medien und Lebenswelten veränderten und damit neue Voraussetzungen für moderne Kunst entstanden.